Ausgabe 
3.12.1934
 
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»ater Bescheid. Versuche du, ganz ruhig zu fein! Noch wissen totr Bidjlsl" Sie hatte die Tochter auf den Sessel niedergedrückt. Jetzt sag Ursula zusammengesunken da, die Hände vor das Gesicht geschlagen.

Da schrillte die Klingel des Fernsprechers Ursula fuhr auf. War schneller als ein Gedanke am Apparat. Die Mutter hatte den Hörer schon abgehoben, nahm Ursula in den Arm, leitete das Gespräch ein. Herberts Schwester wurde gerufen Die Mutter hielt Ursula den Hörer bin sie nahm ihn, wollte etwas sagen, aber die Stimme gab nur em paar heisere Töne her. Sie reichte den Hörer der Mutter zuruck, nickte ihr bittend zu:Sprich du für mich!"

Ein paar Begrüßungsworte, dann die besorgte Frage der Mutter nach dem Zustand des Verunglückten, daraus für Ursula unverständliche Töne im Apparat. Ursulas Augen hingen wie festgewachsen an dem metallenen Trichter. Ihr lieber, frischer, übermütiger Junge...

Die Spannung im Gesicht der Mutter lockerte sich, sie zog Ursula fester an sich.Gott sei Dank!" sagte sie warm.Es wird lange dauern große Schonung . . aber er wird wieder ganz gesund werd^i? Ursula soll zu Weihnachten zu Ihnen kommen? Dann meint er Ge­nesung mit ihr feiern zu können? Sie soll ihm ost schreiben? Nun, natürlich!" Noch ein paar Dankesworte, ein herzlicher Abschledsgrutz. Die Mutter Tonnte in Ursulas Augen hineinlächeln.Außer ein paar Quetschungen, die unbedeutend sind, eine Gewebezerreißung in der Nierengegend. Nur der Zufall, daß ein Spezialist in der Nahe war, hat ihn gerettet. Er ist heute nacht operiert worden. Man meint, daß er ""^Daß^es^doch noch Weihnachten wird für ihn und mich! Mutter, ist das" nicht eine wunderbare Gnade?"

Die Geschwister hatten sich still in die Wohnstube gesetzt, schnitten das Grün für den Adventskranz zurecht. Plötzlich trat Ursula ein, die Augen müde vom Weinen, aber auf den Zügen ein seltsames, klares Leuchten.Laßt mich helfen", sagte sie leise,beim letzten Advents­kranz, den ich zu Hause winde. Er soll schöner werden, als wir ;emals einen hatten. Und wir wollen Lieder fingen, wie wir nie gesungen haben. Denkt nach, welches die aller-, allerschönsten sind!"

Ursula hatte in den aufgehäuften Berg der Tannenzweige hrnem- gegriffen, beugte nun das Gesicht in die mit Grün gefüllten Hande. Wie das duftet! Hat es jemals Tannen gegeben, die so geduftet haben? Bestimmt nicht! Ihr glaubt nicht, wie selig ich bin!" Und plötzlich jubelte ihre warme Altstimme auf:

Heilige Nacht, auf Engelsschwingen nahst du wieder dich der Welt, und die Glocken hör ich klingen, und die Fenster sind erhellt..

Schwester, wenn du den Kranz lieber in Silber und Weiß haben willst, so soll es mir auch recht sein!" Ursulas Hand hob sich bittend In die der Schwester.Ich habe gar nicht verdient, daß das Schicksal so gut zu mir ist. Aber ich will's mir verdienen. Wir wollen uns lieb haben, ja? Immer! Das Leben ist so kurz. Nur die Liebe kann den Tod über­winden, nur wenn wir lieben, dürfen wir eingehen zur Weihnacht, und die Wochen der Adventszeit sind unsere Vorbereitung."

Negermärchen aus Oeuisch-Ostafrika.

Von Georg Heß, Gießen.

Lager mitten im Busch. An den Lagerfeuern sitzen die Träger und rösten große Fleischstücke an langen Stöcken, die sie rund um die Feuerstellen aufgebaut haben. Dreißig Leute verwerten so eine Elen­antilope, die ich im Laufe des Tages nach sehr großen Anstrengungen glücklich erlegt hatte und die bei Sonnenuntergang in einzelne Stücke zerlegt, herangeschleppt worden war Unsägliche Fleischmengen sind schon verzehrt worden, und nun wird die Nacht zur Herstellung von Dauer­ware benutzt. Ein bleicher Mond wirft fahles Licht auf die eintönige Gegend. Hin und wieder lacht eine Hyäne in nächster Nähe, die vom Fleischgeruch angezogen worden ist. Die Träger rücken näher zusammen. Sie lauschen den Worten ihres KameradenHeller mbili" (zwei Heller), der nicht nur spötteln, sondern der auch Märchen erzählen kann. Märchen, die das Negerherz liebt und denen es stundenlang zuhören kann. Ich fange gerade einen Nachtfalter mit dicken leuchtenden Augen, als Heller mbili anhebt:

Es war einmal ein reicher Sultan, der sieben Söhne hatte und der mit Strenge und Gerechtigkeit feine Untertanen regierte. Nichts fehlte ihm. Schöne Frauen gehörten zu feinem Harem, unzählige Rinder waren fein eigen. Aber trotz allem war er nicht glücklich, denn fein siebenter Sohn war eine Schlange, vor der er sich fürchtete. Diese Furcht ver- K ihn auf Schritt und Tritt und brachte ihn schließlich so weit, er den Schlangensohn im Busch aussetzte. Als Wohnung stellte er ihm einen großen irdenen Wassertopf hin und überließ ihn bann feinem Schicksal. Jahre vergingen. Der Sultan vergaß fast ganz seinen siebenten Sohn und lebte in Sorglosigkeit dahin. Als er eines Tages spazieren ging, kam mitten aus dem Busch heraus plötzlich eine sehr lange und dicke Schlange auf ihn zu. Entsetzt wich er zurück. Doch diese verfolgte ihn nicht, sondern rief ihm einHu jambo" (wie geht es?) zu und sagte:Ich bin dein Sohn und jetzt sieben Jahre alt. Besorge mir einen Lehrer, damit ich lesen und schreiben lerne". Diesem Wunsch versprach der Sultan nachzukommen und kehrte verstört nach Hause zurück. Hier besprach er sich mit seinen Ratgebern, die ihm rieten, das Versprochene sofort zu erfüllen. Nach langem Suchen fand sich endlich ein geeigneter Lehrer, der denllnterricht bald in Angriff nahm. Die Schlange war sehr fleißig und wißbegierig. Und als weitere sieben Jahre verflossen waren, ließ sie ihrem Vater sagen, daß sie jetzt genügend ausgebildet sei und daß sie nunmehr heiraten wolle.

Wiederum eine schwere Ausgabe für den armen Mann. Bei allen Mädchen seines Sultanats ließ' er anfragen, aber niemand fand sich

bereif die Ehe einzugehen. Hierüber war der Sudan sehr traurig und hatte Tag und Nacht keine Ruhe mehr. Da hörte er in ferner großen Bedrängnis von einem durchreisenden Händler, daß sieben Tagesreijen entfernt ein Sultan wohne, der sieben Töchter habe. Sofort brach er mit großem Gefolge und prächtigen Geschenken auf, um für fernen Sohn eins dieser Mädchen zu werben. Mit großem Pomp wurde er empfangen. Feste wurden gefeiert und schließlich brachte er feine Werbung vor. Die sechs ältesten lehnten ab, nur die Jüngste willigte nach langem Zögern ein Voller Freude kehrte der Sultan nach Hause zurück, wo die Hoch­zeit sofort gefeiert wurde. Die Festlichkeiten dauerten sieben Tage Tanze wurden aufgeführt. Fleisch und Pombe (Hirsebier) oab es tm Ueberfluß. Das ganze Volk nahm daran teil. Das junge Ehepaar verließ bald die väterliche Behausung und begab sich in den Busch. Hier baute es sich ein Haus, und als dieses fertiggestellt war, verschlang der Ehemann seine Frau und spie sie wieder aus. Dreimal wiederholte sich mefer Vorgang. Die Frau bekam hierdurch eine Haut so zart wie Samt. Sre wurde wunderschön, so schön wie die Sonne. Dann spie die Schlange noch Gold- und Silbertetten, seidene Tücher, Ringe und zwei Pferde aus Und als dieses vollbracht war, verwandelte sie sich plötzlich tn einen Mann. Das Ehepaar schwang sich nun auf die Pferde nahm den großen Reichtum an Gold- und Silberketten, Ringen und Tüchern mit und ritt zum Sultan. Hier war das Erstaunen groß. Mit Windes­eile verbreitete sich die Nachricht von dem großen Wunder im ganzen Sultanat. Aus allen Gegenden stürmten die Leute herbei, um sich von der Wahrheit zu überzeugen. Der Sultan war restlos glücklich. Es wurde ein großes Fest gefeiert, an dem alles teilnahm. Ochsen wurden ge­schlachtet, Pombe (Hirsebier) gab es im Ueberfluß, und die Ngomas (Trommeln) dröhnten Tag und Nacht. Dieses Fest dauerte sieben Tage lang. Dann rüstete der Sultanssohn zum Aufbruch. Er verlieh mit feiner jungen Frau die Heimat und siedelte sich in einer anderen Gegend an, wo er ein großes Sultanat gründete. Bis an die Grenze begleiteten ihn fast alle, und bann nahm er Abschied.

Allseitiges Verwundern der Träger. Sie machten einige Glossen über dieses Märchen, die aber keinen Widerhall sanden. Um so aufmerksamer härten sie daher einer anderen Erzählung des Heller mbili zu:

Es war einmal ein reicher Araber, der hatte eine wunderschöne Tochter, die täglich seidene Kleider trug und viele Sklavinnen zu ihrer Unterhaltung um sich hatte. Sie war der Stolz ihres Vaters, der sie hütete wie seinen Augapfel. Als das Mädchen heiratsfähig war, lieh der Araber unter den Tieren des Waldes verkünden, daß er einen Mann für es suche und daß nur der es zur Frau bekomme, der es fertig brächte, von einer hohen Palme bei feinem Haus eine Kokosnuß herunterzuholen. Es meldete sich als erster der Elefant. Er suchte sich mit feinem Rüffel an der Palme hinaufzuziehen, er wandte feine ungeheure Kraft an, aber es mißlang ihm. Dann kam die Giraffe. Stolz hob sie ihren langen Hals und stellte sich auf die Hinterbeine. Vergebens. Dem Zebra, den Antilopen, dem Löwen, dem Büffel, der Eidechse, und wie die Tiere alle heißen, ging es genau so. Dann tarn ganz zum Schluß eine Schildkröte. Sie wurde von allen verlacht. Man beschimpfte sie und rief ihr zu, daß sie keinen Hintern habe und sie solle machen, daß sie fortkäme. Doch die Schildkröte ließ sich nicht irre machen. Langsam kroch sie zur Palme und versuchte an ihr hinaufzuklettern. Doch jedesmal fiel sie wieder zurück, was wahre Lachsalven bei den anwesenden Tieren hervorrief. Dies beeinflußte die Schildkröte keinesfalls. Sie fetzte immer wieder an und siehe da, auf einmal konnte sie klettern und erreichte ihr Ziel. Das Mädchen wurde ihr zugefprochen. Wütend liefen die übrigen Tiere weg. Der Elefant tutete, der Büffel brummte und griff die Antilopen an, und es wäre sicher zum Kampfe gekommen, wenn nicht der Löwe ein Mahnwort gesprochen und ganz furchtbar gebrüllt hätte.

Die Hochzeit wurde in aller Stille gefeiert. Das schöne Mädchen war trostlos. Weinend verließ es fein Elternhaus ohne Sklavinnen und begab sich mit der Schildkröte in der Hand nach einem weitentfernten Fluß, wo das Haus ihres Mannes stand Hier verlebte die junge Frau einsame Tage und Nächte. Jeden Vormittag verließ die Schildkröte das Haus, ging in den Fluß und kam erst spät abends zurück. Und wenn sie bann vor der Haustüre war, rief sie:Mach auf und trag mich hin­ein". Die unglückliche Frau befolgte diesen Befehl. Sie fetzte ihren Mann auf einen Stuhl, von dem er aber immer wieder herunterfiel.

Monate vergingen. Das Leben wurde für sie immer unerträglicher. Es war kaum noch zum Aushalten. Da trat plötzlich eine Aenderung ein. Als sie nämlich eines Morgens, wie gewöhnlich, Wasser holen wollte, begegnete ihr eine alte Frau.Warum bist du so traurig, mein Kind!", frug sie. Und nun erzählte sie dieser ihr ganzes Unglück.Tröste dich, es wird besser werden. Wenn dein Mann heute Adenb nach Hanse kommt, dann wirf ihn in einen Topf voll heißes Wasser"' riet ihr die

Alte. Die junge Frau trug nun einen großen irdenen Tops voll Wasser

in das Haus und stellte ihn auf das Feuer. Gegen Abend fchürte

sie das Feuer und brachte das Wasser zum Siegen Und als nun ihr

Mann draußen rief:Mach auf und trage mich hinein", holte sie ihn und warf ihn in den Topf. Ein furchtbarer Donnerschlag erdröhnte Die Erde erzitterte, blaue Flammen zischten aus dem Topf hervor Ge­blendet stand die Frau da. Als sie die Augen wieder aufschlug, bekam sie einen gewaltigen Schreck. Bor ihr stand ein bildschöner Mann in prächtiger Kleidung, das armselige Haus war zu einem Palast geworden. Sklaven und Sklavinnen liefen geschäftig hin und her und fragten nach ihren Befehlen. Aus der Schildkröte war der reichste Mann im ganzen Land geworden.

Die Erzählung ist beendet. Cs ist schon spat geworden. In nicht all3 zuweiter Ferne hört man den monotonen Klang einer Ngoma (Neger­trommel) und ganz entfernt brüllt ein Löwe in die stille Nacht hinein. Simba ana nyaa", der Löwe hat Hunger, meint Heller mbili und legt sich bei einer Feuerstelle zum Schlafe nieber. Diesem Beispiel folgen die übrigen.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Drühl'jche Universitäts-Duch» und Eteindruckerei. 2L Lange, Gießen.