Ausgabe 
30.10.1933
 
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Linke", sagte der übermüdete Arzt ein wenig ungeduldig,was wollen Sie denn schon wieder?" Und zu Franz! gekehrt.Warum bringst du ihn denn schon wieder?" ,

Entschuldigen Sie, Herr Regimentsarzt", sagte Linke mit bebender Stimme,unser Junge hier kann nichts dafür. Er wollte nämlich nicht. Nur aus meine inständige Bitte hat er mich hierher geführt. Ich trage alle Schuld, nicht wahr, Franzi?" Linkes Ge­sicht zuckte, seine Stimme sprang in eine höhere Lage über, sein Ruf klang kaum anders als das Schreien des Irren:Herr Doktor, Herr Doktor, ach bitte schneiden Sie mir doch die Augen auf, damit ich wieder sehe!" Er hob die Hand und fuhr sich mit dem Finger quer über die glanzlosen Augenäpfel.Wissen Sie, Herr Doktor, ich habe ja noch einen Schein, ich sehe ja noch meinen Finger. So­lange ich noch sehe, daß es der Zeigefinger ist, solange ist mein Augenlicht nicht ganz erloschen." Die Stimme ging in ein klag-

Jorgen?*Slnfe, morgen", vertröstete der Arzt,vielleicht wird CS Linke^schüttclte ^den Kops, seine gestraffte Gestalt knickte zusam­men, die Arme sackten herunter, bas Kinn fiel ihm auf dre Brust. Nicht versprechen, Herr Doktor, schneiden! So ganz ohne Licht sein, Herr Doktor! Tag und Nacht, immer gleich!"

Der Arzt winkte Franzi heran:Bring ihn nicht mehr! Du weißt, ich kann nicht helfen, es hält mich auf! Du bist doch ein kluger Bub! Ich weiß ja kaum, wo ich zuerst anpacken soll.

Franzl, mit wem spricht du?" fragte der Unteroffizier, nach der Hand des Jungen tastend.Bleib doch hrer! Wer soll mir denn sonst helfen?"

Warten Sie hier, Herr Linke", sagte Franzl, den Blinden zu meinem Bett führend,der Herr Doktor wird mir eine Medizin für Sie geben." Der Blinde faßte das Gestell meines Bettes. Franzl lies zum Arzt zurück.Aber wenn er Tag und Nacht bittet? Ich schlafe doch neben ihm."

Du sollst doch im Schwesternzimmer schlafen, Franzl, sagte der Arzt und strich dem Jungen über das Haar,dort steht dem Bett."Und wer wird dann beim Herrn Linke sein?" fragte Franzl. Herr Linke hat in Breslau einen Jungen, der genau so alt ist wie ich, wir haben im gleichen Monat Geburtstag. Und wer wird bei Herrn Petermann sein, wenn ich Herrn Petermann in der Nacht die Hand nicht halte?" _ , t

Ach du kleiner Mann", lächelte der Arzt,was kannst denn du helfen. Den beiden kann niemand mehr helfen."

Niemand mehr helfen?" Franzls Augen leuchteten auf.Nie­mand mehr helfen?" Er wandte sich gegen mein Bett, darauf ge­stützt der Unteroffizier mit geneigtem Haupte in das Stimmenge­wirr lauschte: nun erhob er seine frische Stimme, die sich weder um Nähe oder Ferne, weder um Weinen noch um Schmerzen küm­merte und fragte über all das Leid hinweg:Herr Linke, Herr Linke?"

Was willst du denn, Franzl?" fragte der Blinde.

Was haben Sie heute Nacht gesagt, Herr Linke? Wer kann Herrn Petermann und Ihnen noch helfen?"

Gott und du, mein Junge, habe ich gesagt, ihr beide könnt uns allein helfen, denn ihr beide werdet uns nicht verlassen in un­serer Not." n ,

Der Junge verbeugte sich knapp vor dem Arzt:Herr Lmke hat mir gesagt, ich sei sein bester Kamerad. Und deshalb will ich auch bei Herrn Linke schlafen." Dann nahm Franzl den Blinden bei der Hand, bedankte sich bei mir für das dem Blinden an meinem Bettrand gewährte Gastrecht und führte ihn, auf dem Wege alle Bekannten höflich grüßend, in den nächsten Raum.

Nach einer Weile kam Franzl wieder an mein Bett:Haben Sie ein Medizinfläschchen, Herr Leutnant? Ich will es mit Wasser füllen, damit sich Herr Linke die Augen waschen kann. Der Doktor hat für solche Dinge keine Zeit, das muß ich besorgen. Eine Zeit lang mußte ich Herrn Linke mit Fett einreiben, aber das half nichts. Aber wenn ich ihn mit Wasser gewaschen habe und er die Flasche dabei halten kann, dann glaubt er immer, daß es schon Lesser geworden ist. Das letzte Fläschchen hat Herr Petermann zer­schlagen."

Kiewel hatte ein solches Fläschchen, Franzl nahm es, dankte und ging.

Einige Tage später bekam ich Rotlauf und wurde in ein Jsolierspital gebracht. Franzl begleitete mich bis zur Türe, wünschte mir viel Glück und vertraute mir an, daß es Herrn Linke immer schlechter gehe. Er sei mißtrauisch geworden, er glaube nicht mehr an die Medizin.Aber ich werde mir eben etwas anderes aus- benken", sagte Franzl, während mich die Träger aufhoben.Wissen Sie, was er mir gesagt hat, Herr Leutnant? Franzl, hatte er ge­sagt, wenn ich nur das Augenlicht für einen Tag wiederhätte, damit ich dich, mein lieber Junge, doch einmal sehen könnte."

Ja, lieber Franzl", sagte ich,ich freue mich, daß ich solch einen Jungen wie dich gesehen habe."

Als ich nach einigen Wochen wieder in das Lefortowo-Spital znrttckkam, waren der Blinde und Franzl nicht mehr dort. Irgend­wohin in dieses unendliche Land hatte man sie verschleppt. Franzl sei gerne aegangen, sagte Schwester Nadja, die ihm den Matrosen- anzng geschenkt hatte, er habe nur gebeten, ihn nicht von Herrn Linke zu trennen.

Und hat man die beiden wirklich nicht getrennt?" wollte ich wissen.

Die blasse Schwester sah an mir vorbei:Die Menschen werden es nicht gewagt haben. Aber der Tod nimmt auch auf solch brave Jungen keine Rücksicht. Es stand sehr, sehr schlecht um Herrn Linke, als er von hier fortmußte.

Herbst.

Von Theodor Fontane.

Schon mischt sich Rot in der Blätter Grün, Reseden und Astern sind im Verblüh», Die Trauben geschnitten, der Hafer gemäht, Der Herbst ist da, das Jahr wird spät.

Und doch (ob Herbst auch) die Sonne glüht Weg drum mit der Schwermut aus deinem Gemüt! Banne die Sorge, genieße, was frommt, Eh' Stille, Schnee und Winter kommt.

Deutsches Braunkohlenland.

Von Dr. R. Franco.

Wer heute in einem Flugzeug über Mitteldeutschland reist, wird erstaunt sein, wie ost in den grünen Teppich der Walder und Felder dunkelbraune Flecken eingestickt sind, von denen man ihm sagt: Braunkohlengruben. Drei große Gebiete sind es, hie da besonders ins Auge fallen: das größte westlich der Elbe zwi­schen den Städten Leipzig, Altenburg, Weißenfels, Eisleben, Aschersleben, Helmstedt, Magdeburg, Wittenberg, Bitterfeld und Kassel. Dort sind nicht weniger als zweihundert Bergwerkobetriebe, die außer 5000 Beamten 45 000 Bergarbeiter beschäftigen. Das zweite große Gebiet erstreckt sich östlich der Elbe bis zur Oder und Warthe. Und ein drittes tieft sich im Rheinland, westlich von Köln, ein. Was ihm an Ausdehnung fehlt, ersetzt es durch Mächtigkeit der Flöze. Manche von ihnen sind 100 Meter mächtig. Das ist im großen der deutsche Braunkohlenschatz. Es gibt auch in Bayern Braunkohle, so um den aussichtsreichen Peißenberg und im Voralpenland bei Hausham. Aber bas sind viele hundert Meter tiefe Schächte, deren Förderstrecken zum Beispiel von Hausham bis unter den Schliersee reichen.

An sich gibt es ja ziemlich viel Tiefbaukohle. Das Handbuch für den Braunkohlenbergbau (1927) verzeichnet Lager von 12 084 Milliarden Tonnen Tiefbaukohle, gegen 11128,5 Millionen Tage­baukohle, doch ist gegenwärtig fast die gesamte Förderung (90v.H. aus Tagebau eingestellt. Und das ist ein großer Vorteil. Nicht nur, daß der Tiefbau ein ziemlich künstliches Abbausystem fordert, er braucht auch wegen der reichlichen Kohlensäureausscheidung der Braunkohle große Ventilationseinrichtungen und hat dazu an­sehnliche Abbauverluste. Sie betragen etwa 35 v.H., während der Tagebau nur 5 bis 10 v.H. in seine Rechnung einstellen Muß

Gerade die deutschen Vorkommen bieten uns den unschätzbaren Vorteil, daß ihre Hälfte ganz nahe unter der Erdoberfläche liegt. Man braucht nur eine leichte Decke bas Deckengebirgc ab-- zuräumen und kann den Brennstoff einfach abfahren. Er liegt wie ein großes Warenlager da. Ein ungeheurer Vorteil gegenüber der Steinkohle, der man heute tief in deu Untergrund nachgehen muß. Deshalb ist auch die Durchschnittsleistung pro Mann und Schicht im Tagebau 9 bis 10 Tonnen, während sie im Steinkohlen- Ruhrgebiet nur \/ Tonnen beträgt.

Dazu kommt noch, daß das Deckgebirge (Abraum) in den aller­meisten Fällen ganz lockeres Gestein ist: Mergel, Tone, oft nur Kies und Sand. Nur selten ereignet es sich, daß sich Basaltdecken über die Kohlenflöze breiten.

Und auch dieser leichte Abraum ist meist nicht mächtiger als 40 bis 50 Meter. Diese Mächtigkeit entscheidet über die Frage, ob Tage- oder Tiefbau und es gilt als Handregel, daß das Ver­hältnis 1:3 hierüber den Ausschlag gibt. Sonderverhältnisse können freilich noch ein relativ hohes Deckengebirge abräumen heißen. Das geschah früher allgemein mit der Spitzhacke, und ein Heer von Handarbeitern mühte sich, die Kiese und Mergelsande über dem braunen Schatz wegzuschasfen. Immer wieder sanden sie dabei etwas Merkwürdiges, geradezu Wunderbares: Aufrcchtstehenhe schwarze und selbst verkohlte Vaumrümpfe, manchmal von gigan­tischen Ausmaßen. Manchmal, so im Senftenberger Revier in her Lausitz steckte im Grund ein ganzer unterirdischer Wald. Stubben nannte man diese verkohlten Baumstämme, die uns die Geschuhte der Braunkohlenentstehung erzählten.

Sie gehörten fast immer einer Baumart an, die heute in Deutschland nicht mehr lebt: der Sumpfzypreffe. Mit ihr zu­sammen und vor allem tiefer, versunken im Untergrund finden Iw aber auch andere Gewächse. Riesige Sumpfeichen, Magnolien, aber auch Pappeln, namentlich viele Kiefern und sonstige Nadelbaume. Eine ganze Urwelt entstieg dem braunen, toten Grund, ^mmer waren in ihr die Sumpfzypresse und der Mammutbaum, die Ma­gnolie, Weißzeder, Sumpfeiche, Schilf, Farne und Sabakpalme ote Leitpslanzen in den einen älteren Flözen, während viele jüngere große Mengen von Ahornen, Pappeln, Ulmen, Birken, Buchen uno vor allem Schwarzkiefern zu den Sumpfzypressen und Mammm- bäumen gesellen. Aber auch in ihnen sind noch andere südliw Gewächse, wie Walnuß, Edelkastanie, Platanen, dazu freilich aucy nördlich wie Latschen, Tannen, Haselnüsse erhalten.

Man hat aus diesen Funden eine ganze große Braunkohlen- flora zusammengestellt, die mehrere hundert Pflanzenarten u faßt, und es zur völligen Gewißheit erhob, daß die Barunkov der Rest von untergegangenen Urwäldern, Sümpfen und l><oo sei, die in erdgeschichtlich junger Zeit auch auf deutschem Bo ganz außerordentlich ausgedehnte Strecken begrünten. Das