zuviel, denn Madam ist ganz offenbar nicht von der Art — „es gibt 1 keine schönere in Neuyork". Madam weiß, daß er recht hat. Jenseits der kleinen Kiefernhecke liegt die Welt gebändigt zu ihren Füßen, denn dies ist ein „Pent-house" aus dem Dach eines Wolkenkratzers. Sie ahnt die Schluchten der Riesenstadt, aber sie sieht sie nicht. Die Straße mit ihrem Getöse, ihrem Staub und ihrer Unruhe ist anderthalb Minuten weit entfernt — anderthalb Minuten senkrechter Expreßsahrt — aber hier oben kann sie ebenso gut meilenweit sein. Sie ist nicht vorhanden; sie ist überwunden. Sechshundert Dollar denkt Madam, und ihr Herz klopft; wie hätte sie vor zwei Jahren darüber gelacht! Damals wohnten sie in einer dreistöckigen Wohnung, sür die George 20 000 Dollar jährlich zahlte.
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„Wallstreet ist fünfzehn Minuten entfernt", fährt der angenehme Herr fort. „Ich fehe, daß Ihnen die Sache gefällt. Kein Wunder. Und weil es Ihnen so gut gefällt, will ich Ihnen etwas sagen. Ziehen Sie ein und wohnen Sie, falls es Ihnen jetzt schwer fällt zu zahlen, sechs Monate hier u m s o n st. Wir laden Sie ein. Dafür unterschreibt der Herr Gemahl einen dreijährigen Vertrag für siebentausend. Wie finden Sie das? We give it to you for a song — Wir schenken es für ein Lied weg. Denn was wir wollen, find Leute wie Sie, sehen Sie."
Madam reißt sich mit einem Ruck in die Wirklichkeit zurück. „Ich muß es mit meinem Mann besprechen. Ich werde Sie. anrufen." Der Herr verbeugt sich: „Wie Sie wünschen, Gnädige." Er begleitet sie hinunter und bis vors Tor, dann finkt er in seinem Büro in einen Stuhl. Bon seinem Gesicht ist die Maske der liebenswürdigen Zuversichtlichkeit gefallen, er sieht um zehn Jahre älter aus. Das Telephon klingelt. „Ach, du bist's, Mary. Nichts. Nichts. Es könnte nicht schlechter gehen. Dabei umhergetrieben wie der ewige Jude. Aber die Weiber gehen ja nur spazieren; sie benützen einen als Fremdenführer; Wohnungen ansehen ist eine Unterhaltung, die heute populär ist, weil sie nichts kostet." Er wischt sich den Schweiß von der Stirn. Arme Mary. Wenn sie wüßte, daß er heute abend entlassen werden wird, wenn er nicht wenigstens eines der teueren Apartements vermieten kann. Er hängt auf. Zwei Damen stehen vor ihm. „Wir möchten Ihre Acht-Zimmerwohnungen sehen, und haben Sie auch —"
Alle Geschäfte liegen danieder — mit Ausnahme der Fünf-Cent-Eis- creme- und der Fünf-Cent-Schokoladenstangenfabrikation — aber es gibt wahrscheinlich keines, das so bankrott ist wie das Geschäft des Hauseigen- tümer-feins. Ungefähr zwei Jahr vor dem Krach, hoch oben auf der Welle der „prosperity“, hatte sich Neuyork in eine Bauwut sondergleichen gestürzt. Straßenreihen von tausensenstrigen, weißschimmernden Äparte- menthäusern, vierzig, sünfzig, sechzig Stockwerke hoch, schossen über Nacht empor; wuchsen immerfort neu hinzu, wie aus einer gigantischen Fabrik vertragsmäßig am laufenden Band geliefert. Wuchsen auch noch weiter, als die fertigen zur Hälfte oder zu drei Vierteln leer blieben und der Krach und die Depression die Leute zum Sparen zwang. Hinter dem Wahnsinn stand die amerikanische Ueberzeugung, daß man die „Prosperity" erzwingen könnte, wenn man bloß ihr Gegenteil nicht anerkennt. Endlich aber mußte man diesem ins Gesicht sehen.
Die Folge war, daß sich ein entsetzlicher Katzenjammer auf die stolzen Mauerfronten senkte, die ragenden Türme, die Terrassengärten, die großen blnmen-, bäume- und springbrunnengeschmückten Höse in spanischer Art, die gleich Dachhäusern und Türmen die Brandung der Stadt bannen. Sie standen alle leer, blind, stumm; dunkel am Abend. Sie stehen auch jetzt leer. Wie Kathedralen übermütigen Reichtums flankieren sie den großen Zentralpark. Abends flammen ihre vielkerzigen Turmlichter in die unter- gehende Sonne, die sie rötlich umhaucht, als wären sie Dolomitenberge am Rande des Waldes.
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Innen bieten sie in der Vielfältigkeit ihrer Wohnungen Märchen an großstädtischem Komfort — nicht an Schönheit, denn sie tragen alle das unästhetische Kainszeichen der Hast an sich und haben alle zu niedrige Plafonds. Je nach dem Stadtviertel, in dem sie sich befinden — ist doch in keiner Stadt die Adresse so bedeutsam und wichtig wie in Neuyork, denn sie verrät nicht nur soziale Stellung, finanzielle Verhältnisse, sondern auch oft Beruf und Rasse — je nachdem also, in welchem Stadtteil das Haus steht, wird die Wohnung teurer ober weniger teurer sein, jedenfalls aber dieses Jahr fo wohlfeil wie nie zuvor. Die Hausverwaltungen find zu jedem Opfer bereit, das ihnen einen Mieter bringt, und um sich einen zu erhalten, taffen sie ihn oft umsonst oder zu lächerlichen Preifen wohnen. Für 75 Dollar monatlich kann ich mich als Junggeselle in einer besseren — nicht der besten — Gegend in einem solchen Palazzo ein« mieten, in einem Siudio-Aparternent mit eingebautem, das heißt tagsüber in der Wand verborgenem Bett, Frigidaire, Kleinküche, Dienst- auszug, der meine Milch, meine Zeitung und mein Frühstück aus dem Restaurant im Keller bringt; Heizung und heißes Wasser ist immer inbegriffen. Von 75 bis 30 000 Dollar gibt es dann alle Zwischenstufen.
Weih behandschuhte Lakaien bedienen den Aufzug, Teppiche bedecken die Korridore, Badezimmer sind nach den neuesten ästhetischen Ideen der Innenarchitektur in üppigen oder romantischen Farbentönen ausgeführt. Ihre Zahl ist immer verblüffend. Sechs Zimmer mit drei, acht Zimmer mit sechs Badezimmern! Es ist ein wahres Wunder, daß eine Einzimmerwohnung sich doch nur mit einem einzigen Badezimmer begnügt. Der Haushalt erledigt sich, wenn man will, mittels einer Reihe von elektrischen Druckknöpfen, die mir alles vor die Tür ober den Dienstaufzug hinaufliefern, was das Herz begehrt! Mahlzeiten für fo viel Gaste, als man will, ein Stubenmädchen, einen Diener für die Stunde ober ben Tag, einen Chauffeur, einen Botenjungen. Meist geht bas Gebäube auch mehrere Stockwerke tief in bie Erbe hinein. Hier befinden sich nicht nur Küchen und Restaurants, sondern auch Turn-, Fecht- und Tennishallen, und vor allem das Schwimmbassin, das ben Mietern frei zur Verfügung steht unb heute auch schon in den großen, klubartigen Gemeinschafts- häufern ein unentbehrlicher Bestandteil des Hauses ist, ebenso wie der „sky-garden", der gemeinschaftliche Dachgarten auf der Höhe.
Jenseits dieser Supermetrovolis freilich wohnt man bedeutend billiger. Die Armenviertel Neuyorks, die „slums", gehören wohrfcheinlich zu den
häßlichsten, die es gibt. Die verschiedenen Mittelklassen aber bis hinunter in die Arbeiterklasse zeigen heute die deutliche Neigung, der Stadt zu entfliehen und sich ein Häuschen am Rande von Neuyork ober in der Umgebung zu mieten ober zu taufen. 36,6 Prozent ber Bevölkerung bes Staates Neuyork finb nach bem letzten Cenfus Bewohner von Einfamilienhäusern. In ihrer ftanbarbifierten Eintönigkeit btlben bie wohlfeilsten dieser Häuschen keinen Schmuck der Landschaft. Aber sie erlauben einer Familie in einer Entfernung von 45 Minuten von Neuyork für fünfundfünfzig Dollar monatlich fünf Zimmer, Küche, Badezimmer, Veranda, Garten, Garage selbstherrlich zu bewohnen. Sie sind trotz ihrer unsäglichen Bescheidenheit das Parallelstück zu den 30 000-Dollar-Terrassen- unb Dachgartenwohnungen: Ein Zeichen des Selbsterhaltungstriebes einer in Beton eingefperrten Menschheit.
Auf der Ltmversitäi.
Novelle von Theodor Storm.
(Fortsetzung.)
Einigermaßen hinderlich — ich will es nicht leugnen — war es mir, daß feit ben Tanzstunden ber französische Schneider mich mit einer auffälligen Gunst beehrte. Wo er mir nur begegnete, auf Straßen ober Spazierwegen, suchte er mich zu stellen unb ein möglichst lautes und langes Gespräch mit mir anzuknüpfen. Schon das erstemal erzählte er mir, baß sein Großvater unter Louis seize Ofenheizer in den Tuilerien gewesen war.
„Ja, Monsieur Philipp", sagte er mit einem Seufzer und präsentierte mir seine porzellanene Schnupftabaksdose, „so kann eine Familie herunterkommen! — — Aber meine Lore — Sie verstehen mich, Monsieur Philipp!" — Er zog ein buntgerofltfeltes Schnupftuch aus ber Tasche und trocknete sich bie kleinen, schwarzen Augen. „Was wollen Sie! Ich bin ein armer Kerl, aber das Kind--sie ist mein Bijou, der Abgott meines
Herzens!" Und dabei blinzelte er und warf mir einen fo väterlichen Blick zu, als gedenke er auch mich in die heruntergekommene Familie aufzunehmen.
Mittlerweile kam die letzte Tanzstunde heran, die zu einem kleinen Ball erweitert werden sollte. Die Eltern waren eingeladen, um uns tanzen zu sehen; von den meinigen hatte indessen nur meine Mutter jugefagt, mein Vater wurde durch seinen Berus als Arzt und Bezirksphysikus von jeder Geselligkeit fern gehalten. Da meine Ungeduld, sobald der Abend anbrach, mir keine Ruhe lieh, so trat ich schon vor der angefetzten Stunde in den 6aal, in welchem heute auf den Wandleuchtern und in den Glas- kronen alle Kerzen brannten. Als ich mich umblickte, bemerkte ich Lore ganz allein mit dem Rücken gegen mich an einem Fenster stehend. Bei dem Geräusch der zufallenden Tür schrak sie sichtlich zusammen, während sie mit Hast bemüht schien, einen goldenen Schmuck von ihrer Hand zu streifen. Als ich zu ihr getreten, sah ich, daß es ein Armband war, dessen Schloß sie vergeblich zu öffnen sich bemühte.
„So laß doch sitzen, Lore!" sagte ich.
„Es gehört nicht mein!" antwortete sie verlegen, „Jenni hat es hier vergessen."
Die seine Blumenrosette von mattem, venezianischem Golde lag so schimmernd auf dem braunen, schlanken Handgelenk.
„Es sollte bleiben, wo es ist", sagte ich leise.
Lore schüttelte traurig den Kops; und ihre Finger begannen aufs neue, an dem Schloß zu nesteln.
„Komm", sagte ich, „es geht ja nicht; ich will dir helfen!" — Ich fühlte die leichte Last ihrer schmalen Hand in der meinen; ich zögerte, meine Augen waren wie verzaubert.
„Oh, bitte, geschwind!" bat sie. Mit niedergeschlagenen Augen, wie mit Blut übergoffen stand das Mädchen vor mir.
Endlich (prang das Schloß auf, und Lore legte den goldenen Schmuck schweigend zwischen die Blumentöpfe auf die Fensterbank.
Gleich darauf füllte sich der Saal. Auch Frau Beauregard hatte es sich nicht nehmen lassen, wenigstens als Aufwärterin an dem Ehrenfeste ihres Kindes teilzunehmen. In einer frisch gestärkten Haube, bald mit Kuchenkörbchen, bald mit einem großen Präsentierteller beloben, ging sie zwischen den Gästen ab und zu. — Endlich begannen die Musikanten aufzustreichen, deren heute vier an einem Tische saßen. Der alte Tanzmeister klopfte auf den Geigendeckel, und Lore reichte mir die Hand zur Mazurka. — Und, oh, wie tanzten wir! Wie sicher lag sie in meinem Arm, mit welcher Verachtung stampften die kleinen Füße den Boden! Auch mich riß es hin, als wenn ich von den Rhythmen der Musik getragen würde. Es war wie eine schmerzliche Leidenschaft; denn wir tanzten heute, vielleicht auf immer, zum letztenmal zusammen.
Erst jetzt hatte ich bemerkt, daß Sore ein Kleid von leichtem, hell- geblümten Wollenstoff trug. Es war wie das vorige augenscheinlich aus der Garderobe ihrer Gönnerin hervorgegangen; denn auf der breiten Brust und bei den etwas fupferigen Wangen der Frau Bürgermeisterin hatten biefe farbigen Rofenbuketts im letzten Winter eine Art von komischer Berühmtheit erlangt; nun aber kam das zarte Muster zu seiner Geltung; bem frischen, braunen Mäbchenantlitz ftanb es wunderhübsch.
Die Mazurka war getanzt; Lore ließ wieder ihr dunkles Köpfchen und die schlanken Arme sinken, und ich führte sie an ihren Platz. — Fritz und Charlotte, die ebenfalls abgetreten waren, faßen dicht daneben. In demselben Augenblick kam auch Frau Beauregard mit Tee unb Küchen; sie sprach nicht zu ihrer Tochter, sie warf nur einen lächelnden, stolzen Blick auf sie, als sie nach der vornehmen Dame auch ihr präsentieren durfte. Die kleine Gnädige hatte schon eine Weile beide mit der ihr eigentümlichen Lässigkeit gemustert. „Ihre Tochter ist ja heute sehr schön, Frau Beauregard!" sagte sie, während sie den Zucker in die Tasse fallen ließ.
Die geschmeichelte Frau neigte sich verbindlich. „Gnädiges Fräulein, Frau Bürgermeisterin haben auch ausgeholfen."
2ld)' — darum auch! — die Rosenbuketts!" — Und sie ließ einen langen Blick über Lenore hingleiten. Diese wollte ihn erwidern, aber ihre Augen verdunkelten sich; ich sah, wie ein Paar Tränen ihr über die Wangen herabfielen.


