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Eichener ZamilieMät
Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger
Hummer \
Freitag, den 5. Januar
Jahrgang 1933 1/
Dreikönige.
Von Hans Leifhelm.
Drei Könige ziehen landein, landaus,' Und kehren wieder im jährlichen Kreis, Drei wandernde Könige ohne Haus, Sie suchen den Stern, den niemand weiß.
Wo irgend verloren ein Licht erglüht. Dort sind sie nächtlicherweile zu Gast, Sie singen ein fremdes vergessenes Lied, Daß dich ein süßes Heimweh erfaßt.
Sie ziehen drei schützende Ringe ums Haus, Äaran die Welle der Zett zerbricht, Sie spenden die dreifache Gabe aus
Von Weihrauch, von Myrrhe, von goldenem Licht.
Sie scheiden, sie wandern für und für — Horch, Herz, in die einsame Nacht hinein, Es gehn viele Füße, laß offen die Tür, Es werden vielleicht die drei Könige sein.
Oie Liebesgabe.
Eine Geschichte von Paul E r n st.
Bei einer der großen Schlachten, welche im Weltkrieg sich wochenlang hinzogen, lag ein junger Leutnant mit seiner Truppe in einem Schützengraben. Die Leute hatten sich den Aufenthalt so behaglich wie möglich gemacht,' sie hatten sich einen Raum von der Größe einer kleinen Stube im Boden ausgegraben; aus dem nahen Dorf, das längst von den unglücklichen Einwohnern verlassen war, hatten sie Stroh und sogar einige Matratzen geholt; ein Mann besaß eine Ziehharmonika und spielte oft, indessen die andern, behaglich rauchend, ihm zuhörten, und der Posten mit dem Glas vorsichtig hinter der Deckung vorlugend den Feind beobachtete. In der Luft das Zischen, Sausen, Heulen und Krachen der Granaten und Schrapnells war ihnen längst gewohnt geworden. Durch eine vorsichtig herankriechende Ordonnanz wurde ein dickes Paket mit Liebesgaben gebracht. Die Leute öffneten es jubelnd: da war ein Kistchen Zigarren, Strümpfe, eine wollene Jacke, eine Schachtel mit Knöpfen, Zwirn und Nadeln, ein Paket gemahlener Kaffee und noch mehr dergleichen, das wohl von liebevoll besorgten und freundlich gesinnten Personen gesammelt und eingepackt wurde. „ . .
Der Leutnant saß etwas abseits von den Leuten aus einer Matratze. Er freute sich über die Fröhlichkeit der Leute, über den heiteren und selbstverständlichen Willen, die Mühsale und Schädigungen des Aufenthaltes nicht Herr über den frischen Mut werden zu laßen; er fühlte auch, daß er zusammengehörte mit seinen Untergebenen, daß kein Mißtrauen und keine Feindseligkeit bei ihnen gegen ihn war, sondern Zuneigung und kameradschaftliches Gefühl; dennoch spürte er sich ausgeschlossen von der allgemeinen Heiterkeit. Die Achtung vor dem Vorgesetzten lag über den Leuten, nnd ein lachendes Gesicht änderte sich plötzlich dienstlich, wenn die Augen' zufällig nach seiner Richtung fielen Es war das ja nötig wegen der Manneszucht, und es bedeutete nichts Uebles; aber der junge Mann hatte doch plötzlich das Gefühl einer grenzenlosen Vereinsamung.
Die Mannschaft batte leise miteinander gesprochen, dann trat der Unteroffizier auf ibn zu, brachte ihm die gestrickte Jacke und sagte, sie hätten bemerkt, daß der Herr Leutnant nnr seidenes Unterzeug habe, das bei der nunmehr einsetzcndcn Kälte nicht genüge; sie selber seien mit dem Nötigen versehen und bäten ihn, daß er die warme Jacke nehmen möge. Einen Augenblick dachte der Offizier, daß er die Gabe abwciscn müsse, dann überkam ibn die Freude über die vielevolle Gnsinnuna. er nabm das Dargebotene und dankte allen. Wie eine beiße Glückswelle strömte ihm die Freude über die liebevolle Gesinnung, er nahm das Dargebotene werde schon nervös", dachte er.
Wie er nun die Jacke auseinandcrleate, um sie zu betrachten, füllte er Papier; er schlug sie um und fand inwendig, mit Garn festgeheftet, einen Brief. In dem mit zierlicher Fraucnhand geschriebenen Brief stand folgendes zu lesen:
„Dieser Jacke, die ich gestrickt habe unter den herzlichsten Wünschen für den Mann, der sie einmal tragen soll, füge ich einen Bries bei. 'ich weiß nicht, in ivelche Hände beides fällt; aber tch möchte dem Unbekannten einen Gruß senden.
Ich habe keinen anderen Menschen, dem ich einen Gruß senden kann, dem ich Herzliches wünschen darf. Meine Eltern sind tot, Geschwister habe tch nie besessen, meine Eltern waren einsame Leute ohne Verwandtschaft, bet fremden Leuten bin ich erzogen. Jetzt bin ich bet meiner Freundin zu Besuch. Wenn ich sie verlasse, dann kehre ich wieder in meine einsame Wohnung zurück.
Der Mann meiner Freundin steht im Feld. Sie wartet herzklopfend auf jede Post, studiert weinend die Verlustlisten. Ich sehne mich so danach, herzklopfend auf die Post zu warten, tch sehne mich nach Tränen der Besorgnis um einen Menschen, den ich lieben kann."
Unter diesem Vries standen zwei Buchstaben: R. Z.
Der junge Offizier riß zwei Blätter von seinem Block und schrieb:
„R. Z.! Ihren Brief hat ein Mann erhalten, der einsam ist wie Sie. Ich habe meine Eltern nicht gekannt, habe meine ersten Jahre bei meinem Oheim gelebt und wurde dann in das Kadettenkorps gebracht. Wenn meine Kameraden in den Ferien in die Heimat reisten, mußte ich bleiben; ich hatte ketne Heimat. Ich bin ärmer als Sie, ich habe noch nicht einmal einen Freund. Ich sende diesen Brief auf Geratewohl, wie Sie den Ihren Ihrer Gabe beigefügt hatten."
Diesen Worten fügte er seinen vollen Namen mit Anschrift bei. Dann erkundigte er sich bet den Leuten nach dem Herkunftsort des Pakets. Es war aus Berlin gekommen. Er schrieb auf den Briefumschlag die beiden Buchstaben R. Z. und richtete -ihn postlagernd Berlin, Hauptpostamt.
„Weshalb hatte sie nicht ihren Namen unterschrieben?" dachte er in der Nacht. „Was habe ich für einen Unsinn begangen, einen solchen Brief abzusendcn!" dachte er weiter. Er lachte für sich und dachte: „Er wird einige Wochen auf der Post in Berlin liegen, dann wird man ihn mit andern alten Briefen verbrennen — oder wird man ihn öffnen, um den Absender zu erfahren?" Es war ihm ein unangenehmer Gedanke, daß man den Brief vielleicht ° ^Aber der Brief wurde weder verbrannt, noch eröffnet, sondern er wurde von einem wunderhübschen jungen Mädchen abgeholt.
Das kam so. „ , ,
Am anderen Tage hatte der Leutnant beschlossen, noch etwas Besonderes zu tun, und hatte an eine große Berliner Zeitung eine Anzeige geschickt: „R. Z-, Antwort xom Empfänger der Jacke liegt postlaaernd Hauptpostamt." Nach etwa einer Woche erhielt er folgenden Brief: , _ .
„Geehrter Herr Leutnant, wir sind fünf Schwestern zu Sause; das ist etwas viel, nicht wahr? Ich bin die mittlere und bin erst achtzehn Jahre alt. Ueber Ihren Brief staben wir den ganzen Tag geweint. Weil ich allein den Mut gehabt hatte, ihn abzubolen. so darf ich ihn anch allein beantworten, aber die andern lassen Sie wenigstens grüßen." Dann folgte der volle Name des Mädchens.
Der junge Offizier sah wobl, daß sein Brief durch irgendeine Verwicklung in ganz andere Hände geraten war, als er ihn bestimmt hatte; aber er freute sich doch über den zierlich goldgeränderten Bogen. die mädchenhaften Schriftzüge, und in den langen Stunden der Muße, ivelche er jetzt hatte, versuchte er sich ein jugendliches Gesicht vorzustellen, das der Briefschreiberin angehören mochte. Er antwortete auch, einen längeren Brief, wie der erste gewesen war, bekam wmder Antwort zurück; und es folgte dann ein heiterer; neckischer Briefwechsel; es war, als hätten sich beide Teile das Wort gegeben, nichts von dem Ernsten und Schweren des Krieges sich merken zu lasten: der Vater und zwei Brüder des jungen Mädchens waren gleichfalls Offiziere und stand<m im Feld, und der junge Mann lag den feindlichen Kanonen und Gewehren gegenüber, und jeden Augenblick konnte ihn eine der Kugeln treffen
Und es traf ibn auch eine Kuael. Er hatte mit dem Glau spähend die feindliche Stellung beobachtet und war dabei wohl etwas zu sichtbar aeworden: plötzlich fühlte er einen Schlag aegen die linke Schulter Die Verwundung war kehr schwer: 6er ArE bestimmte, daß er eine weitere Reise machen kannte und ?o schickte man Gn denn nach Berlin Aus dem Lazarett kchmeb er seinen ersten Bries wieder an die Nnb-kannte erzätzkte alles, und wenn er auch bescheiden nicht ausdrstcksich fmt daß sie ibn besuchen möae. fo stand doch deutlich zwilchen den Zeilen zu lesen, wie sehr er sich über einen Besuch freuen würde.


