Ausgabe 
31.3.1933
 
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Dieser lag tarn. Wahrend zwei der Männer mit einigen anderen die Wagen beluden, sahen der dritte und die Frau am Tisch in der Hütte, Fsokla sah mit dabei und lieh die Augen unaushörlich von einem zum andern schweifen, als wollte sie von der Mundstellung der Sprechenden aus die gesprochene Worte schlichen, Dah man von ihr sprach, merkte sie,

Ein eigenartiger Typ, diese Kleine", meinte der Professor,Sehr hübsch, nicht wahr, Fräulein Doktor? Selbst für unsere Begriffe, Ich halte sie auf keinen Fall für eine Vollbluttungusin."

Vielleicht ist sie die Tochter eines Gefangenen

Das ist wahrscheinlich. Wie alt mag sie sein? Fünfzehn, sechzehn. Sie war lieb zu uns. Ich habe sie photographiert während sie erstaunt unserer Sprengung zusah. Das Bild gebe ich ihr kurz bevor wir fahren. Sie wird Augen machen

Unb von mir bekommt sic diese Halskette, die sie so sehr bewunderte,'

Das ist nett von Ihnen, So hat sic wenigstens Andenken an die einzigen Stadtmenschen, die sie in ihrem ganzen Leben jemals zu Gesicht bekommen hat. Du, kleine Fjokla, willst du mit uns kommen?"

Aber Herr Professor, machen Sie der Kleinen nicht Hoffnungen, die Sic nicht..."

Sie versteht mich ja gar nicht. Sehen Sic nur, sie schüttelt den Kops. Sic würde bestimmtJa" nicken, wenn sie mich verstanden hatte. Uebrigens, halten Sie das Experiment für io absurd? Ich sage Ihnen, dah ich in zwei Jahren aus der Kleinen eine vollendete Dame mache.

Leben irgendeine Wendung geben muhte. Ihre Mutter schalt sie häufig, und der Alte hackte mit Vorliebe auf ihr herum m?nn,hnhpn ber (Fines Taues der Frühling hatte inzwischen den Moosboden oer Stevve aufgetaut und die alten, filzigen Urwälder mit frischem ®ruu überhaucht erlebte das weltabgeschiedene sibirische Dorf ein neues Wun­der Auf mehreren Wagen rollten fremde Menschen heran. Keine stamm­verwandten Sibirier aus dem Norden oder Osten, sondern gary sremde, anders aussehende Menschen. Alle liefen herbei, um dieses noch nie da- aewejene Ereignis zu bestaunen. Es waren drei Männer und eine Frau, begleitet von dem Distriktvorsteher aus Jakutsk und zwei Fuhrleuten.

9 Sic wollen den Stein sehen, der im vorigen Jahr vom Himmel ge­fallen ist und werden einige Tage hierbleiben . verdolmetschte Distriktsgewaltige dem wortführenden Schamanen. Sie luden viele, selt­same Geräte aus und richteten sich in her größten Hütte zum Wohnen ein Dann fragten sie in einer unbekannten spräche nach dem h'wmlischen Ereignis unb als der Vorsteher das Verlangen nach einem genauen Be­richt ^übersetzte, stürzte man von allen Seiten auf ihn los. Jeder glaubte es am besten zu wissen. Nur die, welche es am genauesten wußte, Sjofla, stand still abseits und starrte in tiefes Sinnen versunken aus d'eFrem- ben. Sie war einmal vor zwei Jahren in Jakutsk gewesen. Dort hatte sie Marsew, den sie ba kennenlernte, in bas Wanberkino mitgenommen. Es war ein unangenehmer Ausenthalt in einer elenden Bretterbude g - wesen, in der die Leute gepfercht auf schmalen Banken fa&en. aber der Abend war Fjokla unvergeßlich. Viele hasten gelacht, unverständlich ge­lacht. Fjokla nicht. Sie hatte sonderbare Dinge ZU sehen bekommen. Men­schen, von deren Existenz sie keine Ahnung hatte, Städte und Wohnungen, Landschaften und Fahrzeuge, die unglaubhaft wirkten wie em Wörchem Die Handlung hatte sie nicht verstanden. Sie konnte nicht lesenunb auch dann wäre das alles wohl zu wirr und sremd gewesen, um Verstehen in ihrem Gehirn wachzurufen. Aber die Menschen hasteten in ihrem Gedächt­nis. Sie sahen genau so aus wie jene, die hier in der Hütte um den Tisch herum sahen. Sie trugen die gleiche, seine Kleidung, waren gepflegt und sauber. Und die Frau sie hatte das gleiche helle Haar wie die aus der weißen Wand in Jakutsk, trug den schlanken Körper m lichte Seide gehüllt wie jene, lächelte wunderbar schön und hatte gütige, blaue Augen wie Fjokla. *

Und plötzlich sand der kleine sibirische Mischling eine Deutung sür all ba6 Sehnem das ihn quälte, für (ein Träumen und Sinnen in bie Fremde. Die Welt war nicht zu Ende da oben am ewigen Eismeer oder im Süden bei den qelbhäutiqen Mongolen, Sie mußte viel, viel großer fein und merkwürdig aussehen, so wie die Bilder in der Bretterbude zu Jakutsk. Und sie wollte da hin, heraus aus den Hütten und Jurten der Steppe, hinrocq von den croig gleichen 2eden der Taiga und Nenntiere denen, fort mit diesen Menschen zusammen. Das also war die Bedeutung des Meines gewesen, der vom Himmel fiel, daß er Fjokla bieie Menschen schickte die sie erlösen konnten von dem Alpdruck einer nie verstandenen, unterbewußten Sehnsucht. Sie sühlte sich verwandt mit diesen Leuten, die ein Ruf des Himmels in diesen entlegenen Winkel der Erde gelockt hatte. Der Uebcrschwang eines rauschhaft aussteigenden Glucksgefuhls drängte sie dazu, die Fremden anzureden, sie um Hilse zu bitten aber als man Fjokla an den Tisch holte, um sie etwas über den tfau des Steines berichten zu lassen, konnte sie kein Wort über die Lippen bringen.

Einmal wagte sich Fjokla an den Distriktsvorsteher heran und fragte ihn geheimnisvoll, ob die Fremden sie wohl mitnehmen wurden. Der Vorsteher wollte ihr erst eine barsche Antwort geben, aber als er in die großen, fragenden Kinderaugen blickte, fühlte er so etwas wie Rührung. Ruhig setzte er ihr auseinander, dah das nicht ginge. Ganz nüchtern ver­suchte er ihr zu erklären, dah diese Leute weder von Gott noch vom Schick­sal, sondern von der Regierung hergeschickt worden seien, und, dah sie nur genaue Kenntnis über den vom Himmel gesallcnen Stein, nicht aber kleine Mädchen mit großen dummen Träumen mitzunehmen gedächten. Dann gab er Fjokla einen freundschaftlichen Klaps und ließ die Bestürzte allein. Zu Marscw aber jagte er:Gib acht, Jäger, daß dir die Fjokla nicht durchgeht. Du würdest in ihr die klügste und hübscheste «rau im weiten Umkreis verlieren."

Und Marsew beobachtete jeden Schritt, den bie Kleine tat. Dabei konnte ihm, bem Vertrauten Fjoklas, nicht die Ursache ihres veränderten Wesens entgehen, das die sonst immer Heitere und Lebhafte zur «chau trug. Er wurde knurrig und feindselig gegen die Fremden, und wünschte den Tag herbei, an dem sie abreisen würden.

Die Idee wäre gar nicht mal neu und basiert aus der Tatsache, daß sich eine Frau leicht veränderten sozialen und kulturellen Lebensdebingungen anpaßtz ohne Unterschied der Rasse. In Hollywood filmen Chinesinnen, Indianerinnen, Negerinnen und bewegen sich nut der vollendecen Sicher­heit einer Dame von Welt. Warum nicht auch eine Tungustn? Aber bas Experiment ist teuer, und die Regierung bezahlt mich dafür, daß ich den Meteorsall untersuche, nicht daß ich Sterne für Hollywood entdecke.

Das war für den Astronomen der Schlußstrich unter diese Gedanken­reihe. Fjokla hatte in ängstlicher Spannung den Wortwechsel verfolgt. Der Professor irrte, wenn er glaubte, daß sie ihn nicht verstand. Mit bem wunderbaren Instinkt einer Frau ahnte Sjotla, daß der fremde Mann ähnliche Worte sprach wie der Dlstriktsvorsteher aus Jakutsk. Sie hatte in der letzten Nacht wenig geschlafen und viel uber ihre Wne aedacht. Der Schamane hatte recht behalten. Der Stein hatte doch Unglück nebradjt, indem er Fjoklas kleines Herz mit Sehnsüchten belastete, die nicht zu erfüllen waren. Obgleich sie bas Unmögliche ihres Trachtens nicht ganz einsah, genügte doch dasNein" zweier solchen Manner, um in der gläubigen Kleinen den Lerzichtentschluß reisen zu las en. Sie würde eben die Frau des Jägers werden, etwas, um das viele Mäd­chen sie beneideten. Marscw hatte eine schöne Jurte. Keine einfache wie die anderen, sondern wunderhübsch mit bunten Stickereien verziert und mit Teppichen ausgelegt. Er kam weit herum und wurde sie ja sicher wieder einmal mitnehmen, nach Jakutsk vielleicht, wo sie wieder die Bilder aus der weißen Wand sehen konnte, um noch einmal cm wenig zu träumen von dem Stein, der vorn Himmel gefallen war.

Der Tag an dem die Fremden wieder abzogen, brachte das ganze Dorf in Aufregung. Die Gäste waren freigebig. Sie hatten sich für Die freundliche Ülufnahme durch kleine Geschenke erkenntlich gezeigt Selbst Mar ew lachte versöhnlich, als er der Frau aus den Wagen halst In Hellen Hausen begleitete man die Scheidenden noch em Stuck durch die Taiga. Nach und nach blieben immer mehr zurück. Fjokla und Marsew waren die letzten, die den Fremden die Hände druckten. Lange standen sie noch und schauten von der Anhöhe aus den Wagen nach, die langsam in ber Ferne ver chwanden. Dann traten auch sie den Ruckweg an. Erst mit hereinbrechender Dämmerung erreichten sie das Dorf, wo sie lärmende Freude empfing. . .

Fjokla war an diesem Abend die einzige, die weinte.

Go wohnt Neuyork.

Von Anna Tizia L e i t t ch.

Pent-houses", das Teuerste in Neuyorks Wohnungskultur, von Gärten umgebene Landhäuschen über den Dächern der Stadt jroet und dreistöckige Apartements (genannt Duplex und Tnplex), irgendwo zwischen Himmel und Erde in einem der riesigen Zmshauspalazzi, in benen ich mich zwischen Kaminen, importierten und täuschend nachgemach­ten Stieqengelänbern, Viktorianischen Cosas und Heppelwalthe-Kommo- ben wie in einem englischen Landhaus sichten darf ^vrmwohnungen, bie sonnedurchströmt von vier Seiten, heiter, gelassen und kühn über bem Motorwahnsinn der Fünften Avenue schweben Studioapartements im 300. Stock, mit großen, weiß getünchten Terrassen mit dem Blick auf den stolzen Lustschiffmast des Empire State-@ebaubes (102 Stockwerke hoch) unb bie aquamarinblaue Fläche des herrlichen Hafens, der nach allen Richtungen durchpflügt ist von geschäftigen Schissen, die sich von hier oben aus wie Spielzeuge ausnehmen alte, breitspurige, bunreb ziegelrote Herrenhäuser mit pastosen Stukkoplasonds unb prätentio(en Stiegenaufgängen, verblaßter Glanz aus den reichen neunziger Jahren... All dies unb noch viel mehr gehört mir biefen Monat. Mir, uns allen...

Denn am 1. Oktober zieht Neuyork, biese nomabenhasteste aller Stabte, um Seit Wochen toben bie Reklamechefs ber ©cbäubemafler mit ihren schönsten Tiraben, ihren lockendsten Anpreisungen, überbieten einander in Ermäßigungen:Acht glückliche Familien werden in diesem ^yause Geld sparen";Sparen Sie auf elegante Weise, indem Sie zu uns kommen";Wohnen Sie erstklassig für weniger Geld"; Lasten Sie hier Ihre gesellschaftliche Stellung steigen, während Ihre Ausgaben fallen.

Gan; Neuyork ist eingeladen zu kommen, zu schauen, sich überzeugen zu lassen. Unb ganz Neuyork kommt. Die Amerikaner stnb Illusionisten. Sie lasten sich besitzfrühlich von ben Lists auf unb ab fuhren; {je mögen nicht mehr als hunbert Dollar in ber Woche Haden, aber sie lasten sich Wohnungen zeigen, bie breihigtaufenb im Jahre kosten. Denn in ben Augenblicken, ba sie in bem-Apartement stehen, gehört es ihnen. Unb wer weiß (bie Prosperität steht ja hinter ber nächsten Ecke") morgen können auch sie bies vielleicht alles leisten.

Das wäre für 7200 Dollar zu haben. Aber ich will es Ihnen für iedisliunbert monatlich lassen, bannt Sie sehen, wie ich Ihnen entgegen- kommen." Der Gentleman in bem gutgeschnittenen grauen Sakko sagt es, nach einem Blick auf Mabarns Zobelstola: Nun ja, ber Zobel ist pracht­voll ber stammt noch aus einer anberen Zeit; er mag wohl sechshunbert Dollar monatlichen Zins als keinesfalls extravagant erscheinen lasten. Aber sechshunbert heute... Mabam weist jetzt ben Gebauten an Gelb zurück. Ihr Blick streisk über ben Rasen, bie Hecke aus blauen Kiefern neben bem gußeisernen Gitter, bie Laube in der Ecke; liebkosend läuft er bie eseuumwachsenen Wänbe bes zweistöckigen Häuschens empor, sechs Zunmer, brei Badezimmer, zwei Kamine, englische Halle. Reizend; wie wunderbar konnte sie es für George einrichten das Ostzimmer zum Beispiel und das Frühstück hier auf der Terrasse, abends Gästeim

Der gewandte und so ausgezeichnet aussehende Gentleman scheint ihre Träumerei für Zögern zu halten. Er tritt ihr näher. Er tut einen tiefen Atemzug, um das Parfüm zu.prüfen, bas Madam trägt. Er ist befriedigt, das Parfüm ist gut. Wenn manrenting agent" (Miete-werdender Beam­ter) eines großen Apartcrnenthauses ist, kennt man sich nicht nur in Pelzen, sondern auch in Parfüms aus.Beurteilen Sie doch bloß bie Aussicht", fährt er fort und legt sex appeal in feine Stimme nicht