Jahrgang <953
Montag, -en 30. Oktober
Nummer 84
GiehenerZamilienbliitter
______ Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Das gute Ziel.
Von Martin Opitz.
Wer Gott das Herze gißet, So nie sich von ihm trennt, Und eine Seele liebet, Die keine Falschheit kennt, Der mag ohn' Sorgen wachen, Mag schlafen, wie er will, Weil seine rechten Sachen Gehn auf ein gutes Ziel.
Laß böse Zungen sprechen, Was ihnen nur gefällt, Laß Neid und Eifer stechen, Laß toben alle Welt, So wird er dennoch machen, Was sein Gemiite will, Weil feine rechten Sachen Gehn auf ein gutes Ziel.
Ich lege Neid und Hassen Beständig unter mich, llnd stelle Tun und Lassen, O Gott, allein auf dich. Du wirst es alles machen, Tun, was mein Herze will. Weil seine rechten Sachen • Gehn auf ein gutes Ziel.
Kränzt.
Von Bruno Brehm.
Das Auto hielt. Wir wurden ausgeladen und durch einen verschneiten Park getragen. Durch das dunkle Gitter des Geästs fun- ! fetten die Sterne. Die Träger setzten uns vor einer Baracke ab. ! Ich nahm eine Hand voll Schnee: er schmeckt in Moskau nicht ; anders als auf dem Dachstein oder auf dem Großglockner. Die i Träger stoßen die Tür der Baracke auf: in meine Bergbilder schlägt atembeklemmende Luft, als käme man über ein Schlacht- seld mit vielen Toten.
Die Tragbahren wurden aufgenommen und in einen matterhellten, Niedern mit Betten vollgepfropften - Raum getragen. Sanitäter kamen herbei, zerrten zwei Menschen aus Schlaf und Beit, legten die Schimpfenden und Wimmernden auf den Fußboden und hobon den preußischen Leutnant Kiewel und mich in die mrmen Veiten. Unsere Habseligkeiten wurden neben uns hin- -estellt, dann gingen Träger und Sanitäter.
Ich richtete mich ein wenig aus und sah mich im Dämmerlichte um: nur Schatten sah ich huschen, zwischen den Betten kroch es ms dem Boden herum, Röcheln und Stöhnen klagte aus den «ielen Betten, als wäre das Leben selbst hier zuschanden ge- tommen.
Da klang durch die verdorbene Lust, durch diese keuchende, Mle Wirrnis aus einem Nebenraume klar und hell, überlaut und durch kein Leid gedämpft, eine Kinderstimme. Dann aber überflatterte diese reine Stimme das Lachen eines Menschen, der sich ms allen Bindungen der Gemeinschaft gelöst hatte. Eine dritte, mukle, höfliche Stimme mengte sich darein, mahnte zur Ruhe und stüte dann, als alles still geworden war: „Ach Mutter, Mutter, gib mir mein Augenlicht wieder".
„Herr Linke", tröstete nun die klare Kinberstirnme, die ihre pelle nicht zu dämpfen und ihren Klang nicht abzuschätzen vermochte, „fetzt nützt Ihnen Ihr Augenlicht nichts, denn jetzt ist es "acht, nun sollen Sie schlafen."
..Wer könnte schlafen, liebes Kind", antwortete die Stimme d-s Blinden.
Als ich des Morgens erwachte, war das Gespenstische dieser mcht gewichen und das Grauenvolle des Raumes geblieben. Ueber h,e auf dem Boden Liegenden hinweg, durch die schmalen Gänge wischen den Betten hindurch schlängelte sich ein zehnjähriger Rita6e auf mein Bett zu, verneigte sich mit soldatischem Anstand, St die Hände an die Hosennaht und begrüßte uns mit heller dlimme: „Guten Morgen, meine Herren! Ich bin der Franzi."
Leutnant Kiewel blickte den Jungen erstaunt an: „Na, Junge, tust denn du in diesem verdammten Loch hier?"
.Meine Herren", gab der Junge, noch immer strammstehend nur hin und wieder seine Worte durch ganz knappe Gebärden
begleitend, laut zur Antwort, „ich bin auch ein Kriegsgefangener. Als die Russen in Ostpreußen waren, haben sie mich mttgc-
"Und deine Eltern, Franzl?" wollte ich wissen.
.."Meine Eltern", erwiderte Franzl, der das Furchtbare schon so oft erzählt haben mochte, daß er es nun ganz unbewegt tat, „sind verbrannt, von meiner Schwester haben mich die Russen getrennt." Ich hatte im Minsker Spital weibbärtige Greise gesehen, die man aus Ostpreußen verschleppt und zur Verschickung nach St- birien bestimmt hatte. Daß man auch Kinder fortgeschleppt hatte, wußte ich noch nicht. '
„Ich schlafe", fuhr Frauzl in der breiten Mundart seiner Heimat fort und deutete mit einem knappen Ruck seines Kopfes in die Richtung des Nebenzimmers, „dort draußen, zwischen dem Mann der Io laut lacht, weil ihm ein Kopfschuß den Verstand geraubt hat er heißt Petermami und ist ein Musketier, und dem Herrn Linke, einem Unteroffizier, der kein Augenlicht mehr hat."
„Und fürchtest du dich denn gar nicht?" fragte Leutnant Kiewel.
„Herr Leutnant ich fürchte mich nicht, denn alle Menschen sind hier gut zu mir."
»Auch die Russen?" fragte Kiewel.
Franzl sah sich rasch um, trat näher, hielt seine kleine Hand vor den Mund und flüsterte rasch: „Schivester Nadja ist gut zu mir. Sie hat gesagt, daß ich nicht davon reden soll. Sie will mir einen Matrosenanzug kaufen. Früher, in Ostpreußen, waren sie nicht gut An nur. 9lnf dem TrnnKport haben sie meine Schwester geschlagen, gewürgt mib zu Boden geworfen."
„Ja, Franzl — und was war dann nach dem Transport?"
„.v amt, Herr Leutnant, ist es mir gut gegangen. Ich war eine Zett lang bei einer deutschen Familie hier tu Moskau. Aber sie haben diese Leute nach Sibirien geschickt. So bin ich hierher in das Spital gekommen."
Franzl verbeugte sich: „Darf ich jetzt gehen, Herr Leutnant? Drüben, dort im Eck, sind auch noch Offiziere, denen will ich sagen, daß Sie gekommen sind." Er klappte die Absätze zusammen und lllng- Wir sahen dem kleinen Jungen nach, der sich behend wie eine Eidechse durch die Betten schlängelte.
„Das ist ja allerhand", sagte Kiewel. „Solch ein kleines Jungchen!"
..Nach einer Weile stand Franzl wieder vor unseren Betten: „Die Herren, die hier unterschrieben sind", sagte er, einen Zettel hinreichend, „lassen um die Namen der Herren bitten."
Ich nahm den Zettel und las: „Leutnant von Reuter, 4. Garderegiment, Berlin,- Leutnant Freitag, Rendsburg, Holstein,- Leutnant Mayr, l. Kaiserjägerregimeut, Innsbruck: Assisteuzarzt Dr. Fabri- nus, Hermannstadt, Siebenbürgen: Leutnant Hugo Beer, Gablonz Böhmen,- Fähnrich Becker, Eger, Böhmen." Ich gab den Zettel Kiewel hinüber. „Lauter Deutsche. Daher solch feines Spital"
Wir unterschrieben uns und schickten Franzl mit dem Zettel »»rück. Ans dem Mittelgang rief er daun, als wir ihn heran- wiilkten: „Jetzt kann ich nicht. Keine Zeit. Ich muß den Herrn Unteroffizier zum Verband führen."
Verband! Verband! Alles, was kriechen und humpeln kann, schleppt sich aus den Betten in die Nähe des Verbandsraumes dicht neben dem Tor der Baracke. Weinen, Bitten, Fluchen, Streiten und Wimmern hebt an, ausgemergeltes Leben greift mit Minnen, abgezehrten Armen nach den Krankenträgern, krallt nach dem weißen Kittel des gefangenen österreichischen Arztes, bietet sich dem Messer an und hofft durch Schmerz und Schnitt von der um s'ch fressenden Fäulnis befreit zu werden. Verband! Verband! in allen Betten wird es unruhig, denn jene, welche von den Trägern nicht mehr geholt werden, wissen, daß sie dem Tode verfallen sind. „Ach, nehmt mich doch! Ach, nehmt mich doch! Drei Tage wart ich schon und der dort war erst gestern dran."
Mein Bett steht unweit der Tür, die Müden und Zysammen- stukenden stützen sich darauf, ihr Zittern tobt in meinen offenen Wunden nach.
Der österreichische Arzt, Dr. Suchanek, kommt, um etwas Luft zu schöpfen, für einen Augenblick ans der Blutkammer heraus. Ueber seinem Kittel starrt ein bleiches, übermüdetes Gesicht auf die eindringende Flut der Leiden.
Nun kommt Franzl, er führt einen Mann mit farblosem Gesicht und farblosem Haar an der Hand, tritt auf den Doktor zu zupft ihn beim Aermel und sagt mit seiner hellen Stimme:
„Herr Regimentsarzt, Unterosfzier Linke zur Stelle."
Nun kommt ein wenig Leben in das Gesicht des Blinden: „Herr Negimeiitsarzt, ich habe eine große Bitte." Wieder ist diese dunkle Stimme höflich, der Oberkörper beugt sich vor, aus den Augen rinnt über das ganze zerstörte Gesicht Dunkel und Grauen.


