Caspar Fuchs an lenem Sonntagabend gefolgt war. Jensen hatte diesen Vorschlag ohne irgendeine besondere Absicht gemacht, nur weil ihm die abgelegene, stille Kneipe für den Zweck einer außerordentlichen Zusammenkunft geeignet erschien. Erst später sollte er die Entdeckung machen, daß der Rendezvousplatz auch in einer anderen Beziehung günstig gewählt war. — t , , , ,
Alleingeblieben, ging er sofort an eine gründliche Haussuchung. Die Auszeichnung, die Kommissar Kling ihm durch sein Vertrauen hatte widerfahren lassen, befeuerte seinen Ehrgeiz. Bis in die sinkende Dämmerung durchstöberte er jeden Winkel nach irgendeinem verdächtigen Fund. Aber sein Eifer wurde durch keine noch so bescheidene Entdeckung belohnt, die ihm als zweckdienlich erschienen wäre. Mißmutig entschloß er sich zum Gehen. Er drehte in allen Räumen das Licht aus und fuhr auf dem Vorplatz in seinen Mantel. Dabei stieß er mit dem Ellbogen zufällig gegen die Wand. Ein stechender Schmerz elektrisierte ihn bis in die Fingerspitzen. Aber er verbiß ihn über einer Wahrnehmung, die seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Er hatte bei dem Stoß gegen die Mauer einen dumpfen, metallischen Ton gehört, als ob man gegen Eisen geschlagen hätte. Die Wand war an dieser Stelle mit einem verblaßten chinesischen Gobelin verkleidet, der nur lose mit Reißzwecken befestigt war und auf den ersten Blick den Eindruck des Zufälligen erweckte. Als fei er aus irgendeinem Grunde erst vor kurzem hier angebracht worden. Mit einem Ruck hatte der Kriminalbeamte ihn heruntergerisfen und eine eiserne Tür bloßgelegt, aus der mit schwarzer Oelfarbe das Wort „Speicher" stand. . .
Flüchtig streifte ihn eine Erinnerung, als habe er damals bei feinem ersten Gang durch die Wohnung diese Tür gesehen — unverhüllt. Eine harmlose, feuersichere Tür, die zu den Bodenräumen führt. Wie man sie in Dachwohnungen nicht selten findet. Aus diesem Grunde hatte er dieser Tür auch damals kein Interesse geschenkt. Erst jetzt — durch diese un- motivierte Maskierung — bekam sie für ihn etwas Geheimnisvolles und Verdächtiges. Er drückte die Klinke herunter. Natürlich — sie war verschlossen! Aber da siel ihm ein, daß er bei seinem Streifzug in der linken Waschtischschublade einen großen Schlüssel hatte liegen sehen, der etwa in dieses Schloß passen konnte. Und die Kombination erwies sich als richtig. Der Schlüssel paßte, und Jensen gelangte ohne Mühe in den anstoßenden Raum. Es war eine Art Bodenkammer oder vielleicht nur ein Stück des Speichers, das man abgetrennt und auf primitive Weise zu einem selbständigen Raum ausgebaut hatte. Denn die schräg abfallenden Balkenwände waren nicht einmal gestrichen. Und das Fenster war nichts als eine einfache Bodenluke. Dennoch schien der Raum irgendwelchen Wohnzwecken zu dienen, denn es stand sogar ein kleiner Petroleumofen darin und das elektrische Licht war eingeleitet. Nach einigem Suchen entdeckte Jensen den Schalter, und im nächsten Moment flammte die Kuppel einer großen Stehlampe auf, die den ganzen Raum taghell erleuchtete. Die Lampe stand auf einem langen Tisch, wie er von Architekten und Ingenieuren zum Zeichnen benutzt wird. Eine Unmenge von Flaschen und Fläschchen, Pinseln, Lupen und allerhand feinen und merkwürdigen Instrumenten lag darüber verstreut. Dazwischen türmten sich verstaubte Bücher — zum größten Teil kunstgeschichtliche Werke. In jedem Winkel des Zimmers lehnten, teils aufgezogen, teils zusammengerollt, Delgemälbe jeden Genres. Jensen glaubte in einigen von ihnen sehr geschickte Kopien alter Meister zu erkennen, denen er schon einmal in irgendeiner Bildergalerie begegnet war. Aber er war in Kunstgeschichte zu wenig bewandert, um mit Bestimmtheit sagen zu können, um welche Meisterwerke es sich handelte. Wie er überhaupt keine Erklärung dafür fand, was für einen Zweck dieser Arbeitsraum — ein Mittelding zwischen Maleratelier, Werkstatt und Laboratorium — eigentlich diente. Wäre er unter harmloseren Umständen in diesen Raum gekommen, so würde er ihn für die Bastel- ftube irgendeines kunstbeflissenen Dilettanten erklärt haben, und nichts wäre ihm daran besonders merkwürdig vorgekommen. Aber diese in unverkennbarer Absicht verkleidete Tür sprach mit aller Entschiedenheit gegen die Harmlosigkeit seines Zweckes.
Fuchs mußte einen sehr triftigen Grund dafür gehabt haben, vielleicht fürchtete er, irgendeine Entdeckung die mit diesem Zimmer im Zusammenhang stand. Aber was — was für eine Entdeckung? Hier versagte auch Jensens gesunde Logik. Ganz vergebens drehte er jedes Bild, jeden Gegenstand um und um. Vergebens entkorkte er die Fläschchen, die, nach dem Geruch zu schließen, irgendwelche Säuren enthielten. Er konnte zu keinem einigermaßen befriedigenden Schluß kommen. Immerhin war er mit seiner Entdeckung nicht unzufrieden, und er beschloß, vorläufig niemanden außer Kommissar Kling in diese Sache einzuweihen. Er konnte es kaum erwarten, mit feiner Neuigkeit vor ihm herauszurücken. Ein Blick auf [eine Armbanduhr belehrte ihn, daß es außerdem höchste Zeit war, seinen Streifzug zu beenden. Es war bereits sechs Uhr vorüber und um halb sieben war er mit Kling verabredet. Er kehrte in die Wohnung zurück und verschloß sorgfältig die eiserne Speichertür. Sogar die Maskerade brachte er wieder an. Während er noch damit beschäftigt mar, die Reißnägel einzudrücken, läutete im Schlafzimmer das Telephon. Jensen fuhr unwillkürlich zusammen. Der aggressive Ton bekam in der Stille der verlassenen Wohnung etwas Gespenstisches. Und der Beamte war im ersten Augenblicke so verwirrt, daß er nicht wußte, ob er zum Apparat gehen sollte oder nicht. Da fiel ihm ein, daß es vielleicht Kling fein könnte, der ihn sprechen wollte. Und mit ein paar Sätzen war er am Telephon und riß den Hörer an die Ohrmuschel. Da hörte er eine weibliche Stimme: „Hall, Spatz, bist du da? Was war denn los mit dir? Warum läßt du nichts von dir hören?"
Jensen hatte schon eine Entgegnung auf der Zunge. Da schoß ihm ein Einfall durch den Kopf. Er zwang seine Stimme zu dem etwas dumpfen Tonfall Caspar Fuchs' und sagte: „Sei mir nicht böse, Liebling — ich erkläre dir nachher alles. Wollen wir uns um acht Uhr in der Nelson-Bar treffen?"
„Gut, ich komme hin. Auf Wiedersehen!" (Fortsetzung folgt.)
Mit diesen kümmerUchen Trophäen kehrte er ins Nebenzimmer zurück, mo Kling noch immer neben dem Maler faß und beruhigend aus ihn einsprach Graus Erregung war inzwischen einem Erschöpfungszustand gewichen, der keinen Rückfall befürchten ließ. Aber sowie er Jensen erblickte trat wieder der leidenschaftlich gespannte Ausdruck m ferne Zuge. Und Kling fühlte seinen Puls wie einen Hammer gegen seine Finger schlagen. „Nun, Jensen, was haben Sie gesunden?" fragte er den Emtretenden Der junge Beamte schnitt eine enttäuschte Grimasse. „Nichts, Herr Kommissar, so gut wie nichts! Die Bude ist leer. Vollkommen leer. Dafür kann ich garantieren. Der einzige Fleck, wo ich nicht hingekommen bin, ist das bißchen Raum zwischen Tür und Schrank. Und der ist mit einer Matratze ober so etwas Aehnlichem ausgefüllt, möchte ich wetten."
Er hielt Kling die Seegrasfasern hin. Und dieser nickte befriedigt. „Natürlich — ich wußte ja, daß niemand ..."
Aber schon im nächsten Moment bereute er diese Aeußerung. Denn er bemerkte, wie Graus Augen aufs neue zu flackern begannen. Er horte bas trockene Gerassel seiner Atemzüge. Und er mußte jeden Augenblick einen neuen Ausbruch befürchten. Da entschloß er sich zu einer äußersten Handlung. Er ließ die Hand des Malers los und bückte sich nach dem Stemmeisen. , , . .
„Damit wir uns nicht den Vorwurf machen muffen, irgend etwas außer acht gelassen zu haben, wollen wir noch ein Uebriges tun, Jensen. Wir wollen vor den Augen von Herrn Grau die Tür da aufbrechen und ihn selbst nachsehen lassen, ob sich jemand dahinter verbirgt. Den Schrank wegrücken können wir nicht. Also vorwärts!
Während Donald Grau mit ineinandergekrampften Fingern auf seinem Stuhl saß und in atemloser Spannung nach der Tür starrte, als erwarte er jeden Augenblick eine überwältigende Erscheinung, machten sich die beiden Männer an die Arbeit. Nach wenigen Minuten gab es einen gewaltigen Krach. Und die beiden Flügeltüren barsten mitten auseinander. Eine zerfetzte Matratze stürzte Kling entgegen und wirbelte eine mächtige Staubwolke ins Zimmer. Dann schlug ein harter Gegenstand mit dumpfem Gepolter auf den Fußboden ...
Nachdem der Staub sich ein wenig verzogen hatte, bückte sich Kling nach dem gefallenen Gegenstand und richtete ihn auf. Es war ein ungerahmtes Bild. Das lebensgroße Bildnis einer zauberhaft schönen Frau in der schweren und kostbaren Tracht eines vergangenen Jahrhunderts.
Dieselbe „Dame mit dem Otterpelz", die er erst vor vier Tagen auf Schloß Werdenburg bewundert hatte ...!
Kein Zweifel: es war ihr Blick, ihr Lächeln, der unvergleichliche Schimmer des Fleisches! Das gleiche Porträt — bis in die letzten Feinheiten getreu. Nur der Rahmen fehlte.
Kommiffar Kling stand vor einem Rätsel. Er war so betroffen, daß er Grau ganz vergessen hatte. Erft als er hinter sich ein Geräusch hörte, dreht er sich nach ihm um.
Er sah ihn langsam, mit seltsam steifen, marionettenhaften Schritten näher kommen. Geradenwegs auf das Bild zu.
Ein paar Atemzüge lang blieb er davor stehen. Er blinzelte wie betäubt. Langsam wurde sein Gesicht grau, es erlosch gleichsam. Sein Wund erstarrte in einem irrsinnigen Lächeln. Sehr langsam, mit einer kindlich tastenden Gebärde, streckte er den Arm aus und berührte behutsam mit der äußersten Spitze seines Zeigesingers das Bild.
Dann — urplötzlich — brach aus ihm ein hoher, klagender Schrei. Und noch ehe einer der Herren ihn aushalten konnte, lag er — wie abgemäht von einem tödlichen Streich — bewußtlos am Boden.
17.
Es blieb Kling nichts übrig, als die Rettungswache zu verständigen und den Ohnmächtigen in das nächste Krankenhaus verbringen zu lassen. Nach einiger Uebeilegung entschloß er sich, selbst mitzufahren, für den Fall, daß Grau während der Fahrt das Bewußtsein wiedererlangen sollte. Daö Schicksal dieses Mannes hatte ihn seltsam angerührt. Zum ersten Male in seiner kriminalistischen Praxis war es ihm geschehen, daß ihm ein Mensch diese beinahe brüderliche Sympathie aufzwang, fo daß er weit über feine dienstlichen Verpflichtungen hinaus an seinem Geschick persönlichen Anteil nahm. Noch immer war dieser Fall für ihn in Dunkel gehüllt, aus dem sich nur zögernd und in dämmerhaften Umrissen eine Ahnung der Zusammenhänge löste. Aber noch fehlten fo viele Glieder in der Beweiskette, noch waren die Verbindungsfäden, die zwischen den einzelnen Verdachtsmomenten hin- und herliefen, fo verwirrt und vielfach verknotet, daß kein klares Bild zustande kam.
„Ich fahre also mit nach der Charite und orientiere den Arzt kurz über den Fall", sagte er zu Jensen, der unruhig und nachdenklich um« herwanderte. „Die Wohnung muß natürlich versiegelt werden, damit ..." „Wenn Sie erlauben würden, Herr Kommissar", unterbrach ihn Jensen in bescheidenem Ton, „bann möchte ich noch ein Stündchen in der Wohnung bleiben und noch einmal gründlich Umschau halten. Ich habe so eine Witterung, als ob wir da noch auf allerhand Unrat stoßen würden."
Kommissar Kling nahm seinen Hut.
„Ich habe nichts dagegen, lieber Jensen. Aber ich möchte Sie nachher noch sprechen. Am liebsten an einem neutralen Ort. Es sind da ein paar Punkte, die ich gerne mit Ihnen allein besprochen hätte. Aus ganz bestimmten Gründen."
Er schnippte in leichter Verlegenheit ein paar Stäubchen von seinem Hut. „Sie verstehen — der Fall liegt mir besonders am Herzen. Aber mit konventionellen Mitteln ist ihm nicht beizukommen. Und die Herren von der Kriminalpolizei sind nun einmal gerade diesem Fall gegenüber von Vorurteilen befangen, durch die mir die Hände gebunden sind."
Jensen nickte verständnisinnig.
„Wem sagen Sie das, Herr Kommissar! Wenn es nach mir gegangen märe, bann hätte dieser Fuchs vom ersten Tag an unter Bewachung gestanden. Aber gegen den alten Zopf kommt ja unsereiner nicht auf."
Man verabredete als Treffpunkt eine kleine Bar in nächster Nähe des Stettiner Bahnhofs. Dasselbe Lokal, in das der junge Polizeibeamte
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