sie schließlich die Tür öffnen, müssen sie feststellen, daß bas Nest leer ist.
„Der Vogel scheint ausgeflogen zu sein", sagt einer der beiden, auf das unberührte Bett blickend, und das Fräulein läßt sio stöhnend auf einen Stuhl fallen. Ihr Instinkt — ihr unseliger Instinkt! Hat er ihr nicht gleich gesagt, baß mit diesem Herrn Doerenkamp etwas nicht in Ordnung ist?
Und dann fällt es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen. Ist es denn nicht gräßlich klar, daß dieser Herr Direktor und er einfach unter einer Decke gesteckt haben? Daher also seine Duldsamkeit und daher auch das begütigende Zureden des Herrn Holz.
Hier erhebt sich das Fräulein und stürzt angstvoll in ihr Schlafzimmer. Aber während sie noch mit zitternden Händen in den Schränken rumort, steckt draußen jemand den Schlüssel ins Schloß. Wahrscheinlich kommt auch heute, wie gewöhnlich, Herr Holz wieder als erster ins Büro. Aber dann ist es gar nicht Holz — es ist Peter Doerenkamp. Ein bißchen übernächtig zwar und nicht ganz frisch aussehend, aber doch mit einem vergnügten Schmunzeln in den braunen Augen.
„Guten Morgen, meine Herren", begrüßt er die beiden Beamten, und Fräulein Hammerschmidt mutz zu ihrem mahloseu Erstaunen sehen, wie er ihnen freundschaftlich die Hand schüttelt, „es tut mir leid, daß Sie sich umsonst bemüht haben, aber der Junge, den Sie suchen, ist bereits auf Nummer Sicher. Ich habe ihn gerade noch'am Anhalter Bahnhof erwischt..."'
Jupiter.
Der Gigant der Plauete«.
Von Dr. Erwin Kossinna.
In der immer später einsetzenden Abenddämmerung sind die schönen, glanzvollen Wintersternbilder verschwunden- Am Südhimmel sehen wir jetzt Löwe und Jungfrau, deren Hauptsterne Regulus und Sptca zwar durch ihr bläulichweißes Licht auffallen, aber nicht einmal ganz die erste Größenklasse erreichen. Sie werden weit überstrahlt von dem ruhigen gelblichen Licht des Jupiters, des größten aller Planeten, der jetzt im Sternbild der Jungfrau steht und während der nächsten Monate das bei weitem auffallendste und glänzendste Himmelsobjekt bildet. Denn Jupiter ist in seiner gegenwärtigen günstigen Stellung über 20mat so hell wie Spica, die am Himmel in geringem Abstand unter ihm steht. Trotz der sehr bedeutenden Entfernung von der Erde — sie beträgt 600 Millionen Kilometer — ist Jupiter neben Mars der einzige Planet, auf dessen Oberfläche stets Einzelheiten, Streifen und Flecken, erkennbar sind. Mit besonderer Aufmerksamkeit wird er in diesen Monaten aus allen Sternwarten und auch von den Liebhaberastronomen beobachtet, da vor kurzem neue Flecken auf seiner Oberfläche entstanden sind, deren Untersuchung uns vielleicht weitere Aufschlüsse über die physische Beschaffenheit des mächtigen Planeten geben wird. Mit Recht bezeichnet man Jupiter als den Riesen unter den Planeten, der alle anderen Glieder des Sonnensystems an Größe und Masse weit übertrifft. Sein Durchmesser beträgt das Elffache des Erddurchmessers, und seine Masse ist 2%ntctl so groß wie die Masse aller übrigen Planeten zusammen. Erst 318 Erdkugeln würden Jupiter das Gleichgewicht halten.
In knapp zwölf Jahren vollendet er seinen Umlauf um die Sonne und tritt daher alle dreizehn Monate in die günstigste Stellung zur Erde, gerade gegenüber der Sonne. — Im Fernroh rbild fällt sofort die für Jupiter ganz charakteristische Streifenbildung auf. Helle, gelblich-weiße Zonen wechseln mit dunkleren, bräunlich oder rötlich gefärbten Bändern ab, die sämtlich parallel zum Aequator verlaufen. Nach den Polen zu erscheint der Planet dunkel und ohne Streifen. Aus der sehr starken Abplattung der Jupiterkugel ist die Lage des Aequators sofort zu erkennen. Denn während der äquatoriale Durchmesser 145 000 .Kilometer beträgt, ist der polare nur 134000 Kilometer lang. Abplattung und Streifenbildung deuten bereits auf sehr rasche Rotation. In der Tat dreht sich der ungeheure Ball in knapp zehn Stunden um seine Achse, wie aus der Beobachtung der Flecken folgt, so daß ein Punkt des Jupiteräquators eine sekundliche Geschwindigkeit von über zwölf Kilometer besitzt. Schon in fünf Stunden bewegt sich ein Fleck über die ganze Scheibe hinweg vom östlichen Rande zum westlichen. Das Merkwürdigste bei dieser Bewegung aber ist, baß die Notation nicht überall gleich schnell vor sich geht, sondern mit wachsendem Abstand vom Aequator langsamer wird. ,, „
Aus zahlreichen Beobachtungen hat man für die hellen Aequa- torstreifen eine Notationsdauer von neun Stunden 50/4 Minuten ermittelt, während nördlich und südlich davon die Rotationszeiten bei neun Stunden 5514 Minuten liegen. Der Unterschied von nur fünf Minuten erscheint aus den ersten Blick gering, bedeutet aber bei der riesigen Größe Jupiters einen Geschwtndtg- keitsunterschied von hundert Metern in der Sekunde! Dieser bewirkt, daß ein Gebilde der Aequatorzone die benachbarten Streifen in 47 Tagen um einen vollen Umlauf überholt. Die verschiedenen Notationszeiten der Jupiterobersläche liefern den sichersten Beweis für die wolkige Natnr des Planeten. W° blicken nicht etwa auf eine feste Oberfläche, sondern auf eine mächtige Wolkenschicht in der Atmosphäre des Jupiter. Dafür sprechen auch die rasch vor sich gehenden Aenderungen in den Umrtssen der erkennbaren Streifen und Flecken. Nur bei schwacher Vergrößerung erscheinen die Streifen einigermaßen scharf. In großen Fernrohren haben sie ein sehr kompliziertes wolkcnartiges Aussehen mit hellen nnd dunklen Flecken bei fortgesetzter Veränderlichkeit der feineren Einzelheiten sowohl in der Lage wie in der
Form. Ist ein Fleck am Westrand« ixt N«piterfcheibe verschwunden, so hat er nach fünf Stunden bei seinem Wiederauftauchen am Ostrande oft schon seine Gestalt merklich verändert. Die hellen Streifen und Flecke sind zweifellos die am höchsten schwebenden Wolkenpartien,' bei den dunklen Gebieten blicken wir tiefer tn die Atmosphäre hinein. Eine der merkwürdigsten Erscheinungen der Jupiterobersläche ist der berühmte rote Fleck auf der Südhalbkugel. Die ersten Anfänge seiner Bildung mögen wohl über hundert Jahre zurückreichen. Im Jahre 1878 wurde er plötzlich zum auffallendsten Objekt von ausgesprochen roter Farbe und elliptischer Form. Seine Länge betrug 30 000, seine Breite 10 000 Kilometer, so daß er ein Areal gleich der halben Erdoberfläche bedeckte.
Auf photographischen Aufnahmen erscheint der Rand der Jupiterscheibe dunkel und unscharf, was lediglich eine Folge der kräftigen Lichtabsorption durch eine mächtige, hochretchende Atmosphäre ist. Die dichte Wolkenhülle reflektiert 56 Prozent des auffallenden Sonnenlichtes, läßt aber nur wenig Wärmestrahlung und jedenfalls keine Spur von Licht aus dem heißen Innern hindurch. Und da auch die Sonnenstrahlung nur gering ist, sind die obersten Wolkenschichten sehr kalt. Radiometrische Bestimmungen der Temperatur der Wolkenoberfläche ergaben Werte, die zwischen 110 und 135 Grad unter Null liegen; also erheblich tiefer als die Temperaturen an der unteren Grenze der Stratosphäre der Erde, wo minus 55 bis minus 86 Grad gemessen wurden. Jahreszeitliche Unterschiede der Temperatur sind auf Jupiter nicht zu erwarten, da seine Drehungsachse fast senkrecht auf der Vahnebene steht. Neuere Untersuchungen über die Dichteverteilung der Materie innerhalb der Jupiterkugel lassen mit großer Sicherheit darauf schließen, daß Jupiter überhaupt keine feste Oberfläche besitzt, vielmehr nimmt die Dichte von der Atmosphäre nach dem Kern hin ganz allmählich zu. Daß Jupiter im wesentlichen ein riesiger Gasball ist, geht schon aus seiner geringen mittleren Dichte hervor, die nur das l,3fache des Wassers beträgt und somit geringer ist als die des gasförmigen weißglühenden Sonnenballs und nur ein Viertel der Dichte unserer Erde erreicht. Bietet der Anblick der an Einzelheiten reichen Jupiterscheibe im Fernrohr ein schönes und interessantes Bild, so wird diese Wirkung noch erhöht durch die vier großen Monde, welche den Planeten umkreisen. Es gibt am ganzen Sternenhimmel, vielleicht von Saturn abgesehen, wohl kaum einen Himmelskörper, dessen Anblick von so erhabener Schönheit ist. Bei jedem Umlauf sehen wir die Monde vor der Jupiterscheibe vorüberziehen, begleitet von dem kreisrunden Schatten, den sie auf die Oberfläche des Planeten werfen. Als bald nach der Erfindung des Fernrohrs der deutsche Astronom Simon Marius in Ansbach im Dezember 1609 und Galilei in Padua im Januar 1610 die Jupitermonde zuerst beobachteten, war diese Entdeckung von ungeheurer Tragweite. Die um Jupiter kreisenden Monde lieferten den augenfälligsten Beweis für die Richtigkeit der kopernikanischen Lehre und nahmen zugleich der Erde die ihr bis dahin zugeschriebene Sonderstellung. Die vier großen Jupitermonde laufen in nahezu kreisförmigen Bahnen um den Planeten, und zwar ziemlich genau in der Aequatorebene. Im Fernrohr sehen wir sie daher in einer geraden Linie stehen. Die Monde erscheinen als Sterne fünfter und sechster Größe und sind schon in einem guten Opernglas wahrnehmbar. Sie würden sogar mit freiem Auge gesehen werden, wenn sie nicht vom Lichte Jupiters überstrahlt würben. Aber der Zufall will es, daß außer dem Erdmonö von der Erde aus kein Trabant irgendeines Planeten mit bloßem Auge erkennbar ist, sonst hätte die Astronomie bereits im Altertum eine ganz andere Entwicklung genommen. Die drei inneren Jupitermonde wandern bei jedem Umlauf durch den Schattenkegel des Planeten und werden daher verfinstert. Bei dem vierten Mond ist der Abstand schon so groß, daß dies nicht immer geschieht. Da die Verfinsterungen der Jupitermonde, an allen Orten der Erde gleichzeitig wahrgenommen werden, können sie auch zur Zeitbestimmung benutzt werden und damit zur geographischen Längenbestimmung. — 1676 bemerkte Olaf Römer, daß die Verfinsterungen nicht immer zu der von Cassini vorausberechneten Zeit eintrafen, sondern sich verzögerten, wenn die Erde sich vom Jupiter entfernte. Er schloß daraus, daß das Licht sich nicht momentan fortpflanzt, sondern eine gewisse Zeit braucht, um den Durchmesser der Erdbahn zurückzulegen. Römer berechnete aus den beobachteten Zeitunterschieden zum ersten Male die Lichtgeschwindigkeit.
1892 entdeckte Barnard auf der Licksternwarte in Kalifornien noch einen fünften Mond in sehr geringem Abstand vom Jupiter, der in kaum zwölf Stunden den Planeten umkreist. Vom Jupiter aus betrachtet, bleibt dieser Mond fast während dreier Jupitertage über dem Horizont eines Punktes der Jupiterober- fläche. Bis 1914 wurden auf photographischem Wege noch weitere vier Monde entdeckt; Jupiter ist also von neun Monden umgeben. Die fünf kleinen Monde sind aber alle nur ganz winzige Körper von fünfzig bis hundertsechzig Kilometer Durchmesser und daher sehr lichtschwach. Die beiden äußersten Trabanten bewegen sich in stark geneigten, exzentrischen Bahnen rückläufig um den Planeten. Man nimmt an, daß es sich bei ihnen nicht um echte Monde handelt, sondern um ehemalige Planetoiden, die dem Riesenplaneten zu nahe kamen und von ihm eingefangen wurden. Die gewaltige Anziehungskraft Jupiters hat schon manchen Planetoiden und viele Kometen, die sich ihm näherten, aus ihrer Bahn geworfen. Die von dem größten aller Planeten verursachten Störungen sind recht beträchtlich und stellen die Astronomen vor immer neue Aufgaben, während anderseits das ewig wechselnde : Bild seiner Oberfläche dem Astrophysiker noch manche Rätsel * bietet, die der Lösung harren.


