Ausgabe 
1.6.1934
 
Einzelbild herunterladen

Nummer 41

Freitag, den b3uni

Jahrgang 1934

am

Schöne Iunitage.

Von Detlev von Liliencron. Mitternacht, die Gärten lauschen, Flüsterwort und Liebeskutz, Bis der letzte Klang verklungen. Weil nun alles schlafen muß Flutzüberwärts singt eine Nachtigall.

Sonnengrüner Rosengarten, Sonnenweiße Stromesflut, Sonnenstiller Morgenfriede, Der auf Baum und Beeten ruht Flußüberwärts singt eine Nachtigall.

Straßentreiben, fern, verworren. Reicher Mann und Bettelkind, Myrtenkränze, Leichenzüge, Tausenfältig Leben rinnt Flußüberwärts singt eine Nachtigall.

Langsam graut der Abend nieder, Milde wird die harte Welt, Und das Herz macht seinen Frieden, Und zum Kinde wird der Held Flußüberwärts singt eine Nachtigall.

Erinnerungen an Liliencron.

Von Hans Brandenburg.

Am 3. Juni ist Liliencrons 90. Geburtstag,

dem Baron und ritterlichen Sänger nur eine Rolle verräucherten Pergamentes angemessen. Doch da ich dieses nicht hatte, schrieb ich meine Stanzen aus große Papierbogen, deren Ränder von mir im Zickzack abgerissen und mit Streichhölzern angesengelt worden waren, so daß dem Empfänger aus dem Umschlag zunächst eine Wolke Aschenflöckchen in den Schoß schneien mußte. Allein er ver­spottete die Kinderei mit keinem Wort, sondern zollte dem Fünf­zehnjährigen alle Anerkennung. .

Bald danach war er wieder in Elberfeld, diesmal mit dem Bunten Brettl", das ihn sich alskünstlerischen Leiter" gekauft hatte. Ich schwänzte die Schule und trieb mich herum, bis ich tn seinem Hotel vorgelassen wurde. Noch sehe ich ihn, wie er nach seinemHerein!" zunächst nicht hochblickte von einem Tierbuch, in dem das Bild eines Zebras aufgeschlagen war, aber als ich mich stammelnd mit versagender Stimme zu erkennen gab, da rief er: Das ist ja ein berühmter Name!" und stellte mich seinem Im­presario alsgroben Dichter" vor. Er bot mir einen Sessel an, lehnte sich in dem seinigen zurück und sagte kameradschaftlich. Nun wollen wir uns mal gemütlich etwas vertellen. Um des lieben Brotes willen von Ort zu Ort verfrachtet, fragte er hier in Elberfeld, ob wir in Barmen oder in Düsseldorf seien, und erzählte als schönstes Reiseerlebnis von dieser qualvollen Brettl­fahrt, daß ihn in Halle die Studentenschaft stehend angehört und dann verkündet habe, diese Ehrung gelte nicht dem Dichter, sondern dem Märtyrer. Dann schrieb er mir eine Anweisung sur zwei Eintrittskarten für zwei, denn, so bemerkte er, einteutscher Dichter" habe immer eine Geliebte. Ich aber brachte am Abend meine Schwester mit, vor der er sich tief verbeugte, und die ihm am Ausgang einen Blumenstrauß überreichte. Er hatte, wie er das ausdrückte, sein Gedicht vonKrischan Schmeer ins Publikum gebraust", zwischen lauter Kabarettnummern, klagte über seine unglückliche Rolle alsCommis voyageur en lynque und meinte, er würde sich besser dazu eignen, als Saaldiener von der Galerie zu schreien:Dort unten lm Parkett sind noch zwei Plätze frei!" Als wir ihn nun durch Schneegestöber zum Hotel begleiteten und ihn ein Bursche anrannte, lachte er:Schade, daß ich ihm nicht meinen Schirm entgegengehalten habe, dann hatte ich ihn aufgespießt." Ueber den nächsten Mittag war ich wieder bei ihm, zusammen mit meinem Freund und Schulkameraden Will Vesper. Er lud uns zum Essen ein, und die Zigarre, die ich fünf­zehnjähriger Knirps von ihm erhielt, hat, obwohl ich schon Raucher war, lange Zeit, mit einem Schildchen:Geschenk von Detlev von Liliencron" beklebt, als Reliquie in meinem Schuler-

kamen meine Münchner Sturm- und Drangjahre in unserem jungen Dichterkreise. Wir verschonten Liliencron nicht mit unseren Werken, trotz seiner Rufe um Erbarmen, seiner schnakischen Klagen über die Last seiner Korrespondenz: woher er nur all die Freimarken nehmen solle: an eigene Produktion dürfe er nicht mehr denken, den Schlaf habe er sich schon abgewohnt und seinen Tag von 24 auf 2400 Stunden verlängert,- er sei nur noch eine Ablaqernngsstelle für Bücher: wie die Geier mit ihren Flügeln, so schlügen ihn die Dichter mit ihren Briefen und Manu­skripten: seine größte Sehnsucht sei lebenslängliche Zuchthausstrafe und Einzelhaft: wenn-wir einmal so alt seien wie er, werde es uns genau wie ihm ergehen, das werde seine Rache an uns sein! Denn unter solchem Gejammer ging er rührend auf unser Schaffen ein, und die Verbindung von beidem war oft besonders drollig: Welch ein stiller, himmlischer Mensch ist unser Vesper. Wie ein Paradies sehe icb oft vor mir liegen seineFreude, ein Hausbuch deutscher Art'. Wie Friede weht es draus her. Ich habe noch kaum bineinsehn können." Er half mir mit seinen Empfehlungen bei meiner ersten Verlegersuche, richtete mich auf, als sie nichts fruch­teten, und fragte nach einiger Zeit bei mir an, ob und rote er mir weiterhin dienlich sein könne. Mein Lichtbild stehe vor ihm auf dem Schreibtisch, so schrieb er mir. Und als wir in die Oeffentlich- keit drangen, begrüßte er in unseine neue Aera" und rief uns eU,($r*roarTit^ireigebig' mit Lobsprüchen, als daß ich diejenigen, die er mir spendete, allzu hoch eingeschätzt hatte. Aber niemals hat er mich rote so manchen meiner Bekannten behandelt.

Ihr Gedicht ist himmlisch", schrieb er an einen dichtenden Buch- bSnölerein wahrer Mörike. Lethen Ste mtr doch sofort 100 Mark" Und auf das Versbuch einer Dichterin, das tn ver­schnörkelter Schrift den Namen des Märchenlandes Jahana als Titel trug, hatte er gar zu flüchtig hingeblickt, wenn er antwortete.

Tausend Dank, hochverehrtes, gnädiges Franletn, für >shr wundervolles Gedichtbuch .Havanna'." Vieles an seiner Liebens­würdigkeit, mit der er zu Tode lobte, war Maske und Selbstichutz.

22. Juli sein 25. Todestag.

Mit zwölf oder dreizehn Jahren wechselte ich aus der Mond­scheinpoesie des empfindsamen in diejenige des romantischen Zeit­alters hinüber von Hölty zu Eichendorsf. Aber Won em ^ahr später sprang ich unvermittelt mit beiden Fußen m die taghelle Welt Detlev von Liliencrons:Klingling, bumbum und tschingdada!" Ja, es war dies Gedicht:Dte Musik kommt, das ich irgendwo fand und das mich mit Pauken und Trompeten in eine dichterische Wirklichkeit hinüberriß.

Kurz darauf las Liliencron in der Nachbarichaft Elberfeld, und ich erbettelte von meinen Eltern die Erlaubnis zum Besuch des Abends. Es trat kein Ritter ein, kein Hüne, dem man e-. ansah, daß er mit König Ringelhaar verkehrte sondern ein kleiner, rundlich-zierlicher Herr im Gehrock nut kurzgeschorenem Haar und langem, blonden Schnurrbart. Er las wit schnarrender Stimme und durch Zahnlücken Gedichte und veranschaulichte das Gewehrfeuer in einer Kriegsnovelle durch Trommeln aift dem Pult, daß das Wafferglas überschwappte. Doch ich sah nicht den Halbleeren Saal und sand nicht, was die Zeitungen schrieben, daß der Dichter ein schlechter Vorleser sei. Dichter lesen ihre Werke stets wenn nicht am besten, so doch am nichtigsten, und dieser ries mit Kommandostimme Wort und Ding auf, daß sie lachlich, leib­haftig und gewappnet strammstanden, und richtete seine Vers- kolonncn aus, wie ehemals die Front ferner Kompanie. Ich bin kein Schauspieler und habe ckein Nachahmungstalent, aber in dieser Stunde ward ich aus Liebe zum Medium, das heute noch jene Stimme aus dem Grabe beschwören kann. Q

In den nächsten Wochen schrieb ich mir im halbdunklen Lager eines Buchhändlers Liliencromche Gedichte ab. Und ein halbes Jahr später wandte ich mich an den Meister - *ntt meinen eigenen Versen, sondern mit der Bitte um Rat und Hilfe in religiösen Zweifeln. Postlagernd kam die Antwort, ein Wtzch mit den beühmtenKrähenfüßen", derenpieroglyphen ich ^r langsam entzifferte:Tausend Dank, hochverehrter Herr Brandenburg, für Ihren interessanten Brief. Aehnliche bekomme ich, unendlich viele. So daß ich nur den kleinsten Teil beantworten kanmvdcr mein Tag müßte 100 Stunden haben. Darf ich Ihnen deshalb "ur,ein» schreiben: Immer fix weiterdichten! Ihr Detlev Liliencron. >,ch ließ indessen nicht locker und erhob meine Stimme zum Schrei- Da traf ein etwas längerer Trostbrief em: Unglücklich muffe ück jeder in diesem Jugendalter fühlen: am besten sei positiver Glaube, wer aber nicht glauben könne, der glaube dann eben nicht u finde auch darin seinen Frieden.Sie ollen mal sehen, mein Poet, so etwas gibt sich mtt den Jahren." Und dann wieder der Schluß:Immer mein Rat: Dem Leben fest ins Auge lehn! Und weiter dichten. Mut und vorwärts!!! Qtr.

Durch diese Aufforderung zum Welterdichten zog sich L liern cioti schließlich doch meine erste Verssendung zu. Und mir jchleu

KetzenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage ;um Gießener Anzeiger