Hand fest.
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Verantwortlich: Dr. Hans Lhhriot. - Druck und Verlag: Brühl fche Univerfitäts-Duch. und Steindruckerei. R. Lange, Dieben.
Während der Verhandlung vor Gericht gestand Rikelchen alle Entwendungen, die ihr vorgehalten wurden, unumwunden ein. Sogar bei solchen nickte sie zustimmend, die nicht auf ihr Schuldkonto gehörten. , , „ .
Warum sie die Diebstähle begangen habe? wollte der jugendliche Amtsrichter wissen.
Ob die Kunden denn die Arbeit nicht bezahlt hatten?
„Manche überhaupt nicht. Andre so spät, daß es genau so gut oder vielmehr genau so schlecht war, als wenn sie nicht bezahlten.
„Vielleicht zeigt Herr Amtsrichter mir einen Weg, den ich selber, nicht Gust — nein, mein — mein Mann hätte gehen können?"
Ein Dutzend Wege für einen! Waschen, Reinemachen, Flicken, d^.Wochenlang habe ich mich als Wäscherin, Flickfrau, Reinmachefrau Haus bei Haus angeboten. Bin aber überall abgewiesen.
Plötzlich erhob sich Gust, der auf der Zeugenbank saß.
Alle' seien schuldig, schrie er, ehe ihn jemand zurückhalten konnte, die ganze Stadt: er und sein Rikelchen hätten nur versucht, Bezahlung für ihre geleistete Arbeit zu bekommen.
Auf eine nicht schöne, aber notwendige Weise: durch Selbsthilfe. Worum hatten die Leute an der Hohen Straße sie so lange auf ihr Geld warten lassen, bis es nichts mehr wert war? Bis sie sich für eine Tagesarbeit hinter seiner Schusterkugel nicht mehr das Salz anfs Brot kaufen konnten? Wieviel weniger das Brot! ^^Ni'cb» als Angeklagte säße Nikelchen da!, rief Gust dem Richter zu. Nicht als Zeuge stehe er vor ihm. Sondern Ankläger wären sie. Nicht Gnade wollte er. wollten alle, die mit ihm in derselben Verdammnis waren. Nicht Unterstützung. Nicht Almosen. Sie wollten ihr Recht, ihr durch Gesetz und Siegel verbrieftes Recht.
Der Amtsrichter hatte unterdes nach dem Stadtgenbarm geschickt. Aks der Schnauzbärtige endlich angepustet kam, befahl er ihm, Gust auf der Stelle zu verhaften und in das Gefängnis ab- zusührcn.
Der Erschöpfte, der nur mit Hilfe des Gerichtsdieners seinen Sitz wiedergefunden hatte, ließ nunmehr alles willig über sich ergeben
Die Gerichtsverhandlung gegen Friederike Mtcheelsen wurde wieder aufgenommen. Sie endete damit, daß die Angeklagte wegen Dtebstabls in 29 Fällen zu mehrjähriger Gefängnisstrafe verurteilt wurde.
Die Schusterkugel.
- Roman von Hans Franck.
(Schluß.) ... (Nachdruck verboten.)
Gust hörte nicht auf mit seinem Hämmern.
„Gust", bat Nikelchen zaghaft.
Austl^ef Rikelchen aus den Tiefen ihres Herzens herauf.
'^usi"lchrst^du mich nicht?" schrie die fassungslose Frau an derStubentür. „Gust, siehst du mich nicht? Ich bin da, Nikelchen
Gust hämmerte.
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dir'gemeint. Um deinetwilleu hab' ich es setan. Nicht um meinetwillen. Es war trotzdem Unrecht. Ich weiß. Ich will auch alles aus mich nehmen. Auf mich allein. Du sollst keinen Schaden dadurch haben. Und keine Schande. Ich Habs ohne ein Wißen und gegen deinen Willen getan. Ich werde es büßen. Es wird nicht über meine Kräfte gehen. Wenn du mir vergibst. Denn fönst kann '»■S S. w°- -st- SEd-must,.«
seinlr Frau, brachte es Gust nicht bis zu einem widersprechenden „Mm!" Er richtete die Gebeugte auf, geleitete sie zu einem Stuhl. Setzte sich, Hand in Hand, neben sie. „ ...
Da kamen Rikelchen die Worte. Sie versuchte, ihr Tun zu erklären. Sie brachte Entschuldigungen vor. Wurde inne, daß ihr Unrecht mit allen Erklärungen und Entschuldigungen nicht aus der Welt zu schaffen war. Verlegte sich aufs Bitten. Suchte hinter
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zu den Erklärungen und Verteidigungen, zu dem Bitten und Weinen. Aber er ließ Rikelchens Hand nicht aus seiner Hand.
„Wenn doch ein Wort über seine Lippen käme! . stöhnte Rtkel- chen. „Wenn er mich doch schelten möchte! Oder schlagen! Womit er will! Meinetwegen mit dem Knieriemen! Es wäre leichter als ^^Abe^durfte "sie es denn leicht haben? Hatte sie ni^ bas Schwere, das Allerschwerste von ihm als Strafe verdient? Gewt^ doch es gab so Schweres, daß es über Menschenkrafte ging, es zutragen. Dazu gehörte dieses Schweigen „Gust!"
Und von neuem redete Rikelchen auf den neben ihr Sitzenden ein. Viele Stunden lang.
Aber cr'hsitt Rikelchens Hand in der seinen. Viele Stunden lang.
Schließlich ließ die Reumütige sich an diesem Zeichen der Verbundenheit genügen, mehr noch: bankte Gust dafür.
Denn wieviel weniger war das mildeste Wort, war selbst ^"^Noch^als^ie^sich'schlafen gelegt hatten, hielt Gust Rikelchens Hand, die immer wieder ins Zittern zu fallen drohte, mit seiner
Wie^*üb^ihre Verurteilung lachen könne?, fuhr der Rich- ^„Darüber freue ich mich nicht", antwortete Rikelchen, „son- dein--" , „
„Heraus nnt der Sprache!
^Sondern darüber, daß Gust bei mir bleibt."
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Der Gesängnisdirektor hatte in der Tat Erbarmen mit Gust, der ohne seine Frau verlassen bastand wie ein kleines Kind, dem die Mutter abhanden gekommen ist. . hpnt
Auf eigne Verantwortung wres er Gust und Nikelchen in dem überfüllten Stadtgesängnis eine gemeinsame Zelle an Da drau- kien während des Herbstes im Fahr des Unheils 1923 alles brun ter und darüber ging kümmerte sich kein Vorgesetzter, kein Untergebener um diesen Verstoß, der hinter Gefängn.smauern gegen eine Beamteninstruktion gemacht wurde.
Als dann auch Gust wegen Ungebühr vor Gericht und Be- leidiauna ehrenwerter, in öffentlichen Diensten stehender Manner bis hinauf zur höchsten Spitze zu einer cmpftttbndjett ®efattgni8» strafe verurteilt war und die Frage nach seiner Beschäftigung antwortheischend dastand, schlug Nikelchen vor: man möge doch Gusts Schustertisch und Schusterhüker mit allem Zubehör aus den Baracken holen. Auf keine andre Weise werde er sich für die Ge- ananisleute so nützlich machen können wie vor seiner Schuster» -uqel Zumal wenn sie Gust bet der Schusterei hilfreich zur.Hand gehe Wa^siefrüher an der Hohen Straße, als ihnen d e Schuhe und Stiefel noch ins Haus gebracht wurden, ja unzählige Male getan hätte. ,
Der Gefängnisdirektor willigte ein.
Am nächsten Tag saß Gust wieder auf seinem Schusterhüker.
Nach einer Woche sagte Rikelchen des Abends, als er den Schusterhammer — befriedigt über bas Tun (eines Tages aus der Hand legen wollte, zu dem bis zum Gefängntsschuster Herabgesunkenen: „Eigentlich haben wir's gut!
„Mmm", wich Gust einer Antwort aus.
„Wir haben's warm. Wir bekommen zu essen. Wir haben wies mit dem Hammer nach dem vergitterten Fenster
6er Wenn man's nicht ansehen kann, ohne baß es ^uem wehtut", gab Rikelchen zur Antwort, „obwohl man dadurch nicht nur von der Welt abgesperrt, sondern auch vor ihr geschützt ist — aber wenn man's nicht sehen kann und mag, dann muß man nach der fndern Seite blicken. Uebrigens scheint auch durch vergittertes Fenster die Sonne. Sieh nur deine Schusterkugel! Das Abendbrot hat sich draußen selbst auf der Hohen Straße nicht schöner darin spiegeln können als hier."
Das" war ^dte^ial ein unverkennbarer Laut der Zustimmung.
^ttso"^lächelte Rikelchen ihn an, „sag es doch, wenn auch nur ein einziges Mal: Wie geht es uns?" ....,
Da sagte Gust leise, unhörbar fast, aber für Nikelchen deutlich vernehmbar, mit einem wehen Lächeln, aber mit Lächeln. „Uns geit dat qaud." „
In dieser Nacht traf Gust der zweite Schlaganfalll
So oft die Verstörte auch am andern Morgen „Gust rief — er konnte seinen Namen nicht mehr hören.
Schließlich erkannte Rikelchen, was geschehen war, beugte n vor dem Schicksal, kniete an dem Lager des Toten nieder, faltete seine Hände, drückte ihm die Augen zu, küßte (eine erkalteten Lippen und sagte: „Schlaf gut, Gust — ftütof fdjlof
Rikelchen blieb, als sie ihre Strafe verbüßt hatte, im Dienste des Gefängnisdirektors. ,
Sie half in der Küche, schälte Kartoffeln, betreute die vier Fungen ihres Dienstherrn, putzte Schuhe, flickte, stopfte, führte ^^Ueberall h"/'durfte ihr Herr Rikelchen schicken. Sic ging ohne Zittern an ihrem früheren Hanse in der Hohen Straße vorbei. Sie betrat ohne zu stocken, ihr Häuschen in den Baracken. Nur in die Ackerstraße setzte sie ihren Fuß nicht. Dorthin mußte, wenn ein Botengang zu einem ihrer Bewohner nötig war, der Gefängnisdirektor jemand andern schicken. Das Hans ihres Ruhestandes, in welchem es ihr dem Schein nach bester als auf der Sofien Straße, der Wahrheit nach so schlecht eraangen war rote nicht einmal während der Hungerjahre in den Baracken, wollte, konnte sie nicht wiedersehen.
Fraate irgendwer auf der Straße, in einem.Laden die hurtig ihres Weges Dahinschreitende: „Rikelchen, wo geit't?" so antwortete sie: „Uns geht es gut."
Uns! Niemals: mir. Denn bei allem, was sie suhlte, dachte, sagte, schloß Rikelchen Gnst ein. Wie also nicht auch bei dieser Antwort! Oder konnte es einem Menschen bester gehen als Gust? Der — wie seine Mutter — mit einem Freudenwort aus dem Leben geschieben war. Der Frieden gefunden hatte. Fenen Frieden, nach dem auch sie sich von Tag zu Tag tiefer sehnte.
Als die Stunde sichtbar wurde, in der sich dieser Friedenswunsch Rikelchens erfüllen sollte, lag sie mit einem Lächeln auf ihrem letzten Lager.
Fn der Nacht starb Rikelchen.
Ihr letzter Hauch formte sich zu einem Ruf des Glückes.
Der hieß: „Gust —!"


