Sko^er als auf sein Lob bin ich daher auf seinen Tadel. Er ging bei mir immer auf Einzelheiten und kritisierte oft icharf,- das war Ausnahme und Auszeichnung. Und als er ichlietzllch ein Gedicht von mir nur noch annahm, indem er mir als Gegengabe ein eigenes in seiner Handschrift schickte, das Gedicht auf ,ern viel­gefurchtes, aufgewühltes, ausverkauftes, unbegreifliches Herz, da empfand sein verhätschelter Knappe das mit Recht als den Ritter- ' ^Seinen 60. Geburtstag feierten Vesper und ich auf unserer damals gemeinsamen Bude, wo Dantes Büste vor LiUencron^ Bildnis auf der Nase lag, und dann an Statten seiner Münchner Tage: nachmittags im Giesinger Bergbräu und abends mit zwei Kunstschülerinnen im Ratskeller, was für Vesper Verlobung und Ehe nach sich zog. Danach sahen wir bei einem Ferienaufenthalt in unserer Vaterstadt Barmen den nun endlich berühmten und bejubelten Dichter wieder. Er hielt, die zierlichen Hände reibend, bescheiden Cercle in der Gesellschaft, die ihm zu Ehren versammelt war, er plauderte verbindlich in seinem niedlichen holsteinschen Klönton, während seine grau schwimmenden Augen ihr undurch­dringliches Geheimnis wahrten. Aber von Vesper und mir ließ er sich erbitten, uns zuliebe seinen Poggfreö-Kantus von der kleinen Fite zu lesen. Er tat es schamvoll und schaltete zwischen die kecken Eingangsstrophen jedesmal einGräßlich!", dann aber hinter das ihnen folgende Lob der Ehe ein erlöstesSo ist es xetfjt!/z ein.

Dann habe ich ihn noch einmal in München gesehen, wo er vorlas und wir den Rest des Abends mit ihm in der Torggelstube verbrachten. Nicht lange danach hat er sich auf seinen alten franzö­sischen Schlachtfeldern, zu deren Besuch er endlich das Geld auf­gebracht hatte, den Todeskeim einer Erkältung geholt.

Unheimliche Geschichte.

Von Vera Craener.

Man besichtigt nicht mehr nach 19 Uhr möblierte Zimmer, nicht wahr? Und man vermeidet es tunlichst, mitten im Monat einzuziehen. Denn das macht einen unsoliden und wenig ver­trauenerweckenden Eindruck, und man darf sich nicht wundern, wenn der Vermieter einen nicht mit offenen Armen empfängt.

Fräulein Hammerschmidt hatte Herrn Doerenkamp keineswegs mit offenen Armen empfangen. Aengstlich und mißtrauisch hatte sie neben ihm gestanden, als er das Zimmer besichtigt hatte, und wären die Aussichten, es zu vermieten, nicht so entsetzlich schlecht gewesen, bann hätte sie es ihm gar nicht gegeben. Irgend etwas mißfiel ihr nämlich an diesem Herrn in dem grauen Ulster, der nur einen flüchtigen Blick hineingeworfen und es dann kurz ent­schlossen gemietet hatte. Weder hatte der Herr bemerkt, daß man durch die dünne Wand hindurch allzudeutlich das Surren des Fahrstuhls hörte, noch hatte er davon Notiz genommen, daß kein Schreibtisch vorhanden war. Was unzählige andere vor ihm schon reklamiert hatten, daran schien er absolut nichts auszusetzen zu haben. Er nickte, als das Fräulein den Preis nannte, bat, zum Frühstück Tee bekommen zu dürfen, und legte, obwohl bereits der 21. war, den Betrag der halben Monatsmiete sofort auf den Tisch.

Ehe Fräulein Hammerschmidt noch den Mut gehabt hatte zu widersprechen und Einwendungen vorzubringen, erklärte er, gleich hierbleiben zu wollen. Sein Gepäck bestand aus einem kleinen, braunen Lederköfferchen, das von vornherein Fräulein Hammer- schmidts Mißtrauen erregt hatte und unmöglich mehr enthalten konnte als nur die allernötigsten Toilettesachen. Ihrer Frage nach größerem Gepäck begegnete er ausweichend. Sie verbrachte eine schlaflose Nacht.

Schließlich war sie ganz allein mit ihm in der Wohnung, und wenn auch nicht anzunehmen war, daß er es etwa auf ihre Tugend hätte abgesehen haben könnte, so konnte man doch nicht wissen, was er im Schilde führte. Warum hatte er gerade das Zimmer bei ihr gemietet? Im ersten Stock war eines, das sehr viel gemüt­licher war und mvderner, und im Hochparterre das bei Frau Amtsgerichtsrat Haber hatte sogar Couch und Telephon! .... Fräulein Hammerschmidt versuchte vergebens, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen, und als der Morgen graute, da hatte sie in Gedanken diesen Herrn Doerenkamp bereits alle möglichen Ver­brechen begehen sehen, und die Lokalchronik der letzten Wochen hatte in ihrem armen, gequälten Hirn gräßliche Auferstehung gefeiert. Doch dann stellte es sich glücklicherweise heraus, daß in dieser Nacht nichts geschehen war, was zu irgendwelchen Besorg­nissen hätte Anlaß geben können, daß sämtliche Möbel der Woh­nung noch am gleichen Fleck standen, und daß sich augenscheinlich der neue Mieter überhaupt nicht aus seinem Zimmer heraus­gerührt hatte.

Erst ging er ins Bad, dann bekam er seinen Tee, und während das Zimmer aufgeräumt wurde, saß er bei Fräulein Hammer­schmidt in der Wohnstube und las die Morgenzeitung. An alledem war nichts Verdächtiges, und allmählich verflüchtigte sich auch der nächtliche Spuk. Herr Doerenkamp er hieß Peter und war am 20. März 1901 in Hamburg geboren, wie der Meldezettel verriet war ein Mieter *roie alle anderen, und ebenso wie alle anderen würde er es auch nicht länger als einen Monat in dem Zimmer aushalten, er würde Ultimo wieder kündigen, allerdings nicht ohne vorher eine gehörige Anzahl von Reklamationen vorgebracht zu haben. Das hatten bisher noch alle getan, und auch er würde wohl kaum eine Ausnahme bilden. Fräulein Hammerschmidt war­tete den ganzen Tag lang auf die fällige Beschwerde, aber merk­würdigerweise kam sie nicht. Auch eine Beschwerde über den Laut­sprecher in der Nebenwohnung kam nicht, und ebensowenig wie dieser schien den Herrn das Schreibmaschinengeklapper im Büro derHavreta"'zu stören.

Das war die Chemische Handelsvertriebsgesellschaft, bre vor kurzem zwei Zimmer der Hammerschmidtschen Wohnung abgemietet hatte und deren Geschäfte sich nicht immer ganz lautlos abwrckel- ten. Gelegentlich wurden höchst temperamentvolle Mernungs- äußerungen laut, und wer das Pech hatte, neben dem Zimmer des Herrn Direktor Holz zu wohnen, der konnte was erleben. Aller­dings spielten sich diese Dinge nur in der Zeit zwischen 9 und 5 ab, viertel nach 5 herrschte bereits tiefster Friede in den Raumen. Für Leute, die den Tag außer Haus verbrachten, war das also nicht weiter schlimm, aber für Herrn Doerenkamp, der fast immer zu Hause saß, mußte das doch recht störend sein. Fräulein Hammer­schmidt fühlte sich veranlaßt, sich deswegen bei ihm zu entfchul- digen, aber er versicherte, daß ihm das wenig ausmache. Ueber- haupt und hier traf ein begütigender Blick das alte Fräulein _ sie möchte sich seinetwegen gar nicht beunruhigen, es gefiele ihm hier ausgezeichnet, und wenn er wirklich einmal etwas auf dem Herzen hätte, dann würde er sich schon an sie wenden.

Der Dreißigste war vorbeigegangen und der Einunddreitzigste, und als selbst am Ersten der Herr Doerenkamp nichts von einer Kündigung hatte vorlauten lasten, da hatte seinetwegen das Frau­lein ihre zweite schlaflose Nacht. Irgend etwas führte er un Schilde, das ließ sie sich nicht ausreden und heimlich räumte sie ihr Silber in den Wäscheschrank, und den Herrn Direktor Holz fragte sie, ob er an seiner Bürotür nicht ein Sicherheitsschloß an- brinqen lassen wolle. , . ,.

Aber der Herr Direktor hatte nur gelacht und sie gefragt, seit wann sie denn so ängstlich sei. Hier würden schon keine Diebe und Räuber einbrechen, und bei ihm sei überdies wenig zu holen. Dabei hatte er gelacht, aber das Fräulein war nur mäßig beruhigt.

Was zum Beispiel und hier steht das alte Fräulein sicher nicht allein mit ihrer Meinung soll man von einem Menschen halten, der den ganzen Tag lesend und somit eigentlich nichtstuend zu Hause sitzt, erst gegen Abend fortgeht und von dem vorhande­nen Telephon keinen Gebrauch macht? Fräulein Hammerschmidt hatte beobachtet, daß er häufig zur Telephonzelle an der Ecke ging, und sie hatte ihn vergeblich darauf aufmerksam gemacht, daß er ja auch von Hause aus sprechen könne. ,

Zu diesem Anerbieten hatte er nur freundlich gelächelt, hatte gesagt, daß er niemand stören wollte der Apparat stand in den Räumen derHavreta" und hatte nach wie vor den Fern­sprecher auf der Straße benutzt.

Sehr rücksichtsvoller junger Mann", hatte sich Herr Direktor Holz anerkennend geäußert, als bas Fräulein ihm das erzählt hatte, und dann hatte er versucht, ihr ihre Befürchtungen auszu­reden. Man müsse nicht gleich von jedem Menschen etwas Schlech­tes denken, und sie mache sich ja damit ganz nervös. Die Möbel würde ihr dieser Herr Doerenkamp schon nicht hinaustragen, und bar Geld hätte sie doch wohl nicht zu Hause, wie? Hier war das Fräulein dunkelrot geworden und hatte an die zweihundert Mark gedacht, die im. Band Goethe steckten, dem sonst unberührten Band mit denNaturwissenschaftlichen Schriften", und an das Sparkassenbuch im Wäscheschrank.

Sie hatte zögernd verneint, und der Herr Direktor hatte ihr angeboten, ihr irgendwelche Wertsachen eventuell in seinem Geld­schrank zu verwahren.Wenn Ihnen das sicher genug ist", hatte er lachend hinzugesetzt, und das Fräulein hatte sich vielmals bedankt. _ ,

Jetzt lag sie in ihrem Bette, warf sich von einer Seite auf die andere und versuchte zu überlegen, was sie tun sollte. Dem Herrn Direktor Holz das Geld anvertrauen? Und das Silber? Ober aber sie hörte es vom Kirchturm zwei schlagen nur das Silber? Und war es denn wirklich in dem Geldschrank derHav­reta" sicher? Hatte sie nicht schon etwas von Nachschlüsteln gehört, und trennte nicht nur eine einzige Tür das Zimmer des Herrn Doerenkamp von dem des Büros? Es schlägt vier, als Fräulein Hammerschmidt endgültig entschlossen ist, ihre Sachen dem Herrn Direktor Holz zur Aufbewahrung zu übergeben. Schließlich kann es für eine alleinstehende Frau nur gut sein, auch einmal einen Vertrauensmann zu haben in all den Jahren hat sich noch nie jemand in dieser Weise um sie gekümmert... Der Ton der Flur- klingcl reißt sie aus ihrem unruhigen Schlummer. Verwirrt fährt sie in die Höhe. Wer kann jetzt, um diese Zeit

Kriminalpolizei!" sagt draußen eine Stimme,öffnen Sie, bitte!" Mit zitternden Fingern schiebt sie den Riegel zurück, und fast versagen ihr die Knie den Dienst. Kriminalpolizei in ihrem Haus sie ist leichenblaß, als sie die Tür öffnet.

Wohnt bei Ihnen ein Herr"

Jawohl", sagt das Fräulein und läßt den Beamten gar nicht ausreden,der wohnt hier, seit Ende letzten Monats, und ich 6dFe mir doch gleich gedacht, daß etwas mit ihm nicht in Ordnung ift; er ist mir direkt unheimlich gewesen, und mein Instinkt hat mir gesagt..."

Sachte, sachte, meine Dame", sagt der Beamte,der Herr Holz wohnt also erst seit Ende vorigen Monats bei Ihnen?"

Das Fräulein glaubt nicht richtig verstanden zu haben.Der Herr Direktor Holz?" ...

Jawohl, der sogenannte Direktor dieser famosen Hemischen Gesellschaft."

Das ist doch aber nicht möglich!" ruft das Fräulein, und in ihrem Hirn purzeln die Handelsvertriebsgesellschaft und ihr Spar­kassenbuch, der neuerkorene Vertrauensmann und der unheimliche Peter Doerenkamp bunt durcheinander.

Wohnt außer Ihnen noch jemand hier in der Wohnung?" fragen die Beamten, und Fräulein Hammerschmidt nickt:Noch ein Herr...", sie schweigt beschämt, weil ihr einfällt, was sie vor­hin über ihn gesagt hat. Die Beamten gehen, auch ihn zu verhören. Aber aus ihr Klopsen rührt sich nichts in seinem Zimmer, und als