Ausgabe 
4.5.1934
 
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dächten.

So brach Weiber von Volke durch.

gäbe stimmt, der wird erschlagen. Die Kommissäre sind Gefangene der Stadt."

Was die Bürgermeisterin verkündete, geschah. Das Rathaus blieb das Hauptquartier der Weiber. Vier Frauen zogen ab­wechselnd auf Wache und wurden zweistündlich abgelöst. Auf dem Markte entzündete man ein Wachtfeuer, denn es ging in den Win­ter. Tobias Heller verließ in aller Heimlichkeit die Stadt. Der Hofjunker aus Stuttgart mußte jedoch versprechen, daß er seinen Auftrag ehrlich verdammen wolle und die Verteidigung der Festung gutheiße. , ,

Die Franzosen aber bissen sich an Schorndorf die Zahne auv. Der Mut der Weiber rettete die Stadt. Schon nahte das schwä­bische Kriegsheer, dem der Kaiser verboten hatte, sich an die Räte der württembergischen Regierung zu halten, weil sie französisch

mit dem 14. Dezember des Jahres 1688 durch die Schorndorf der Wille zur Freiheit im schwäbischen

Oie Ewigkeitsmaschine.

Von Alfons v. Czibulka.

Geheimnisvoll am lichten Tag

Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben, Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag, Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.

Goethe.

Es war in den ersten Jahren der Fliegerei, daß ein wegen seines beißenden Humors gefürchteter Mathematiker und Physiker der Wiener Technischen Hochschule nach einer Vorlesung über die theoretischen Grundlagen des Fliegens seines Studenten ans Fenster beorderte, auf eine vorübersegelnde Schwalbe deutete und den boshaften Ausspruch tat:Sehen Sie, meine Herren, diese Schwalbe zum Beispiel fliegt theoretisch falsch!". Das ist so ungesähr das, was die meisten Erfinder des Perpetuum mobile zur Entschuldigung dafür vorzubringen haben, daß sie auch heute noch ihre Zeit aus ein Problem verwenden, dessen Lösung doch längst als unmöglich gilt. Sie sagen sich nämlich: die Wissenschaft hat sich schon yft geirrt, warum soll sie also gerade im Falle des Perpetuum mobile recht haben?

Was ist eigentlich eine solche Ewigkeitsmaschine? Eine Äorrrch- tung, die durch eigene Kraft, also ohne Kraftzufuhr von außen, ständig in Bewegung bleibt und dabei auch noch Arbeit zu leisten vermag. Ein Mühlrad, das so lange läuft wie der treibende Vach nicht versiegt, ist zum Beispiel kein Perpetuum mobile, weil die bewegende Kraft, das Wasser, ihm von außen zugeführt wird. Dagegen wäre das Problem mit dem gleichen Rade gelöst, wenn dieses durch irgendwelche unvorstellbare Anordnung von sich aus in Drehung geriete, sich in aller Ewigkeit fortdrehte und dabei auch noch die Mühlsteine bewegte.

Mit dieser Forderung der ewigen Bewegung ist aber eigentlich aus die Frage, ob ein Perpetuum mobile möglich ist, schon die Antwort gegeben. Ewig dauert ja nichts, was Materie ist. Selbst nicht der Lauf der Gestirne, deren unbegreifliches Wandern und Kreisen eines Tags doch erlahmt und wenn darüber Jahrmillio­nen vergehen. Freilich müssen wir zugeben, daß das Problem des Perpetuum mobile praktisch doch gelöst wäre, wenn es gelänge, eine Vorrichtung zu finden, die während eines langen, etwa Jahr­hunderte umfassenden Zeitraums von sich aus in Bewegung bliebe und Arbeit verrichtete. Doch auch das ist undenkbar, weil der Ein- sluß der Zeit auch die vollkommenste Maschine verhältnismäßig rasch zu altem Eisen werden läßt. Jed^r Besitzer eines Fahrrades, eines Kraftwagens, weiß davon ein Lied zu singen. Und schließlich beweist Robert Mayers berühmtes Gesetz von der Erhaltung der Energie, daß es nicht möglich ist, Kraft aus dem Nichts hervor­zuzaubern.

Und doch ist der Gedanke des Perpetuum mobile nicht nur Ausgeburt und Irrwahn verschrobener Hirne, sondern es wurzelt dieses Problem auch tief im Weltanschaulichen. Freilich in einer Weltanschauung, die nicht mehr die unsere ist, in dem Wahn, daß Arbeit ein Fluch sei und das goldene Zeitalter anbrechen müßte, wenn man den Menschen von diesem Fluche erlöste. Denn es ist ja der Sinn des Perpetuum-mobile-Problems, eine Maschine zu finden, die kren Menschen von der Arbeit befreit.

Weil titnft aber sehr bald dahinterkam, daß, ähnlich wie bei der Alchimie, irdische Erkenntnisse zur Lösung nicht ausreichten, ver­mengte man auch bei der ewigen Bewegung Sinnliches mit Ueber- sinnlichem, so daß das Perpetuum mobile sich zur Physik verhält wie die Goldmacherkunst zur Chemie, die Astrologie zur Astro­nomie.

Dieser Wahn von der Möglichkeit ewiger Bewegung ist wohl schon in einer Zeit entstanden, in der die Menschen sich mit den ersten unzulänglichen Maschinen mühten. Versuche zur Lösung sind aber erst im 13. Jahrhundert nachzuweisen.

Um diese Zeit bemühte sich ein berühmter Baumeister der französischen Gotik, Villars de Honnecourt, um das Per­petuum mobile. Er brachte an einem Rade sieben hammerartige, freibcwegliche Schlegel an. Begann sich nun das Rad zu drehen, so fiel durch die Schwerkraft der den Scheitelpunkt des Rades überschreitende Hammer nach vorn. Dieses Fallen des Schlegels sollte das Rad um ein Stück weiterdrehen, den nächsten Hammer zum Ueberkippen bringen und so die Vorrichtung in unaufhör­licher Bewegung erhalten. Es ist klar, daß eine Drehung nicht erfolgte, weil das kleine Uebergewicht des einen Schlegels nicht die Kraft besitzt, die 6 andern mit sich zu reißen und auch noch den Widerstand der Reibung zu überwinden.

Und doch hat Villars de Honnecourt mit diesem naiven Ver­suche sozusagen das klassische Vorbild des Perpetuum mobile ge­sunden. Denn trotz ihrer Sinnlosigkeit spukt diese Anordnung in allerlei Formen bis auf den heutigen Tag. An ihrem Prinzip änderte sich ja damit nichts, daß man statt der Schlegel über­kippende, sich dabei verlängernde Hebelarme verwendete oder Kugeln und Quecksilber in einer geschlossenen Trommel kreisen ließ. Als man dahinterkam, daß alle diese Räder sich nicht drehten, versuchte man es mit Wasser. In der Weise, daß man Wasser ans ein Mühlrad fallen ließ, das etwa einen Schleifstein bewegte und das gleichzeitig das Wasser zu neuem Fall in die Höhe pumpen sollte. Auch diese Maschine rührte sich natürlich nicht, denn man mutete dem Wasser das gleiche zu wie einem Menschen, von dem man verlangt, er solle sich an seinem eigenen Schopf in die Höhe ziehen. Ebensowenig halfen Magnete, die Saugwirkung eines Winkelhebers, Zahnräder und Uebersetzungen, die nur die Rei­bung vermehrten und einen Erfolg noch unmöglicher machten.

Merkwürdigerweise glaubten aber auch sonst sehr gescheite Leute an das Perpetuum mobile, wenigstens zeitweise. So der gewaltige LeonhardodaVinci.der doch auch eines der um­fassendsten technischen Genies gewesen ist, der große Astronom Christoph Scheine!, der im Jahre 1611 zu Ingolstadt die Son­nenflecken entdeckte, Robert Boyle, der eigentliche Begründer der modernen Chemie, Johann Joachim V.echer, der sich um die Gewinnung von Teer und Koks aus Steinkohle bemühte und viele andere. Und selbst der berühmte Baumeister und Bild­hauer Andreas Schlüter, der Schöpfer des Denkmals des Großen Kurfürsten, der unsterblichen Kriegermasken und Erbauer eines Teils des Berliner Schlosses, ist diesem Wahne verfallen. Freilich erst in der Zeit, in der ihm sein Bauunglück am Berliner Münzturm das Leben zerbrochen und Peter der Große ihn beru­fen hatte, damit er ihm die Zarenstadt St. Petersburg bauen helfe.

Daß die Herstellung eines Perpetuum mobile unmöglich ist, hatte man schon lange erkannt, ehe noch der deutsche Arzt Julius Robert v. M a y e r in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts durch das von ihm gefundene Gesetz von der Erhaltung der Ener­gie diese Unmöglichkeit auch theoretisch bewies. Schon im Jahre 1775 erklärte die Französische Akademie, daß sie keine Perpetuum- mobile-Lösung mehr zur Prüfung annehmen werde. Was aber die Leute nicht hinderte, diesem Phantom auch weiter nachzujagen. Und weil solche Maschinen sich trotz allem Scharfsinn nicht rühren wollten, so mogelte man ein bißchen, und da die Dummen nicht alle werden, so hat auch die Geschichte des Perpetuum mobile ihre Cagliostros und Saint-Germains.

Der unsterblichste dieser Gauner war der famose Erntt Elias B e ß l e r - Orfsyreus, der im Jahre 1715 seintriumphierendes Perpetuum mobile" erfunden hat. Äon Haus aus hieß er eigentlich nur Veßler. Den geheimnisvollen Namen Orfsyreus legte er sich später zu: aus geschäftlichen Gründen. Er war ein unsteter Kopf, der in seinem Leben allerlei gewesen ist: Soldat, Windbüchsen­macher, Quacksalber, Drechsler, Maler, Kupferstecher, Uhrmacher und Astrolog. Begabt waren sie ja alle, diese Glücksritter.

Ein durch Heißluft angetriebener Bratspieß, den übrigens ebenfalls schon Leonardo da Vinci ausgedacht hatte, scheint ihn aus den Einfall gebracht zu haben, die Ewigkeitsmaschine zu erfinden. Und nun gefchah 6cZ Wunder: die Maschine, die schon in Merse­burg solches Aufsehen erregt hatte, daß der Stadtmaaistrat für die Vesichtung eine Abgabe erhob, war tatsächlich ein Perpetuum mobile. Das heißt vorläufig wenigstens.

Und das kam so: Der Landgraf von Hesien-Kassel hatte Beßler- Orffyreus unter Verleihung des Kommerzienratstitels auf sein Schloß Weißenstein berufen. Dort wurde die Maschine in Gang gesetzt und der Raum, in dem sie stand, versiegelt. Als man diesen Raum sechs Wochen später wieder öffnete, lief die Maschine noch immer. Scharen von Sachverständigen, unter denen sich auch sehr berühmte Leute befanden, kamen, um sich das Wunder zu besehen. Ihre Gutachten fielen begeistert aus. Die Ewigkeitsmaschine, so attestierten sie, drehe sich wirklich und wahrhaftig ohne äußere Kraft, ohne Feder und Uhrwerk.

Selbst die gescheitesten Leute wurden an ihrer Meinung irre, als sie von dem Wunder vernahmen. Nur der große Leibniz blieb skeptisch. Doch darum kümmerte sich Beßler-Orffyreus recht wenig. Er hatte ja erreicht, was er wollte. Der Landgraf über­häufte ihn mit Gold und Ehren und schenkte ihm auch noch Gar­ten und Haus. Ueber Nacht war Beßler ein berühmter Mann geworden. Er blieb es auch. Vis eine Dienstmagd, Anne Rosine Mauersbergerin hieß die Perle, zu klatschen begann, ob­wohl Meister Orfsyreus sie zu erschießen gedroht hatte, wenn sie den Schnabel nicht hielte.

Da kam der Schwindel an den Tag. Die Blamage war um so fürchterlicher, als dieser Schwindel geradezu einfältig war: aus dem Nebenzimmer hatten Veßler, die Magd und deren Bruder abwechselnd die Welle der Maschine gedreht, wenn Gefahr im Verzüge war, das heißt, wenn jemand den Maschinenraum zu betreten sich anschickte. Diese Blamage, an deren juristischen Fest­stellung'den Beteiligten durchaus nichts gelegen war, bewahrten den Erfinder vor Strafe. Der Landgraf ließ ihn laufen.

Sicher war Beßler-Orffyreus nicht der erste dieser Perpetnum- mobilc-Erfinder, der so unverschämt mogelte. Denn nachgewiese- nermaßen haben eine ganze Reihe solcher Wundermaschinen wirk­lich gearbeitet, obgleich doch eine solche Erfindung unmöglich ist. Doch das wollen auch heute noch Narren, Phantasten oder auch Schwindler nicht wahr haben. Erst vor zwei Jahren wurde für den 7. Mai 1932 ein Pcrpetuum-mobile-Konareß nach Saarbrücken einbcrnfen, wo eine ewig laufende Wassermaschine vorgeführt wer­den sollte. Diese Maschine muß so schön gewesen sein wie das Deutsch, in dem sie angekündigt wurde. In dem Prospekte hieß es