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Unterhaltungzbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1954 Montag, -en 4. Juni Nummer 42
Junges paar geht in den Abend ...
Von Herbert Lestibouöois.
Sie sind sehr zögernd in die Nacht gegangen.
Und ihre Herzen neigten sich befangen einander zu...
Indes die Abendlüste zärtlich sangen:
Nur du! Nur du!
Sie hatten sich so über alles gerne!
Und ihre Augen suchten in der Ferne ein Wort dafür.
Doch statt des Wortes fanden sie die Sterne...
Er gab sie ihr.
Verschenkte sie, als warn die Sternmillionen, die unerreichbar ihnen beiden wohnen, sein Amtsbereich.
Und lächelnd sah er sich dort oben thronen, dem Herrgott gleich.
Dann hat die Dunkelheit sie sacht umfangen. —
Und wollt des Mädchens Herz auch leise bangen..4 Schweig still! Schweig still!
Es ist ein Sternbild in dir aufgegangen, das leuchten will!
Katarina kann sich nicht entscheiden.
Roman von Viktor von Kohlenegg.
Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin.
I.
Jeder, der gelegentlich die Nase aus dem Pferch und Pfuhl des kllltags steckt, kennt Katarina Gugcrnell- Wer ihren Namen in (inet Zeitung oder auf einem Plakat liest, liest ihn mit einem zärtlichen Lächeln und spürt dabei eine Beschwingtheit in den Gliedern, trotz schauerlicher Wirrnis und Not der Zeit eine rasche Kreude im Herzen: eine Huldgestalt, ein Freuden- und Lustquell, iute ihn das hartnäckige Leben auch heute noch schafft und un- »blässig schaffen wird.
Wie dem auch sei: Wer einmal sie selbst od^r nur ihr Bild ge- vhen hatte, war davon überzeugt, daß sie in reinster Harmonie iahinlebe, selbst begnadet nicht bloß mit höchster Anmut und herrlichen Gaben, nein, darüber hinaus frei sei von Alltag, irdischer Peinlichkeit, von Schnupfen, Zahnreitzen, Leibweh, Menschensehn- vcht und -quäl...
Nun, so war es bestimmt nicht. Auch die Katarina Gugernell war zu allen Zeiten ein Mensch und stand der irdischen Comoedia li umana, um ein gern benutztes Wort unseres künftigen Freundes Diez Hasselbrink zu gebrauchen, wie wir alle, beträchtlich nahe.
Sie war im Herbst und Winter 1928/29, als die Welt wieder einmal an einen Aufstieg zu besseren Zeiten glaubte, bis in den Närz hinein unermüdlich fleißig gewesen, eigentlich immer auf ter Walze: hatte an vielen Abenden daheim und im Ausland getanzt, zuletzt an drei Abenden in Berlin, zum Schluß an einem lilligen Abend in einem riesigen Rathaus- oder Stadthaussaal, ter Jubel war rasend gewesen — aus, fertig bis zum nächsten gerbst und Winter!
Und so war bas, besonders in den letzten Jahren, nach so einem eufregenden Abend häufig verlaufen: Sie hatte sich langsam um- pezogen; sie saß lächelnd zwischen Freunden und Bewunderern >nd ließ sich anfeiern: sie sprach und lachte warm und bequem, war crn einfacher Mensch, bloß ein Mensch, müde von der Arbeit, Spannung, Hingabe, vom Beifall und Erfolg gesättigt — und plötzlich, gerade dieses letztemal, da alles für längere Zeit wieder einmal aus war und da niemand da war, dem sie sich zärtlich hätte zaneigen können oder der sich zärtlich und stürmisch ihr zugeneigt lütte, so daß sie von innen heraus flammte in seliger Stille und innerst wachsender Kraft, — plötzlich begann der dunkle Tropfen llnlust und Einsamkeit in ihr zu schleichen.
Es war wieder einmal vorbei. Sie war die lauten, strahlenden Abende gewöhnt. Was behielt man davon? Ihre Hände waren leer.
Es folgten stille Wochen. Sie hatte, rote oft unmittelbar nach b.'n Aufregungen und Anstrengungen des Winters, wenig Verlangen nach fremden Menschen. Sie las viel nach ihren strengen tz-orgenübungen, machte schwierige Handarbeiten und Schneiderten, kümmerte sich, heiter krakeelend, um die Wirtschaft, räumte olle Sckübe und Schränke auf, ja stand eifrig mit Erika Klawinke, i! rer Wirtschafterin, am Herd und kochte und buk.
Dann lachte sie gemächlich und wünschte plötzlich, daß dennoch etwas los wäre oder geschähe: Wind oder rasender Sturm — endlich und wahrhaftig ein ganz starkes, tiefes und dauerhaftes Aufatmeu. Denn am Abend — nicht bloß am Abend — schlich immer wieder der dunkle Tropfen Einsamkeit durch ihr Frauenblut und durch ihr Herz.
In dieser Zeit, eines Nachmittags, lernte sie den ungewöhnlich stattlichen und hervorragenden Professor Louis Hasselbrink durch feinen immer gutgelaunten Neffen Dagobert bei einer zufälligen Begegnung kennen. Das war noch nicht lange her. Rund vierzehn Tage.
II.
Der Tulpenweg in der Nähe des Charlottenburger Knies auf der Tiergartenseite lag in tiefem Sonntagsfrieden. Tau blitzte: Vögel zwitscherten und schmetterten in die Stille, die unerschütterlich war. Die wenigen Häuser waren fest verwahrt: Rolläden und Jalousien waren herabgelassen: verzwickte Scherengitter sicherten Türen, Balkone und Fenster: hünenhafte Wächter durchschritten, bis an die Zähne bewaffnet, mit scharfen Hunden die Gefahrzone, um die Naubritterzunft der Stadt, soweit sie nicht in Tegel un- andern Orten gefestigter Zurückgezogenheit sich bei Radio und Sport von ihren aufregenden Geschäften erholte, nach Gebühr zu empfangen.
Am friedlichsten schlief das stattliche rosa Haus Louis Haffel- brinks, des weltberühmten Professors. Es war mehr breit als hoch, hatte weiße Simse und Risalite, drei hohe Fenster in der Mitte unter einem spitzen Giebelfeld und, nach dem großen Garten hin, im stumpfen Winkel einen kleinen, gleichfalls himbeerfarbenen Flügel. Flinke Drosseln huschten flötend über die blinkenden Kieswege, und ein weitzer, zerzauster Kater strich gähnend über den feucht funkelnden Rasen.
„Tolles Stück!" brummte der Herr Profeffor, halbwach, in seinem riesigen Bett und zog die Steppdecke ans Kinn.
Er hatte seinen Neffen Dagobert und Diez, die zusammen in der Meraner Straße hausten, gestern abend seinen Wagen gegeben. Sie waren' nach dem Sechstagerennen, dem großen, einenden Kulturereignis aller Berliner Kreise, irgendwo da draußen gefahren. Um drei spätestens hatte der Wagen wieder hier sein sollen. Er war eben erst gekommen, zehn vor sechs. Der Profeffor hatte es mit seinem Vesitzerohr im Schlaf gehört und war erwacht. Er würde die beiden Jungen bei den Ohren nehmen...
Natürlich hatte es seinen guten Schlaf gestört. Aber da mußte er, unleugbar in allem Grimm, aus einem nicht ganz durchsichtigen traumhaften Grund lachen und im nächsten Augenblick, ziemlich wachen und willkürlichen Geistes, an die „Dame Gugernell" denken, wie der Esel Dagobert sie zu nennen beliebte. „Sie lacht wie eine Frau!" Dummes Zeug!
Auch Frau Gugernell war mit einigen Bekannten da draußen gewesen? Es war anzunehmen, daß die Dame nicht so lange bei dem Unsinn ausgehalten hatte.
Er erinnerte sich im Halbdämmerzustand zwischen Traum und Wachheit, daß Dagobert davon geschwatzt hätte. „Die beherzte Dame will es sich einmal ansehen", hatte Dagobert gestern abend erzählt und ihm zugleich Grüße bestellt. Sie hatten einander wieder irgendwo getroffen: Dagobert, als Maler der zweibeinigen Welt, und sein Vetter Diez, als scharfer Beobachter des Lebens, wimmelten überall herum. „... Uebrigens, ja", hatte er noch gefaselt, „die gnädige Frau möchte riesig gern mal deine Bilder und berühmten historischen Zimmer besehn: du hast es ihr neulich in meiner Gegenwart versprochen. Hübscher Zug von ihr, finde ich, gradeheraus und ehrlich! Sie lacht wie eine Frau und ist darunter ein Mensch — ich kann's nicht anders sagen — warm bezaubernd. Ich versprach ihr, dir ihren sympathischen Wunsch mitzuteilen..." So hatte, erinnerte er sich in seinem hellsichtigen Dämmerzustand, Dagobert gestern abend geschwatzt. Sein Onkel Louis hatte nicht viel darauf geantwortet. Das war nicht so wichtig.
Hm... Zehn Minuten vor sechs? Tolles Stück! Er würde sich die beiden mal gehörig vorknöpfen. Konnte überhaupt nichts schaden...
Er atmete kräftig, lang und tief. Aber er konnte nicht recht wieder einschlafen. Verdammte Störung!... Eine große, schlanke Frau, wie er sie in der Erinnerung hatte, keine dürre Hopfenstange: mit auffallenden perlgrauen Augen unter breiten Lidern nnd dunkleren, hohen Brauen — rote — rote die verschwiegen lächelnde Dame von Urbino drüben im Tiepolo-Zimmer!... Er sah sie ziemlich deutlich, hatte sie keineswegs vergessen: Mittelblondes Haar, mit viel Gold drin, wie guter, alter Sherry. Er bewegte durstig die Lippen: Eine seltne, üppige Farbe...


