Ausgabe 
30.10.1933
 
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Da stand es nun, bas Niesele, die vuttergelben Dordcrhufchen auf der Schulschwelle, und blieb stehen! Kam aber nicht in den Saal herein! Alle Kinder sprangen auf die Bänke, hielten dem Gäulchen ihr Brot hin, riefen, kosten allein, es kam nicht näher. Es drehte einmal den Kopf zur Seite, als wolle es den gestrengen Herrn Lehrer sehen, streckte seine Nase weit vor, wie wenn es niesen wolle, nieste wirklich und nahm Reißaus! Die ganze Klasse aber stürmte hinterdrein, und für diesen Tag war die Schule aus.

Am nächsten Morgen erzählte der Pfarrer den Kindern von dem kleinen David und dem Niesen Goliath. Er erzählte, wie der kleine David als Hirtenbub auf den Bergwiesen sich umhertrieb, wies just eben das Riesele tue, wie er aber doch emsiger gewesen sei als das Riesele, wie er gelernt habe die Harfe spielen, wie er selber neue Lieder gesungen habe aus seinem Herzen heraus: Lieder, wie sie vor ihm und nach ihm kein Mensch mehr habe singen können, wie er sich zugleich geübt habe, die Schleuder zu führen, um im Falle der Not das Vaterland zu verteidigen, und wie er alsdann später seine Lieder vor dem kranken König Saul habe singen dürfen! Wie der König ihn liebgewonnen habe, und wie er nicht mehr habe leben können ohne ihn, den Hirtenknaben! Wie dann auch wirklich die Feinde gekommen seien, und wie just er, der Hirtenknabe, den mächtigsten der Feinde, ihren Riesen Goliath, mit derselben Schleuder erlegt habe, indem er ihm einen spitzen Stein mitten in die Stirn getrieben, so baß der ungeheure Kerl umgefallen sei und sich verblutet habe.

Ihr Buben!" sprach der Pfarrer,ist das nicht eine echte Vubengeschichte? Das ist die schönste Bubcngeschichte der Welt! Ober kennt ihr eine schönere?"

Robinson!" rief einer. Jedoch der Pfarrer wehrte ab und antwortete:

Sei mir still mit deinem Robinson, mit deinem unfolgsamen Engländer."

Joseph!" meinte ein anderer,Joseph von Aegypten!"

Aha!" sagte darauf der Pfarrer,und warum denn Joseph?" Weil er verkauft wurde! Weil er ins Gefängnis gesteckt wurde! Weil er hernach dennoch König wurde!"

Gut, er hatte gelitten und wurde erhöht!"

David wurde auch erhöht, David wurde auch König!" rief ein Großer dazwischen.

Wurde auch König", wiederholte der Geistliche,David wurde auch König, freilich, und was für einer! Aber: welcher von beiden gefällt dir nun am besten, der aus Aegypten, der zuerst leiden mußte, oder der von den Fluren Bethlehems, der niemals litt und immer siegte und sang und Flöten blies und Harfen schlug?"

Die Kinder zischelten: aus den neun Bänken schossen die Finger wie Pfeile gegen des Pfarrers Antlitz, und mitten in dem fröh­lichen Gezisch schlug plötzlich ein kleiner Mädchenkopf knallend auf die Bank: das Trudelchen heulte laut auf und schnippste und holte den Schttrzzipfel an die nassen Augen.

Der Pfarrer trat zu ihm hin, ergriff sein Händchen und sagte: Was ist los, Trudel?"

Das Niesele soll David heißen--nein, nein: Joseph soll

es heißen!"

Na, wie soll's nun eigentlich heißen, Trudel?"

Das Kind begann, aus seinen Tränen zu lachen, sah den Pfarrer über die Matzen vertraut ins Gesicht und sagte:

David!"

David?" antwortete der Pfarrer,es soll König werben, ohne daß es zuvor von seinen Brüdern wäre verkauft worden; es soll sich immer nur freuen, ohne daß es gelitten hätte! Ihr Großen dahinten: Wie ift8 mit König David gewesen: hat er schließlich nicht auch sein Vündelchen zu tragen gehabt?"

Aber er war doch stärker als der Riese, und ich hab's doch Nicht gewußt!" heulte Trudel.

Gewußt, gewußt! Trudelchen, du hast's doch selber getauft! Und getauft ist getauft! Oder willst du dein Gäulchen gleich dreimal taufen lassen, wie's dem Eulenspiegel geschah? Und willst du haben, baß Riesele gleich diesem Schalk ein Taugenichts werde und ein Tagedieb? Sei stille, sei stille!"

Trudel, von der Unabänderlichkeit zerschmettert, ließ sich nider- sallen, und ihr Geschluchz hob stärker an.

Da wieherte draußen das Riesele, da knallten auch schon die kleinen Hufe wieder im Hausgang.

Die ganze Klasse begann vor Freude zu schreien, Gustav und August liefen an die Tür, den kleinen Frechdachs hinauszuführen, aber dieser schlüpfte unter ihren Händen durch zum Saal herein und schnurstracks auf das Trudelchen zu, das bei den Kleinsten in der vordersten Bank saß.

Diesmal, weil der Pfarrer im Saale war, zögerte das Mädchen nicht. Es legte die nackten Arme um des Rieseles schwarzen Hals, es küßte das Riesele auf die weiße Blesse und ritz es an der strotzigen Mähne mit sich fort, zur Schule hinaus und rief immerzu:

Riesele, Niesele!"

IV.

Eine Viertelstunde abseits vom Dorf wohnte der Großbauer Michael, der sieben Pferde und dreiundzwanzig Rinder besaß. Riesele sah einmal vier dieser Gäule an einem mit Steinen bela­denen Wagen ziehen, zwei Peitschen knallten über ihnen, die Seile zerrten, Funken stoben ans den Hufeisen. Dies Spiel der Kraft gefiel ihm so sehr, daß es sich den Pferden zugesellte und mit ihnen in den großen Hof lief. Sie konnten Riesele gut leiden, die dicken Gäule, sie drehten allesamt die Köpfe nach ihm, sie ließen es an

ihrem Trog Waffer saufen, ja, ste schoben es förmlich zu sich in den Stall, so daß es mit ihnen fressen mußte aus ihren hohen Krippen. Ha, wie fühlte sich das Zwergfüllchen so wohl! Die sieben Kerle standen da in Reih und Glied nebeneinander, Knechte putzten an ihnen herum, daß die vollen Backen zu blinken begannen, warme Dämpfe stiegen von den breiten Rücken in die Höhe, und die Schweife tanzten.

Riesele begann den Schweiß zu lecken, Niesele lief von dem einen zum andern, Riesele streckte den Kopf auch den Knechten zu, die es liebreich tätschelten. Ueberall hin sprang Niesele in dem ungeheuren Stall, schlüpfte gar durch einen schmalen Verschlag hinüber in den Kuhstall, und die sieben Gäule drehten die schweren Köpfe an den dicken Hälsen hinzu nach dem Verschlag, sei es, daß sie selber gern durchgeschlüpft wären, sei es, daß sie das Gäulchen den plumpen Milchkühen nicht gönnten.

Die Knechte gingen gar hinüber und stellten sich zu den Mägden, und der kleine Mann war für die Gäule nicht mehr zu sehen. Die Gäule wurden unruhig, wieherten, rissen an ihren Ketten, schlugen mit den Htnterhufen auf, als sei ein Bienenschwarm über sie her­gefallen.

Da auf einmal gab's ein Geschrei:

Er wirft mir die Milch um!"

Sie schoben auseinander, die Mägde, die Knechte lachten laut auf, ein Eimer kollerte über den Steinboden, und Riesele kam in großen Sätzen durch den Verschlag in den Pferdcstall zurück. Ha, wie freuten sich die Gäule.

Aber da stand plötzlich ein kleines Mädchen in der Tür, wagte sich näher, rief:Niesele, Riesele!" und alle Herrlichkeit hatte ein Ende; denn das Riesele wandte sich von den alten Gaulmännern ab und lief zu dem Kind und lief mit dem Kind davon, ohne sich nochmals umgeguckt zu haben.

Es kam wieder, das Milchkind! Es kam schon am nächsten Tage wieder! Zwei der Gäule zogen hinterm Haus den Pflug, zwei zerrten die Egge hinterdrein, zwei trabten mit dem leeren Steinwagen den Hügel hinauf, und der siebente, der dickste, hatte eine Fuhre Mist hinter sich hängen und stand noch im Hof, an der Mistkaute. Dieser allein sah das Niesele ohne Gruß an sich vor­überspringen, als wenn ein Ganl, der das Unglück hat, Mist ziehen zu müssen, deshalb keiner Achtung würdig wäre! Das ein­gebildete Aeffchen rannte schnurstracks in den Pferdcstall, und da es niemand zu Hause fand, legte es sich ein Weilchen aus den Platz in der Mitte und schlief in dem großen Bette ein, wie auch Kinder es so gerne tun! Es wachte auf, als draußen der Mistwagen zum Hof hinausratterte. Eiligst hob es sich auf die Beine, lief hinter dem Wagen drein, kehrte aber, noch bevor es ihn nicht erreicht hatte, um und erblickte die Pflüger und die Egger und rannte nun, so schnell es konnte, hinters Haus, um sich den Pflügen zu­gesellen zu können.

Schräggestellt wie ein Hund, tänzelte es nunmehr vor, neben und hinter den schweißigen Ackergäulen einher über die frischen Schollen feldein, feldaus, und seine aufstarrende Mähne bog sich schwer nach beiden Seiten. Die Schimmel, die hinterdrein die Egge zogen, begannen zu traben, der Knecht zerrte die Leine an und schrie unausgesetzt:Höh, höhl", aber die Schimmel ließen sich nicht halten und eilten voran, wenn auch die Schollen nicht recht zereggt waren. Munter und stolz mit hochaufgestreckten Ohren nickten indessen die Füchse, die vorm Pfluge gingen, ihre Schar durch den harten Boden zogen, wie wenn sie dem Kinde hätten zeigen wollen, was für ehrenfeste Kerle sie seien.

Auch die schweren Schimmel stellten die Ohren und hoben die Köpfe! Die Schiffsircnen brummten in der Ferne, und Hintern Fichtenwald lugte der Rhein herauf.

Niesele aber, wie es da einen einheitlichen Willen erfühlt, hüpfte wie ein abgerichteter Zirkusgaul von hinten her zwischen die vier Pferde und marschierte nun an der Spitze mit fröhlichem Getrippel einher, tollte nicht mehr seitab und tänzelte nicht mehr und bockelte nicht mehr und war ganz Ordnung und Würde.

Jedoch gleich am Ende der Furche, als gewendet wurde, mochte ihm etwas anderes besser gefallen haben, und es lief vom Acker der Arbeit, dem cs ein Stückchen Schönheit eigener Art verliehen hatte, davon. Es schlüpfte in den kühlen Schatten eines Wein­berges und lief in eine neue Schönheit hinein: Ein Weizenfeld stand oben, wo sich der Hügel hinabzu biegt und Millionen von knallroten Mohnblütcn leuchteten, wie wenn sie als Wolke am blauen Sommerhimmel einhergingen zwischen den steilen, kurzen Halmen dicht gedrängt, als stünde der Acker in Fener.

Riesele rannte drauf zu. Wie es oben war, sah es sein Dörfchen unten, sah alle Schornsteine rauchen kerzengerade ringelten sich seine Rauchsäulen in die heiße Luft und dann sah es noch am andern Abhang eine Schafherde grasen. Der Pferch stand weiter unten im Tal, und die Hütte des Schäfers lehnte an einem Nuß­baum.

Diese Schafherde gefiel dem Riesele am besten, und es lief deshalb zu ihr hin. Die Schafe hoben die Köpfe von der Erde auf und drehten ste. Der Schäfer pfiff, riß, wie wenn Gott weiß, welche Gefahr gedroht hätte, die Schippe hoch, und der Hund stürzte sich heulend Riesele entgegen, so daß dies nichts besseres tun konnte, als eiligst umzukehren zu seinem Mohnfeld. Richtig er­schreckt hatte es der garstige Hund. Es legte sich um in den Weizen und schlief fünf Minuten.

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Drühl'sche Univerfitäts-Duch- und Eteindruckeret, R. Lange, Gießen.