Ausgabe 
1.3.1935
 
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Ganze stärker zu machen.

es

war

Daraus bo, bas

Das Abenteuer.

Von Frtebrich Bischoff.

Schwierigkeiten in macht uns stärker. Menschen ist bazu

boch? Sicherlich begann es mit mancherlei ziellos w :~t herrlich zerwühltem Kissen,

Ja, ba saß man nun. Der bosnische Zauberer stanb gelbhäutig mit Papagei unb Zauberkasten in ber Nähe, feilschte unb pries. Sicherlich hatte er seine heidnische Hand im Spiele gehabt. Fort war das letzte Geld und verloren, ein litaneiendes Jammern durchkräuselte die staub­geschwängerte Luft:Der wahre Jakob" beteuerte die Güte seiner Waren neben der knallenden Schießbude. Die Leute lachten, die Uhr schlug sechs, und es dunkelte schon ein wenig in den fröhlichen Septembertag hinein. Ach, da war noch das Kasperletheater, die Limonadenfrau, das Panop­tikum, die letzten Azteken und die amerikanische Luftschaukel! Alles Dinge, die man noch nicht probiert hatte. Nie wurde man fertig, immer verboten sich die wundersamsten Schmaus- und Schauräusche von selbst. In jedem Jahre mußte man von neuem beginnen, und erreichte nichts, nur, weil dieser rotjackige Zauberer mit seiner verruchten Blendwerklade immer wie der warnende Wächter der Fabel vor dem letzten erlösenden Abenteuer stand.

Groß und riesig, den Fez weit aus der Stirn geschoben, schritt er in den Traum der Nacht. Hatte man der Mutter nicht schon beim Abend­brot davon erzählt, fiebernd, mit glänzenden Augen, umschwirrt von dem glitzernden Kreisel der erregenden, weltwirren Erlebnisse? Unter Kissen vergraben, hörte man ihn jetzt kommen, die Traube der Luftballone als magische Flamme um das Haupt geschwungen, einen wilden Wander­gefährten aus Tausendundeiner Nacht. Das Glücksrad kreischte, der Kakadu pfiff, derstarke .Mann" blies Feuer, und, bevor man noch Grund zu Schrei und Erwachen fand, fühlte man sich schon am Hemden­bund gepackt und lächelte nach einigen, seufzenden Atemzügen erstaunt, erlöst von glückselig in einen zauberblauen Kindertraumhimmel bet Winnetou und Dudelsackmann, Schießbude, Limonadenfrau und Kas­perlezelt.

seine heisere gebrochene Stimme lud krächzend ein den vor seinem vor- gestreckten Leibe angebrachten Kasten, mit Messern, Pfeifen, Perl- scknüren, Spiegeln und geheimnisvollen Kramereien angefullt zu betrachten, die ein grüngeschwänzter Kakadu mit spöttischem Pfiff vor aufdringlichem Zugriff behütete. Mit Sicherheit war anzunehmen, daß dieser Gelbhäutige, Lodernde ruchloses Geheimnis in seiner Lade ver­barg, Fortunati Wunschhlltlein etwa oder Knüppel aus dem Sack, wenn nicht gar das Zauberkräutlein, Zwerg Nase zu werden. Furchtsam Mich man herbei und hatte schon schrill, für sein Leben lang den spöttischen Pfiff des Kakadus in den Ohren, weil die Hand vorwitzig nach einem rosig auszublasenden Schwein gegriffen hatte, ehe bescheiden der Wunsch geäußert worden war, ein solches zu erstehen.

Nein, man hatte genug, dies war nicht geheuer. Drüben schnob grimmig der Bär vor den Bauernburschen, die ihn mit Knallerbsen bewarfen, lüpfte der Affe das Käppi, schoß grinsend mit einem Gewehr, präsentierte mit Säbel und Bandelier, alles aus einiger Entfernung gut zu betrachten, wenn nur nicht im Rücken das schluchzend schlingernde Gestampf der Bänkelsängerorgel gewesen wäre, diese wimmernde Musik geschwänzter Alpe und Dämonen, von denen man an dunklen Abenden in den Hinterhöfen genug auszustehen hatte, wenn es galt, als Winne­tou vor den schleichenden Sioux zu bestehen. Drehte man sich nur ein wenig um, sah man von den aus Stangen gehängten, schwappenden Bildrollen gemaltes Blut aus vielerlei Wunden in Menge fließen, Rinaldo entführte die Gräfin auf feurigem Pferde und die vergiftete Jungfrau hob bleich aus dem Silbersarg die Rächerhand. Furcht, oho, Furcht war nicht vorhanden, beileibe nicht, aber man hatte ja das alles, SYUöftrtöfnönfftrto frhnn nipf npftnftnn[Ipr und eindrma-

lieber in sich selbst erlebt, als es vonnöten gewesen wäre, es gerade letzt vor geschwätzigem Bilde wie eine unleidliche Schulaufgabe wiederholen zu müssen in dieser wundersamen Stunde, da es Datteln, Maiszucker und Feigen zu verkosten gab, das Karussell mit Löwe, Pferd und Elefant melodeiend um seine glitzernde Mitte jchwang, und derstarke Mann vor dem Athletenzelt sich anheischig machte, mir nichts, dir nichts em Hufeisen zu zerbeißen. Wie er da stand im rosa Trikot, gewaltig, em Bild der Vollkommenheit auf festgerundeten Säulenbeinen, mit schwel­lend verschränkten Armen, den Schnurrbart kühn in die Luft gezwirbelt.

Ach, schon hatte man erspäht, indes die Schaulustigen zum Haupt­eingang hineinströmten, daß ein Besuch billiger und lohnender sein würde, wenn man an der Seite ein wenig die Leinwand hob" und auf dem Bauche schleichend in das Zeltinnere hineinkroch. Wundervoll, alles ging nach Wunsch. An der letzten Stuhlreihe vor dem breiten Rücken' eines behäbigen Landmannes hob man sich spähend auf den Zehen. Die Vorstellung hatte schon begonnen. Ein Geruch von gestampfter Gerber­lohe, Schweiß und Leder waberte um die trübe brennenden Spiritus­flammen. Der Leiermann intonierte denEinzug der Gladiatoren", und schon war ein Mann in wallendem roten Mantel und mit einer Zaubermütze düster dabei, langsam eine Kanne Petroleum auszutrinken, und das gefährliche Oel im Atemstoß zu fressendem Feuer auslodern zu lassen. Kreischend schwankten die Bauernfrauen und ihre steifen Röcke krachten. Aber durch nichts irre gemacht, fand es der Düstere eben so nötig, sich einen Degen ellenlang in den Rachen zu stoßen, während ein Schlangenmensch pfeifend sich zusammenwand und als Froschhüpfer und grinsende Unke vor den fassungslosen Anwesenden seine Künste zeigte. Mit letzter Hingabe war man bei der Sache. Die Aufregung sog den Speichel in den Mundwinkeln zusammen, und man konnte nicht umhin, einige Male kunstgerecht über die Beine der nächsten Zuschauer zu spucken. Plötzlich aber, ohne daß man sein Kommen gehört hätte, stand, von harzigem Branntweinduft umwittert, derstarke Mann" angstein- flößend da und fragte mit züngelndem Blick nach der Eintrittskarte. Himmel, wo war sie doch? In der Mütze? Nein. Hinter dem linken Ohr? Auch nicht. Ja, also wo konnte sie dann fein? Die Knie knickten vor Schreck, der gelockerte Pflock am Zeltrand verriet ja alles und man war schon draußen Unbändig fühlte man sich am Hosenbund gepackt und er- | lebte einen nicht "gerade sanften Hinfall in einen Abhubhaufen zwischen I Apfelsinenschalen, Konservenbüchsen, Stroh und fettigem Papier.

jetzt, ja jetzt, zwölf zu schlagen begann.

Wahrlich, man hatte genug. Auf und davon. Höchste Zeit war es, daß man hinaus kam, immerhin leider mit einem Diktat in der Bücher­tasche. das mit Ungenügend nicht gerade verheißungsvoll für den Jahr­markt bewertet war. Unter solchen Umständen stieg sich die Treppe zur elterlichen Wohnung nicht gut hinauf, jede zweite oder dritte Stufe konnte, wenn man zitternd zählte, und heftig daran glaubte, die unab­änderliche Ohrfeige bedeuten. Jedoch alle Kümmernis schwand vor dem geruhigen Gesicht des Vaters beim Mittagstisch, der heute kein Auf­hebens mit einem jämmerlichen Diktat machte, und die Frage nach der Schule völlig außer acht ließ, dem Anblick und Gefchmacke seiner Lieb- ftngsspelse lächelnd und zufrieden hingegeben.

Wußte man eigentlich, wie man vor der großen auseinandergefalteten Leitung des Vaters vorüber gekommen war, das von der Mutter heim­lich gewährte Geldstück in der Faust geschlossen tief in der Tasche, die Stufen springend hinab auf die Straße hinaus, wenn man endlich winzig verloren und ratlos benommen auf dem von Fahnen, Gelärm und Getümmel riesig überrauschten Platze stand? Jedenfalls konnten die gerösteten Kastanien, die von einem rotblusigen, trillernden Italiener feilgehalten wurden, der Stärkung des Selbstvertrauens nicht übel tun. Knallend sprang ihre ölige Schale, heiß und noch dampfend wurde die süße, mehlige Mandel in den Mund gesteckt, und mit aufgeblasenen Backen und zärtlich die Frucht umschmeichelnder Zunge überließ man sich dem zauberhaften Gefühle, etwas verrucht Kostbares, Afrikanisches zu genießen. Unaufhörlich knarrte das Glücksrad. Aladins Wunder- lampe war zu gewinnen: ein Feuerzeug, gleichzeitig Schnupftabaksdose, Spiegel und Taschenlampe. Gerüche von ranzigem Fett, Anis und Zimt quollen abenteuerlich aus der Kuchenbude, und ehe man sich ver­sah, kam er heran, der gewaltige Zauberer, gelbhäutig und glühend, den wilden vergilbten Fez aus der Stirn geschoben, die kurze bosnische Jacke von Münzen klirrend. Süß, unnahbar und begehrenswert schwankte die blaurotgrüne Traube der Luftballons über seinem Haupte, und

schwofendem Geträum offenen Auges in herrlich zerwühltem Kissen, und die Mutter war wohl schon einige Male groß und undeutlich vor dem Kerzenschein in der Tür gestanden mit der Mahnung, endlich und endgültig das flackernde Licht zu verlöschen. Vielleicht wurde es dann auch getan, mit zögerndem Atemhauch u"d spielerischem Niederdru en i ^^'^1^ WÄgespenstige' schon viel gestaltvoller und eindring

des ein wenig chmutzigen Daumens in die Flamme wobei es offenbar | oteies urm 'nnnten aeweien wäre, es gerade jetzl

wurde, daß man immerhin einigen guten Schmerz schon imstande se> zu ertragen, obwohl der Marterpfahl doch noch verteufelt anders tun müsse als dieser kleine, feurige Flammenstich in die Haut, der sofort zu beseitigen war, wenn man es endlich wünschte, Schwarze und Nacht um das geliebte Bett zu haben. Endlos lange war man dann wohl noch um den Stearinbelag bemüht, der den Nagel umronnen hatte, und em angenehm ipannendes Gefühl im Finger verursachte, so daß man es immmer wieder geraten sand, in der Masse herumzugrabem kleine, fettige Kügelchen daraus zu formen, um eine, wenn auch noch so ge­ringe Beschäftigung entgegen dem Schlaf zu haben, der ungestalt und rauschend aus dem wallenden Dunkel emporwuchs, ein vielverzwelgter Baum, an dem man höher und höher kletterte, bis man sich ängftliä und mit einem letzten Seufzen vorläufig selbst entschwand.

Ach, der Morgen war hernach Über alle Maßen. Mit einer leisen ftebernden Erregung im Blute, daß heute Außerordentliches zu geschehen hätte, war das Erwachen verbunden, unb das Waschen tat in solchem Augenblicke nicht gut, und ein einmaliges, geräuschvolles Ausdrücken des Schwammes genügte vorderhand. Denn da war ja auch noch der Morgenkaffee und das Frühstücksbrot, deren Genuß heute zum wohligen Erlebnis werden mußte in dem jchaudervollen Gedanken, schon in einer Stunde sich in eine Schulbank bücken zu müssen, während vor dem Katheder ein großbärtiges Lehrergesicht aus und nieder schwanken würde, ohne zu begreifen, daß heute und vor allen Schreibsachen Jahrmarkt war. Dick und ungelenk krümmten sich die Buchstaben aus der Feder, ein Tintenklex wurde unvermeidlich, und die biblische Geschichte von dem ausgefundenen Kindlein im Nil konnte keine Berwunderung erregen, da doch gestern schon die Pfähle für das Athletenzelt eingepflockt worden waren und der in sonderbar verschnürten Bastschuhen einhergehende Dudelsackmann mit einem Bären und einem Affen, der stolz sein rotes Käppi lüpfte, in die kleine Stadt Einzug gehalten hatte. Gottlob, daß die Stunden, ohne besonderes Aufmerken zu verlangen, gingen, wohin sie zu gehen hatten, wenn Jahrmarkt war, nämlich mit Grammatik, Gesang und dem leidigen Rechnen zum Fenster hinaus in die blaue Luft zu den Wolken, in den Bauch der Schuluhr wieder hinein und hinab, die endlich

Mt letn will die manVolk" nennt. Hier wird sich einigen müssen die aeniale Süherheü der Erkenntnis des Deutschen des Notwendigen des jeweiligen und die Unbeirrbarkeit des Entschlusses und der Tat dieses Entschlusses Dann ist die unbedingte Gefolgschaft da, und sie A bereit, bis an die lebten Grenzen mitzugehen, wie Preußen im Siebeniahrigen Kriege Gs «n den Rand der tödlichen Niederlage ging um den größten ht« hrthin erfochtenen Sieg zu gewinnen. Dieser Führer steht an der b ennenden Grenze des Schicksals, zugleich klar und düster beglänzt von den Strahlen des Sieges und dem Brand der Vernichtung. Denn die Stnnfsfunft als die größte und schwerste aller Künste verlangt den größ­ten Menschen, und deshalb werden ihm die größten ^-hmtormfetten tr ben Weg geworfen werden. Was uns nicht umwirft, - kommt es an. Das Vorbild eines führenden

Derav. iwortlich: Oc. Hans Thyriot. Druck unb Der lag: Drühl'sche Universitäts-Buch» unb Steinbruckeret. 2L Lange, Gießen.