bet Marter, ber die Insassen ausgesetzt seien, und rote der zum Lode durch den Strang verurteilte Armesünder eine Kapuze als Ueberzug, damit man die vor Qual gräßlich verzerrten Gesichter ber Mitfahreuden nicht zu sehen brauche. Auch Wilhelm von Kügelgen gedenkt der beiden Postkutschen, die zwischen Leipzig und Dresden verkehrten, nicht mit besonders freundlichen Worten: „Die eine stieß dermaßen, daß Leib und Seele Gefahr liefen, von einander getrennt zu werden, daher besonnene Leute die etwas gelindere zu wählen pflegten; doch war auch diese noch immer von der Art, daß man bisweilen vor Schmerz laut aufschrie, und wenn ber Schwager nicht an jeder Schenke angehalten hätte, so würde man es kaum ertragen haben." Dieses Zusammengerütteltwerden scheint aber auch lieblichere Folgen gehabt zu haben, wie ein altes Reisehandbuch verrät: „Auch dies dürfen wir billig unter die Wohltaten der fliegenden Postkutschen rechnen und zahlen, daß selbige Benutzung wie zu unterschiedlichen Malen vermeldet und beschehen, Gelegenheit zu erbaren Mariagen (Heiratens zu geben pflegte, deren einige gar fürtreffltch reussiret."
Die Chausseegelder verteuerten die ohnehin schon recht kostspieligen Reisen beträchtlich und verlängerten ihre Dauer. Ebenso wie die Postillone waren auch die Postmeister eine Quelle steten Verdrusses. Im Jahre 1801 führte ein pfälzischer Staatsmann in einem Bericht bittere Klage über „die eingerissenen Prellereien und die Willkür der Posthalter". Die Reifeanstrengungen und Gefahren wurden jedenfalls noch Ende des 18. Jahrhunderts allgemein als so selbstverständlich empfunden, daß Kohler in seiner 1788 erschienenen „Anweisung zur Reiseklugheit" empfiehlt, einen tüchtigen Balsam für Wunden und Quetschungen mitzunehmen, und Johann Nepomuk Hecht zählt zu den Erfordernissen eines ordentlichen Reisenden vor allem „christliche Geduld und eine gute Leibeskonstitution". Diejenigen unter uns, die der Postkutschen- Romantik Lenaus wehmütig nachtrauern, mögen sich durch einen Blick auf diese Zeugnisse eines besseren belehren lassen und sich mit der Gegenwart versöhnen, die für die Wander- und Reisesehnsucht der breiteren Volksschichten ein zweckmäßigeres und billigeres Verkehrswesen bereithält als je zuvor.
Das Gold der Ostsee.
Zur Kulturgeschichte des Bernsteins.
Von Dr. Wilhelm Gemperle.
Soeben ist auf Anregung des Oberpräsidenten von Ostpreußen etn Bernstein-Gesetz erlassen worden, das dieses edle Naturerzeugnis vor minderwertigeren Nachahmungen schützen und der schwer um ihren Bestand ringenden Bernsteinindustrie des Sam- landes zu neuer Blüte verhelfen soll. Während das „Gold der Ostsee" oder das „Gold des Nordens", wie es schon früh von den Fremden genannt wurde, bei den Völkern aller Zonen als kostbarster Schmuck gilt, ist es in der engeren Heimat fett einiger Zeit stiefmütterlich behandelt und durch wertlosere Ersatzstoffe verdrängt worden. Jahrtausende schon spielt der Bernstein, der nach Rechnung der Geologen als Harz tertiärzeitlicher Nadelhölzer, besonders des kiefernartigen Pinites succinifer, vor zwei bis drei Millionen Jahren vom Norden her angeschwemmt und aus dem Meerwasser abgelagert worden ist, in der Kulturgeschichte der Menschheit eine große Rolle und ist wegen seiner Entstehung und wegen mancher seiner Eigenschaften lange mit einem geheimnisvollen Schleier umgeben gewesen.
Bereits in vorgeschichtlichen Zeiten ist das „Gold der Ostsee" hoch geschätzt worden, was aus Funden in ägyptischen und mhke- nischen Gräbern aus dem 2. vorchristlichen Jahrtausend hervorgeht. Die älteste Kunde vom Bernstein findet sich in Homers Odyssee im achtzehnten Gesänge, wo es von einem Halsband heißt: „Golden, besetzt mit Elektron, der strahlenden Sonne vergleichbar". Daß die Phönizier ihn selber von der preußischen Küste geholt haben, ist nur eine Sage; sie haben den begehrten Schmuck wohl zumeist durch Vermittlung der Ligurier am Golf von Venedig erhalten, die ihn aus dem hohen Norden mitbrachten. Es ist dagegen erwiesen, daß aus dem von den Phöniziern gegründeten Massilia, dem heutigen Marseille, um 600 v. Ehr. unter Pytheas der alten Handelsstraße durch die Täler der Rhone und des Rheins entlang eigens eine Expedition nach den Küsten der Nordsee entsandt worden war, wo der Bernstein damals ebenfalls gefunden wurde. Thales aus Milet wußte um die gleiche Zeit, daß dieser Stoff eine geheimnisvolle Anziehungskraft besaß, wenn er mit Wolle gerieben war. Eine solche Wirkung konnte nur von den Göttern stammen, und der Stein müsse eine Seele haben, meinten die alten Griechen und nannten ihn Sonnenstein oder Elektron. Die antike Sage hatte für seine Entstehung eine schöne Deutung; seine rundlichen oder plattenförmigen, klar durchsichtigen, durchscheinenden oder trüben Stücke und Körner bezeichnete man als die versteinerten Tränen der Heliaden, der in Pappeln verwandelten Töchter des Helios, die ihren Bruder Phaötou beweinten, eine Vorahnung der viele Jahrhunderte später gegebenen naturwissenschaftlichen Erklärung, die den Bernstein aus dem versteinerten Harz vorweltlicher Bäume herleitete. Die ostpreußischen Bernstein- gnellen find vermutlich erst im fünften vorchristlichen Jahrhundert durch die Etrusker bekannt geworden. Im ganzen klassischen Altertum, bet den Griechen ebenso wie bei den Römern, besonders zur Zeit des Augustus und des prachtliebenden Nero, war das „Gold bc“ Nordens" lockendes Ziel der Schmuckleidenschaft aller Reichen. Ein seltenes Aktenstück ist durch den römischen Geschichtsschreiber Eaisiodorus erhalten worden, aus dem zu entnehmen ist, daß die Aestier, Bewohner des ostpreußischen Samlandes, dem
Ostgotenkönig Theobertch durch eine Gesandtschaft gelben Bern- stein schickten, worauf der Herrscher ihnen als Zeichen des freudigen Dankes und wohl auch als Beweis seiner Gelehrsamkeit mitteilte, was Taeitus in seiner „Germania" von dem schönfarbigen Material zu berichten wußte.
Seit altersher ist der Bernstein nicht nur als Schmuck begehrt worden, sondern man hat ihm schon immer heilkräftige Wirkungen zugeschrieben. Es wird überliefert, daß man zur Blütezeit Athens vielfach mit der kostbaren Ware aus dem Norden massiert habe, um die Tätigkeit der Muskeln anzuregen. Auch der berühmte römische Arzt Galenus vertrat die Anschauung, daß Bluthusten und Ruhr mit Bernstein zu heilen wären. Nach dem damals in der Heilkunst geltenden Grundsatz, daß Gleiches vom Gleichen angezogen wird, war es nur natürlich, daß er außerdem als etn bewährtes Mittel gegen die Gelbsucht galt. Man meinte, daß die krankhaft gelbe Farbe Kes Körpers in das Goldgelb des fremden Steines übergehe und dem Menschen die ungesunden Säfte entziehe. Daß ein so seltsamer Stoff mit magischen Eigenschaften, u. a. von einer unerklärlichen Anziehungskraft, in dem dafür so empfänglichen Mittelalter in der volkstümlichen Heilkunde eine große Rolle spielte, erscheint nicht weiter verwunderlich. So röstete man Bernsteinkugeln mit geriebenem Roggenbrot zu gleichen Teilen und empfahl diese Mischung gegen allgemeines körperliches Unbehagen. Noch der medizinische Berater Melanchthons, Severin Göbel aus Königsberg, verschrieb dem „hochgelahrten Herrn Philippe" Küchlein aus „Bernsteinmehl". Welche grundlegende Bedeutung dem Bernstein in der Heilkunde der damaligen Zeit zu- geschrieben wurde, geht aus der Tatsache hervor, daß der bereits erwähnte Severin Göbel ein Werk von mehreren Bänden „History und eigentlicher Bericht von Herkommen, Ursprung und viel- felttgem Brauch des Börnsteins" schrieb, das in weiten Kreisen aufmerksame Leser fand. In einem alten medizinischen Traktat wurde Augenletdeuden empfohlen, ein Bernsteinöl einzunehmen, in dem vorher ein Habicht gekocht worden war. Hinter dieser Verordnung stand der Glauben, daß die oft gerühmte Sehschärfe des Raubvogels auf diese Weise auf den Augenkranken übergehen würde. Die tief eingewurzelte Ueberzeugung von der Heilkraft des Bernsteins ist übrigens noch keineswegs ausgestorben. Nicht nur bei fremden Völkern verbindet sich mit ihm der Glaube an schützenden Zauber und Abwehrkraft gegen Krankheit und Mißgunst der Menschen, sondern in seinem Ursprungslande selber legen die Bäuerinnen ihren zahnenden Kindern die uralte Bernsteinkette als vermeintlich bestes Mittel gegen die Beschwerden um den Hals. Aufschlußreich für die vielseitige medizinische Verwendung des Bernsteins ist ein Bild aus dem 16. Jahrhundert im Germanischen Museum zu Nürnberg, das den Heiland als Apotheker hinter einem Tisch darstellt. Neben vielen merkwürdigen Heilmitteln sehen wir eine Reihe kleiner Flaschen und Gefäße für Pillen und Pulver mit der Bezeichnung „Börnstein", „Börnsteinöl" und „Theriak".
Daneben blieb die Wertschätzung des „Goldes der Ostsee" als Schmuckgegenstand unvermindert durch die Jahrhunderte hin bestehen. In den Volkstrachten der verschiedensten Länder galt es als schönste Zierde. Zur Kleidung der Bäuerinnen in Rußland und Holland gehören schwere Bernsteingehänge. In Deutschland ist z. B. die jahrhundertelang weitervererbte und nachgedunkelte Kette aus großen Bernsteinperlen ein Teil der Tracht der Bückeburgerinnen. In der Barockzeit hatte die vielseitige Schmuckverwendung auch an den Höfen einen Höhepunkt erreicht. Die verschiedenartigsten Gegenstände wie Becher, Dosen und Kästchen wurden reich verziert, ja sogar ganze Schränke in Mosaikarbeit wurden mit Bernstein ausgelegt. Peter der Große erhielt im Jahre 1717 von Friedrich Wilhelm T. das berühmte Bernsteinzimmer des Berliner Schlosses als Geschenk.
Bei Völkern des Orients und fremder Erdteile hat der goldgelbe Stein vor allem auch für kultische Zwecke großen Anklang gefunden. Jährlich werden Tausende von mohammedanischen und buddhistischen Betkränzen nach Meffka, Persien und Indien aus- gefüfirt In vielen Zonen der Welt werden geweihte Bernsteinamulette getragen. Die lange Mandarinenkette, das Zeichen höchster Würbe bei den Beamten Chinas und Koreas, ist aus Bernstein und stammt aus den Händen deutscher Arbeiter.
Seit jeher hat das kostbare Naturerzeugnis verständlicherweise zu Nachahmungen und Fälschungen gereizt. Vor allem versuchte man die vielbewnnderteu Vernsteinstücke mit Einschlüssen, kleinen Tieren oder Pflanzen, künstlich herzustellen, denn diese Funde haben stets einen gewissen Seltenheitswert gehabt. Man bettete nun ein Tier oder eine Pflanze in ein entsprechend ausgehöhltes Stück ein und klebte dann einen anderen Teil möglichst unauffällig daraus. Ein anderer Weg war, zwei Teile durch eine Fassung zu vereinigen, nachdem man den Einschluß einne^ügt hatte. Derartige berühmt gewordene Fälschungen sind die N.rn- steinstücke mit einem Frosch und einer Eidechse als Einschluß, die der Herzog von Mantua im Jahre 1557 jtuS Danzig bekam und die von verschiedenen Gelehrten als ein Naturwunder mehrfach beschrieben worden sind. Auch August der Starke bewahrte in feiner bekannten Berusteinsammlnng im Grünen Gewölbe zu Dresden mehrere Bernsteineinschlüsse auf, die zweifellos Fälschungen waren. Die großartigste dieser. Sammlungen erhielt Zar Alexander I. von einem indischen Fürsten zum Geschenk. Darunter waren erlesene Einschlüsse von seltsamen Blättern. Erst später, als man eine genauere Untersuchung vornahm, wurde entdeckt, daß die Stücke aus indischem Kopalharz bestanden, in die man die Blätter nachträglich eingebettet hatte.
Der an iw örtlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Der lag: Drühl'scheUniversitäts-Duch- und Steindruckerei. 21. Lange, Gießen.


