sie sich auch mal ansehen ... Und dann haben wir noch sechs Morgen Ackerland in Pacht, und eine Kuh und vier Ziegen haben wir, und Milch und Butter haben wir genug — ja, wir haben vor allem..."
„Aber bei so einem Schlachtfest" wendete ich besorgt ettt, „da wird doch gewiß ein viertel Schwein aufgegessen ...?"
„Ach — heute wird nun mal im großen Kessel gekocht! Und dann haben wir ja auch noch sechs Schweine sitzen ... Und wenn es schließlich im Sommer mal ein bißchen knapp wird, beißen wir eben mal kürzer an — nun langen sie man ordentlich zu, Herr Doktor!"
Draußen schlug der Hofhund an. Als das Gebell nicht verstummen wollte, erhob sich der bucklige Stiefsohn und ging hinaus — lief nicht das Schillern einer schadenfrohen Ahnung über seine Züge ...?
Wahrhaftig, er brachte eine Ueberraschung mit: der Landjäger Nagelschmidt erschien mit ihm im Zimmer. Ich sah es kaum, daß einige Gäste aufsprangen, ich hatte nur Augen für meinen Freund August Pullies. Er war ganz ruhig geblieben und lächelte herzlich seinem Greifer entgegen, es schien, als ob ein Vorgenuß der ersehnten Stille seine Züge noch fröhlicher machte...
Der Landjäger winkte huldvoll nach allen Seiten:
„Bleiben Sie sitzen, Herrschaften!" rief er, „ich will nicht stören, ich bin nicht dienstlich hier, ich komme nur gerade vorbei und wollte meinen Freund Pullies nochmal daran erinnern, das morgen früh die Reise losgeht."
Alle lachten laut auf, nur August schmunzelte, er schmunzelte auf eine schlechthin reizende Art ... Mir kam plötzlich der Gedanke, daß er seinen letzten Holzfrevel vielleicht nur begangen habe, um wieder einmal einzulaufen in den Hafen seiner einsamen Beschaulichkeit.
„Kriege ich denn wieder dieselbe Zelle ...?" wandte er sich an den Landjäger, der sich niedergelassen hatte, freilich ohne den freundlich nähergerückten Schüsseln und der Branntweinflasche schon irgendeine Beachtung zu schenken.
„Ach ja ..." meinte der Landjäger, nicht ohne aufrichtiges Bedauern, „er möchte gern wieder sein Einzelzimmer haben ... Aber damit ist es dieses Mal nichts, wir haben das ganze Haus übervoll. Dieses Mal haben Sie Gesellschaft, Sie liegen zu viert im Zimmer. Na — vielleicht das nächste Mal!" Er mochte Augusts jähes Erbleichen wohl bemerkt haben.
Augusts verstörtes Schweigen warf einen schmerzlichen Schatten auf den weiteren Verlauf dieses festlichen Abends, dessen Beginn vom Glanz seiner frohen Erwartungen so heiter überhaucht war...
Zwei Wochen später traf ich Frau Pullies auf der Straße. Sie zeigte mir eine prächtige Postkarte mit dem Heidelberger Schloß, auf dessen Illuminierung durch ein Transparent sie mich voller Stolz aufmerksam machte. August hatte sie geschickt: er hatte das einsame Wanderleben dem drohenden Massenquartier im Amtsgerichtsgefängnis vorgezogen, sein Weg strebte weiter nach Süden, dem zeitigeren Frühling entgegen, den er am Bodensee zu erleben hoffte ...
Ich sah die Frau betroffen an, aber auch jetzt verleugnete sie ihr lachendes Einverständnis mit Augusts genießerischen Anwandlungen nicht:
„Ach — Sie meinen wohl, der kommt nicht wieder...? Der ist schon öfter weggemacht und doch immer wiedergekommen, einmal sogar schon vom Gardasee. Da haben sie ihn bis zur Grenze ans den Schub gebracht. Der kommt wieder! Dazu hat er Horst und Karlheinz viel zu gerne, ohne seine Jungens hält der es doch nicht lange aus. Ich denke, wenn dann hier oben bei uns erst richtig Frühling ist, kommt er wieder.
Und dann sind ja auch die Winterstammgäste aus dem Gefängnis wieder ausquartiert, und August allein in seine alte Zelle ziehen und sich von der Reise schön ausruhen. Nein, da bin ich nicht bange — was Pullies ist, der kömmt spätestens zu Pfingsten wieder!"
Eine Besteigung des Adamspik auf Ceylon.
Von Universitäts-Garteninspektor i. R. Friedrich Nehnelt.
Es war am 18. Januar 1914, als der langgezogene Pfiff der Lokomotive früh um 5 Uhr die Bewohner des stillen Bergstädtchens Banbarawela im Süden von Ceylon gelegen, daran erinnerte, daß bei Morgengrauen der Zug nach Colombo abgeht. Diese Gelegenheit benützte ich zur Weiterreise zum Adamspik. Außer mir waren noch zwei Engländer in dem gleichen Abteil, die es sich gleich nach der Abfahrt in ihrer Weise bequem machten, indem sie auf die Polster ausgestreckt, in landesüblicher Weise, aus der Schwüle des Wagens ihre Beine zum Fenster durch das niedrige Fenster in die frische Morgenluft hinausstreckten. Auf diese Weise blieb ich der alleinige Nutznießer der Fenster an der Talseite, und da die Bahnlinie in beträchtlicher Höhe am Hang des Gebirges entlang führt, stand mir ein besonderer Genuß bevor. Zunächst war freilich die ganze, meist mit Tee bepflanzte Gegend in wallenden Nebel gehüllt und die blauen Berge am Horizont mit Wolken verhängt. Als aber über ihnen, einen strahlend schönen Sonntag versprechend, die Sonne aufging, Nebel und Wolken, Berg und Tal in rosigen Schein tauchend, war der Zug bereits etliche hundert Meter höher, so daß das ganze wellige Hügelland der Graslandschaft Uva wie auf einer Reliefkarte aus- gebrcitet zu Füßen lag. Eine der langgestreckten Hügelketten reihte sich hinter die andere, immer weiter cmporsteigend, bis zu dem abschließendem Gebirgszug der Ferne, wo Himmel und La'/) zu- sammenzuflieben schienen. Am Grunde der tief eingeschnittenen
Täler aber, öle sich zwischen den kahlen Höhenrücken hinziehen, gewahrte man deutlich oder in der Ferne auch nur als schmale, dunkle Linie angedcutet, grüne Wälder, aus deren Wipfeln ver- einzelte, von blühenden Schlinggewächsen übersponnene Kronen, Riesensträutzen von Blumen gleichend, hervorragten. Die den heftigen Winden ausgesetzten Höhenrücken sind, wie erwähnt, ohne jeden Baum- und Strauchwuchs. Erst nachdem der Zug eine Seehöhe von 1600 Meter erreicht hat, tauchen verkrüppelte Rhododendron auf, deren lederartig dicke Blätter den Winden Widerstand zu bieten vermögen. Mit zunehmender Höhe werden sie zahlreicher, zugleich auch in ihrer Wuchsform stattlicher und schließen sich schließlich, dem Wasserreichtum des schwarzen Bodens entsprechend, zu geschlossenen Beständen zusammen.
Bei etwa 1800 Meter verändert sich die Landschaft. Gewaltige Felsmassen türmen sich übereinander, zwischen denen tosende Vergbäche schäumend in die Tiefe stürzen, darüber das dunkle Grün des noch unberührten Urwaldes, an das der Mensch die Hand noch nicht legte, weil der steinige Boden die Arbeit nicht lohnt.
Im Januar ist es noch früh im Jahr. Um diese Zeit herrscht daheim noch tiefer Winter. Auch auf Ceylon steigt der Frühling erst im Februar oder gar erst Anfang März in den Gebirgswald hinauf. Dann ist dieser ein Farbenwunder und in der Massenwirkung nur mit der Herbstfärbung des deutschen Waldes vergleichbar. Neben leuchtendem Scharlach sind violette, hellrote, weiße, hell- und dunkelbraune Töne vorherrschend. In einem solchen Zauberwald, dessen Herrlichkeit nur 10 bis 14 Tage dauert, ’ gibt es auch blühende Bäume, vor allem herrlich blühende, in die ! höchsten Wipfel steigende Lianen,' aber dieser bunte Farbenglanz, ■ den noch kein Maler gemalt hat, stammt nicht von Blüten, es sind - vielmehr die ersten Sprossen des neu erivachten Lebens mit ihren ' zarten, noch unentwickelten Blättern. Diese Zeit war noch nicht 1 gekommen, doch an Blumen fehlte es nicht.
j Als der keuchende Zug jenseits der Wasserscheide mit verdoppelter Schnelligkeit abwärts zu eilen begann, veränderte das Bild i sich sehr bald. An den tiefen Einschnitten der Bahn erschienen im grünen Gewirr der Glcichenien und NephrolepiSfarne verwilderte Agaven, und wo der Blick sich weitete, sah man nur noch die regelmäßigen Reihen der niedrigen Teebüsche. Auch ihr frisches Grün wirkt wohltuend, vermag aber nicht die Ocde zu bannen, die man empfindet, wenn während der stundenlangen Fahrt in den endlosen Teeplantagen höchstens hier und da kleine Gruppen grauer Tcepflückerinnen auftauchen, deren Arbeit auch in den Plantagen der Engländer nicht ruht. Time is Money. Es war 2 Uhr nachmittags, als das heutige Ziel, die Ausgangsstation zum Adamspik, Hatton, erreicht war.
Man hätte in der Voraussicht auf die Strapaze» der folgenden Nacht nach dem Mittagsmahl einige Stunden ruhen sollen, aber die großen gelben Erdorchideen, die der Engländer Affodillorehis nennt, verlockten zu einem weiteren Ausfluge. Auf Ceylon wandert man auf dem Bahnkörper. Niemand verwehrt es, es ist der bequemste Weg, auf dem man sich nicht verirren kann. Kommt ein Zug von vorn oder hinten, so tritt man bescheiden zur Seite und läßt ihn vorüberbrausen. Man muß nur achtgeben, daß eine derartige Begegnung nicht aus einer Brücke vor sich geht.
Von Hatton zum Fuße des Adamspik ist noch ein Weg von rund 40 Kilometer. Derartige Entfernungen legen zu Fuß nur die Pilgerer und Kulis zurück. Sonst fährt man. Das gebt des Nachts vor sich. In meinem Falle ging der zu diesem Zweck gemietete Wagen um 8.30 Uhr ab. Auf dem leichten Gefährt nehmen , Platz vorn der Kutscher und der Führer, hinten der Boy mit \ seinem Herrn, außerdem durch Aufspringen beim Abwärtsfahren i noch der sonst vorauseilendc Kuli.
Die Fahrt gebt in schnellem Tempo im Dunkel der Nacht berg- ! auf, bergab. Ertönt die am Wagen angebrachte große Glocke, so : bedeutet das für die entgegenkommende Wagenkolonne von Büffel- gespannen, daß einem Weißen Platz zum Vorbeifahren gegeben werden mutz. Bei solchen Anlässen tritt der vorauseilende Kuli in Tätigkeit, der mit grotzem Stimmenauswand für das Ansehen des Europäers Sorge trägt. Diese mit Teekisten aus den zahlreichen Teesabriken und Pflanzungen beladene Fuhrwerke wählen für den Transport zur Bahn die kühleren Nachtstunden, aus Rücksicht auf die während des Tages durch Ungeziefer gepeinigten Zugtiere.
Die Mitternachtsstunde war längst vorüber, als int ungewissen Schein des zunehmenden Mondes, besten Sichel in den Tropen mit den Hörnern nach oben wie ein Kahn am Nachthimmel zu schweben scheint, das mächtige Massiv des gewaltigen Bergriesen in überwältigender Grütze vor uns lag. Die Pferde wurden untergebracht, die mitgebrachte Laterne des Führers entzündet, das not- ivendiqste Gepäck verteilt, der Anstieg begann. Es war kurz nach 12.30 Uhr.
Hier sind einige Angaben nötig. Der Adamspik mit seinen 2205 Metern ist nicht der höchste Berg Ceylons, aber der eigenartigste. Man erkennt seine zum Himmel turmartig aufragende Gestalt bereits, wenn bei der Annäherung die ersten Umriste des Landes aus den Fluten des Indischen Ozeans auftauchen. Der Anstieg auf der hier beschriebenen Seite les gibt noch einen anderen) liegt bet 1000 Meter. Es bleiben also noch 1260 Meter zu ersteigen. Man rechnet in unserem Alpengcbiet durchschnittlich 300 Meter in der Stunde. Die Rechnung stimmt auch für den Adamspik, doch mutz die hohe Wärme bis zu einer gewissen Höhenlage mit in Betracht gezogen werden.
Um die Bedeutung des Berges recht zu würdigen, den der Adamspik in der ganzen buddhistischen Welt bis nach China und Japan genietzt, mutz man wissen, daß jeder Bekenner dieser Religion verpflichtet ist, soweit seine wirtschaftlichen und physischen Kräfte es erlauben, einmal im Leben eines der drei Heiligtümer


