Ausgabe 
4.6.1934
 
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len kann.

*

murmelt der

Ja, selbstverständlich", pflichtet ihm der Vater bereitwilligst zu.

Wobei ich ganz von der grundlegenden Richtigstellung in den .Abhandlungen der Hessischen Gesellschaft der Wissenschaften schweige", fügt der andere, sich wieder zu Dagmar wendend, ab­schließend hinzu,ja, und als nun das Dornröschen fünfzehn Jahre alt war, stieg es den alten Turm hinauf und ..."

Aber die alte Frau da oben", sagt Dagmar erfreut, daß man sic wieder beachtet,die war doch nicht roeife; die war doch eine böse Fee, nicht wahr?"

Mit Bedauern sieht Dagmar, daß man diese Frage ingrimmig übergeht.

Jahrzehnten darüber im klaren, daß..."

Nun, eben weil die Gebrüder Grimm Vater begütigend.

... daß hier ein Mißverständnis vorliegen muß1", fährt sein Gegenüber lebhaft fort,ich verweise da nur auf den treff­lichen Aufsatz in der Festschrift zum siebzigsten Geburtstag von Alfred Mercantilius, aus dem eigentlich längst zur Genüge her­vorgeht, daß die Spindeln zerbrochen wurden..."

Oer Gast erzählt ein Märchen.

Von Harry Schreck.

Plötzlich schiebt Dagmar eine Frage in die stockende Unter­haltung. , . _ , ,

Aber nein, Dagmar", sagt der Vater ermahnend,sieh mal, der Onkel ist doch schließlich nicht deshalb hierher gekommen, «m dir Märchen zu erzählen!"

Ein Märchen?", meint hingegen der Herr, der ein Onkel sein soll,also ein Märchen willst du hören, Dagmar? Nun, warunt auch nicht! Märchen hört man immer gern, nicht wahr?-Es käme jetzt bloß darauf an, welches Märchen eSJein soll. Denn schau ein­mal an, Dagmar; es gibt doch so viel Märchen, und da...

Kennst du das vom Dornröschen?" erkundigt sich Dagmar ^^Dornröschen", lächelt ihr Gegenüber nachsichtlich, »das ist doch eins der bekanntesten Märchen. Wer kennt denn das nicht! Das wird dir doch dein Vater schon vorgelesen haben, wie? Denn das ist doch gewöhnlich das erste, was man einem Madel in dei­nem Alter vorliest. Jedoch auch davon abgesehen...

Ach so, du kennst es wohl noch nicht?" äußert Dagmar arg­wöhnisch.Wie kommst du nur aus solche Gedanken, mein Kind? erwidert der Befragte ein wenig gekränkt,ich dachte bloß, daß du lieber ein Märchen Horen wurdest, das nicht so landläufig wäre das vom Dornröschen mußt du doch bald aufwendig wissen. Man kann doch nicht immer wieder dasselbe erzählen...

Aber ja, da hat der Onkel gewiß recht", versichert der Vater zustimmend,weißt du nicht mehr, daß ich dir das erst gestern

Dagmar findet indes, daß man es gar nicht oft genug erzäh-

Es war einmal ein König und eine Königin!", erinnerte Dag-

Jch glaube, du quälst den Onkel wirklich", sagt der Vater kopfschüttelnd,es wäre sicher das Beste, wenn du letzt Ruhe gabst und spielen gingest!"

Also, der König und die Königin" beginnt der andere trotz­dem,die hatten sich beide schon lange eine Tochter gewünscht; und als das Kind geboren war, beschlossen sic, etn großes Fest zu veranstalten. Und dazu wollten sie auch die weisen Frauen ein- laden, welche dazumal in ihrem Reiche lebten...

Weise Frauen?" verwundert sich Dagmar,aber ... es waren doch Feen!"

Wenn ich dir erkläre, daß es weise Frauen waren, dann waren es eben weise Frauen!" versetzt der Herr, der sichtlich keine Unter­brechungen schätzt, stirnrunzelnd,wer hier von Feen spricht, ver­wechselt die volkstümliche Urfassung mit spateren Einschiebseln! Nun, und als man sie sodann einlud..."

Wenn es aber doch richtige Feen waren!" sagt Dagmar vor­wurfsvoll.

Ich glaube kaum, daß man diese Ansicht aufrecht erhalten kann!" bemerkt der Getadelte nicht ohne Nachdruck,und außer­dem gelangen wir ja nie weiter, wenn ich immer wieder von vorn beginnen muß. Wenn ich an deiner Stelle wäre, würbe ich schön aufpassen und nicht immer mit den Feen kommen...

Natürlich", läßt der Vater ein wenig unsicher einflietzem wenn der Onkel dir so etwas Hübsches erzählt, kann man rhn doch nicht unterbrechen!"

Dagmar nickt ihm schuldbewußt, jedoch durchaus nicht über­zeugt, zu. # i

Das Märchen ist unterdes bei dem Fluch der Dreizehnten angelangt.

Nicht doch, Dagmar", winkt der Vater den neuen Einwurf seiner Tochter ab,die Spindeln im Königreich wurden eben zer­brochen und nicht verbrannt!"

Verbrannt?", erkundigt sich der Erzähler befremdet,von einem Verbrennen kann hier überhaupt nicht die Rede sein. Wenn ich mich recht entsinne, gibt es zwar die entsprechende Anspielung bei den Gebrüdern Grimm. Nichtsdestotrotz aber ist man schon seit

Er lächelte und zog ärgerlich die Steppdecke fester unters Kinn. Er wünschte weiterzuschlascn zum H"^er!Eralmetelangiain, h ft»«her cr iah für eine Sekunde noch den iinniicy geschwungenen Mund unter der bezauberndsten Himmelfahrtsnase und ihre Hände er hatte eine Schwäche für hublche Frauen­hände lang, wie Männerhünde, aber sehr weiblich, absolut j weiblich. Wunderbar zärtliche Hände! . .

Er legte den Kops heftig höher, suchte eine kühlere und festere Stelle auf dem Kissen. Er bewegte die Lippen, als schmecke er wieder Sherry. Diese Lümmel er wurde sie bei den Ohren nehmen! Und dann versank er wieder in dm- weiche schwarze -och ^^Unl^das^Jahr 29 gab es noch ein paar wohlhabende Leute in Groß-Berlin. Aber das rosa Haus war ein Zufall.

Louis Hassclbrink war ein großer Chemiker, ein Mann von internationalem Ruf, der einen ungeheuer wichtigen Stoff aus einem Gas 'gewonnen hatte; er hatte gut zwanzig ^ahre daran gearbeitet, natürlich auch an andern schätzeiEwerten, strengen Dingen, und hatte für seine Zauberei vor sechs Jahren den großen Berzeliuspreis von hundertfünfzig Mille bekommen. Sem »Institut I für angewandte chemische Forsckmng" war ein StaatsinsUtut, lag draußen in Tegel, sah wie eine Fabrik aus, aber die Zusthusse des bekümmerten Staats reichten grade zur Bezahlung des Direktors, der Scheuerfrauen und ihrer Wischlappen. Das Institut erhielt sich in der Hauptsache aus dem schwiegerväterlich Pirreschen Ver­mögen des Professors.

Kommerzienrat Pirre, Begründer der großen Merkurbank, em ehrenfester und ehrgeiziger Mann, 5er mit Neunzig mitten in einer schwierigen Schachpartie gestorben war, hatte oad großartige I Institut in Tegel schaffen helfen und auch seine Zukunft gesichert, dem von Anfang an der junge Doktor, bald Professor Hasselbrink vorstand; und der hatte sich eines Tags in Fräulein Adele Pirre, I die herbe, kluge, etwas hagere Enkelin des Hauses, die gerade zu jener Zeit in einer kurzen Blüte eigenartiger Anmut stand, verliebt.

Er war schon damals eine stattliche Erscheinung gewesen, die nicht gerade wie die Verleiblichung eines Forschers wirkte, sondern mehr wie die eines energischen Mannes der Praxis, eines über­ragenden, gebieterischen Werkleiters, bloß sein lockrer Humor, nicht ohne Derbheit, und eine bewegliche Warze auf der Backe deuteten mehr auf Vetrachtsamkeit und eine besondere Menschlichkeit hm.

Jedenfalls hatte er, der seit jeher in weiblich-zärtlicher Hinsicht seltsam schwerfällig, scheu und gewisicnhaft war, wie es bei so statt­lichen, schweren und von leidenschaftlicher Arbeit belasteten Männern nicht selten ist, endlich Ordnung und Ruhe in fein Privatleben bringen wollen kurzum, er hatte Adele geheiratet.

Alles in allem mehr ein Mißgriff, ein Mißgeschick eines zu stark von andern Dingen in Anspruch genommenen Mannes als ein köstliches Glück! durch über zwanzig Jahre in denen er übrigens nie völlig das Gefühl losgeworden war, sich in die ganze üppige Pirre-Welt bloß verirrt zu haben.

Doch, wie dem auch sei, er war nun seit Jahr und Tag Witwer. > Eines Tages, nach kurzem Kranksein, war Adele, kinderlos, emes plötzlichen leichten Todes verblichen.

Und da war etwas für seine energische, auf Leistung und klare, feste Lebensführung gestellte Art Merkwürdiges geschehen. Um die gleiche Zeit, als Adele dahingegangen war, oder doch bald danach, war eine seltsame Unruhe in sein Leben geraten, als sei er plötz­lich von einem verständigen und harten Joch, besten Druck er in langer Gewohnheit kaum noch gespürt hatte oder nicht hatte spüren wollen, befreit worden.

Er begann sich mit einemmal darauf zu besinnen, daß er bis­lang eigentlich verdammt wenig vom Leben gehabt habe. Immer bloß Arbeit, Arbeit... Sic war unzweifelhaft das Beste int Leben. Ob aber auch das einzig Richtige und Lcbenswertc? Immer bloß Arbeit, Fürs-Ganze-Schuften, Wissenssättigung, Ehrgeizbefriedi- gnug, Schaffcnswille und Bildersammeln! Nun ja, das war auch nicht das Paradies für einen in Saft, Kraft und Lebensflllle stehenden Mann... Opa Pirre hatte, wie das damals üblich war, Renaiffance gesammelt, furchtbar teure Sachen, ganze Zimmer von Fürsten und Päpsten, vermutlich ohne eine Spur von Gefühl, aber mit untrüglich erzogner Nase für Echtheit und Wert. Alles sollte, wenn mit der Pirrc-Herrlichkeit und dem Tegeler Betriebs- sonds nichts schiefging, beisammenbleiben und später dem Staat oder der Stadt alsSammlung Pirre" zugesührt werden. Adele hatte mit kühler Miene weitergesammelt, und Louis hatte schließ­lich mitgetan und sich für ihm näher liegende Niederländer und Schotten mit seiner heiter eindringlichen Art erwärmt eine Ablenkung und vielleicht das Hübscheste in ihrer Ehe und nun galt er selber als großer Sammler und Kenner.

Louis Hastclbrink sah seit einiger Zeit grimmig scharf, un­zufrieden und ungeduldig über die eigne Nase. Ein ganz neuer aufgeschlostener oder reizbarer Zustand, in dem er des Abends, wenn er nicht mehr in seinem großen Privatlabor am Tulpcnweg hantierte oder an seinem Schreibtisch nebenan arbeitete, umher­wandelte. Ja es war nicht selten ein fast hastiges und mächtiges Torschlußverlangen nach dem ungenützten privaten und persön­lichen Leben in ihm nach dem köstlichen AbenteuerLeben", von dem in seiner Ehe nicht grade viel gewesen war. Es hatte ihm immer etwas gefehlt. Ein Gedanke, der auch schon früher rebellisch in ihm aufgestiegen war und der sich jetzt immer häufiger und aufsässiger in ihm regte; und wenn er sein schönes, großes Haus betrat, hatte er nicht selten ein Gefühl von Unlust, schwerer Ver­säumnis und schlechtem Gewißen.

Eine Art Lebenskrise also. Ein Lebenszustand, der auf etwas zn warten schien

(Fortsetzung folgt.)

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