Ausgabe 
31.3.1933
 
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Charlotte f*ten dies nichts zu bemerken; ihre Aufmerksamkeit hatte sich nach der oFenstehenden -bür gerichtet, wo ich zu meinem Schrecken unter den ftöpfen der zu[a,auenden Dienstboten das gelbe Gesicht des französischen Schneiders auftauchen sah. Er drehte die Porzellandose in der Hand und blickte mit seinen schwarzen Augen freudestrahlend in den Saal hinein.

Ist das Ihr Vater, Mamsell Lore?" fragte Charlotte, indem sie mit dem Finger nach der Tür wies.

Lenore blickte hin und fuhr zusammen.Mutter!" rief sie und faßte wie unwillkürlich den Arm der noch vor uns beschäftigten Frau.

Frau Beauregard, als nun auch sie ihren lebhaft gestikulierenden Eheherrn bemerkte, schien von dessen Anwesenheit keineswegs erbaut; aber sie nahm sich zusammen.Er kommt aus der Herberge", sagte sie, er will dich einmal tanzen sehen."

Während Lore, der ich unwillkürlich folgte, sich der Tür genähert hatte, war schon der Bürgermeister zu ihrem Vater getreten und lud ihn ein, sich ein Glas Punsch im Saal gefallen zu lassen. Aber der Schneider war nicht zu bewegen.Submissester Serviteur, Herr Bürger­meister!" sagte er, indem er mit einem Katzenbuckel noch einen Schritt weiter retirierte.Wenn ich mein Großvater vom Hofe Ludwigs XVI. wäre! So aber kenne ich meine Stellung."

Als der Bürgermeister weggegangen, brachte Fritz ihm ein Glas an die Tür.Wohl bekomm'?, Meister!" sagte er gutmütig.Jetzt werde ich mit der Lore tanzen! die versteht's."

Aber in demselben Augenblicke war auch der Schwarm der andern Knaben mit vollen Gläsern in der Hand herangekommen. Sie stießen mit ihm an, machten ihm [einen Katzenbuckel nach, den er ihnen jedesmal beim Anklingen zum besten gab, und ergingen sich in allerlei possenhaften Komplimenten.

Lore stand, ohne sich zu rühren, und ließ kein Auge von ihrem Vater; aber ich hörte, wie ihre kleinen Zähne auseinander knirschten.

Als die Musikanten wieder zu stimmen begannen, liefen die übrigen Knaben in den Saal zurück. Ich stand noch mit Lore an der Tür.

Ach, Monsieur Philipp", rief der Schneider, während er mir die Hand reichte,lauter liebe, scharmante junge Herrn! Aber im Vertrauen Sie und die Lore, Sie und die Lore, Monsieur Philipp!" Die kleinen, Shwarzen Augen richteten sich dabei mit bewundernder Zärtlichkeit auf ns Antlitz feines Kindes; wie aus unwiderstehlichem Antrieb streckte er feinen langen Arm in den Saal hinein und zog sie an feine Brust. ..Mein Kind, mon bijou!" flüsterte er. Und das Mädchen küßte ihn und warf ihre Arme mit leidenschaftlicher, schmerzlicher Zärtlichkeit um seinen Hals, während ihr feines Köfchen an seiner Schulter ruhte. Dann aber machte sie sich los und faßte feine Hände und sprach leise und eindringlich zu ihm. Ich verstand ihre Worte nicht; aber ich sah ihre Augen bittend auf die seinen gerichtet, und ihre kleine Hand, die mitunter, als wolle sie ihm ein Leid vergüten, zitternd über feine Hagern Wangen hinstrich. Zuerst schüttelte er lächelnd und wie ungläubig den Kopf; allmählich aber ver­schwand aus seinen Augen die freudestrahlende Sicherheit, womit er bisher seinen Platz behauptet hatte.Ich weiß, ich weiß", murmelte er, du liebst deinen armen, alten Vater!" Und als nun die Musik zum Conlretanz begann, drückte er seiner Tochter die Hand und ging stumm, und ohne auch nur einen Blick noch in den Saal hinein zu werfen, den langen Hausflur hinab.

In diesem Augenblick kam Fritz und holte feine Dame. Sie tanzte mit der gewohnten Sicherheit; nur war es nicht die sonstige sorglose Träumerei, als vielmehr eine graziöse Feierlichkeit, womit sie die Touren dieses Tanzes ausführte. Mitunter in den Pausen blickte sie wie ver­steinert vor sich hin, während sie mit beiden Händen ihr glänzend schwar­zes Haar an den Schläfen zurückstrich. Die Scherze ihres Tänzers schienen ungehört ihrem Ohr vorbeizugehen.

Mit dem Contretanz waren unsere einstudierten Tänze zu Ende; aber nicht unsere Tanzlust. Wir hatten noch Walzer, Schottisch und Galoppaden aus unfern Zettel; sogar einen Kotillon, wozu ich in Gedanken an Lore einen ausgesuchten Beitrag an Schleifen und frischen Blumensträußen geliefert hatte.

Aber Lore war nicht mehr im Saal. Die andern Mädchen standen bei ihren Müttern und ließen sich von ihnen die verschobenen Schärpen und Haarbänder zurecht zupfen. Frau Beauregard kam eben mit neuen Erfrischungen zur Tür herein; sie hatte ihre Tochter nicht gesehen. Nun suchte ich Fritz. Er stand in der Ecke am Musikantentisch und füllte die leeren Gläser wieder.Wo ist Lore?" fragte ich.

Ich weiß nicht", erwiderte er verdrießlich;sie war verdammt ein­silbig, mir hat fies nicht verraten."

Ich zog ihn mit auf den Flur hinaus. Als wir an die Kammer kamen, worin die Gesellschaft ihre Mäntel abgelegt hatte, trat sie uns entgegen; sie hatte ihr Mäntelchen umgetan und ihr schwarzes Seidenkäppchen auf dem Kopfe.Lore!" rief ich und suchte ihre Hand zu fassen; aber sie entzog sie mir und ging an uns vorbei.

Laß!" sagte sie kurz,ich will nach Haus!"

Einen Augenblick später hatte sie die schwere, nach der Straße führende Tür aufgerissen und sprang draußen an dem Eisengeländer die Stein­treppe hinab; und als auch Fritz neben mir draußen auf den Fliesen stand, war sie schon weit drunten in der Straße, daß wir in der Dunkel- heite ihre leichte, flüchtige Gestalt nur kaum noch zu erkennen vermochten.

Laß fiel" sagte Fritz,ober hast du Lust auf die Wilde-Gans-Iagd?" Ich hatte zwar die Lust; ich wußte aber nicht recht, wie ich es mit tfug beginnen sollte. So kehrten wir denn in den Saal zurück. Frau Beauregard ging nach ihrer Wohnung; aber sie kehrte unverrichteter Sache wieder. Der Lore sei unwohl geworden, sagte sie; sie liege schon im Bett, der Vater sitze bei ihr.

SDlir war nun der Rest des Abends verdorben; und als der Kotillon beginnen sollte, den ich mit Lore zu tanzen gedachte, schlich ich mich still und trübselig nach Hause.

i Ans dem Mühlenkelch.

Neujahr war vorüber. Schon längst hatte Ich mit der glatten Stahl­sohle meiner holländischen Schlittschuhe geliebäugelt, nicht ohne eine kleine Verachtung gegen meine Kameraden, welche sich noch der her­gebrachten, scharfkantigen Eisen zu bedienen pflegten. Aber erst jetzt war ein dauernder Frost eingetreten.

Es war an einem Sonntagnachmittag; über dem Mühlenteich, einem mittelgroßen Landsee unweit der Stadt, lag ein glänzender Eisspiegel. Die halbe Einwohnerschaft versammelte sich draußen in der frischen Winterluft; von alt und jung, auf zweien und auf einem Schlittschuh, sogar auf einem untergebundenen Kalbsknöchlein, wurde die edle Kunst des Eislaufs geübt. In der Nähe des Ufers waren Zelte aufgeschlagen, daneben auf dem Lande über fladernbem Feuer dampften die Kessel, mit deren Hilfe allerlei wärmendes Getränk verabreicht wurde. Hie und da sah man einen Schiebschlitten, in dem eine eingehüllte Mädchengestalt saß, aus dem Gewühl auf die freie Fläche hinausschießen; aber alle hielten sich am Rande des Sees; die Mitte mochte noch nicht geheuer scheinen.

Ich schnallte meine Stahlschuhe unter und machte einen einsamen Lauf an dem Ufer entlang. Als ich zurückkehrte, fand ich fast die ganze Gesellschaft unsrer Tanzstunde bei den Zelten versammelt; prüfend mit vorgestreckten Händen schritten die kleinen Damen in ihren neuen Weih- ' nachtsmänteln über die dort bereits ziemlich zerfahrene Eisdecke. Fritz, der schon abends zuvor feinen gelben Schlitten mit dem geschnitzten Hirschkopfe in der Mühle eingestellt hatte, war eben von einer Fahrt mit Fräulein Charlotte zurückgekehrt; und schon hatte eine andere unserer Tänzerinnen den Platz unter der prächtigen Tigerdecke eingenommen. Der Kavalier zögerte indessen noch und schien sich nach einem Gehilfen für den anstrengenden Damendienst umzusehen; aber ich schwenkte zeitig ab; denn weiterhin unter einer Gesellschaft von Frauen und Mädchen aus dem Handwerkerstände hatte ich Lenore Beauregard bemerkt, mit der ich feit jenem letzten Tanzabende nicht wieder zusammengetroffen war. Die jungen Dirnen ließen sich, eine nach der andern, von einem Lehrburschen unseres Haustischlers in einem leichten Schiebschlitten fahren, den ich sofort als den meines frühem Spielgenofsen Christoph erkannte. Auch seine Schwester bemerkte ich; er selbst war nicht dabei. Der Glanz des Eisspiegels mochte ihn weiter auf den See hinausgelockt haben; denn er war einer der besten Schlittschuhläufer unter den Knaben der Stadt.

Ich schwärmte eine Zeitlang umher, unschlüssig, wie ich am manier­lichsten ßenoren meine Dienste anbieten möchte; aber jedesmal, wenn ich mich näherte, wich sie sichtlich aus und verbarg sich zwischen den andern.Lore ist an der Reihe!" hieß es; aber Lore wollte nicht. Barthel muß erst einmal trinken", sagte sie und drückte dem Jungen etwas in die Hand.

Ich hörte dies kaum, so hatte ich auch schon meinen Plan gefaßt. Als ginge mich alles nichts mehr an, lief ich so rasch wie möglich nach den > Zelten zu. Dicht davor wurde ich von Fritzens Mutter angerufen.Phi­lipp", sagte sie neckend und mit dem Daumen nach der Seite weisend, von wo ich hergekommen,wenn du die Lenore wieder fangen willst da ist fier

Freilich will ich sie fangen t" rief ich und segelte vorbei.

Ja, ja; aber sie will nichts mehr wissen von euch jungen Herren!" Ich hörte nur noch aus der Ferne. Schon stand ich vor dem großen , Weinzelte; und als auch Barthel sich bald darauf einfand, hatte ich mit dem Opfer meiner ganzen Barschaft ein Glas Punsch und ein mit Wurst belegtes Butterbrot für ihn in Bereitschaft.Laß dir's schmecken", sagte ich, indem ich beides vor ihn hinschob,die Mädchen machen dir das Leben gar zu sauer."

Der Junge und trank mit solchem Appetit, daß ich meinen Be- stechungsoersuch fortzusetzen wagte.Wie wär' es, Barthel, wenn ich dich einmal ablöste?"

Er wischte sich mit der Hand den Schweiß von der Stirn und kaute ruhig weiter; nur mitunter, während ich ihm meine Verhaltungsregeln auseinandersetzte, nickte er zum Zeichen, daß er mich verstanden habe. Als seine Mahlzeit beendigt war, kehrte er zu feiner Gesellschaft zurück; und bald darauf sah ich Lore, Ihr schwarzseidenes Pelzkäppchen auf dcm Kopf, die Hände in ihren kleinen Muff gesteckt, im Schlitten sitzen,' und Barthel steuerte langsam und schwerfällig am Rande des Sees dahin. Als sie aus dem Menschengewühl heraus waren, fuhr ich unhörbar auf meinen ebenen Schlittschuhen hinterher. Noch ein paar Augenblicke; dann legte meine Hand sich auf den Schlitten, und der Bursche blieb zurück. Ich hätte aufjauchzen mögen; aber ich biß die Zähne zusammen; und fort wie auf Flügeln schoß das leichte Gefährt über die glänzende Eis­fläche.

Barthel, du fliegst ja!" sagte Lore.

Ich hielt ein wenig inne; ich fürchtete, mich verraten zu haben, und suchte, so gut es gehen wollte, das Scharren von Barthels rostigen Schlittschuhen nachzuahmen. Aber meine Besorgnis war unnötig. Lore steckte ihre Hände tiefer in den Muff und lehnte sich behaglich zurück, so daß das Pelzkäppchen fast auf meinem Arm ruhte.Nur immer zu, Barthel!" sagte sie. Und Barthel ließ sich das nicht zweimal sagen.

Schon hatten wir den Bereich der gewöhnlichen Schlittschuhläufer hinter uns gelassen; kein Lüftchen regte sich, das weiß bereifte Schilf, das sich weithin dem Ufer entlang zieht, glitzerte blendend in den schräg fallen­den Sonnenstrahlen. Immer weiter ging es; wenn ich niederblickte, konnte ich die schlangenartigen Triebe des Aalkrautes unter der durch­sichtigen Glasdecke erkennen.

(Fortsetzung folgt.)

erantwortllch: Dr. Hans Thyriot. Druck und Derlag: Drühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.