Nummer 54
Hreitag, den 4. Mai
1954
Oer Kuckucksschrei.
Von Wilhelm Pieper.
Kuckuck!
Die Wiesen schwellen von Grün, Weichgoldig die Löwenzahnsterne glühn Und Sängerlein jubeln wie nimmer gescheit. Weil aus den Wipfeln der Kuckuck schreit.
Kuckuck!
Ein Junge durchjauchzte bas Tal, Die Kühe grasten zum erstenmal ... Wie lachst du mir nahe, blondlockige Zett, Weil aus den Wipfeln der Kuckuck schreit!
Kuckuck!
Das wird ein Strahlen fern, Geliebte, wandeln wir nimmer allein! O Kinderjubel, all Jammer so weit. Weil aus den Wipfeln der Kuckuck schreit!
Kuckuck!
Und einst... ein Doppelgrab.
Doch grünt es und schwillt es, bann lauscht nur hinab: Ein zitterndes Echo der Ewigkeit, Weil aus den Wipfeln der Kuckuck schreit!
Oie Weiber von Schorndorf.
Von Rudolf Behrens.
Der Bürgermeister Künkele von der württembergischen Stadt Schorndorf im sreundlicheu Remstale stützte sein sorgenfchweres Haupt. Er grübelte. Seine Frau, die mtt einer Nadelarbeit, neben ihm saß, blickte ihn halb neugierig, halb mißtrauisch an. Plotzlich stand der Bürgermeister auf, lief wie em aufgescheuchtes Wild durch die Stube und blieb vor seinem Weibe stehen: ,
.Weiß die Künkelin, daß die Stuttgarter Kommissare in der Stadt sind? Weiß sie, was der Hofjunker von Hoff und der Krlegs- und Kirchenrat Tobis Heller von unserem Kommandanten wollen?
Die Bürgermeisterin legte das Nähzeug aus der Hand und antwortete: „Ich weiß, in Schwaben ist die Holle los. Ein teuflisches Gesindel hat die Rheinpfalz in einen Schutthaufen verwandelt. Die Trümmer sind mit Blut übergossen. Das Rheintal ist eine Wüste. In Heidelberg brennt das Schloß,' Pforzheim und Vaden liegen in Asche,' Mannheim und Rastatt sind niedergebrannt, Germersheim und Durlach getilgt. Ich weiß noch mehr — Dre Kun- feltn erhob sich und fuhr fort: „Eintausendzweihundert weitere Städte und Dörfer stehen auf der Totenliste der dRordbrenner. Das ist das teuflische Werk des Kriegsminister? Louvvis, w verlangt es der vierzehnte Ludwig von seinen Hollenhunden ..iont- ^Der' Bürgermeister wiegte die Schultern. „Nicht, was geschehen tsi sondern, was noch wird, macht mir das Herz schwer.
' Bist du blind geworden?" zürnte die Frau und blitzte mit ihren funkelnden Äugen an. „Nach der Pfalz kcmtmt Schwaben an die Reihe. Schorndorf steht auf der Liste. Weißt du nun, um was CS Zch^will zum Wohle unserer Stadt mit Frankreich Frieden 6alt®u willst die Dummheit und Schorndorfs Trümmerhaufens "Was unserer Stadt dient, wird der Rat entscheiden. Da steh.
Der Bürgermeister blickte zum Fenster hinaus und imes auf die Straße. „Die Stadtknechte haben Eile, mich und die Richter zum
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^^Feiglinge"'" rief sie ihm ins Gesicht. Dann war sie mit ihrem
Jv "der'"großen Ratsstube von Schorndorf feilschten die Stadt- vüter mit den Stuttgarter Kommissären der herzoglichen Regierung um die Ueberqabe der Festung an die Franzosen. Die Her- ren Lros und Heller beschworen den Rat: „Stuttgart wird aus dem Sarge heraus verbrannt, wenn Schorndorf nicht übergeben rot®et Festungskommandant Oberst Peter Krummhaar hatte einen schweren Stand. „Laßt die Franzosen brennen und plün
dern, wenn sie glauben, es mit gutem Gewissen tun zu können! Um einer Drohung willen werde ich kein Liedcrjahn und bleibe ""^„Wollt" Jhr^Euch unterstehen, der Hölle und allen Teufeln zu trotzen?" legte sich der Bürgermeister Künkele ins Wort. „Nord- schwaben ist in den Händen der Franzosen. Was tun wir BöseA wenn wir sür den Frieden sind und den Franzosen gastfreundlich die Tore öffnen? Sie werden uns kein Haar krümmen.
„Mögen die neunundneunzig souveränen Herzöge, Fürsten, Markgrafen, Prälaten, Ritter und Reichsstadtherren, die vom Bodensee bis zum Neckar das Schwabenland regieren, auf ihr kleinmächtiges Verhandlungsrecht mit dem Feinde pochen! Mögen sie uns im Stich lassen! Und wenn ihr Ränkespiel das Deutsche Reich in Scherben schlägt, öffnet Schorndorf seine Tore nicht dem Neichsfeind, solange ich Kommandant der Stadt bin, entgegnete bei ©bcift.
„Ihr handelt gegen den Befehl", erhöh sich der Kriegsrast Heller. Zwar sollt Ihr Euern Posten nicht gleich übergeben, doch aus die Extreme es nicht ankommen lassen. Im Notfall zieht Ihr auf das Schloß, wo Ihr kapitulieren könnt."
Der Oberst zog die Stirne kraus. „Friedrich Karl, der junge Herzog, Württembergs Administrator, kann in Regensburg gut reden Er ist noch ein halbes Kind, sonst wüßte er, baß Mannes- ehre höher steht als der Angstbefehl eines schwachen Herrn.
„Die Bürgerschast will Ruhe," mischte sich der Untervogt ein. „Bürgermeister und Gericht sind für die Kommissare. Die französischen Heerführer in Eßlingen erwarten höfliches Entgegenkommen. Sic haben Stuttgart in der Hand. Lieber den Feind in der Stadt als den Tod auf dem Wall!"
Verräter seid Ihr!" wetterte der Kommandant. „Zweitausend Dublonen bot mir Mälac für Raison und Uebergabe, unserer Stadt. Hütt' ich ein feiges Herz wie Ihr gehabt, so war ich jetzt ein reicher Mann." Verbittert verließ der Kommandant die Ratsversammlung und begab sich auf den Wall.
Die Bürgermeisterin Künkele ahnte nur zu gut, wie e» tm Rate und um Schorndorf stand, tote schickte unverzüglich zu ihrer Freundin, der Hirschenwirtin, und beriet mit ihr das Schicksal der Stadt: „Wenn die Männer zu Weibern geworden sind, dann müssen die Weiber halt Männer werden. Sie mögen im Staatsrat feine Reden halten, indessen wir im Kriegsrat handeln. Auf der Stelle schlagen wir los, um allen Bürgern zu zeigen, rote man Schorndorf retten kann," so schloß die Künkelin.
Auf ihr Geheiß bot Friedrich Kurz, der alte Weingärtner, den Weiberheerbann auf. Die Mutigen schlugen freudig zu: die Zaghaften rourden überredet. „Die Bürgermeisterin verlangt nach Euch. Sie ist die Anführerin," ging es von Mund zu Mund.
Darauf kamen sie in hellen Scharen vor das Haus der Kunke- lin. Die Frauen trugen Ofen- und Mistgabeln, Bratspieße und Hackmesser, Sicheln und Schneiddegen, alte Partisanen und Hellebarden. Die Künkelin feuerte den Weiberhaufen an. „xich b>n der Meinung, daß man dem liederlichen Trupp Franzosen nicht ohne weiteres das gute Heu, den schönen Hafer liefert oder gar die starken Festungswerke, die uns soviel Geld gekostet, zur Demv- lierung übergebe. Die Stuttgarter Herren mögen nicht glauben, daß es ihnen mit Schorndorf gehen werde wie mit Tübingen und dem Hohenasperg!" Der Mut der Frauen tvuchs. Sie hatten c.ne^ Willen und ein Ziel. Es wurden Kompanien ^bildet Offtzierin- nen ernannt. Diese erhielten Degen und kurze Gewehre, lut Befehl der Künkeljn drangen sie vor das Rathaus, tn dem die Man- "^^Die^Feldherrin'vo/Schorndorf ließ das Weiberheer am Tore warten. Sie selbst schlüpfte vom Flur aus in den.Kachelofen^der großen Ratsstube und wurde Zeugin einer schimpflichen Verhandlung. Als sie von Kapitulation und nie gehaltenen sranzö- stschcn Versprechungen hörte, wußte sie genug. Blitzschnell eilte sie hinaus, ließ das Rathaus von ihrer Schar besetzen und drang mit einem Teil des Weiberheeres in die Ratvstube. Die Kommissäre entsetzten sich: die Ratsherren waren über ihre eigenen Weiber bestürzt und glaubten an einen üblen Scherz.
Da stellte sich die Künkelin drohend mit gezogenem Degen vor ihren Mann und rief mit furchtbarem Ernst: „Mit meiner eigenen 5iand erschlage ich dich, wenn du an Schorndorf zum Verräter wirst! Weh Euch, wenn Ihr für Uebergabe stimmt! Alle Verräter werden von ihren eigenen Weibern totgeschlagen. .
Bürgermeister wurde leichenblaß. Ehe er gutroorten konnte" fuhr sestte Frau fort: „Was Ihr beschließt ist gleich Dw Stadttore besetzen wir: der Kommandant bleibt ans seinem K osten. Niemand kommt ohne Verhör aus diesem Saale. Wer für Ueber-
Eichener ZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger


