GiegenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage znm Giehener Anzeiger
Jahrgang (954
Montag, ben 5. Februar
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Trost her Nacht.
Von I. O. Vrtngez»«.
Am Himmel steigt die Nacht herauf, nun wachen alle Sterne auf, weil dunkel rtngv die Erde ruht, der liebe Mott sein Licht auftut.
Er gibt dem Monde goldnen Schein, läßt alle Engel Wachter sein, das, jedes Licht am weiten Zelt ein Tröster sei der fernen Welt.
Wer in der Nacht und einsam ist, das, er dev Himmels nicht vergisst, wer milde gebt an dürrem Stab, dass er am Lichte Freude bab'.
Das, er sich weiß in Gottes Hand, wohin sein Weg sich auch gewandt, der, ob er gleich Im Dunkel Irrt, doch immer nur zur Heimat führt.
Freund puNies.
Von Konrad © e st c.
Beste erhielt, wie bereits gemeldet, mit Friedrich Griese zusammen den Hamburger Lessing Preis.
Mein Freund August Pullte« au« Hunzen ist Gelegenheitsarbeiter,' zuletzt ist er tu der Forst beschäftigt gewesen Ich lernte tlm im Herbst, als er arbeitslos >var, bet», Ptlzesammelu kennen and war sofort bezaubert von seiner kindlichen Harmlosigkeit. Gutmütig und ganz tm Widerspruch mit alle« Gepflogenheiten der richtigen Ptlzsanimler zeigte er mir sofort seine besten Eham uignonstellen „nd gab mir noch ab von seinem Ueberflnst. Er ist allerdings schon viermal vorbestraft, aber daö scheint mir nicht unbedingt gegen ihn zu zeugen. Er kommt von weither, ich glaube ans Schlesien, hier Im Weserlande ist er mal znfällig ans der Wanderschaft hängen geblieben, hat bei Hartwteg« eingeheiratet und ist nun mit seinen fünfundzwanzig Jahren schon Pater von >ioel Kindern.
Anfang März überbrachte mir August eine Einladung zum schlachte fest bei seiner Schwiegermutter. Frau Harlivieg ist die Witwe eine« Waldarbeiter« und die Mutter von nenn Kindern, l»rci Sühnen und sechs Töchtern. W« auf zwei Pfädchen, welche i»el Bauern in Diensten stehen, lint die glückliche Mutter alle ihre rinder bet sich; als Ersatz für die au sirr Hause weilenden Töchter l>nt sie von jeder derselben einen außerehelichen Knaben in II)re »rofnnlitterllche Obhut nehmen dilrfen. Etwa« ungewöhnliche Wer ivandtschaftSbeztehnngen ergeben sich daran«, das, jene Knaben in i1 er jüngsten Tochter ihrer Großmutter eine Taute besitzen, die nm ilnige« jünger ist al« Ihre fliessen. Wenn inan hinzu nimmt, das, »er älteste Sohn der Fran Hartwieg verheiraiet und Baier von jivct Kindern ist nnd daß Ich au jenem festlichen Abend auch die Ülrmtt de« zweiten Sohne« In Begleiinug ihre« Töchterchen« au Uas, so wird mau verstehen, das, Irh gar nicht erst den Bersuch machte, In diese« Gewimmel kleiner nnd großer Menschen irgend eine Ordnung zu bringen. Die Verwirrung wuchs noch, al« bald und, meinem Einlressen auch der Stiefsohn der Fran Hartwieg erschien, der die andere Halste de« von ihr bewohnten Siedlung« lause« Innehai. Er ist her Baier von sechs Kindern, deren drei er ü'ilgebracht hatte. Ich begnügte mich, zn meiner dürftigsten Orlen liernnn die .stahl der Anwesenden festzitsteNen nnd gelangte ein shNesst ich de« HauSschlachter« zn der stattlichen Ziffer von dreißig
Eine Runde der Gäste war bereif« abgesiitlert, al« Ich kam. Der Sifd) war mittlerweile neu gedeckt worden mit solchen Bergen tun Mettgnt, mit Schüsseln voll Steak nnd frischer Wurst, die noch dampfend an« dem Kessel geholt war Eine große Flasche Korn- öranniweln stand aus dem Tisch, aber ich sal, mII klangen mir eh, tlnziges Gla« daneben, da« auf seinem dicken Rande die Spuren zahlloser fettiger Münder trug. Mit einem leisen Schauder malt, 1(0 mir den Umtrunk au«, dem ich hier nicht mürbe entgehen llhtnen...
Da dte Kinder spielend in den Ecken diese« Zimmer» nnd Im Nebenranrn lierurnkrochen nnd ein lell der Franen noch mit den letzten Arbeiten der Wurstbereitung nnd de« Aufräumens in der Küche beschäftigt waren, saß Ich mir mit einer kleineren Ansiefe bit« Gäste kreise« zu Tische. Außer Frau Harlivieg waren e« nur Männer, mit denen ich nun zn vespern begann. Sie alle waren anfänglich recht zurildhaltenb. vielleichl infolge meiner Anwesen beit bann aber machten Flasche und Gla« die iltmibe. Da»
ging in der Weise vor sich, daß ein jeder nach dem Trinken da« Gla« neu fühle und e« seinem Nachbarn weiter reichte. Dreimal umkreiste so dte Flasche den Tisch, dreimal batte ich schaudernd meine Lippen an diesen Kelchesrand setzen mlissen - da la«, znm Schluß diese« feierlichen schweigsamen Trankopser«, Frau Hart wieg« Sltessvbn den Mund auf. Er war ein kleiner Mann mit einen, großen Buckel, aus seinem bartlosen Gesicht schillerte die ganze Bersclilagenlieit de« Verwachsenen.
„Nun iß dich man nod> mal ordenillcb satt, Angnst!" wandte er sich an Pnllle«, „da« »st doch deine Henkersmahlzeit heute, morgen kommt der Gendarm wieder...*
Dir ganze Runde lachte, und Augnst Pnllle» schloß sich nicht an« von dieser Fröhlichkeit, die seine drohende Verhaftung au»- gelöst hatte. Die leuchtenden blauen Augen unter dem lief in die Siirn hängenden wirren BIvnbschvps standen ein wenig schräg zueinander und gaben dem Gesetzesverächter einen unbekümmert lustigen Ausdruck.
„Wem, kb dich alten krummen Ziegenbock mit deiner Krieg», kaffe mau ein paar Wochen nicht zn sehen brauche, will Ich gern In» Kittchen gehen. Da kann man noch dazu so wnnderschön ruhig schlafen." Im Vorgeschmack dieser süßen Ruhe feiner Zelle ver schloß er verzückt die Angen:
„O ja" wiederbolie er andächtig, da ist dich eine Ruhe, ganz wundervoll ist dich da» immer da."
„Jawohl..." bestätigte feine Schwiegermutter, „unser Augnst ist ein ganzer Genießer... Dem ist hier bei nn» manchmal zu viel Krach, der bnt seine Nerven."
Mit einem gewissen Stolz blickte sie aus den felnnervlgeu Genießer. Ich mußte laut lachen, al« ich da» spitzbübische Gesicht Ihre« Schwiegersohn« sah, wa« Fran Hartwieg offenbar al» einen An «druck zustimmender Bewunderung aussaßle'
„Was sagen Sie dazu, Herr Dollar", wandte sie sich au mich, „im Sommer hatte dich unser Augnst glücklich mal Arbeit, und die hat er dich natürlicherweise wieder verloren, well er bist) eine» Tage« einfach nicht wieder hingegangeu Ist. Un« hat er natürlich vor gemacht, er ginge bin nach der Arbeit. Jeden Morgen bat müffen Frieda ihm seine Glücke schneiden und dann Ist er mit den anderen lvögezogen, aber bi« In die Fabrik ist er nie gekommen. Geld hat er nntürlkh nie mitnebracht, aber da hal er sich immer anSgeredet. Schließlich sagt dich unsere Frieda, die ist nfim- (kb helle: .Mutter, guck dich mal Augusten seine Stiesel an und seine Hände! Der aTBCttCf Io gar Nicht, mH saue Hände und saue Stiefel kommt kein Mensch von der Arbeit!' U„fre Frieda die kann keiner für dumm verkaufen, Herr Doktor.. Gnck mal rein, Frieda!" rief sie durch die vsseusiehende Tür zur Kilche. lind Frieda steckte ihr lachende« Gesicht dnrcli die Tür, sie lauschte eine Melle frühlkh der nun folgenden Erzählung von Ihre» Manne» Heldentaten:
„Na sa, eine» Tage« sind mir nun nitfern Augusten denn mal beimlkb nachgegangen und dicht vor der Fabrik biegt dkl, der Mensch In den Wald ab. Wir warten noch ein bißchen und gehen dann auch in« Holz nnd wa« sagt dkl, der Mensch dazu: da liegt dich denn unser Angnst Im Gebüsch und bat sich eine Hütte an« Zweigen gemacht und da liegt er dich drin, hat dte Pfeife Im Munde und die Beine übergeschlagen und guckt dich Immer In die Blätter Angnst', sage Ich, .wg« ingchst dn denn hier?'"
„,O Mutier, sagt dich der Mensch da, .hier liege Id) bloß. Ich liege hier den ganzen Tag, liier Ist e« dich so wunderschön, viel schöner al« in der Fabrik! Hier mtlßlest dn auch mal so liegen, Mutier! Hier kann man |o gar nicht ans schlechte Gedanken kommen, wenn dich die Vögel so schön fingen nnd die grünen Blätter miteinander spielen, dann muß man In wieder ein guter Meuscl) werden...', seggie deck da dä Mlnsche.. "
„Da hat er e« aber doch mH seiner Schwiegermutter zu hm gekriegt ..." sagte ich lachend, „vier Wochen kein Geld nnd) Hause zn bringen ..."
„Ach uw' Mer kann denn Ionen Menschen auch böse sein ... Ans da» bißchen Papiergeld kam e« fa schließlich nicht an, Augusten den haben wir können nnd) noch uiit dnrchsüttern... Wir haben ia von allem, was der Mensch braucht, um satt zu werden. Wir haben fönen schönen großen Garten, den müssen


