nicht immer
fein. Sturm
her." . .
Paar Minuten vergingen, während sich in uns Lauschenden die Herzschläge jagten. Aber was war das? Das Licht hatte sich vom Boden losgelöst. Es hing schon im Geäst der einen Erle.
Müller faßte sich nach dem Kopf. „Mensch, bilden wir uns das nur ein, ober ist wirklich ein Licht da? Siehst du's auch im Baum hängen? Vielleicht ist's bei uns nicht mehr ganz richtig da oben im Berstandskasten. 'S wär kein Wunder." ,
„Nein, das ist ein wirkliches Licht. Nur ob's im Baum hangt oder weiter dahinter —." . _
„Ja, wo denn dahinter? An einer Stange oder frei in der Luft? So was gibt's doch nicht." Müller hielt inne. Dann sagte er zögernd: „Wenn das Licht nicht fo rötlich wäre und nicht etwas länglich, so ganz anders als die Sterne, dann hielt ich's jetzt wahrhaftig nur für einen Stern. Was wollen die Russen mit fo einem Licht in der Luft?"
Da lachte ich unvorsichtig laut auf: „Ach Kamerad, haben mir uns narren lassen! Das ist ja der Morgenstern. Der hat so ein rötliches Licht und nimmt auch manchmal solch eigenartige Gestalt an. Morgen- ober Abendstern, auch Venus genannt. Das haben wir doch im Gymnasium gelernt. Aber jetzt, wo der Morgenstern da ist, muß es auch bald Tag werden." . „ ,, . .
„Das wäre eine Wohltat", atmete Müller auf. Er war rasch wieder QCfd^t. __ __
Ich habe nachher im Unterstand von Nebelschwaden geträumt, die sich zu grellen Lichtern zusammenballten. Und viele Sterne sah ich, die hüpften hin und her und setzten sich den Bäumen in die Aeste, daß es Weihnachtsbäume wurden. Und grinsende Russen störten mich im Schlaf, Russen, die rasch in der Erde verschwanden, wenn ich draus schießen wollte.
Es war ein verdammt unruhiger Schlaf.
Als ich jedoch am Nachmittag meinen Pionierdienst wieder aufnahm, da fühlte ich mich ruhiger als je. Ich war ein fertiger Kämpfer für die deutschen Gaue geworden. Und das kam nur davon: ich hatte die Einsamkeit einer Frontnacht erlebt, ich hatte dicke Luft aus purem Nebel ein« geatmet, und fo’n bißchen Spuk im Schützengraben war braus geworden. Auch eine Feuertaufe.
streute ihr silberweißes Licht für paar Sekunden aus. Aber das leuchtete wohl hoch oben in der reineren Luft hell auf, — die Erde erreichte es nicht. Das dichte, wogende Grau war stärker.
Wir hatten aufgeschaut. Kopsschüttelnd meinte Müller: „Nützt nischt. Dagegen kommen wir mit keiner Kunst an."
Kaum war die Leuchtkugel erloschen, da fing der Scheinwerfer an, umherzuspielen. Als der grelle Lichtkeil uns traf, merkten wir, daß wir schon von Nebel umhüllt waren. Ringsum blitzte es wie winzig kleine Schneeflocken. Das vorher farblose Grau fing allen Schein auf und schob sich als glitzernder, fester Wall zwischen die eigne und die feindliche Stellung.
„Verdammt! Lieber stockfinstere Nacht", fluchte Müller leise. Der Scheinwerfer erlosch. Die Pioniere hatten das Unnütze ihres Bemühens wohl auch eingesehen.
„Nu wird's aber ganz toll", ließ sich der Gefreite hören. „Kiek ich nach der Seite, kiek ich nach der andern — Überall seh ich Rußkis."
Das grelle Licht hatte unsre Augen geblendet und sie ihrer Zuverlässigkeit vollends beraubt.
„Mir geht's auch fo. Wenn der Scheinwerfer nur ganz weggeblieben wär!"
„Ach, wenn das alles Rußkis wären, bann hätten fie uns schon längst kaltgemacht. Wir wollen mal ganz schön ruhig bleiben." Unb Müller bezwang sich, legte den Kopf bei geschlossenen Äugen auf die Erde und lauschte gespannt.
Ich aber stand da, sog all die Schauer, die bas Sehen in mir weckte, gierig ein unb erlebte im Geiste einen wilden Kampf mit Handgranate, Gewehrkolben und Dolch. Die Hand hielt ich an einer Granate. Die sollten nur kommen. In die Luft würden sie fliegen. Mir selbst sollte es nur Ruhm einbringen, so hoffte ich in der frohen Zuversicht der Jugend.
Plötzlich ergriff ich das Gewehr und riß es zur Schulter. Erregt flüsterte ich zum Kameraden hin: „Du, da steht bestimmt einer. Ein mächtig langer Kerl. Wenn der näherkommt, schieße ich ihn nieder."
Müller schnellte empor.
„Da sieh hin. Dort", deutete ich.
Der Gefreite stierte hin. rieb sich hastig die Augen und blickte wieder nach der Gestalt hin. „Warhaftig es sieht so aus--. Eine Patrouille."
Dann aber kam es erleichtert von seinen Lippen: „Nee, nee, ich glaube, das ist der Baum ganz links. Sieh mal, jetzt kommt auch der Ast raus. Der Nebel geht weg."
So roar’s. Eine Erle tauchte nach der andern aus dem grauen Meer auf. Die Schwaden flössen dünner vorbei. Ein letztes, müdes Tanzen, und wir hatten wieder freies Schußfeld. Prüfend schauten wir hin, ob sich zwischen Sträuchern und Geröll etwas verändert hätte.
Da zuckten wir zusammen, beide zu gleicher Zeit. Ein Lichtschein! In der Richtung zwischen dem zweiten und dritten Baum, anscheinend weiter weg.
„Das kommt aus einem Luftschacht." Meine Stimme bebte.
„Wenn dort kein Unterstand brennt. Wahrhaftig, jetzt sogar Feuer." Ein feines Glitzern ging über das flache Land. Es rührte von einem Licht her, das dicht am Boden brannte. Das wuchs jetzt, hob sich aus der Erde heraus, leuchtete klar und stetig.
„Ein Unterstand kann da nicht brennen, sonst roär’s nicht immer ein unb berfelbe rötliche Punkt. Etwas länglich scheint's zu fein. Das ist kein Feuer. Eher ein Licht", grübelte ber (Befreite.
„Vielleicht ein Lichtsignal", riet ich.
„Möglich. Dann können wir auf einen Sturm gefaßt .
auf ber ganzen Linie. Jetzt, im nächsten Augenblick. Gib eine Hanbgranate
Oer Monn, der mit dieser Zeit fertig wird.
Roman von Malier Julius B l o e m (GDS.).
(Nachbruck verboten.) (Fortsetzung.)
Karczinsky schweigt. Anton empfinbet gegen biefen Bauch, der so stramm in der Hose sitzt, einen ohnmächtigen Haß. „Also bann", seufzt das Mädchen, „ich muß mal eben zwei Worte unter vier Augen mit Ihnen reden. Doch, unbedingt! Sie haben wohl Angst vor mir?"
Zögernd begibt sich Karczinsky mit ihr ins Nebenzimmer. Und jetzt geschieht das Wunder: keine halbe Minute ist vergangen, Elli kommt mit dem Händler zurück, und der Herr Doktor soll eine Anzahlung machen, ber Rest wirb gestundet Rätselhaft! Die Kosmetischen Werke samt Arbeiter und Angestellten begeben sich in denLaden und finden die Bestellung sauber aufgebaut, zwei große Glasballons, sechs schwere Tüten. Beladen unb bepackt macht sich bie Fabrik auf ben Heimweg.
Elli marschiert voran. „Halt!" tommanbiert Anton, als er im trüben Licht bas Firmenschild einer Druckerei erkennt. „Wir müssen Briefbogen haben, mit einem großartigen Ausdruck. Kommt 'mal mit, vielleicht sind bie Leute noch aus."
Mit Tüten unb Glasballons bevölkert man kurz darauf bas winzige Kontor biefer Druckerei. Anton macht seine Bestellung, ber kleine Drucker wunbert sich über ben späten Aufmarsch unb freut sich über den Auftrag, — fünfhundert Briefbogen, Herr Doktor! — sieben Köpfe beugen sich über Muster und Druckproben. Man läßt es hochfein machen unb wählt einen bunten Druck, links auf dem Bogen soll eine schöne Dame zu sehen [ein in einem griechischen Gewand, in beiden Händen trägt sie eine Flammenschale, rechts daneben der Name: Kosmetische Werke Dr. Wagenschanz.
„Fabelhaft!" entscheidet Elli. — Anton zweifelt: „Finden Sie?" — „Unbedingt."
Auch hier steht wieder die Frage der Bezahlung hindernd im Vordergrund. Aber jetzt verzichtet Elli auf eine lange Unterhaltung. „Sie haben ja doch kein Geld." Und sie zieht aus ihrem Ausschnitt ein Sparkassenbuch hervor, ihre Augen blitzen vergnügt zu Anton hinüber, solch eine Frau möchte wohl mancher haben, arbeitslos seit Jahr und Tag, aber bas Sparkassenbuch lautet auf — sie sagt nicht wieviel, es wird eben nur wenig sein und gerade genug, um den Auftrag morgen zu bezahlen.
Es geht wieder hinunter in die Nacht. Alle Hindernisse werden durch Zeichen und Wunder hinweggeräumt, ein guter Einfall und ein Mädchen mit Geld besiegen jede Schwierigkeit.
Um diese Zeit liegt die alte Frau Wagenschanz schon in ihrem stillen Witwenbett, sie hört ein Raunen in der Küche, Schleichen vieler Sohlen, gedämpftes Flüstern, dann klappert Geschirr. Die aus dem Schlaf Ge- fchreckte findet ihren Sohn, Elli und fünf kragenlose Männer damit beschäftigt, den Fabrikationsraum der Kosmetischen Werke «ufzubauen: Anton wägt schon anderthalb Kilo Schwefel ab, Fadisch steht mit nackten Armen erwartungsvoll vor einer Blechschüssel, und da sich eine irdene Milchkanne mit der Inschrift „1 Liter" finden ließ, so füllt man aus einem Glasballon opalisierendes Del in dieses sehr geeignete Maßgefäß.
„Wir machen ja nichts kaputt", behauptet Anton, „wir schlagen auch keinen Lärm, aber wir müssen doch irgendwo anfangen."
„In meiner Küche? Diese Schmiererei? Und alle sofort 'raus!"
Wenn jetzt Juni wäre, könnte man die Fabrikation ohne Schwierigkeit im Freien beginnen, etwa hinten im Hof ... „Fahren Sie Ihrem Sohn doch nicht immer an den Karren, Frau Wagenschanz, wozu haben Sie ihn denn Chemie studieren lassen?"
Ja, es ist schwer, überall bereiten die Eingesessenen den Vorwärtsdrängenden neue Schwierigkeiten. Wir ziehen in die Kneipe! Die Alte mag schelten, niemand hört auf sie; bepackt mit Glasballons, Tüten, einer Küchenwaage, einer Milchkanne voll opalisierendem Del wandern die Kosmetischen Werke von neuem aus. An einem Kneipentisch, in dicker Tabaksluft, wägt Anton Wagenschanz, Dr. phil., Sohn einer Grünkramhändlerin, alle möglichen Pulver und Fette in der zerbeulten Messingschale einer Küchenwaage ab, zwanzig Menschen umdrängen ihn staunend, und der Konditor Fabisch gräbt seine haarigen Gorillarme in das Gesudel hinein und knetet den ersten Teig der „weltberühmten Schönheitssalbe". Auch Kieselbach verschmäht es keinesweg, sich neben Anton aufzupflanzen, und dem Fortgang der Arbeit ein aufmerksames Auge zu widmen.
„Schwierige Arbeit", fängt er an, und als Anton bedächtig nickt, sagt der Kandidat: „Schmierige Arbeit." Dann erkundigt er sich in spöttischem Ton, wieviele Arbeitskräfte die Kosmetischen Werke einzustellen gedächten, und als niemand darauf erwidert, bietet Kieselbach sich gleich als Konkursverwalter an. Elli versucht ihn mit Dolchblicken niederzustechen. Aber der Kandidat fühlt sich in seiner geistigen Ueberlegenheit allzu sicher, er greift zu Fabisch in den fettglänzenden Brei hinein, holt sich eine Fingerspitze voll hervor und schnüffelt daran. „Stinkt geradezu atemberaubend", stellt er fest.
Der Konditor Fabisch sagt keinen Ton und knallt ihm eine Ladung Schönheikskreme mit der stachen Hand ins Gesicht, daß die Salbe um Kieselbachs Dhren und in feinen steifen Kandidatenkragen hineinfpritzt, unversehens hat die Kreme Erotikon sogar schon einen ersten Verbraucher gesunden. „Psui Seibel", ffanbatiert Kieselbach unter dem gellenden Hohngelächter der Umherstehenden, „was habe ich denn gesagt", schreit er, „ich habe die pure Wahrheit gesagt!"
„Es gibt immer zwei Wahrheiten", erwidert Anton giftig, „eine gute und eine schlechte. Der Kerl da sagt immer nur die schlechte, du lügst allo mit Vorbedacht, verdammter Flaumacher."
1 Plötzlich wird Kieselbach von allen Seiten angerempelt. Er verteidigt sich ungeschickt, stößt aus Versehen einem seiner Widerfacher ins Gesicht unb wird dafür in einer allgemeinen Keilerei mit Hofenriemen und Stöcken verprügelt, bis der Wirt hinzuspringt und mit einem eisernen Griff den brüllenden Kandidaten an die Luft fetzt. „Lassen Sie sich hier nicht wieder sehen, Mann, Sie verderben mir ja den Rus meines Lokal-- "
Anton Wagenschanz stiftet zufrieden eine Runde.


