Ausgabe 
4.6.1934
 
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spruchen.

*

Nun, mittlerweile kommt endlich der Königssohn vor Me Dornenhecke.

Und da", nickt Dagmar in dem unverkennbaren Bemühen, den Fluß des Erzählens zu fördern,nahm er seinen Degen und schlug sich durch die Dornen!"

Hm", unterbricht sich der Berichtende überrascht,da möchte ich doch bei Gott wissen, woher du diese bezeichnende Abweichung kennst. Sowohl die hellenischen wie die indischen Zauberschlaf­mythen halten ganz entschieden daran fest, daß die Hindernisse dem Helden zumeist freiwillig nachgeben..."

Ich glaube", bekennt der Vater arglos,das habe ich wohl erfunden."

Obwohl ich mich nämlich keineswegs dafür verbürgen möchte, ohne zuvor im einschlägigen Schrifttum nachgesehn zu haben", erläutert der Besucher nachsinnend,so scheint es mir doch fast, als ob die Erwähnung des Degens deutlich auf bestimmte Ein­flüsse aus dem Litauischen hinwiese. Allerdings..."

Ja, und dann", drängt Dagmar weiter,gab er Dornröschen einen Kutz."

Warte einmal einen Augenblick, mein Kind!", schiebt sie der Onkel, der inzwischen einen Taschenblock hervorgezogen hat, bei­seite,man mühte freilich dabei auch den Abwandlungen nach- gchen, die der Stoff im Böhmischen und Serbischen gefunden hat. Ganz zu schweigen von Frankreich und Südpersien..."

Aber das mit dem Degen", entschuldigt sich der Vater treu­herzig,das habe ich wirklich bloß deshalb so erzählt, weil es mir gerade so einfiel!"

Er verstummt, da die Notizblätter seinen Gatz vollauf bean-

Und dann, mein Kind", bemerkt der Besucher, als er nach ge­raumer Zeit wieder hvchblickt,erwachten Dornröschen, der König, die Königin und der gesamte Hofstaat. Und da wurde die Hochzeit des Königssohns mit aller Pracht gefeiert, und sie alle lebten von da an fröhlich und vergnügt bis an ihr..."

Er hält wie von ungefähr an und sieht sich fragend nach Dagmar um.

Ich glaube", äußert der Vater verlegen,ich glaube, Dagmar ist unterdes in den Garten gegangen,' oder vielleicht steckt sie auch im Kinderzimmerl"

Im Kinderzimmer ?" forscht der andere kopfschüttelnd, sonderbar, wo sie doch selbst verlangt hat, baß ich ihr das Märchen vom Dornröschen erzähle! Und wo sie doch nun zweifellos noch gar nicht den Schluß gehört hat...!"

Ich erzähle ihr ihn bann heut abend", versichert der Vater tröstend,sie wird mich wohl sicher danach fragen denn sie liebt ja das Märchen so!"

Trotzdem scheint es, daß jener Ausweg seinem Gast nur halb zusagt.

Ja, gewiß", sagt er endlich nach einigem Zögern,aber wäre es nicht bester, wenn wir dabei bis auf weiteres daran festhielten, daß sich die Dornen von selbst vor dem Königssohn öffneten? Zu­mal da immerhin zu erwägen wäre, daß betreffs der litauischen Fassung mancherlei dagegen spräche, daß..."

*

Auf jeden Fall indes", bemerkt der Besucher, als er sich eine Stunde danach verabschiedet,wird man mir zugestehen müssen, baß gerade die einzelnen Feinheiten, deren Bedeutung von ober­flächlicheren Beurteiler» nur allzu leicht unterschätzt zu werden pflegen, erst dann ihren vollen künstlerischen Reiz bewähren, wenn man sich ihrer bewußt und somit des märchenhaften Zaubers ge­wahr wird, der unsere platte Alltagswelt so wunderbar ver­wandelt!"

Oie Romantik der Postkutsche und ihre Wirklichkeit.

Kulturgeschichtliches für reiselustige Gemüter i« nuferer Zeit.

Von Dr. Georg Böse.

In dem alten ReisehandbuchMartini Zeilleri Fidus Achates ober Getreuer Reis-Gefert" vom Ende des 17. Jahrhunderts ist zu lesen:Zuvörderst soll ein jeder, ehe er abreist, sich mit Gott versöhnen und den himmlischen Zehrpfennig zu sich nehmen, auch danach all' seine irdischen Schulden bezahlen. Und so ei, seines eigenen Rechts ist und solches zu thun Macht hat, sein Testament zuvor aufrichten, dieweil man oft wohl ausreist, aber nicht immer heimkommt." Die Sicherheit in deutschen Landen war also, wenn wir dem Verfaster dieses altenBaedekers" trauen dürfen, nicht allzu hoch zu veranschlagen, und wir dürfen es unseren Vorfahren nicht verübeln, wenn sie nur in dringenden Geschäften reisten und sich, sobald es um Vergnügen und Erholung ging, lieber zu einem geruhsamen Spaziergang vor den Toren im Schatten der schützen­den Stadtmauern aüfhiellen. Wir brauchen gar nicht erst die Ge­fahren der Landstraße aus dieser Zeit heraufzubeschwören und unsere Vorstellung mit den dunklen Gestalten von Strauchrittern und Wegelagerercrn zu beleben, sondern es genügt, ein Bild der Mühseligkeiten und Beschwerden des Reisens in den vergangenen Jahrhunderten zu entwerfen, nm unseren Sinn gerechter und milder zu stimmen. Wir, die wir in frohem Wandern die Um­gebung unserer Heimatstadt durchstreifen oder uns erwartungsvoll zur Sommerreise rüsten, werden sogar mit Bewunderung gewahr, wie stark der Wander- und Reisctrieb im Deutschen immer ge­wesen ist und daß es ihn trotz aller Schwierigkeiten in die Ferne zog. Ein alter Spottreim gibt dieser unbezwinglichen Sehnsucht in derber Weise Ausdruck:

Wer allzeit bei dem Ofen sitzt, Grillen und die Hölzlein spitzt, Und fremde Lande nicht beschaut, Der ist ein Aff' in seiner Haut."

Im Mittelalter waren Reisen zum Vergnügen und zur Er­holung allerdings sehr selten, denn für den gewöhnlichen Sterb­lichen waren sie weder vergnüglich und erholsam, noch erschwing­lich. Nur hohe Herren und Fürsten mit stattlichem Gefolge suchten wohl ein berühmtes Heilbad auf oder folgten der Einladung eines Freundes in ein wildreiches Jagdgebiet. Die wenigen Haupt­straßen waren aber keineswegs unbelebt. Sehen wir von den fahrenden Gesellen, von den Gauklern, Scholaren und Bettlern ab, die auf Schusters Rappen von Ort zu Ort zogen, so haben die reisenden Kaufleute und Sie Wallfahrer schon seit frühester Zeit einen beträchtlichen Durchgangsverkehr gebildet. Mit der größeren Ausbreitung der Pilgerfahrten trat das fromme Ziel allmählich in den Hnitergrund, und bald gab es manchen Wallfahrer, den nur noch Abenteurer- und Reiselust drängte, seine Heimat zu ver­lassen. Die ältesten Reiseführer sind zum Gebrauch für die Pilger geschrieben, denen genau die Wege angegeben und praktische Rat­schläge erteilt wurden. Im 17. und mehr noch im 18. Jahrhundert würde das Reisen dann in den Kreisen des Adels und der reichen Patrizier als vornehmstes Mittel der Bildung geschätzt. Die Kavaliertour" gehörte damals zur Erziehung der jungen Edel­leute, wie einige Jahrhunderte später das Pensionatsjahr zur Ausbildung desgutbürgerlichen" Mädchens. Von einer derartigen Reise durch Süödeutschland, die Schweiz und Italien hat uns der französische Essayist Montaigne ein anmutiges und farbiges Bild entworfen. Reisen und Bildung: dieser Zusammenklang liegt ganz im Sinne deutscher Ueberlieserung: unsere Dichter haben immer wieder den erzieherischen Wert des Besuches anderer Gaue des deutschen Vaterlandes oder fremder Länder gepriesen. Man suchte aber lange weit lieber die Werke der Kultur und die Stätten der großen geschichtlichen Vergangenheit auf als die Schönheit der Landschaft und die Stille der Natur. Zwar war das Naturgefühl in dem allgemeinen Aufbruch der Renaissance in einigen Geistern mächtig geweckt worden, aber es dauerte noch Jahrhunderte, ehe man z. B. die Alpen nicht mehr alsein gräulich und langweilig Gebirg" bezeichnete und im Meer nicht nur den grimmigen Feind und Störenfried sah. Wenn Mozart auf der Reise nach Prag zu Ende des 18. Jahrhunderts beseligt in einem tannendunklen Wald ausruft:Gott, welche Herrlichkeit, man ist wie in einer Kirche. Mir deucht, ich war niemals in einem Wald und besinne mich jetzt erst, was es doch heißt, ein ganzes Volk von Stämmen beiein­ander...", so tönt daraus der Jubel über die Entdeckung einer ganz neuen Welt, in der die Bäume zu rauschen, die Bäche zu murmeln beginnen und das Auge des Menschen entzückt beim An­blick gewaltiger Bergrücken, dämmernder Ebenen und strahlender Blüten verweilt.

Diese tiefgehenden Wandlungen können wir nicht richtig ein­schätzen, wenn wir nicht zugleich die Entwicklung des Verkehrs­wesens in den letzten Jahrhunderten betrachten. Jeden Fortschritt und jede neue Veguemlichkeit nehmen wir heute mit einem Gleich­mut hin, der uns den Blick für die Verhältnisse trübt, unter denen noch unsere Großeltern reisten. Zumeist ging man früher fürbaß oder trabte hoch zu Roß die Lande. Noch gegen Ende des Mittel­alters wurden die Landreisen auch von den Frauen fast nur zu Pferd unternommen. Vom 16. Jahrhundert ab setzte sich allmählich der 'Rollwagen" als ständigeres Verkehrsmittel durch. Die Post­kutsche wird das eigentliche Gefährt. Von der Romantik, mit der es eine spätere Zeit umgeben hat, war allerdings nicht allzu viel zu spüren. Die Zeitgenossen schildern die Postkutsche jedenfalls im Gegensatz zu Lenau meistens als denschrecklichsten der Schrecken" und die Postillone weniger als empfindsame Nosselenkcr, die in lieblicher Maiennacht ihre Weisen erschallen lassen, sondern als ein Geschlecht derber, trinkqeldhungriqer und alkoholdurstiger Gesellen. Es gehörte damals viel Zeit und Geld zum Reisen, vor allem ein geduldiges Gemüt, das den verwahrlosten Zustand der Landstraßen willig ertrug. Von Berlin nach Stettin brauchte man im Jahre 1657 noch sechs Tage, von Heidelberg nach Nürnberg ebenso lange. Noch die Fürstlich Thurn und Taxissche Post, die Bahnbrecherin unseres deutschen Postwesens, brauchte für den Weg von Frank­furt a. M. nach Stuttgart volle 46 Stunden, von denen allein 15 auf den Besuch der Wirtshäuser entfielen. Daß der Postillon um­warf, gehörte nicht zu den Seltenheiten.

Zuerst war der Postwagen, der Personen-, Brief- und Paket- befördcrung zugleich übernahm, nur eine Art Leiterwagen, besten Kasten zwar meist von einem Lederdach bedeckt war, der aber fest auf der Achse ruhte: die in Riemen schwingenden und gegen die Erschütterungen des Bodens besser geschützten Gefährte kamen erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts auf. Wie wenig die Reise selbst in diesen Wagen zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehörte, be­zeugen die zahlreichen Beschwerden, die uns aus alten Briefen und Berichten heute noch vorliegen. So schrieb der schwedische Kammerrat von Ehren zweig im Jahre 1805:Lasten Sie sich das Vehikel zeigen, bas von Jena nach Halle fährt! Sic werden selbst finden, daß es keinen Stuhl, keinen Sitz, keine Bedeckung, kurz nicht die geringste Bequemlichkeit, Sicherheit, noch Schutz dar­bietet: man ist in Lebensgefahr auf demselben, besonders zur Nachtzeit, wo den Reisenden so leicht der Schlaf überfällt und er wegen Mangels an Lehnen, an Sitz und an Stuhl jeden Augen­blick befürchten muß, vom Wagen herunter zu fallen und zwischen den Nädern auf eine schreckliche Weise verstümmelt zu werden." Lichtenberg fand das Aussehen der Taxisschen Postwagen i durchaus bezeichnend, denn sie hätten die rote Farbe als Zeichen