Ausgabe 
4.5.1934
 
Einzelbild herunterladen

IX.

Da

Der Mit Lager.

noch in den Baracken wohnen.

Der Wahlmorgen kam endlich heran. Das Ungliick wollte, daß Gust Willem, den er seit dem Abend ihrer Verfeindung nur von fern gesehen hatte, an einer Straßenecke vor die Füße lief. Im ersten Augenblick wollter er an ihm wie an einem Fremden vor- tibergehen. Dann aber überwand er sich und fragte, da der Stehengebliebene die Axt aus der Schulter trug:Arbeitest du denn heute?"

Worüm nich?" fragte Willem verwundert zurück.

Weil du doch in den Biirgerausschuß gewählt werden willst." Wat aeiht mi dat an?"

Die Wählerei vielleicht nicht. Aber das Ergebnis."

Dat fümmt eerst hüt abend na säbir rut, wenn bet Arbeit vörbi is."

Aber man will doch wissen, wie die Sache den Tag über läuft. Ich begreife nicht, wie du da aus Arbeit gehn kannst, als ob nichts in der Stadt geschieht, was dich betrifft."

Wenn't aaud geifit, warrn sei kam'n up'n Bu antauloopen: Wenn't stheef geifit, krieg itft immer früh genng tau roeitn."

Willem", faßte Gust sich doch ein Herz,ich wollte dir schon

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Drühl'fche Universitäts-Vuch. und Steindruckerei. R. Lange, Gießern

Gust des Ausgangs der Wahl keineswegs so sicher war, wie er ihn seinem Jugendfreund Willem vor Augen gehalten hatte, begann er auf Stimmenfang auszugehen.

Er war vom Morgen bis zum Abend in der Stadt. Er grüßte als erster Leute, denen er seit seinem Rentnerdasein kaum noch ge­dankt hatte, wenn sie ihn grüßten. Er sprach mit Hinterstraßen- männern lange und freundlich, die in den letzten Iahten von ihm nur kurzer kantiger Worte gewürdigt wurden. Diese Unterredun­gen endeten in vielen Fällen damit, daß er den Umworbenen ein Papierstückchen in die Hand drückte, auf dem zu lesen stand: Rentner August Micheelsen, Ackerstraße. Denn während die Geg- ncrpartei sich mit beschriebenen Stimmzetteln begnügen mußte, hatte Gust die seinen ans eigne Kosten drucken lassen. Er saß die Nächte durch in den Wirtschaften umher und redete. Natürlich mußte der versumpfte Teil der Stadtweide ausgetrocknet werden, damit endlich das saure Gras verschwand! Selbstverständlich war der städtische Tagelohn zu tief! Er würde unbedingt für eine Er­höhung stimmen: das heißt, soweit die Stadtkasse eine solche Erhöhung tragen konnte, denn schon fünf Pfennig Stunöenlohn mehr machten insgesamt eine riesige Summe aus. Keine Frage: Gaslicht war nicht mehr zeitgemäß, und eine Elektrifizierung der Stadt mußte ernsthaft ins Auge gefaßt werden. Ungeheure Kosten? Es ließ sich bei vernünftiger Wirtschaft an andern Stellen viel einsparen. Wenn er nur erst auf dem Rathaus saß, dann würde er dem Bürgermeister und den Senatoren schon zeigen, wie sie mit öffentlichen Geldern umzugehen hatten. Denn, daß er zu rechnen und vorteilhaft zu wirtschaften verstand, hatte er doch bewiesen. Im andern Fall würde er nicht von seinen Zinsen leben können, sondern wie ein gewisser jemand, der es zu nichts gebracht habe,

AU ßcit.

Wohl eine Stunde oder waren es gar zwei? mochten vergangen sein, als Rikelchen sich ein Herz faßte und, wie wenn nichts vorgefallen wäre, sagte:Gute Nacht, Gust."

~ erzürnte Stadtpolittker gab keine Antwort.

abgewandtem Gesicht lag er, als ob er schliefe, auf seinem

Wir wollen uns nicht um Worte streiten, Gust. Also laß mich meine Frage so stellen: Lohnt es das, was Willem dir sechzig Jahre lang gewesen ist, um einen Bürgerausschußsitz aufs Spiel 8U die höchste Ehre, die die Stadt, nach den beiden Sena­torsposten, zu vergeben hat!" rief Gust, wieder heftiger die Betten umrennend, seiner Frau zu. a,

Trotzdem frage ich zum drittenmal, frage es mit vollem Be­dacht: Lohnt es?" r.,

Stehst du etwa wieder einmal, wie immer, wenn es sich um einen Kampf handelt, gegen mich? Springst du auch dreimal, statt mir zu Helsen, meinem Widersacher bei?"

Ich habe eine Frage an dich gerichtet und die Antwort das »Ja, es lohnt!' oder das .Nein, es lohnt nicht!' - dir überlassen.

Deine Frage enthielt bereits die Antwort. Derne Antwort!

Das bin ich nicht gewahr geworden. Aber wenn du damit recfit hast und fast scheint es, was gibst du mir dann zur Antwort?"

Daß ich fünfundzwanzig mit der Peitsche verdiene, rechts und links um die Ohren, ganz gleichgültig, wohin der Schagende trifft.

Weil ich mit dir über Dinge geredet habe, von denen man nicht mit euch reden soll, da ihr Frauensleut so wenig davon ver­steht wie die Ziege vom Choralsingen, über öffentliche Angelegen­heiten nämlich, über die städtischen Verwaltungssorgen, über Politik."

Gust"

Halt den Mund!" .

Mit einem Ruck, daß er einen Teil der Messingkette in der Hand behielt, zog Gust den 2-Rtng des Gas^lühlichts nach unten. Fauchend verlosch die Flamme. Im Dunkeln riß der Wutende die Kleidung von sich herunter, schleuderte sie zu Boden und warf sich einige Sekunden später krachend ins Bett.

Stille staute sich im Schlafzimmer des Rentiers August Mi- dicelfcit

Nur'das rote Pünktchen in das Gaskuppel blubberte von Zeit

immer sagen es fand sich nur noch keine Zeit und Gelegenheit dazu Willem, ich bin wahrscheinlich neulich abends ...

,Gah mi ut'n Wäg!" unterbrach der Maurerpolier seinen ehe­maligen Freund.Dat ick up'n Bu kam. Ich bin ja keen Borger. Ich bin blot'n Arbeiter!"

Der Verwirrte gab dem Unversöhnlichen unverzüglich den Gang zur Arbeit frei.

Im Gegensatz zu seinem Spielgefährten aus der Barackenzeit war Gust von früh bis spät unterwegs. Er horchte herum, trieb an. Er ließ sich unterrichten, wie es auf dem Rathaus stand, ver­breitete immer wieder die Nachricht: Gut! dln seiiiem Sieg sei nicht zu zweifeln. Er ging von Wirtschaft zu Wirtschaft, gab sich leutselig, bezahlte unaufgefordert die Zeche.

Das Stammquartier seiner Anhänger befand sich in dem Hotel Zum Erbgroßherzog", das dem Rathaus gegenüber auf der ändern Seite des Marktplatzes lag. Seine Gegner nahmen fast alle den Weg durch dieMarktwirtschaft", die sich wie ein Kucken unter die Flügel der Henne in den Schatten des Rathauses duckte.

Als Gust sich schließlich auch zu ihr aufmachte man konnte nicht wissen, ob durch Freundlichkeit und Bierbezahlen nicht doch noch einige Stimmen zu fangen waren, stand am Fuße der Rathaustreppe Schuster Schwetkert mit Stimmzetteln. Er hielt Gust einen davon entgegen und sagte:Stimmzettel gefällig? Bitte nehmen! Nur hier ist der richtige Kandidat zu finden!

I Am Vormittag stand es gut für Gust.

Denn obgleich die Stimmzettel gefaltet oben im Rathaussaal dem Stadtworthalter übergeben werden mußten, der sie in eine schöne alte Zinnkumme warf, die in früheren Jahrhunderten beim Umtrunk mit Würzwein gefüllt wurde, wußte man doch um das Stimmverhältnts. Jedesmal, wenn wieder ein Wähler kam, mach­ten die Aufpasser rechts oder links in ihrer Liste einen Strich, und die Schätzung der Gegner wich nur um wemge Stimmen voneinander ab. Da man jedem Stadtbewohner bis unter die Haut sah, wie hätte man von wenigen zweifelhaften Fällen abgesehen nicht wissen sollen, wen er wählte, den Maurerpolier oder den Herrn Rentier.

Am Vormittag stand es gut für Gust.

Während der Mittagspause, als die kleinen Leute auf das Rathaus kamen, die gleich Willem um der Wahl willen ihre Arbeit nicht im Stich ließen, neigte sich die Waage sichtlich zuungunsten

I ^Bei der Auszählung eine Stunde nach Feierabend erwies sich, daß der Maurerpolier Wilhelm Drebitz 163, der Rentier August Micheelsen nur 145 Stimmen erhalten hatte.

Am andern Morgen schrieb Gnst. der in der Erwartung seines Sieges die in der Stube Willems ausgestoßene Drohung nicht wahr gemacht hatte, einen Bries an das Ministerium, in dem er darauf hinwies, daß die diesjährige Bürgerausschnßwahl dem gül­tigen Stadtrecht von 1823 widerspreche, da das gewählte Bürger- ! ausschußmitglied Wilhelm Drebitz kein selbständiger, freier Bur­ger sei, sondern sich als wöchentlicher Lohnempfänger bei einem Maurermeister in abhängiger Stellung befinde, mithin zwar wahl­berechtigt, aber nicht wählbar sei. Er bitte also um Ungitltigfeitv= erklärung der alten Wahl und Auflegung einer neuen Wahl nach den bewährten bisherigen Bestimmungen.

Das Ministerium zog bei dem Bürgermeister Erkundigungen über den Gewählten sowie über den Antragsteller ein und entschied auf Grund dieses Geheimberichts: Die stattgefiabte Wahl wird, als der geltenden allgemeinen Stadtordnung vom Jahre 1823 zuwiderlausend, für ungültig erklärt. Eine Neuwahl, bei der nur freie Bürger aufgestellt werden dürfen, ist binnen Monatsfrist vorzunehmen. c

Bei der zweiten Wahl, Ende Februar 1913, wurde Gust, da ihm nun ein ebenso unbedeutender wie unbeliebter Drechslermeister gegenüberstand, mit 185 Stimmen, während sein Gegner es nur auf 98 Stimmen brachte, zum Mitglied des Städtischen Viirger- ansschusses gewählt. , t .

Ein Jahr später, im Januar 1914, erkor der Burgerausschuß ihn an Stelle des verstorbenen Vorstehers zum Vürgerworthalter, zum unbesoldeten Stadtsprecher.

Da Gust jetzt die Aufsicht über die städtische Weide und den Wald, über die städtischen Bauarbeiten und die Straßensäuberung, über die Freiwillige Feuerwehr und die Freiwillige Turnerschaft führen mußte, hatte er zwar immer noch nicht im Sinne Rikel- chens Arbeit, aber Beschäftigung, die seinen Tag ausfüllte.

Er gab sich ihr mit solchem Eifer und Geschick, mit so unan­zweifelbarer Unparteilichkeit hin, daß er schnell in der Achtung der Stadt stieg. Immer vorbehaltloser gestanden hoch und niedrig, Bürger und Volk, die, zu welcher er emporgestiegen, und die, ans deren Mitte er hervorgegangen war, untereinander zu, daß ihr Mißtrauen gegen Gust bnrechtigt war, Woche für Woche bewies er: ein ganzer Mann stand als oberster Vertreter der Bürger­schaft auf dem ihm gebührenden Platz.

Es war nur noch eine Frage der Zeit, daß Bürgermeister und I Rat sich seine ungewöhnliche Arbeitskraft, sein Geschick, zwischen Besitzenden und Armen zu evrmitteln, seine Klugheit, die Dinge am rechten Ende anzupacken, nicht entgegen ließen und den ehe­maligen Schuhmachermeister und Lederhändler, jetzigen Rentier und Vürgerworthalter August Micheelsen, trotz seiner Herkunft aus den Baracken, für die man ihn nicht verantwortlich machen konnte zum Senator wählten.

sFortsetzung folgt.)