Jahrgang (955
Freitag, den 51. März
EietzenerZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
_______ ■■
Nummer 25
Oie Amseln.
Von Max Dauthendey.
—- Die Amseln haben Sonne getrunken.
Aus allen Gärten strahlen die Lieder, In allen Herzen nisten die Amseln, Und alle Herzen werden zu Gärten Und blühen wieder.
Nun wachsen der Erde die großen Flügel, Und allen Träumen neues Gefieder, Alle Menschen werden wie Vögel Und bauen Nester im Blauen.
Nun sprechen die Bäume in grünem Gedränge, Und rauschen Gesänge zur hohen Sonne, In allen Seelen badet die Sonne, Alle Wasser stehen in Flammen, Frühling bringt Wasser und Feuer Liebend zusammen.
Ein Meteor fällt vom Himmel.
Erzählung von Hartmut B a st i a n.
Mit fassungslosem Staunen standen die sibirischen Bauern um den Trichter in der Erde herum, den eine fremde Gewalt kraterglcich in den Boden des Urwaldes hineingedrückt hatte. Wie die Faust eines riesigen Dämonen mußte diese Kraft gewirkt haben. Der Erdboden war Hunderte von Metern nach allen Seiten auseinandergerissen worden und bildete ringsumher einen hohen Wall, auf dem die Tungusen vorsichtig umherturnten. Eine große Anzahl von Baumstämmen war spurlos verschwunden, in den Waldboden förmlich hineingestampft worden. Viele andere im weiten Umkreis hatten nur noch verbrannte Stümpfe und ragten trostlos in die kalte Morgenluft hinein. Im nahen Unterholz und moosigen 2?cjen knisterte und schwelte mühsam Feuer. Niemand hatte es entzündet. Es mußte vom Himmel gefallen fein wie der schwarze Riesenblock selbst, der träge und wuchtig wie ein legendenhaftes Untier In dem tiefen Loch ruhte.
Die kleine Fjokla stand mit staunenden Augen und weit aufgerissenem Munde unter den Neugierigen. Marsew, der Jäger, stand hinter ihr und legte seine Hand, schwer wie eine Bärentatze, schützend auf ihre bepelzte Schulter. Fjokla war die einzige, die den rätselhaften Vorfall, dessen Folgen sie hier sahen, gestern abend beobachtet hatte. Sie war aus dem Heimweg gewesen, vielleicht noch eine Stunde vom Dorfe entfernt. Die lichte, allmählich in die baumlose Steppe übergehende Taiga schlief müde im ersten Frost des herannahenden Winters. Das verfilzte Gestrüpp und Unterholz, in dem nur spärlich verstreut Bauminfeln wurzelten, war selten so hoch, daß Fjokla nicht darüber hinwegsehen konnte. Fröstelnd war sie neben dem zottigen Ponygespann hergelaufen, die Seine lose über den Arm gehängt, die Hände in die Aermel ihres Pelzes vergraben, Uuk, den Hund, müde mit hängender Rute neben sich. Und da war es plötzlich geschehen. *
Die kleine Fjokla wußte später nicht mehr recht, wie es denn eigentlich geschah. Sie hatte einen Stern gesehen, einen Stern wie viele andere, nur daß er sich auf einmal bewegte, bann still zu stehen schien und sich lautlos teilte, in grüne, rote und gelbe Sterne. Während die anderen erloschen, kam der gelbe näher, mit furchtbarer, angstvoller Schnelligkeit. Er wurde groß, rielengroß und weiß. Ein Getöse Hub an, taghell wurde es, ein glühender Windstoß streifte über sie hinweg — dann stürzte der Himmelsbote dort drüben in Die Taiga hinein, da, wo die Bäume noch in urwaldhafter Dichte standen. Ein sprühender Funkenregen tanzte über den Gipfeln, Donnerrollen erzitterte die Lust, der Boden dröhnte wie von einem gewaltsamen Stoß. Rasende Windstöße bogen die Pappeln und spielten mit den dünnen Weidenzweigen, daß sie flatterten wie Frauenhaar. Das Gestrüpp glich einem Wellenmeer. Dann wurde es wieder dunkel, und Fjokla, geblendet von der Helligkeit, sah nichts mehr. Puk hatte sich winselnd unter dem niedrigen Wägelchen verkrochen, das bedenklich hin und her kantete, well die Pferde scheuten. Aber Fjokla war schnell zur Besinnung gekommen. Mit einem Sprung war sie auf dem Wagen, packte die Leine fest mit der kleinen, nervigen Faust und jagte, die Peitsche in der anderen Hand, die ängstlichen Tiere hinunter ins Dorf.
Hier war es schon lebendig geworden. Das dumpfe Dröhnen hatte die Bauern aus den Hütten getrieben. Fjokla war im Nu umringt, als
' fte vom Wagen sprang. Hastig, abgerissen, mit armseligen, primitiven Ausdrücken erzählte sie. Immer neue Menschen tarnen hinzu und Fjokla erzählte zwei-, dreimal. Dabei fiel ihr immer wieder Neues ein. Das ganze Dorf war auf den Beinen und scharte sich um die Erzählerin.
UeberaU hörte man Ausrufe des Staunens und sah gespannte und bedenkliche Gesichter. Nur der Schamane, ein alter Mann mit lederner Gesichtshaut und häßlichen, geschlitzten Augen, schien ihr nicht recht Glauben zu schenken. Aber es war allgemein bekannt, daß er Fjokla nicht leiden konnte. Er haßte ihre blauen Augen und das kastanienbraune Haar. Er haßte ihre intelligente Lebhaftigkeit und Wißbegierde. Fjoklas Mutter allein wußte, daß er es der Tochter niemals vergeben würde, daß sie einen fremdländischen Mann statt eines Tungusen zum Vater hatte. So hörte man auch jetzt nicht recht auf die Einwürfe des Schamanen und ließ die Kleine zu Ende berichten. —
Die ganze Nacht über war das Dorf wach. Scheu erging man sich in ollen nur möglichen Vermutungen Daß dieses einzigartig dastehende Ereignis etwas zu bedeuten habe, war selbstverständlich. — Nur wenige beherzte Männer, unter ihnen Marsew, der Jäger, der diese Nacht als Gast im Dorfe verbrachte, drangen ein Stück in die Taiga ein, über der wie ein riesiges Waldbrandzeichen glühende Nebel wogten. — Erst mit dem herausbrechenden, kalten Morgen verblaßte das Leuchten, und als die aufgehende Sonne Tageshelle über die Taiga breitete, drang alles vorsichtig und neugierig in die Waldungen ein.
Wiederum war Fjokla die erste, die, begleitet von dem Jäger, den verwüsteten und verkohlten Schauplatz des Ereignisses fand. Ihre lauten Rufe wiesen den anderen den Weg. Da standen sie nun mit abergläubischem Staunen und hörten die Reden des Schamanen, der tm Mittelpunkt stand.
„Das hat Böses zu bedeuten", orakelte der Alte. „Als vor vielen, vielen Jahren dort oben bei unseren Brüdern in der Tundra das große Renntiersterben einsetzte, war auch zuvor ein Stein vom Himmel gefallen und aus meiner Jugend kenne ich einen Fall, wo Feuer vom Himmel fiel. Hernach gab's eine große Hungersnot und Tausende starben."
Fjokla widersprach trotzig. „Warum, Väterchen, muß so ein Stein immer Unglück bringen? Ich meine, es ist ebenso gut möglich, daß er Glück bringt."
„Du bist ein unartiges Kind, Fjokla, und hast keine Achtung vor dem Alter."
Bestürzt schwieg die Kleine, und auch die anderen Männer, bei denen in solchen Momenten der alte Heidenglaube durchbrach, warfen unmutige Blicke auf die Vorwitzige. Nur Marfew nahm ihre Partei. „Pack dich, Schamane, du weißt, daß deine Zauverei verboten ist. — Und laß mir die Fjokla in Ruhe."
Der Jäger war als stark und gewalttätig bekannt, und alle wußten, daß er Fjokla liebte. Wäre sie nicht zu jung gewesen, hätte er sie längst in feine Jurte geführt. So sagte auch jetzt niemand etwas, als er ohne Entgegnung des Schamanen fortging.
Es vergingen Wochen und Monate. Der Winter ging vorüber. Aber niemand hatte den Stein vergessen. Nichts Böses hatte sich bisher ereignet. Weder fRenntierfterben bei den Samojeden, noch eine Seuche, die die Hütten der Tungusen heimsuchte. — Fjokla frohlockte. Oft saß sie mit Marsew am Rande des tiefen Kraters im Walde und träumte vor sich hin. Eine feltfame Sehnsucht, eine merkwürdige Unzufriedenheit mit ihrem Schicksal beschlich Fjokla dann. Mühsam versuchte sie, den regen Vorstellungen ihrer Phantasie Ausdruck zu geben. Meist hinderte sie hieran der beschränkte Wortschatz ihrer Svrache. Marsew hörte ihren Ausführungen geduldig zu, obgleich sie manchmal für ihn viel Unverständliches zusammenträumte und lachte. Fjokla liebte ihn deshalb. Er war der einzige, dem sie ihr ganzes Sehnen und Empfinden anvertrauen konnte. Von den gleichaltrigen Mädchen verstand sie keine. Sie lachten höchstens über sie. Eigenartig nur, wie fremd ihr diese Menschen waren, obgleich sie doch zu ihnen gehörte. —
*
Inzwischen waren Männer bis nach Jakutsk am Lena heruntergekommen. Sie hatte das Himmelsereignis, das die Taiga betroffen hatte, in allen Einzelheiten erzählt. Der Diftriktsvorsteher hatte daraufhin einen langen Brief geschrieben und ihn zur nächsten Eisenbahnstation geschickt. Das war vorläufig alles. —
Wieder ging der Sommer zu Ende und wieder vereiste ein grimmiger Winter alles Leben in den Ungeheuern Oedländern Sibiriens. — Im kommenden Frühjahr wurde Fjokla sechzehn Jahre alt. Marsew warb nun ernsthaft um sie, und obgleich Fjokla wußte, daß sie und ihre Mutter nie nein sagen würden, zögerte sie mit dem Entschluß. Der Stein, der vom Himmel gefallen war, hatte bisher noch kein besonderes Ereignis als sichtbares Zeichen irgendeiner schicksalshafien Macht nach sich gezogen. Man begann bereits (aut über den Schamanen zu spötteln. Desto mehr wartete Fjokla auf ein Zeichen, auf etwas Besonderes, das ihrem jungen


