Ausgabe 
5.1.1934
 
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wirkt in gleicher Weise, wie in der Literatur, die Begeisterung für den groben Friedrich erhebend, die in den Herzen der Frau ihr Echo findet. Da heißt es etwa:

Wenn alles zergehet.

Wenn alles zerfällt, So bleibet noch Friedrich Der Große, der Held.

Vive le grand Frederic."

Neben Hagedorn, Uz und Wieland treten Klopstock und Lessing als Spender von Stammbuchversen hervor; seit 1790 etwa beginnt die Flut der Schiller-Zitate, zunächst aus dem Don Carlos". Goethe, der an Stammbuchversen stets eine ge­wisse Freude hatte, schreibt der Mutter am 80. September 1765, als er nach Leipzig zieht, einen pietistisch frommen Spruch ins Album. Später finden wir die Großen des Weimarer Kreises mit Ein­tragungen in so manchen Stammbüchern vereint: Goethe zeichnet sich mit immer neuen Strophen ein, die einen ganz sinnig an­mutenden Bezirk seiner Gedichte bilden. Sv schrieb der Großpapa seinen lieben Wölfchen" 1826 ins Stammbuch:

Eile Freunden dies zu reichen

Bitte sie um eilig Zeichen

Eilig Zeichen, daß sie lieben!

Lieben, das ist schnell geschrieben, Feder aber darf nicht weilen Liebe will vorüberctlen."

Und noch wenige Tage vor seinem Tode, am 7. März 1832, dichtet er die Stammbuchverse:

Fromme Wünsche, Freundeswort, Waltet in dem Büchlein fort."

Die Stammbücher aus der Zeit des Befreiungskrieges zeigen die gewaltige Umwandlung, die im Geiste des deutschen Volkes und vor allem der Jugend sich vollzogen hatte. Statt kecken Ge­tändels, liederlichen Humors und frivoler Galanterie herrschen nun die großen patriotischen Ideale der Freiheitskämpfer und der Burschenschaft, Schulmensprüche werden zu ernsten Gelübden um­geformt; Gott, Vaterland, Freiheit, Ehre sind die Devisen. Doch die Sitte des Stammbuches geht in der ersten Hälfte des 19. Jahr­hunderts unaufhaltsam ihrem Verfall entgegen. Statt des festen Buches erscheinen lose Blätter, die in einem Futteral aufbewahrt werden. Wie in der Werther-Zeit die Silhouette, wird nun die Photographie und das Photographic-Album ein gefährlicher Ri­vale. Der Brauch, den einst Fürsten und Ritter begründeten, Ge­lehrte und Künstler ausbildeten, Studenten und junge Damen fortsetzten, lebt fast nur noch bei den Kindern fort. Aber er ver­diente es wohl, eine fröhliche Urständ zu erleben!

Gesang der Geister über den Wassern.

Von I. W. von Goethe.

Des Menschen Seele Gleicht dem Waffer;

Vom Himmel kommt es, Zum Himmel steigt es, Und wieder nieder Zur Erde muß es. Ewig wechselnd.

Strömt von der hohen Steilen Felswand Der reine Strahl, Dann stäubt er lieblich In Wolkenwellen Zum glatten

Und leicht empfangen, Wallt er verschleiernd, Leisrauschend, Zur Tiefe nieder.

Ragen Klippen

Dem Sturz entgegen, Schäumt er unmutig Stufenweise

Zum Abgrund.

Im flachen Bette

Schleicht er das Wiesental hin, Und in dem glatten See Weiden ihr Antlitz

Alle Gestirne.

Wind ist die Welle

Lieblicher Buhler;

Wind mischt vom Grunde aus Schäumende Wogen.

Seele des Menschen, Wie gleichst dn dem Wasier! Schicksal des Menschen Wie gleichst du dem Wind!

Oer G^ernenboum.

Roman von Friedrich Schnack.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Schräg über das magere Gräserfell weideten die Ziegen. Weitz und schwarz zeichneten sich ihre gehörnten Gestalten vom Firma­ment ab. Ihre geduldigen Bewegungen schienen sie auswärts in die Bläue zu führen, der Meise nach und Juppis eigenen Bil­dern und Gesichten ... '

Er nahm feine Mundharmonika aus der Tasche und begann zaghaft zu zirpen. Sein kleines Sptelwerk klang ihm orgelhaft, die hochtönenden Zungen erhoben ihre Stimmen. So zwitscherten Wolkenvögel oder Engel. Juppi schloß die Augen und gab sich dem Versuch hin. Seine Weise schwebte im Nadelhaus der Fichte und senkte sich wieder herab, als läute sie von Ast zu Ast, von Sprosse zu Sprosse der Vogelleiter.

Der Schatten des Baumes schrieb seinen Nachmittagsbogen über den Hang, die Ziegen standen, Grasbüschel schmausend, vor dem luftblauen Tor. Auf den granitenen Felsenstühlen rastete die Einsamkeit und hielt Zwiesprache mit den weiten Wäldern.

Tief im Tal, wo die Landstraßen hinzogen, nach Klingenbrunn, Spiegleau und Ningolay zu den Bächen, Wiesen und Ringel­nattern, knatterten laute Motorräder durch die Dörfer und Waldfetzen, und die Näder der Bauernfuhrwerke rollten bergein. Hinunterlauschend in die Gründe und hinaufblickend zu den Ziegen, zwischen Tiefe und Höhe seine zage Melodie stümpernd, fühlte sich Juppi kummerlos.

Ach, wenn doch immer ein solcher Sonntag wäre!

Baumsreunde.

Das war für lange Juppis letzter schöner Sonntag.

Dem blauen Mai folgte ein grauer Juni: m Regen ertrank der große Wald zwischen den Ländern. Aus Böhmen fegten naffe Winde herüber, und von Oesterreich schnoben die langen Schläuche der Wolken mißmutig und finster. Die über den Fichtenmeeren felsenalt horstenden Bergkuppen hatten sich in dicke Nebel ver­mummt und ließen keinen hellen Sonnengedanken über den Klüften aufkeimen. Voll Wasser sogen sich die Hochmoore. Ueber alle Wände und Stufen stürzten die losgelaffenen Geröllbäche.

Regenfäden, Regenschleier troffen von der Mittagsfichte auf dem Oedhang. Durchpeitscht und durchschwemmt war ihr grüner Harz- und Vogelturm. Sie hatte Nebelfahnen gehißt. Wolkenrauch wohnte in ihren Aststuben, wilde Güsse hatten ihre Frühlings­lichter angespten. Juppi mußte ihr fern bleiben. Kam er Sonn­tags vom Kirchgang, war er durchweicht.

Es regnete.

Uebelgelaunt sah der Einödbauer hinaus auf seinen Hof, der langsam bergab zu schwimmen drohte. In braunen Strömen floß die Ackererde fort.

Juppi mußte die Getreideputzmaschine reinigen. Aus ihrem Bauch fegte er Haufen von Staub und Spelzen, Abfall des letz­ten Sommers. Mit Oel und Lappen griff er den Rost an. Doch der hatte sich tief in den Stahl.eingefressen und wich nicht.

Für Flunk gab es keinen Rost, der nicht wegznputzen war.

Juppi rieb und ölte. Vergeblich.

Der Knecht hatte eine wilde Regenstimmung und lieb sie an Juppi aus. Aber die verrosteten Eisenteile wurden dadurch nicht blank. Flunk fuhr in der Scheuer herum wie eine tolle Geiß. Noch schöner, wenn der Rost nicht wegzureiben wäre!

Er solle es ihm nur einmal vormachen, meinte Juppi.

Der Knecht, krumm vor Zorn, ging aus der Scheuer und riegelte die Tür ab. Es war gerade Essenszeit. Wer nicht arbeite, brauche auch nicht zu essen, schalt er und entfernte sich. Juppi wagte nicht, gegen die Tür zu pochen. Er legte den Kovf auf die Puhmaschine und vergoß ein paar karge Tränen in die Oel- fchmiere ans dem Triebrad. Auch sie bisfen die Rostflecke nicht aus 6en®tinnen in der Stube vermißte ihn niemand. Jedenfalls wurde nicht nach ihm gerufen.

Wen batte er zum Freund? Den Hunger und die Einsamkeit.

Ratlos, mit langen Blicken schaute er durch die Vacksteinlücke der Mauer. Hinter dem Regenvorhang nebelte der Wald. Ver­schwommen standen die Bäume, ein Chor dunkler Gestalten. Am Rand der Wiese ragten sie aus, die Wipfel hatten sich unter dem Winddruck geneigt, geaen Juppi. x .,

Ach, ihr Bäume! Wär er doch ein Eichhörnchen unter ihren Aesten. Oder eine kleine Wildtaube im Schutz des Laubes und der Nadeln. Das Käuzchen beneidete er um feine Höhlung. Sie hatten es aut. Da fiel ihm ein: sie batten es vielleicht doch nicht gut Sie lebten wie er in Angst. Stößer, Sperber und Jäger gab es, die ihnen nachstellten. Sie hatten auch ihre Flunks ... Lieber wünschte er, ein Baum zu sein. Eine Lärche im tiefen Wald, eine Fichte an der Schneise. Zu beiden Seiten Baumsreunde, gute Nachbarn, Brüder und Schwestern des grünen Reiches. Wie ernst und schön stebn sie beieinander; sie unterhalten sich leis und laut, je nachdem. Sie sind alle fein angetan. Sie leiden auch feinen Mangel. Wenn sie Hunger haben, effen ihre Wurzeln. Haben sie Durst, trinken sie Waffer. Das ist ein Leben. Auf dem Berg ist genug Platz für sie, sie wachsen tief hinab und hoch hinauf rote efi eben aebt. Ihre Kronen rühren an den Himmel. Sie streifen an die Wolken, sie betasten den Regenbogen. In klaren Nächten tragen sie das Licht der Sterne auf ihren Blättern.

Gern wäre er einem Baum ähnlich gewesen.

Ob ifin der Vater hier sieht, in der dunkeln Scheuer, bei der Putzmaschine? _ , _ ,

Ftm .frof raulchte der Nußbaum. Der Regen rieselte über sein Laubdach. Die Aeste streckten ihre Vlätterhände aus, als winkten