Ausgabe 
5.1.1934
 
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^ierjinttoortlid): l)r. Hans Thyriot. Druck undDerlag:Brühl'fcheUniverfitäts-Ducb- und Stetndruckerei, R. Lana«, Gießen.

sie ihrem Freund Juppi hinter der Mauerluke. Geschwätzig plau- ^Die ^N?ßWurnhände schrieben allerlei Zeichen in die Luft.

Das bien vielleicht: Lieber Juppi ...! Wie Vögel machten sie eine schnelle Bewegung. Das mochte bedeuten: Eines Tags fliegen wir fort aus dem Einsamerhof, und einmal fliegst auch du fort ... Dann neigten sie sich tief

Da erinnerte er sich, wie er zu Haus, als sein Vater noch am Leben war, unter der schönen Buche vor der Tur gelegen hatte. Die Blätt-'r rauschten und flüsterten ... niemand als Juppi war du her Vater arbeitete im Wald ... man horte sein Beil fern- $CWuüüiC roif dj t e das Bild fort und machte sich wieder an seine Putzmaschine. Stach einer Weile wurde die Tür von außen auf­geriegelt. Schritte entfernten sich. Juppi öffnete und trat in den Rcgenhof. Die Stalltür schnappte ins Schloß. Flunk.

Hungrig schnüffelte der Freigelassene in die Küche. Ein paar Taae darauf, als er abends im Stall sein Strohlager aufschut- telte befiel ihn lähmende Enttäuschung. Seine Mundharmonika, die er unter der Strohschütte verborgen hatte, war verschwunden. Aufgeregt durchsuchte er alle Ecken, wühlte das Stroh um und um, das Musikwerk blieb unauffindbar. Hatte er die Harmonika auf dem Wege zur Schule verloren? Im Acker, im Wald? Auf dem Speicher oder droben im Heu bei der Futterschneidemaschine? Durch alle Winkel liefen seine Gedanken. Voll Sorgen streckte Cr®te) Nacht stand hinter dem Stallsenster. Gegen Abend hatte der Regen ausgesetzt, und die Wolken waren zerrissen. Sterne funkelten aus den Wolkenschlitzen. Wie sonderbar sah der Nuß­baum aus. Sein dunkler Stamm ähnelte einem Mann, der eine ungeheuere, schwarze Last auf den Schultern trug. Oben am Stamm saß ein Gesicht. Der Dämmcrschein der Nacht narbte es mit Zügen und Linien. Der Baum glich einem Geist. Regungslos schaute Juppi hinaus, und das Baumgesicht blickte zu ihm her. Neber dem dunklen Vlätterhut blinkerten die Sterne.

Jetzt schien es aus einmal, als neige sich das Nußbaum- gesicht aus der von Lichtern umbrandeten Dunkelheit: es hatte wahrhaftig einen Zwirbelschnurrbart, Mondlichtaugen und einen Schattenmund. Schon halb im Schlummer glaubte Juppi wahr­zunehmen, wie der Mund sich bewegte. Ob er vielleicht ein gutes Wort zu sprechen sich mühte? Und selig angerührt suchte nun Juppis Herz nach ein paar festen, guten Worten.

Vater unser ... sagte das Herz ... der du bist in dem Himmel.

Schlafschwer sank sein Kopf zurück in das Krippenstroh und mitten hinein in ein Sternenreich über Seelenbäumen. Sie gossen ihren unendlichen Waldwtnd über ihn aus, ihren Frtedenshauch.

Die Spielzeug-Gret.

Ein paar Wochen darauf in den Schulferien, an einem Nach­mittag, stellte sich unvermittelt auf dem Etnsamerhos die Spielzeug- Gret ein. Juppi wollte gerade das Vieruhrbrot für den Bauern und Flunk hinaus aufs Feld tragen. Da er in Eile um das Haus bog, sah er die Gret nicht sogleich.

Juppi!" rief sie mit ihrer Hellen, freundlichen Stimme.

Angewurzelt blieb er stehn. Was für eine gute Stimme. Der Ruf durchdrang ihn wie ein Klangblitz. Das war ja die Gret, seine alte Freundin, die ihn beim Namen rief.

Er riß sich herum und rannte voll Hast und Freude auf sie zu. Am liebsten wäre er ihr um den Hals geflogen, aber seine Hände waren nicht frei. Sie faßte ihn mütterlich an den Schul­tern, rüttelte ihn ein wenig, als wolle sie ihm sein Erstaunen abschütteln und küßte ihn auf die Backe.

Spielzeug-Gret!" stotterte er verlegen und merkte gar nicht, daß sie ihn so eigentümlich prüfend ansah. Gleich der Wärme eines Sonnenstrahls brannte ihr Kuß auf seiner Wange. Wie ihm vorkam, ivob um ihre Gestalt ein helles Licht, obschon der Tqg trüb und wenig freundlich war. Von ihr selbst ging das festliche Licht aus, das ibn anstrahlte im Herzen. In einem Augenblick war seine Stimme umgewandelt: er fühlte sich glücklich.

So lang hab ich dich nicht gesehn", meinte er.

Juppi, dir kann man ja, weiß Gott, das Vaterunser durch die Rippen blasen", murmelte sie betroffen.

Oh, ihm fehle nichts, schnitt er auf.

Jetzt erschien die Bäuerin unter der Haustür.

Geh, Kind, besorg dein Essen!" riet die Gret.Ich bleib der­weil bei der Bäuerin, bis du wieder da bist."

Er eilte vergnügt sort. Unterwegs gab er der Spielzeug-Gret die allerschönsteii Koseworte. Gut, daß sie nichts davon erfuhr. Sie hätte ihn ansgelacht.

Flank sah ihm seine Veränderung an.

Hast mobln ganzen Schwartenmagen aufgefressen, weil du so sveckig ausschaust?" rauuzte er. Stolz schüttelte Juppi den Kopf. Was der von ihm dachte. Etwas Schönes sei ihm zugekommen, deutete er geheimnisvoll an nnd machte sich, so schnell es nur mög­lich war ans den Rückweg. Mißtrauisch glotzte ihm Flunk nach.

Die Bäuerin eröffnete Juppi, daß er mit der Frau Gret gehn könne.

Vor Verblüffung sagte er keine Silbe. Er traute seinen Ohren nicht. Weiche Freude!

Schnell, schnür dein Bündel!" wurde ihm befohlen.

Als er mit seiner alten Freundin bergab ging und der Hof hinter ihnen zurückblieb, sagte die Gret:Der Frau Einsamer hab ich ein .fremd geschenkt mit Hoblsaum nnd Spitzen, ein hoch­

feines Hemd, wie es nicht einmal die Frau Forstmeister von Siebenellen trägt..." _ ,,

Juppi bewunderte bas wortgesponnene lchone Hemd, den Hohl­saum und die Spitzen, die sie da in ihrer Erzählung ausbreitete.

Damit sie dich mitläßt, hab ichs ihr geschenkt ..."

Oh, das hatte sie getan! ein teueres Hemd hatte sie seinet­wegen weggegeben.

Die Bauern tun nichts umsonst", fuhr sie fort.

Ich hab dich ausgeltehn, auf acht Tage oder auf vierzehn. Es kommt nicht so darauf an. So ein Hemd ist schon was wert.

Da hatte sie recht. Nicht auszudenken war der Wert eines so feinen Hemdes. Ihm schien, er könne dafür Jahre lang bet der

Ich will es dir vergelten", versprach er.Bet der Arbeit.

"@t &u Lieber!" ries die Gret.Die Hauptarbeit verrichten meine Füße. Denen kannst du nichts abnehmen."

Beschwingt lies er neben seiner Freundin, die eine schnelle Gangart angeschlagen hatte. Er atmete auf. Wie leicht war ihm zumute. Nun ging er, abzwcigend von seinem Dchul- und Kirch­weg, wieder den schmalen Pfad, der zu seinem kleinen Dorf führte. Die Bäume waren ihm gut bekannt. Sie standen in ihrer großen Laubstille und hörten ihm und der Gret zu.

Wir gehn miteinander auf die Reise", sagte sie,morgen früh. Das Wetter wird halten."

Sie schaute in den Himmel und witterte den Geschmack der Lnft.

Zunehmenden Mond haben wir ..." murmelte sie.

Gehn wir auch nach Rtngolan?" fragte er neugierig und sah im Geist, wie dort die Ringelnattern auf den Schwellen schliefen.

Dahin und dorthin", bestimmte die Gret.Wir werden uns unterwegs auch nach einem guten Esten umschaun, du bist ja dürr zum Anbrennen. Hast Hunger leiden müssen, he?

Er schwieg. ,

Kannst dich bei der Gret satt essen/

Die kleinen, ärmlichen Dorfhäuschen tauchten auf. Rechter K»and sah er sein Vaterhaus, das Gemeindehaus. Er schaute mit einem heißen Blick hin und sah schnell wieder weg. Aus der Tur- schwelle hockten zwei kleine Mädchen. Neue Leute. Es war nicht

Arn" nächsten Morgen in aller Früh schloß die Hernden-Gret ihre Haustür, schob den langen Schlüssel im Holzschuppen unter den Hackklotz, schwang ihre Korblast krachend auf den Nucken und wanderte mit Juppi die Landstraße in den morgenfeuchten Wald ^Die Welt öffnete ihre grünen Tore vor Juppi Hofschaffer. An den Gräsern hing der Tau, Butterblumen schlugen die goldenen Augen auf, Bäche murmelten im Grund. Wie hoch mochte die Mtttagsftchte am Oedhang stehn? So tief, wie jetzt Juppi unten im Tal war, reichten ihre Wurzeln nicht. Die Straße zog sich durch den Wald, eine lange, helle, schweigende Straße. Wo war sie wohl zu Ende?

Er fragte die Gret.

Am Meer hören die Straßen auf, wie abgeschnitten", sagte sie.

Was das Meer sei? fragte er unwissend.

Er weiß nicht mal, was das Meer ist", tadelte sie,gut Nacht, Herr Lehrer! Das Meer ist das Meer", erklärte sie.Lauter Was­ser, wohin du siehst."

Zögernd strömte ihm das Bild zu.

Die Gret hatte die Hände in die Seiten gestemmt, damit sie leichter ihre Korblast trage. Juppi mußte sich tapfer ihr zur Sette halten, denn sie ging ihren guten Haustererschrttt, der geübt war, lange Wege zu messen.

Gegen zehn Uhr erreichten sie die erste Ortschaft. Im Schul­haus, bei der Frau Lehrer, stellte die Gret den schweren Korb auf die Steinplatten des Flurs.

Steht was zu Diensten, Frau Lebrer? Schone llnterwasche, Hemden, Hosen, Leibchen, Strümpfe, Bänder ..." Es war eine Warenlitanei. _ , , , , , ,,

..Eigentlich brauche ich nichts. Kein Gelb. Doch laßt mal sebn." Eifrig packte Gret aus. Ihre Wäsche besiedelte im Nu auf dem Wachstuch den Fußboden und die Flurbank.

Die Frau prüfte den Stoff der Hemden nach Faden und Webart.

Gutes Leinen. Gret?"

Bei meiner Seel", gestand die Gret.Hält ewig/

So unbescheiden bin ich nun nicht ..." scherzte die Käuferin.

Nabe ich Ihnen schon mal was Minderwertiges verkauft?" Das sag ich nicht", erwiderte die Frau, drei Taghemden mit Weißstickerei wählend.Das Waschpulver heutzutag verdirbt einem immer mal ein Stück", klaate sie. ~ .

Lauter Gelumv, das Zeug!" meinte die Händlerin.Nicht anrttbren sollt man's." ,

Juppi hielt sich im Hintergrund unter einem mächtigen, der Wand entsprossenden Nirschaeweth. Es war erstaunlich. Ans seinen Norrckvießen hingen Männerhüte.

Was Jbr für einen netten Jungen mitgebracht habt!" sagte die Fraii.firner Lehrling. Gret?"

Die Nemden-Gret machte eine scherzhafte Handbeweauna. So aroß sei if>r Laden nicht, daß sie einen Lehrling nötig habe. Dann flüsterte sie ihrer Kundin einige Sätze zu.

,.E'N Waisenkind ..." ktang es.

N>iii<>id8nnN rnbte der Blick der weißhaarigen Fran auf Jnvvi.

..Recht. Gret!" sagte sie.Gebt mir noch ein Hemd und ein Jäckchen."

(Fortsetzung folgt.)