Ausgabe 
31.7.1933
 
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'verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. Druck und Der lag: Drühl'sche Univerjitäls-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Am Abend verläßt Rosemarie das Haus der Wagenschanzleuie und macht sich auf den Weg zu Lisa Schönlein: sie kommt aus der Verban­nung vorstädtischer Quartiere, kehrt heim ins bürgerliche Viertel das um den Alten Ratsmarkt liegt, und empfindet einen leise bohrenden Neid gegen Lisa. Bei Rosemaries vorigem Besuch hatte Lisa mit eigentüm­licher Betonung gesagt:Peter hat nun Boden unter den Fußen, er wird sich bald für die Kanzlei eine Sekretärin leisten können."

Aber es muß wohl ein sehr schwerer Anfang gewesen sein. Mit dem jungen Wehrhahn von der Pianofortefabrik hat Peter vier Jahre lang in den Kriegsgräben Europas gelegen, sie kamen immer wieder über Krankheit und Verwundung in die gleiche Kompanie^ Ehemals eine Kriegskameradschaft auf Tod und Leben, geschlossen von Siebzehnjährigen, sie bewährte sich auch noch auf der Universität und zog Peter Schon­lein, dessen Heimat in der Gegend Mindens liegt, hierher an den Su^ rand des Harzes. Seine Frau schloß ihre Gesangsstud,ien ab, als sie sich glühend in ihn verliebte, immer tat sie alles ganz und ohne Besinnen. So begann ihre Ehe mit den Schmerzen eines Verzichts.

Sie beklagt sich nie. Aber sie singt. Niemals ließ sie es zu, daß das herrliche Material ihrer Stimme ungepflegt blieb, und es gibt kaum eine große Oper, von der sie nicht die ihr entsprechende Rolle ausstudiert hätte. Wenn seine Frau final, so redet Peter sie an: Kleiner Fremdling.

Sobald Rosemarie mit Lisa musiziert, dann sind die harten Grenzen sofort weggewischt, es geht nur noch um die Fähigkeit tiefer Empfindung. Sie reden von Ansatz, Atem und Ausdruckskraft, sie kennen das reiche Wörterbuch aller musikalischen Dinge. Manchmal gehen sie in Konzerte. Im Grunde brauchen sie nichts zum Leben als einen Saal mit Stuhl­reihen und Menschen, die mit aufgebrochenen Gesichtern dasitzen, Ver­zauberte. Wer keine Musik treibt, lebt nicht.

Die dünnen Sohlen spüren jeden Pflasterstein, und schon stunden­lang vor solchen Abenden gerät die Seele in Aufregung. Schon an die hundertfünfzig Jahre steht am Alten Ratsmarkt das Haus, wo Schön­lein wohnt, ein steiles Giebeldach senkt sich auf das zweite Stockwerk hinunter, unten blickt man durch große Spiegelscheiben in die Einhorn­apotheke, deren weiße Töpfe wie die Bäuche wohlgenährter Stadtsoldaten paradieren. Schönlein in der Hausjoppe öffnet erstaunt.Musikalischer Abend heute?"

Wir machen doch jeden Mittwoch Musik!"

Stimmt. Ich dachte nicht daran, eben erst kam ich von meiner ver­dammten Haussrauenausstellung zurück."

Unsre kleine Großstadt am Südrand des Harzes, wohlwollend möchte man sie aufstrebend nennen, hat sich vor mehreren Jahren in ihrem rei­zenden Stadtwald ein Stadion und ein Ausstellungsgelände und mitten in derCity" einen großen Kongreßsaal angelegt. Das stellte die Weis­heit der Stadtväter sich so schön vor, wie sich künftig ein von Jahr zu Jahr anschwellender Strom von Fremden hierher ergießen werde, neue Hotels würden entstehen und vielleicht sogar neue Industrien. Das ist alles leider nicht so recht eingetroffen, und seither muß die kleine Stadt Jahr für Jahr eine Ausstellung veranstalten, weil man doch das schöne Gelände mit allen erdenklichen Einrichtungen nicht einfach brach liegen lassen kann. Aber da die Männer aus diesen verschiedenen Unternehmun­gen alljährlich ein gehöriges Defizit herauswirtschaften, übernahmen heuer die Frauen die Regie, und so entstand unter allgemeinem Beifall die hoch­interessante AusstellungDie erfahrene Hausfrau". Die Kommerzien- rätin Wehrhahn, Vorsitzende des Verbandes hiesiger Frauenoereine, ist jedoch eine sehr kluge Frau; sie verstand, den Rechtsanwalt Peter Schön­lein zu bewegen, die ehrenamtliche Oberleitung zu übernehmen: sollte die Sache schief gehen, so sind wenigstens unsre Damen nicht daran schuld. Peter sah genau die Schlinge, die aus seinen Hals zielte, aber er mußte den Kopf hineinstecken, sonst hätte er seinen einzigen großen Klienten, die Pianofortefabrik Wehrhahn & Söhne, auf Verlustkonto buchen müssen.

Seit Wochen fällt. fein mißmutiges Gesicht allgemein auf. Auch Rose­marie empfindet, kaum daß sie die Wohnung betritt, diese Verärgerung in Schönleins Wesen und in seinem Gesicht. Der Mann geht wortlos in die Küche, indes Rosemarie ihren Mantel aufhängt.

Der Anwalt am Kllchentisch schneidet Brot und holt Geschirr aus dem Schrank, das ist für Peter Schönlein keinerlei ungewohnte Beschäftigung. Er und Lisa führen eine sehr entschlossene Che, man will etwas haben von seinem Geld, will nicht jeden Pfennig für Dienstmädchen und Köchin ausgeben, man möchte Bücher kaufen, Noten, die beiden unternehmen jährlich eine großartige Reise und daheim macht man so gut wie alles selbst, früh putzt der Herr Rechtsanwalt die Stiefel und fegt die ganze Wohnung aus, in den Händen der gnädigen Frau surrt erst der Staub­sauger und dreht sich dann der Schwengel der Kaffeemühle.Wir wollen schon mit dem Essen ansangen, Lisa ist noch nicht zurück." Gut, Rosemarie hilft, macht den Tisch im Anwaltszimmer fertig und legt die drei Gedecke zurecht. Diese wunderbare Wohnung enthält kein Eßzimmer, weil der

Die beiden setzen sich zum Essen. Rosemarie findet, daß Peter seine Verärgerungen ganz gut vor der Haustür hätte ablegen können.Eine Art seelische Matratze, wissen Sie, Salve, oder man bittet die Füße ab­zustreifen. So schlimm kann es doch mit Ihrer Ausstellung nicht fein."

Die Tombola wird noch ein Skandal, sage ich Ihnen." Wieso?"

Weil unsre lieben Frauen zuviel Nieten unter die Lose getan haben. Bei j)er Eröffnung kaufte die Regierungspräsidentin fünfzig Lose, um die Sache anzukurbeln, darunter war glücklicherweise ein Treffer, man überreichte der fassungslosen Gewinnerin einen bemalten Stopfpilz, wie sie ihn in jedem Kramläden für ein paar Pfennige kaufen kann. Ihre M.«i:stät fanden die Erwerbung offenbar etwas teuer. Außerdem ist schon unter den allerersten Losen der zweite Hauptgewinn gezogen worden, ein doppelbettiges Schlafzimmer in ^iußbaum, es gelangte in den Besitz eines älteren adligen Fräuleins aus dem Quedlinburger Stift."

Ach herrjeh, was fängt sie damit an?"

Ich weiß nicht, aber sie hat es schon abholen lassen."

So erzählt er, lacht aber nicht dabei. Nun bedient er sie mit feiner

Rosemarie liegt in den Kissen, das Bett ist sehr gut, auch die Wäsche wird so oft gewechselt, wie man will, aber man muß sie selber waschen und bügeln. Sie liegt in den Kissen und kann nicht schlafen, wie sie möchte. Alle Tore versperrt. Doch jetzt öffnet sich ein winziger Spalt, Lila Schönlein verschwindet, vielleicht für immer. Man scheut sich, daran zu denken, daß nun ein Platz frei steht, auf den sich früher oder später eine andere Frau setzen wird, sicher, bestimmt, denn Peter Schönlein ist nicht geschaffen zum Alleinsein.

Schließlich überläßt Rosemarie sich doch dem Schlaf. Es dauert Stun­den, dann macht Elli gähnend hell, klappert mit dem Waschgeschirr.

Große Sache", berichtet Elli und schüttet sich einen Schwamm Wasser über den mageren Kinderkörper,der Doktor Wagenschanz kann eine Menge Geld damit verdienen. Ich bin so müde. Heute sind wir in eine richtige Fabrik umgezogen, in der Kneipe konnte man auf die Dauer nicht arbeiten, da stehen zu viele herum. Wir haben die Farbenfabrik von Johannes Leer entdeckt. Sie ist stillgelegt. Da gibt es eine Füll­maschine und Zinntuben, soviel mir haben wollen. Der Doktor braucht keinen Pfennig dafür zu bezahlen für den Fall, daß es mit seiner Schönheitscreme schief geht. In der Farbenfabrik liegt ja alles nutzlos herum. Müdemiidemüde. Und ich soll hundertzehn Briese an die Besteller der neuen Salbe schreiben ... Hast du Aerger gehabt, Rosemarie?"

Eigentlich nicht."

(Fortsetzung folgt.)

gewohnten Höflichkeit, blickt vor sich hin und verstummt.Es ist mir gar nicht unlieb", fängt sie an,daß wir eine Weile allein sind, Peter, ich muß Sie ernstlich um Rat fragen, es ist wegen Doktor Wehrhahn

Der Anwalt hort ihr mit einem unendlich gleichgültigen Gesicht zu. , Sie verlangen einen Rat von mir? Ich konnte wohl zu meinem Kame­raden hingehen und ihm sagen, laß gefälligst die Finger von Fraulein Reubold. Etwas höflicher könnte man es sagen. Aber Sie überschätzen diese Kameradschaft. Die Folge wäre vielleicht, daß Sie Ihre Stellung verloren, und ungünstigerweise habe ich kürzlich in Zwei Prozessen der Pianofortesabrik keinen glücklichen Ausgang erzielen können. In diefem Falle also kann ich Ihnen nicht helfen."

Rosemarie weiß, daß zwischen ihr und Peter eine ganz zarte Ver- bindung besteht, man rührt am besten nie daran, nur ein Hauch, viel zu empfindlich für Worte. Sie erwartete, er werde ordentlich wütend werden, unruhig, und schließlich gibt er mit Vergnügen einen Rat, rote man den ungen Wehrhahn an der Nase herumführen kann. Aber dies ist un» gefähr die kälteste Auskunft.-

Nun könnte Lisa eigentlich kommen.Wo bleibt sie?

Mit todernstem Gesicht zuckt Peter die Achseln. Das Gespräch ver­flacht, es schleppt sich mühsam durch die sonderbaren Geschichten im ^Fer^g mtt dem'Essen, und, wie es hier üblich ist, räumt der Gast mit ab ja, wenn Lisa dabei wäre, so würde auch zu britt Geschirr gewaschen, zehn Minuten, die Teller klappern, und manchmal geht einer kaputt, chadet nichts, man ist immer bei Stimmuna, wenn Lisa dabei ist. Heute ehlt sie sehr.Nun will ich gehen", sagt Rosemarie.

O bitte, nicht gehen, spielen Sie mir lieber etwas vor.

Was ist los in diesem Haus? Zwar erfüllt sie feinen Wunsch mit aller Freude, in Lisas Gegenwart wird gesungen und nur zur Begleitung ge­spielt. Jetzt setzt sich Rosemarie an den Flügel, ein ganz verwandelter Mensch, und während der Pantherschlag ihrer Hände die Appassionata hervorzaubert, Ozean und Sturm von Tonen, fährt ihr durch den Kopf: Nun mag Lisa bis um Mitternacht wegbleiben, hoffentlich!

Nie ein eigenes Instrument unter den erobernden Händen, immer vor den Ohren diese entsetzlichen Mihtäne der ungestimmten Klaviere! Dieser Flügel hier wird für Minuten ihr Eigentum, genau fo lange, bis Lisa zurückkommt.Ach", sagt das Mädchen nach dem zweiten Stua, meine Finger sind eingerostet, ich kann nicht üben, und wenn das so weitergeht, dann bin ich verloren." . .

Schönlein hat sich in sein Arbeitszimmer gesetzt, ins Dunkle, auch so eine neue Mode, heute. Er erscheint in der Tür.Sie spielen aber doch wundervoll, Rosemarie."

Denken Sie immer noch an Ihre Nieten, Peter?

Spielen Sie weiter, bitte."

Haben Sie sich mit Lisa gezankt?"

Wir zanken uns nie."

Das ist gut", flüsterte sie schüchtern. ..

Das ist nicht gut. ßs muß eine Wohltat fein, wenn man sich gründlich zanken kann. Bei uns geht das immer ganz tief nach innen."

Durch dies ungewohnte Bekenntnis aus einer Ehe, die siebenfach versiegelt war, gerät Rosemarie in Verlegenheit. Sie spielt weiter, sie hat schon im Anfang ihren bunten Schal beifeite geworfen, und eine Weile beobachtet Peter, an den Türpfosten gelehnt, den lebensvollen Tanz dieser weißen Arme, vollkommener Arme. Die Standuhr im Arbeitszimmer schlägt einen geschäftsmäßig hallenden Gong: Pong macht sie, Pong. Und immer wieder, mitten ins Spiel hinein, Rosemarie zählt mit, Zwölf, ist das möglich? Die Hände bleiben auf den Tasten liegen.Lieber Peter, das geht doch nicht, wann kommt Ihre Frau?"

Nie."

Was heißt das?" , ,

Lisa ist Hals über Kopf abgereift. Sie hat eine telegraphische An­frage bekommen, ob sie in den Vertrag einer kontraktbrüchigen Altistin eintreten will. Drei Stunden später fuhr ihr Zug. Vorgestern. Sie laßt Sie grüßen."

, Danke." Sie muß in minutenlangem Schweigen nachdenken, um diese Neuigkeit zu begreifen. So sehr gehört Lisa hierher, daß ohne sie die Stühle leer herumstehen. .

.Aber wie ist denn das möglich? Es muß doch einen Grund geben?

Tausend, Rosemarie. Oder keinen. Das versteht nur, wer es erlebt hat, und man weiß selber nicht, warum."