Ausgabe 
5.1.1934
 
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Da« -euMe Stammbuch.

Eine Quelle der Familieusorschung.

Von Dr. Rolf Gärtner.

Die neu erwachte Besinnung auf die Ahnen, denen der Lebende sein Blut und Wesen verdankt, auf das eigene Geschlecht, dessen Verzweigungen und Verästelungen uns die Brücke in ehrwürdige Vergangenheit schlagen und den Sinn für Ueberlieferung stär­ken, hat die Bedeutung der Familienforschung weiten Kreisen klar gemacht. Diese Wissenschaft ist zwar noch jung, sie hat aber einen Vorläufer in der Sitte der Wappen- und Stammbücher, und solche Dokumente haben manch kostbares genealogisches Zeugnis auf- bewabrt. Die Gesinnung, aus der der Stammbach-Vrauch entstand und durch Jahrhunderte blühte, wird gekennzeichnet durch ein Wort des alte» Chronisten Martin Zeller:Das Gedächtnis des Menschen ist hinfällig: wenn man aber alle Jahre nur einmal solch ein Stammbuch durchgeht, so kann man sich der an weit ent­legenen Orten gemachten Freundschaft wieder erinnern, und wird auch dadurch oftmals manche Trauriakeit vertrieben." Im all­gemeinen war der Kult des Stammbuchs in jüngster Zeit auf die Tage der jugendlichen Schwärmereien und Freundschaften, aus das Knaben- und Backfischalter beschränkt, während früher auch Herr­schaften im gesetzten Alter mit Liebe und Leidenschaft Widmungen für ihrAlbum" sammelten. Ein besonderer Freund war das

Stammbuch dem Studenten. Jetzt sind Anzeichen dafür vorhan­den, daß es wieder allgemeinere Verbreitung findet.

Wenngleich man für die Stammbuchsitte ehrwürdige Vorbilder . im sagenhaften Dunkel der alten Geschichte gesucht hat, so laßt sich doch der Brauch nicht weiter zurückverfolgen, als bis um die Wende des 15. und 16. Jahrhunderts. Die Stammbücher leiten sich, wie schon ihr Name verrät, von den Familien- und Ge- schlechterbüchern des Mittelalters her, die die Ritter beim Tur­nier zum Beweis ihrer adligen Abstammung vorlegten. An die Stelle der Wappen, Stammbäume und Aüelsbriefe des eigenen Geschlechts traten allmählich die Wappen von Verwandten und Freunden, die man bei der stark heraldischen Neigung deö spaten Mittelalters während der Feste und Besuche zum Andenken an ein fröhliches Beisammensein von geschickten Wappenmalern dem Stammbuch" oderStandbuch" einverleiben lieben. Solch fürst­liche und ritterliche Wappenbücher, die bereits Datum und Na- mensuntcrschrift nebst Emblemen, Devisen und sonstigen kernigen Denksprüchen enthalten, sind aus dem 15. Jahrhundert aus utt» gekommen. Zur Zeit der Reformation faßte die Sitte dann auch bei Gelehrten und Studenten festen Fuß, wo sie ihre hanptsach- liche Blüte erleben sollte. Luther schrieb fromme Sprüche tn die Bücher, die ihm seine Besucher vorwiesen, und Melanch- t h o n warf seine auf lange Zeit hin maßgebende Autorität für die Einbürgerung solcher Merkhefte in die Waagschale. Bald legten sich auch Patrizier und HandwerksgesellenAndenkbüchlein an. Neben dem einfachsten Heft erschienen kostbare Pergamentb >nde, die künstlerischen Schmuck erhielten. Interessante, kunst- und kul­turgeschichtliche wertvolle Bilder, für die es besondere Stamm­buchmaler gab, finden sich vielfach im 17. und 18. Jahrhundert. Das herrlichste Kunstwerk ist jedoch Lukas Cranachs Stamm­buch, dessen Aquarelle den ganzen Umfang seiner reichen Be­gabung atmen. Auch im Auslande gewann die Sitte Anhänger,' ihre Hauptpflege aber fand sie in Deutschland, rote Martin Zeller bezeugt:Die Ausländer achten sich der Stammbücher nicht viel, aber die Deutschen haben vielfältig im Brauch, solche auf ihren Reisen mit sich herumzuführen." m t ,,

Als ein fester, nicht selten reich gezierter Band mit prachtvoll bemaltem Titelblatt bot sich das Stammbuch dar. Ein Spruch zu Anfang wies auf Sinn und Zweck des Ganzen hin, wodurch tm humoristischen Ton an ungeschminkte Wahrheit, freundliche Weis­heit, und wohl auch geziemenden Anstand bei den Eintragungen gebeten wurde. Lange ist Latein die Sprache, die vorherrscht, dann wird es durch Französisch abgelöst,- erst im 18. Jahrhundert beginnt das Deutsche sich den hervorragenden Platz zu erobern. Den Adligen und Professoren ist noch tm 17. Jahrhundert vielfach der vordere Teil des Buches vorbehalten, während sich alle Kame­raden und sonstigen Personen bürgerlichen Standes nut den letzten Blättern begnügen müssen. So spiegelt das Stammbuch die strenge Rangordnung und Trennung der Klassen im Barock wieder. Mancher eifrige Sammler hatte eine ganze Anzahl Bücher, in die er je nach Stand und Würdigkeit nur Adel, nur Professoren, nur Studenten sich eintragen ließ. Auf Reisen biente cm Stamm­buch zur Legitimation, zur Empfehlung, überhaupt zu besserem Fortkommen. Mancher frönte nur der lieben Eitelkeit, wenn er sich an hohe Herren und Berühmtheiten mit der Bitte um Ein- zeichnung wandte. Schließlich wurde cs sogar zum Betteln miß­braucht, indem fahrende Scholaren beim Ueberreichcn ihres Stamm­buches zugleich um einen Zehrpfenntg baten. Auch einenGrund zum Trinken" bot es: man leerte nämlich beim Kommers auf das Wohl jedes im Stammbuch verzeichneten sein Glas. Doch solcher Mißbrauch konnte den guten Kern der Sitte nicht zerstören, die einnachdenksames Erleben und Durchleben von Freunöschafts- und Liebesbeziehungenbeförderte, Famtltenbande lebendig erhielt und uns Nachlebenden ein farbiges Abbild vergangener Stim­mungen aufbewahrt hat. .

Das Jahrhundert der Reformation offenbart sich nut seinem herrlichen Biedersinn, seiner grobtantschen Derbheit und pedan­tischen Gelehrsamkeit. Wir tun einen Blick in die wilde aben- teu-'rreiche Zeit des Dreißiaiährigen Krteaxs, da der Stud"nt sich rasch als Soldat fühlt und Bürger wie Bauern schindet. Kriege­rische Klänge erschallen, rote z. B.:

Munter, frisch zu Felde ziehen, Pulver, Blitz und Bley anssprühen, Tra ra ra bum dibi bum. Weidlich fluchen, balgen, raufen, Und Tabak in Saufen saufen Ist Soldaten Proprium.

Die Wüstheit dieses traurigen Zustandes wird abgelöst von den harmloseren Tollheiten des Burschenlebens, die ein und em= halbes Jahrhundert lang in allen Tonarten in den Stammbüchern gepriesen und verherrlicht werden. Das Trifolium von Wein, Weib und Gelang triumphiert über alle anderen Genüsse der Welt, aber Tabak, Kaftee, Jcmd und Spiel werden darum n'ckit vernachlässigt. Das Lob der Schönen, der Preis des Kusses, die Vorzüge des Bieres, sie nehmen sich nicht minder ehrlich aus in den steifen Alerandrtnern der schlesischen Schule als in der leich­teren Rhythmik und graziöseren Anmut des anakreonttschen V--r- ses. Lustige Bilder des Studentcnlebens werden entworfen. We­niger erlebt nehmen sich zumeist die Weisbeitlebren und Tugend- preisungen aus. es sei denn, daß ein würdiger Professor mit aller Gravität und Sittenstrenge Cicero zitiert oder ein eigenes Sprüch­lein zulammenretmt. , t

Fe näber die Zeit der Klassiker heranrü-it, einen desto bedeut­sameren und ernsteren Inhalt empfangen die Stammbücher. Hier

Zwei Damen wurden ihm gemeldet: seine junge Briefschrei­berin kam in Begleitung einer älteren Dame. Beide waren ver­legen, der junge Offizier, der noch geschwächt von Blutverlust, .. Schmerzen und Anstrengungen im Bett lag, hatte einen Augen- % blick ein Gefühl frohen Glückes, wie er das blühende, Weitere Gesicht- des jungen Mädchens sah, dann überkam auch ihn die /"Scheu -und. das Bewußtsein der eigentümlichen Lage. Aber rote - dllS iüngc: Mädchen das bei ihm spürte, da verwandelte sich ihre fnqenteü; über das leicht gerötete Gesichtchen zuckte es lustig, (aitew Augen sprühten neckisch, und es war, als ob sie plötz- acken wollte. Da begann die ältere Dame zu erzählen.

"JÜäSi'e'JBar es, die den ersten Brief geschrieben hatte. Die Muk- "'ter ihrer Begleiterin ivar die Freundin, bei welcher sie in Ber­lin zu Besuch war. Sie sah mit etwas schwermütigem Lächeln den jungen Mann an und sagte:Das dachten Sie wohl nicht, als Sie den Bries lasen, daß ihn ein altes Mädchen von fünfzig Jahren geschrieben hatte?" Der Leutnant fühlte, wie er verlegen wurde, und versuchte Beteüerungen: die Dame schnitt seine Rede mit einer Handbewegung ab und fuhr fort:Ich muß mir immer ins Gedächtnis zurückrufen, wie ich als Zwanziglährlge über Frauen von fünfzig Jahren dachte: wir fühlen ja nicht, daß wir alt sind. Als mein Paket abgegangen war, wurde nur erst be­wußt, daß ich ganz falsch geschrieben hatte und ich schämte mich; über meinen Brief überhaupt, und bann, day ich ihn so geschrieben hatte." Wieder wollte der Leutnant sprechen, aber ein gütiger Blick der Dame ließ ihn wieder schweigen. Sie fuhr fort.Wir saßen an einem Abend um den runden Tisch zusammen, meine Freundin, die Kinder und ich, jedes mit seiner Arbeit. Hier Mathilde sie deutete auf das errötende junge Mädchenhatte neues Strick­garn geholt und betrachtete zerstreut das Zeitungsblatt, das als Hülle gedient hatte. Plötzlich rief sie aus: Das sind ja deine An­fangsbuchstaben! und wies mir Ihre Anzeige. Ich las und muß mich wohl verraten haben, denn alle riefen mir zu. Nun wäre ich doch in ein falsches Licht gekommen, wenn ich länger geschwiegen hätte, deshalb erzählte ich von meinem Brief, und die guten Kin­der verstanden auch alles, wie es gemeint war: Mathilde drückte mir die Hand und küßte mich, um mir über die Verlegenheit ^J^wollte den Brief nicht von der Post holen: meine Freundin lächelte, und ich dachte mir: sie denkt, daß ich doch recht alt­jüngferlich bin. Nun, das ist ja wahr: ich bin doch auch eine alte Jungfer: ich weiß ja, daß die den Leuten immer etwas komisch vorkommen: daran muß man sich eben gewöhnen und darf es die andern Menschen nicht entgelten lassen: ich denke, wenn man sich Mühe gibt, dann kann man doch den Menschen etwas nützen, nicht wahr?" Sie wendete sich zu Mathilden, die in ihren Schoß blickte und eine Träne im Auge glänzen hatte. Dann fuhr die Dame fort:Hier, unsere Mathilde stand auf und sagte:Ich will den Brief holen: wer weiß, ob nicht ein armer Mensch im Schützengraben draußen liegt, der sich nach einem Liebeszeichen aus der Heimat sehnt."Meine Freundin nickte lächelnd: mir selber wurde ganz schwer ums Herz, wie ich da sah, was das Weib sein kann: Frau und Mädchen, und ich dachte tritt, ich will nicht bitter werden, ich habe es mir geschworen, daß ich keine häß­lichen Gedanken haben will.

Matbtlde ging tapfer zur Post, bezwang sich und verlangte den Brief. Sie hat Ihnen die Wahrheit geschrieben, wir haben alle geweint über ihn, und ich habe gedacht: rote unrecht handle ich doch, wenn ich mit meinem Geschick hadere, in meinem wohlbe- hüteten Leben. Dann antworteten Sie wieder, Mathilde schrieb zurück: alle Ihre Briefe kennen wir, alle Antworten Mathildens kennen wir auch ...!" ~ ....

Hier erhob sich Mathilde und sagte zu 6er Dame:Wir muffen gehen, wir sind schon zu lange geblieben." Sie vermied den Blick des junaen Mannes. Sv nahmen die beiden denn Abichted.

Die Verwundung heilte alücklich: der junge Offizier bekam noch öfters Betuch von den Beiden, von Mathildens Mutter, von den anderen Schwestern,- als er das Zimmer verlassen durfte, suchte er die Freunde in ihrer Wobnung auf; und ehe er wieder ins Feld zurückgtng, fand die Verlobung zwischen ihm und Mathil­den statt.