Ausgabe 
31.7.1933
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang 1953

Montag, -en 31. Juli

Nummer 58

Oie Sommernacht.

Von Friedrich Gottlieb K l o p st o ck.

Wenn der Schimmer von dem Monde nun herab

In die Wälder sich ergießt, und Gerüche

Mit den Düften von der Linde

In den Kühlungen wehn.

So umschatten mich Gedanken an das Grab

Der Geliebten, und ich seh in dem Walde

Nur es dämmern, und es weht mir

Von der Blüte nicht her.

Ich genoß einst, o ihr Toten, es mit euch!

Wie umwehten uns der Duft und die Kühlung, Wie verschönt warft von dem Monde

Du, o schöne Natur!

Meine Heimat.

Von Friedrich Griese.

Wenn ich versuchen will, in kurzen Worten festzustellen, was denn nun eigentlich da ist, das die räumlich engbegrenzte Heimat stark genug macht, auf Offenbarung durch das Wort zu drängen, dann wäre mit der Darlegung der rein menschlichen Bindungen ja nichts getan: es muß ein anderes dazukommen, gerade das andere, von dem gesprochen wer­den soll.

Dabei sehe ich, daß ich bis zu meinem sechzehnten Lebensjahre eigent- !ich nicht anderes gewußt habe, als daß meine Eltern in einem Dorfe wohnten und daß ich selber ein Dorfjunge war. Für diese Zeit ist un­erheblich, daß dieses Dorf im östlichen Mecklenburg liegt, einer ganz be- timmten und ausgeprägten Landschaft.

Ich war damals immer ganz tief und uneingeschränkt glücklich, auch »atm, wenn etwas an mich herantrat, was Staunen, ja Furcht und Ent­setzen in mir heroorrief. Ich meine sogar, daß gerade dieses Staunen inb diese Furcht jenes erste Glücklichsein hervorbringen: denn es ist ver- »unden mit den ebenfalls ersten großen und unvergeßlichen Erfahrungen, >ic der Mensch macht.

Meine Hauptbeschäftigung in jenen Jahren, mein Beruf sozusagen, ®ar, daß ich Sommer für Somtner bis spät in den Herbst hinein in mem abgelegenen Walde die Dorskllhe hütete. Ich muß annehmen, daß Ueser Wald damals nicht sehr pfleglich behandelt wurde: denn später : utile er mit Tieren nicht mehr betrieben werden. Niemals werde ich -en Sommer vergessen, in dem fast Tag für Tag ein Eichhörnchen zu nir kam: ich sage das ganz unsentimental und so einfach, wie es sich zutrug. Id) lag unter einem Baum, einer alten und ziemlich hohen Kiefer: und nenn ich lange genug wartete, kam das Tierchen langsam über das Moos i ctan bis dicht in meine Nähe, saß da und betrachtete mich anscheinend lonz aufmerksam. Meine Holzpantoffel, die irgendwo herumlagen, stör­en es nicht, und bisweilen kam es bis an meine Füße. Es lieh sich auch iturd) Bewegungen nicht abschrecken, rührte sich kaum und beobachtete "ich nur; ich sah seine dunklen, blanken Augen, und ich meinte, es sähe Ach meine. Es ging ganz ungeheimnisvoll dabei zu, und doch war stau­bendes Erschauern in mir; und wenn ich heute über den Grund nach- iscnte, dann meine ich, damals schon gefühlt zu haben, daß das Leben les Waldes über mir aus den Kronen aller Bäume herabgekommen war >nd mich umgab.

tlnvergeßlich werden mir auch die anderen Stunden bleiben, in denen ®) vor den Crdlöchern der wilden Kaninchen lag. Ich hatte allmählich ' ne solche Fertigkeit darin bekommen, daß ich ohne die Möglichkeit leise- licn Irrtums sagen konnte, welche Höhlen bewohnt und welche leer t'aren. Stundenlang lag ich in dem Graben am Waldrand mit dem Ohr 'm der Erde und horchte. Zuweilen war es still darin; aber wenn es J ife summte und schnurrte, weich und verhalten und wie von fernher, nnn wußte ich, daß Junge darin waren. Nichts konnte mich dann fort- 1 eiben, nichts hätte mich freilich auch vermocht, mein Geheimnis zu Erraten, obwohl ich wußte, daß diese Tiere schädlich waren.

In diesem Wald gab es einige Stellen, die mich zuweilen mit namen- 1 sein Grauen erfüllten und die deshalb um so stärker wirken konnten, 1 eil ich ja lange Wochen hindurch vom Morgen bis zum Abend allein s it ihnen war. Vor allem war es eine Gruppe riesiger Findlingsblöcke, j'! einem tiefen Dickicht gelegen, und von Bruch und Moor umgeben, 'm für meine kindlichen Augen endloses Bett mit größeren und großen 'steinen gefüllt, die in ihrer wilden Lagerung mich immer wieder eben- lhehr abstießen wie anzogen. Ich habe damals nicht gewußt, was ich

daraus machen sollte; Sagen und allerlei alte Erzählungen, die davon, wie von allen solchen Orten, umgingen und ohne Zweifel auch mir er­zählt worden sind, habe ich vergessen, nicht vergessen aber habe ich jene Gruppe von Blöcken im Tannendickicht und das ungeheure Steinbett. Und wenn ich heute jene Zeit und ihre Erkenntnisse aufmerksam über­prüfe, dann weiß ich, daß ich damals schon die starke und inbrünstige Le­benskraft aufnehmen durfte, vor der alle ursprünglichen Offenbarungen der Natur zeugen.

Später, als ich Mecklenburg und vor allem seinen östlichen Teil als meine Heimat erkannte, habe ich dasselbe in dieser ganzen Landschaft finden dürfen, diese heftige und doch verhaltene, schöpferische Unruhe, die mir überhaupt das Zeichen des Nordens zu sein scheint.

Man muß wissen, daß Mecklenburg zu einem großen Teil hügeliges, wie von einem mächtigen Pflug aufgeworfenes Land oft, ähnlich dem Steinbett in jenem Wald. Wie riesige, einmal aufgeschlagene und dann in ihrer Lage nicht wieder veränderte, sich immer fortsetzende Schollen, so liegt dieser Teil des Landes da mit der quer hindurch verlaufenden in­neren Mulde und ihren Abdachungen an den Rändern. Es gibt in meiner Heimat keine hohen Erhebungen, keine Riefen unter Zwergen, aber die Art, wie diese Hügel gelagert sind, wie sie immer wieder von Bächen und kleinen Flüssen, Teichen und einer endlosen Zahl kleinerer und grö­ßerer Seen unterbrochen und in ihrem Verlaus aufgehalten werden, zeugt von der eigenwilligen Kraft, die diese Landschaft einmal werden ließ. Immer wieder ist eine andere Höhe da, dahinter die nächste und anschließend andere und wieder andere, eine Bewegung, die scheinbar kein Aufhören kennt, ein ruheloses, inbrünstiges Aufgerührtsein.

Alles ist hier auf das Einmalige gestellt, auf das Schlechthinige, Un­verwechselbare. Obwohl ein Hügel wie der andere zu sein scheint, ist doch jeder für sich da. Der Weg, der zu ihm hinauf- und über ihn hinweg­führt, hat an seinem oberen Ende keine Fortsetzung, und doch muß man dann erkennen, daß er wieder hügelab und -auf sich fortsetzt, ein wenig abbiegt und dann wie in das Grenzenlose mündet. Immer ist man zwi­schen diesen Hügeln wie am Ende der Welt, und immer wieder sieht man doch, daß der letzte nur ein neues Glied in der Kette und wie ein Hin- überleiten in das Endlose ist, ein unausmeßbares Bett aus der Urzeit her.

Ihre stärkste und eindeutigste Kundmachung scheint mir aber noch in etwas anderem zu liegen, und ich muß dafür ein paar Beispiele geben. Dabei muß vor allem dies festgehalten werden, daß das östliche Mecklen­burg ein so leeres Land ist, daß austretende Erscheinungen ein Bild aus der Landschaft selbst, aus dem Leben der Tiere oder der Menschen von verwandten Erscheinungen nicht gestört wird, ja, daß es nicht einmal darauf bezogen zu werden braucht, sondern für sich allein bestehen kann, außerdem noch so stark ist, daß es über sich selber, über sein Besonderes hinaus Bedeutung gewinnt.

In Ebenen, zwischen den Hügeln, liegt ein Hof; er liegt so sehr allein, daß man von dem nächsten Weg her nicht einmal das Räderknarren hört, wenn ein Wagen da vorüberfährt. Es ist Abend, nach Dunkelwerden, aber eine mondhelle Nacht. Zwei junge Wanderer es ist vier Jahre vor dem letzten Kriege kommen an diesem Hof vorüber, sehen plötzlich eins der Fenster in der vorderen Hauswand. Hinter diesem Fenster steht ein alter Mann; unbeweglich steht er da, hält ein Licht in der Hand und sieht unverwandt nach draußen. In eben diesem Augenblick hören die beiden Wanderer vor der nächsten Waldecke her das Rufen eines Menschen, sie hören aber auch, daß dieses Rufen nicht ihnen, über­haupt keinem bestimmten Menschen gilt; trotzdem taufen sie hinüber, das Rufen entfernt sich, kommt näher und treibt dann wieder fort. Zu­legt werfen sie sich neben einem Baum hin und rühren sich nicht mehr. Am nächsten Tage erfahren sie, daß die Pflegetochter des alten Mannes die Ruferin war. Nach dem letzten Kriege wollen sich Siedler auf einem Landstrich anbauen, der bis dahin Oedland war. Er war es nicht immer, die Geschichte dieser Gegend weiß davon zu berichten, daß vor langer Zeit dort einmal ein Dorf gelegen hat, das untergegangen ist: darnach ist das Land wüst geworden. An einem Herbstabend zieht der erste Siedler mit dem Pflug über sein Landstück, es ist schon spät, Nebel liegt über dem Land. Cs geht einen ziemlich langgestreckten Hügel hinauf, diesseits im Tal ist der Pflüger kaum zu erkennen, so spät ist es schon, aber bann erkennt man ihn, er will wohl nur noch eine einzige Furche ziehen, um morgen einen guten Anfang zu haben, lieber den Hügel hinüber verschwindet er bann, ist nicht mehr ba, nur den Streifen um­gebrochenen Landes erkennt man deutlich.

Und plötzlich wird dem Beschauer das ganze wüste Feld lebendig. Pferde sind da, finden sich zueinander, ordnen sich; Männer sind unter ihnen, gehen mit langen, ruhigen Schritten, besehen die Tiere aufmerk­sam und bleiben bei diesem ober jenem Paar stehen, bas auf ihren Ruf hin angebalten hat. Sie klopfen den Tieren bie Hälse, orbnen Sielen unb Zaumzeug und hiten sie zu den Pflügen, die überall in Kraut und Ginster stehen.

Dann bildet sich eine lange Reihe von Tieren und Pflügern. Die Pferde schnauben und wiehern, weiß fliegt der Dampf aus den Nüstern,