noch nicht zur Menschenzelt, denn niemals noch hat man Kulturoder Menschenreste in der Braunkohle gefunden. Auch Tierreste sind in ihr nicht allzu zahlreich enthalten,' erst ein neuestes Vor- kommen bei Halle hat uns einen großen Reichtum von Schlangen, Krokodilen, kleinen Säugetieren, Fischen, Fröschen und großen schönen Insekten aufgedeckt. Man kann sich aus alledem bas Bild eines subtropischen Urwaldes machen, über dem sich ein milderer Himmel wölbte, als er heute Deutschland beschieden ist.
Das Deckengebirge, das sich über den Braunkohlenresten lagert, verrat, daß sich auch die jüngste Braunkohle schon vor der Eiszeit gebildet haben muß. Denn stets liegen die Ablagerungen der Eiszeit garüber, oft genug sind sogar Faltungen, Äustauchungen der Flöze eingetreten, die man nur durch den Druck der sich darüber walzenden Eismassen erklären kann,' manchmal sind sogar Strudellöcher, sogenannte Gletschertöpfe in sie eingetieft, was beweist, daß fie schon in voller Ruhe verkohlt dalagen, als die Schmelzwasser der Eiszeiten über ihnen brodelten und ihr Zer- stürungswerk aussührten.
Aber auch die älteste Braunkohle reicht noch nicht in völlig tropische Zeiten und in eine andere Welt zurück als die der elefantenartigen Nüsseltiere und Nashorne, der Vorahnen von Elefanten und Pferden, also in eine Zett, welche die Wissenschaft als geologische Neuzeit oder Tertiär anspricht.
Es ist die Zeit, in der die alten Riesengeschlechter der Saurier schon untergcgangen waren, neue Riesenttere von Säugern heraufkamen, die Alpen, überhaupt die großen Gebirge der Erde sich gerade bildeten, aber noch, wenigstens zu Beginn über ganz Europa eine Sonne schien, wie sie heute nur über den blauen Küsten des südlichsten Europas und Nordafrtkas, über Florida und Kalifornien und Südchina leuchtet. Das war das Braunkohlenzeitalter, und auch in ihm hat es eine Jugend und ein kühler werdendes Altern gegeben.
Man unterscheidet im ganzen der Zusammensetzung nach zweierlei Flöze. Solche, in denen man außer ihren Hauptbestandteilen auch Palmen, Datteln, Zimt- und Lorbeerbäume und Bambus findet. Man weist sie der älteren Braunkohlenzeit zu,' zu ihnen gehört fast alles, was sich westlich der Elbe findet.
Der jüngeren Braunkohle fz.B. die meisten Tagebaue der Lau- ntzj eignet ein nordischer Zug. Die Nadelbäume überwiegen,' Eichen, Buchen, Ahorne, Pappeln und nur mehr wenig Südland- gewächse mengen sich ein.
Man erkennt also ein Strengerwerden des Klimas. Die jüngere Vraunkohlenwelt kannte sogar schon Frost und Eis, hat man doch in den Flözen von Senftenberg Blätter gefunden, die deutlich Frostspuren aufwiesen.
Immer aber sind alle Pflanzenreste reichlich mit Faulschlamm, ' auch mit Sand und Schlammlagen durchsetzt und das gibt uns Aufschluß über das Zustandekommen der Flöze. Man hat neuester Zeit im subtropischen Amerika, namentlich in den Staaten Georgia und Florida die Bildung von Braunkohle unmittelbar beobachten können. Es gibt dort große Sumpfwälder aus Sumpfzypressen und allen den Pflanzen, die uns aus der deutschen Braunkohle so wohlbekannt sind, in denen die großen Stämme im Schlamin ganz ebenso aufrecht versinken, so wie sich die „Stubben" in der Braunkohle finden, in denen Faulschlamm und zusammengeschwemmte Holzreste bei Ueberschwemmungen von Schlamm und Sand ebenso zugedeckt werden und dann „einkohlen", wie wir das an den fossilen Lagerstätten sehen. Man hat in Amerika auch in den nördlichen Staaten derartige „Swamps" (so nennt man dort die Sumpfwälder) gesehen, in denen sich die gleiche Pflanzenwelt wie in unserer älteren und jüngeren Braunkohle findet, so daß heute kein Zweifel mehr über die Entstehung dieser Flöze bleiben kann.
Wiederholte Landsenkungen und Ueberflutungen haben die faulenden Pslanzenmassen unter Sand und Schlamm vergraben,' ein verwickelter Vertorfungsprozeß hat sie dann zur Kohle werden lassen, nachdem ein besonders glückliches Klima an wetten, feuchten Ebenen erst wahre Paradieswälder hervorgebracht hatte. Diese Zustände bestehen auf Erden auch heute noch, allerdings nicht mehr in Deutschland, sondern im Südosten von Nordamerika, und so kann man sagen, baß die Braunkohlenbildung auf Erden keineswegs zum Stillstand gekommen ist, sondern nur mit dem Klimawechsel sich der Ort der Entstehung verschoben hat.
Auf deutschem Boden hat sie etwa kurz vor dem Hereinbrechcn der Eiszeit aufgehört. Kiese und Sande haben die versunkenen Wälder zugedeckt; als sich Eismassen über diese Decken schoben, haben sie sie fortgewälzt, ost die ebene Lagerung der Kohlen gestört und sie wellig gefaltet. Alles, was sich seit dem Tertiär an Ablagerungen gebildet hat, heißt heute Deckengebirge und muß als Abraum entfernt werden, will man zu den Flözen gelangen.
Diese lange Geschichte haben uns die Stubben erzählt, als die Spitzhacke sie freilegte. Sie erklärt uns, warum in der Kohle oft nur gut erhaltenes und kenntlich gebliebenes verkohltes Holz (Lignit) vorhanden ist. In der oberbayerischen Kohlengrube von Großweil beim Kochelsee wird zum Beispiel ein Lignit gegraben, der noch völlig den Kiefernursprung erkennen läßt. Man versteht nun aber auch, warum immer wieder in allen Braunkohlengruben Sand- und Tonschichten zwischengelagert und dicke Schichten von Humus und Faulschlamm vorhanden sind.
Diese Entstehungsgeschichte macht auch begreiflich, warum die Kohle so gasreich ist (sie enthält namentlich viel Kohlensäure) und 65 v. H. Kohlenstoff enthält, während Steinkohle, bei der der Vcrkohlungsprozeß mehr vorgeschritten ist, die aber aus ganz anderen Pflanzen stammt, aus 75 bis 90 v. H. Kohlenstoff besteht. Sie macht es schließlich auch wahrscheinlich, daß aus unseren Braunkohlen in späteren Erdzeitaltern ebenfalls eine Steinkohle wird.
Niesele.
Die Geschichte eines kleine« Pferdes.
Von Nikolaus Schwarzkopf.
(Nachdruck verboten^ (Fortsetzung.)
Drudelchen", sagte der eine, „soll's Räppchen immer noch Richardele heißen?" und er lachte, und alle Buben mit ihm. , .xWeitzt , sprach August, „ein schwarzer Gaul kann nicht Richard yeitzen!
,, »Warum denn nicht?" fragte sie dagegen, „warum denn nichts Und sie nahm ihr Däumchen in den Mund und schmollte.
„Und dann, Trudel, das mutzt du verstehen, das verstehst du aber noch nicht", so sagte ein anderer, der an einer gelben Rübe kaute, „Richard ist doch ein Bubenname!"
Alle lachten sie frech, und Trudel weinte laut heraus.
„Besinn dich auf etwas Besseres!"
„Wir können das Räppchen doch auch nicht Riese GoNath nennen! meinte August, und Gustav entgegnete:
„Auch Siegfried sollen wir's nicht nennen, da kann sie den großen S nicht machen und kommt wieder gelaufen!"
«Dock, ich weiß!" warf Trudel jetzt ein, „Riese Goliath h«1. tzen wir s!"
„Das sind ja zwei Namen, einer genügt!"
„Gut!" entschied Gustav, „nennen wir's Riese!"
Sie lachten schon wieder, aber Trudel griff den Namen herzhaft auf und lief ein übers andere Mal:
„Riese heißt es, Niesele, Riesele!"
„Riesele!" schrien die Buben, „Rieselein, der kleine Gernegroß? und sie trieben ihre Reifen an und rasten mit dem Namen davon, die Wegspur hinunter. Trubel aber holte am Brunnen eine Handvoll Wasser, trug sie fürsorglich in den Stall, goß sie dem Gaulchen übern Kopf und sagte immerzu: Riesele, Niesele!"
Alle Welt war mit dem Namen einverstanden, und das Füll- chen Riesele ward der Freund und Genosse der ganzen Dorfjugenü und die stille Freude aller Erwachsenen.
c lief im Dorf umher, aus den Straßen, in den Bauern. Höfen, über die Wiesen,' selbst über die Felder durfte es laufen, und niemand verwehrte es ihm. Junge Rinder und Kälber, die des Morgens in großen Scharen auf die gemeinsame Weide ge- trieben wurden, ließen stillschweigend geschehen, daß das Gäulchen sich ihnen anschloß und mitlief, und sie waren stolz, es bei sich zu haben.
Die Gänse, die allmorgendlich ebenfalls auf die Weide aus- zogen, mußten stets gewärtig fein, daß ihre Unterhaltungen wäh- rend des Ausmarsches oder während der Heimkehr plötzlich aus einem Hof heraus von dem Riesele gestört würden. Zwar fürchteten sich die Gänse keineswegs, rannten auch nicht davon, wenn der Wrldfang angetrippelt kam, aber da es doch unliebsam war, mitten im Gespräch auseinandergerupft zu werden, so haßten die Ganse das Riesele heimlich, und immer wieder konnte man wahr- nehmen, wie einige ihrer beherztesten die Schnäbel hoben, schnat. terten, sogar laut schrien und dem Störenfried an die Beine wollten.
Auch die Schweine grunzten auf ihrem gemeinsamen Weide- platz, und der Schweinehirt, ein verlorener Sohn aus Nirgendwo, war ein guter Mensch und konnte das Riesele recht leiden, weil es ein so sauberes, freundliches Kerlchen war. Zwar die Schweine gewöhnten sich nicht an die Frechheit des Gäulchens, verstanden sie nicht und verziehen sie deshalb auch nicht und stoben immer wieder verscheucht auseinander, wenn sie es nur von ferne trappeln hörten.
III.
Natürlich stürmte es auch in den Schulhof, denn Kinder waren ja seine besten Freunde, und es war ja selber ein Kind! Die drei- unddreitzig Schüler der kleinen Dorfweisheit brauchten den Freund nicht zu fürchten, und sie hegten keinerlei schlimme Absichten gegen den ausgelassenen Gassenbuben, es sei denn, daß sie ihn für die paar Schulstunden, die sie an Freiheit weniger hatten, doch leise beneideten. Sie hörten das Gäulchen an den Fenstern des Schulhauses vorüberspringen und durften nicht hinaus,' sie sahen es am Abhang der Schulwiese grasen und durften nicht hinaus,' sie hörten aus dem Virkenwäldchen sein tolles Wiehern, und sie durften nicht einmal „Riesele" rufen! Da mußten sie hocken und lesen, rechnen, rechteckige Aecker zejchnen und ausrechnen, wenn ein Quadratmeter eine Mark und siebenundzwanzig Pfennig koste, was der ganze Acker wert sei! Mußten den Rhein zeichnen und wären doch lieber hingerannt mit dem Riesele. Da mußten sie Quadratwurzeln ausziehen, und niemand wußte, wozu, da doch Quadratwurzeln auf keinem Acker wuchsen, kein Un- kraut waren und auch kein Kraut, und was also denn eigentlich!
Und draußen im Sonnenschein verjubelte bas Riesele seine Jugenökraft und durfte anstellen was es wollte!
Aber der Herr Lehrer war doch kein Böser.
Es kam einmal vor, baß das Riesele in seinem Uebermut ins Schulhaus stürmte, über die vier Treppenstufen kletterte und den Hausgang betrappelte. Das hörten Lehrer und Schüler! Da blieben weder Lehrer noch Schüler auf dem Platze. Dies Getrommel auf den Steinplatten des Hausganges zertrampelte alle Wissenschaft. Der Herr Lehrer sprang vom Pulte auf, schnitt schalkhaft lächelnd mit den beiden heftig ausfahrenden Händen die Unruhe entzwei, daß die Kinder wieder auf die Sitze herabsanken und ging auf den Zehen an die Tür und hob leise die Klinke aus der Nase. Und wahrlich: das Riesele stieß die Tür mit dem Maule auf, daß sie zurückknallte wider den Schrank.


