nämlich: es werde diese Wundermaschine, die unabhängig sei von den Launen der Vorsehung und dem wahrnehmbaren Geschehen und einen Verstoß gegen die Naturgesetze darstelle, der Welt ein neues Gcsichl geben. — Man sieht: das Gesicht mancher Menschentypen verändert sich auch in.Jahrhunderten nicht.
Aber dürfen wir eigentlich mit gutem Gewissen einen Stein auf diese großen und kleinen, echten und falschen Propheten der ewigen Bewegung werfen? Ist nicht das ganze Perpetuum-mobile- Problem sozusagen aus einer Mogelei entstanden, aus dem Versuche, sich um Gottes Wort herumzuschwindeln: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!" Aus jener Weltanschauung eben, die den Menschen von dem vermeintlichen Fluche der Arbeit befreien wollte und nicht begriff, daß Glück nicht in einem Leben ohne Arbeit, sondern in einem Dasein voller Mühe ruht. Wir erst begreifen, daß es eine weise Vorsehung war, die uns Menschen die Lösung der ewigen Bewegung verwehrte. Denn es wäre die Lösung des Perpetuum-mobile-Problems, die logischerweise eine nicht vorstellbare Arbeitslosigkeit über die Erde brächte, nicht der Anbruch des goldenen Zeitalters, sondern das Ende der Zeiten.
Gemeinschaft und Künstler.
Von Werner Klaus.
Das Wort vom „freischaffenden" Dichter und Künstler hat einen bitteren Beigeschmack. Es enthält einviertel Wahrheit und dreiviertel Unwahrheit. Denn so gewiß das Letzte und Tiefste aller großen Schöpfungen aus Bereichen kommt, die sich jedem Zwang, jeder Kontrolle, jeder bewußten Absicht und jedem Eingriff von außen entziehen, so handgreiflich ist auf der anderen Seite die Abhängigkeit der Schaffenden von der Schicht der Auftraggeber und Käufer, der geistig Aufnehmenden und Aufnahme- willigen, deren Geschmack und Urteil einen ost entscheidenden Einfluß ausübt. Denn Bücher wollen verlegt, gedruckt und gelesen, Theaterstücke aufgeführt, Bilder ausgestellt und verkauft und Musikstücke gespielt werden; das Verhältnis zwischen den Schaffenden und dem Publikum wird durch wirtschaftliche Faktoren weitgehend bestimmt. Man braucht nur an den Literaturbetrieb der letzten Jahrzehnte zu denken, der sich immer mehr auf die Hervorbringung von „Saisonschlagern" und reinen Konjunkturbüchern einstellte, oder an das Theaterwesen derselben Epoche, das ähnliche Erscheinungen auswies. Am deutlichsten aber wird die mögliche Diktatur des Publikumsgeschmacks beim Film: hier, wo wirtschaftliche Faktoren die entscheidende Rolle spielen, ist freies künstlerisches Schaffen nur in Ausnahmefällen möglich — für gewöhnlich untersteht es den strengen Gesetzen einer bis ins Einzelne auskalkulierten Publikumswirkung, die sich auf kaltschnäuzige Beobachtungen stützt. Es ist die fast vollständige Umkehrung des natürlichen Verhältnisses, das immer dem Schaffenden den Vorrang und die Initiative gibt und das Recht zu neuen Stilprägungen. Und ost genug versagt auch die allzu eifr^-e, allzu geschäftstüchtige Spekulation der Filmschaffenden auf den „Publikumsgeschmack" — der Mißerfolg ihrer Produkte wirkt dann rote ein groteskes Gegenstück zum Mißerfolg abseitiger Gemewerke.
Die materielle'Abhängigkeit des schaffenden Künstlers von seinem Auftraggeber, Mäzen oder Publikum, hatte in den einzelnen Epochen und beim einzelnen Künstler sehr verschiedene Voraussetzungen, Formen und Folgen. Es ist ein großer Unterschied, ob eine mittelalterliche Gemeinde den Auftrag zu einem Werk gibt oder ein Herrscher aus der Zeit des Barock, oder ob der Künstler in Abhängigkeit von einem snobistischen Kunsthändlertum schafft. Und die Art der Abhängigkeit ist nicht weniger verschieden bei dem Verfasser einer mittelalterlichen Städtechronik, dem höfischen Odendichter des Barock und dem Schriftsteller der Gegenwart, der von seinen Büchern leben muß. Auf jeden Fall aber zwingt sie da« Schaffen — mehr oder weniger sanft, mehr oder weniger nachdrücklich — in bestimmte Bahnen: stofflich, formal und auch gesinnungsmätzig. Diese Tatsachen sind den Schaffenden selbst oft gar nicht bewußt: um so weniger, je mehr sie Geschöpfe ihrer Zeit und ihrer Umgebung sind. Fast alle großen Leistungen entstanden freilich trotz dieser Abhänigkeit oder im Kampf ge-
API» fic
In der mittelalterlichen Welt gab die materielle Abhängigkeit des Schaffenden keinen Anlaß zu einer besonderen Problematik. Die Auftraggeber und Käufer standen ja ebenso wie die Künstler in lebendigem Zusammenhang ihrer Gemernschaftswelt und im Banne nicht nur eines gemeinsamen Glaubens, sondern auch einer verbindlichen, nur langsam sich wandelnden Stiltradition. Co fielen alle Konflikte fort, die aus der Spannung einer scharf profi- lierten Einzelpersönlichkeit zur Gesellschaft entstehen. <->ctbc, 6ie Auftraggeber und die Künstler, fühlten sich als Orgmie einer bejahten, als selbstverständlich hingenommenen Gerne,lischastswett — nnd diese Gemeinschaftswelt umfaßte in gewissem Sinne noch das -'ante Volk. Hier haben wir bas Besipicl einer organischen un°> Züchtbaren Abhängigkeit des Künstlers.
^it der Renaissance kommt der große Wandel: das kunst- ler >be Schaffen löst sich aus den Bindungen einer zerfallenden unb sich wandelnden Gemcinschaftswelt, es gewinnt eine bisher nicht dagewesene individuelle Ausdruckskraft, es ruht nun fast ganz aus der Selbstverantwortlichkeit starker Elnzelpersonlich- keiten. Gleichzeitig aber differenziert es sich viel deutlicher als bisher nach den Ansprüchen der „Konsumentenschichten . die burger, ließ,, und die höfische Weht wollen naturgemäß nicht das Gleiche. Und der Unterschied zwischen dcr dcutschen Knmt der Ncnmiwncc und des Barock ist nicht nur ein Unterschied der Zeltstile, er yalic auch soziale Gründe: denn im Barock war, im Gegensatz zu sruher.
die bürgerliche Konsumentenschicht so gut wie ausgeschaltet, und höfischer Geschmack besaß alleinige Geltung. Und das nicht, weil die Kulturkraft des Bürgertums erloschen gewesen wäre — bürgerliche Dichter, bürgerliche Künstler und Musiker haben die großen Werke dieser Zeit geschaffen —, sondern weil das Bürgertum materiell verelendet und ausgesogen war, während Glanz und Reichtum von den fürstlichen Herren ausging. Die seelische Dürre der Poesien jener Zeit, die dekorative Attitüde ihrer allegorischen Riesengemälde, die Pracht ihrer repräsentativen Bauwerke waren viel weniger Ausdruck der Schöpfer als der Auftraggeber dieser Werke. Die künstlerische und dichterische Welt des Barock ist das extremste Beispiel dafür, in welchem Maße das Schassen einer Zeit durch materielle Abhängigkeiten beeinflußt werden kann. Hier diente es fast ausschließlich der Repräsentation und dem Lebensgenuß einer winzigen, volksfremdcn Oberschicht. Der Künstler und Dichter, der anderes wollte, war verfemt und schwebte im luftleeren Raum.
Die Blütezeit des Bürgertums um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts bietet ein anderes Bild. Es gab in Deutschland eine Spanne von vielleicht dreißig Jahren, in der die Führung und Initiative in Dingen des Geschmacks bei den Schaffenden lag und ein bildungswilliges und geistig reges Publikum bereit schien, mit den Dichtern und Künstlern mitzugehen. Man darf einzelne tragische Fälle der Verkennung nicht als Gegenargument anführen: im Ganzen ergab sich doch ein gemeinsamer geistiger Boden für „Produzenten" und „Konsumenten". Das Abhängigkeitsverhältnis war also denkbar günstig und wenig spürbar; und die Zugeständnisse, die etwa Schiller den Gefühlen des Publikums machte, kann man harmlos nennen. Trotzdem hat von allen Dichtern dieser Zeit woh^ nur Hölderlin ganz kompromißlos geschaffen.
In der Spätzeit der bürgerlichen Epoche, deren Ende wir heute erleben, verschieben sich alle Verhältnisse durch den Einfluß, den die Verlage und der Kunsthandel auf das Schaffen gewinnen. Die Forcierung literarischer und künstlerischer Moden, die Aufblähung mittlerer Talente zu „Weltgrößen", die dann fallengelassen werden, das Umsichgreisen einer ungesunden Schnellproduktion — das sind die Symptome dieser verhängnisvollen, aber fast unvermeidlichen Abhängigkeit. Zugleich haben sich in den letzten dreißig Jahren zwei Typen von Schaffenden immer stärker ausgeprägt, die beide de» Bedürfnissen des Publikums Rechnung tragen und zwei verschiedenen „Konsumentenschichten" entsprechen: der Typus des „kompromißlosen", induvidnalistischen Artisten — und der Typus des gefälligen Gebrauchskünstlers und Schriftstellers. Der große äußere Erfolg gehörte fast immer einem von beiden Typen; die Ersolgswerke der Zeit schienen entweder kompromißlos radikal, aus eine „interessante" Weise unbequem, oder anspruchslos gefällig, kulinarisch und leicht zu begreifen. Und bas Schaffen der Vielzuvielen ging diese beiden gegensätzlichen Wege; es kam auch bisweilen vor, daß ein Artist plötzlich die andere Möglichkeit für sich entdeckte. All diese Feststellungen berühren natürlich nicht die Existenz der wenigen wirklichen unabhängigen Schaffenden dieser Epoche. Aber das allgemeine Bild des Schaffens wird ja nicht durch diese Wenigen bestimmt.
Heute sind die Dinge wieder im Umbruch und Werden, und ganz neue Schichten warten aufbruchbereit darauf, als Ausnehmende nnd Mitschassende am Kulturleben der Nation teilzunehmen. Zwar die Verlage und Konzertdirektionen, die Kunstsalons und Theater sind materiell noch immer auf die Reste des alten Besitzbürgertums angewiesen: hier hat sich das Bild gegen früher kaum geändert. Aber in dem Augenblick, wo die neuen Schichten als „Konsumenten" ernsthaft in Frage kommen — und viele kulturpolitische Maßnahmen des neuen Staates zielen darauf hin — wird auch das künstlerische und dichterische Schaffen neue Möglichkeiten und neue, aber fruchtbare Abhängigkeiten gewinnen.
Die Schufterkugel.
Roman von Hans Franck.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Wie ein Tiger im Käfig begann Gust, unbekümmert um die darunter wohnenden Viehhändlerleute, in dem Schlafzimmer auf und ab zu rennen, im großen Bogen um das eheliche Doppelbett herum. Dabei strömten, schäumten und brausten seine Worte unaufhörlich; teils wahrheitsgetreuer Bericht über den Abend in den Baracken, teils Ausgeburten seiner zorngesegneten Phantasie, bald vernünftige Schilderungen und sachliche Beurteilungen der Vorgänge, bald haltlose Verdächtigungen und ungezügelte Beschimpfungen des verbockten, beschränkten Maurerpoliers.
Rikelchen ließ Gust rennen nnd reden, soviel er wollte. Sie wußte, wenn das Wehr seiner Wut aufgerissen war, bedurfte es geraumer Weile, bis der überstaute Schwall verstromte. Jedes -m dieser Zeit von ihr gesprochene Wort wurde durch die Worte Gusts mit foitcicriffcn, rvie Steinchen, die ein Knaöe tu schaumende^ W'Al^Gusts'Gänge unt das Doppelbett langsamer und beruhigter wurden, seine Sätze sich nicht mehr überstürzten, sondern gleich- ' mäßig dahinflossen, fragte Rikelchen: „Lohnte es, um einen Sitz im Bürgerausschutz eine Lebensfreundschast aufs Spiel zu setzen?
Willem und ich waren niemals Freunde! schäumte Gust auf. Nachbarskinder, Spielgefährten — ja. Freunde -Jtein!
,Jch wützte niemand in der Stadt, der dir näher steht, verteidigte die im Bett Liegende sich.
,Mein Freund ist Willem trotzdem nicht eine Stunde lang gewesen."


