Spur führte in der Richtung von Aksai-chin. Man erriet, daß A m b o l t hier gereist war auf dem Wege nach Ladagh.
In der Hoffnung, Yaks oder Lastschase kaufen zu können, beschloß Norin, Verbindung mit den Nomaden zu suchen, die nach Angaben der Salzkarawane sich in der Gegend westlich von dem Salzsee Kense- tsaka aufhielten. Vom Tsaka-tso zog Norin deshalb nach Südosten, überstieg einen Paß und kam auf dessen anderer Seite hinunter in die Kense-tsaka-Depression. Hier kam man zu einem großen Nomadenlager. Die Karawane wurde angehalten. Von einer größeren Zeltgruppe näherte sich ein Mann, der sich als der Häuptling der Gegend erwies. Trotz aller Proteste wurden die Tiere durch die herbeieilenden Nomaden von ihren Lasten befreit und die Karawane zum Lagern gezwungen. Jeder Versuch, Yaks oder Schafe zu kaufen, wurde abgeschlagen. Norin wurde ausgefordert, aus dem Weg, auf dem er gekommen sei, zurllckzureisen zum Tsaka-tso und von dort über Lanak-la auf britisches Gebiet.
Die Tibeter berichteten auch, daß vor ungefähr einem Monat, also Anfang Oktober, ein Europäer mit einer Karawane von Aksai-chin zum Dyap-tso heruntergekommen und von dort nach Chanh-chemno und Ladakh weitergereist sei. Es zeigte sich später, daß diese Angaben falsch waren. Die fragliche Karawane gehörte dem deutschen Forschungsreisenden Dr. Helmut de Terra, welcher den Sommer 1932 in Chang-chemno arbeitete Aber in Norins Kolonne freute man sich in der Hoffnung, daß Ambolt und seine Leute nun wohlbehalten Leh erreicht hätten.
Am 27. November 1932 erreichte Norin Leh, wo er besonders gut empfangen wurde von meinem alten Freund, dem Bischof Peter von der Herrenhuter-Mission. Das Gepäck vom Karakorum war wohlbehalten angelangt, und Norin erfuhr auch, daß Herr L i o u einen Monat vorher auf dem Wege nach Indien durchgereist war, wo er noch einige Monate in der Gegend von Simla zu arbeiten gedachte.
Norin selbst reiste nach Srinagar, Rawalpindi und via Bombay nach Peking, wo er am 2. Februar 1933 eintraf. Ich war am 19. Januar nach Peking gekommen, also bloß zwei Wochen früher.
Erziehung des „landschaftlichen Auges".
Aus der Geschichte des Raturgesühls.
Von Dr. Friedrich S p r e e n.
Vor einer Reihe von Jahren überraschten einige Gelehrte die Welt mit der Behauptung, Homer sei zwar nicht blind, aber farbenblind gewesen; in der Urzeit und noch zu seinen Lebzeiten sollten Schwarz und Rot die einzigen Farben gewesen sein, die das Auge empfunden; daher habe er das Meer und das Blut schwarz genannt; erst später habe sich die Netzhaut des Auges so weit verfeinert, daß die übrigen Farben un- terfckneden werden konnten. Diese Theorie ist längst ins Reich der Fabel verwiesen. Man weihe heute, daß das menschliche Auge stets den gleichen Bau gehabt hat, daß nicht nur alle Menschenrassen auch aus der niedrigsten Kulturstufe einen völlig entwickelten Farbensinn besitzen, sondern daß auch das Sehvermögen der Tiere schon sehr reich ausgebildet ist.
Der längst abgetane Gelehrtenstreit hat aber eine symbolische Bedeutung Wohl spiegelte das Menschenauge von Anbeginn an die ganze unendliche Fülle der Natur wieder, aber dieser Eindruck der Sinne wurde nicht immer in das Bewußtsein gehoben, nicht durch das Gefühl betont, blieb unbeachtet im Dunkel des Unbewußten. Der Mensch hat die Sprache der ihn umgebenden Welt, die wie ein aufgeschlagenes Buch von einem Auge lag, erst lesen lernen müssen; er hat erst ganz langsam und allmählich entdeckt, wieviel Schönheit in der verwirrenden Mannigfaltigkeit der Landschaft verborgen liegt; er bedurfte besonderer Stimmungen, besonderer Verhältnisse, um in einem glücklichen Augenblick ein Wunder zu erschauen, an dem lange Reihen von Vorfahren achtlos oorubergegangen waren. Er vergaß auch wieder in Zeiten der Unbildung und Abstumpfung Dinge, die schon früher das Auge entzückt hatten; er lehnte in einer bestimmten Gefühlslage Eindrücke ab, die andere Zeiten bevorzugten, er wollte bewußt manches nicht sehen, weil es in feinem Gemüt nicht verwandte Saiten anschlug, fand häßlich, was als schön gegolten hatte.
Wir dürfen nicht etwa glauben, daß frühere Zeiten Dinge, die sie nicht erwähnen, mit dein körperlichen Auge nicht ersaßt hatten; sie verw^gerten nur diesen Sinneseindrücken die Aufnahme in ihre: ©eiftesmelt. Es g bt ein „land chaftliches Auge", wie es der große Kulturhistoriker Wi Helm Heinrich Riehl genannt hat, das von dem körperlichen Auge scharf unterschieden werden muß. Dieses „landschaftliche Auge das bewußt wertend die Natur betrachtete, ist im Lause der Geschichte langsam erzogen worden und hat neue Eroberungen gemacht hat unser Weltbild unendlich bereichert, hat uns ringsum immer mehr Herrlich feiten gezeigt, und wir können gar nicht genug dankbar fein für diese Bereicherung - seres Innenlebens, für diese Beseelung unseres Sehens, durch die uns heut soviel Freude zu Teil wird, die unfern Vorfahren versagt war
Die einzelnen Reize der deutschen Landschaft z. B. sind erst m letzten Jahrhundert künstlerisch gestaltet und der Allgemeinheit erschlos en wor- den. Vorher hatte man wohl schon den Schonheitsreichtum unserer Natur dunkel geahnt. Das zeigt die Auswahl der Punkte, an denen die Mönche und Bauern im Mittelalter instinktiv ihre Kirchen und Kloster, Hofe und Häuser anlegten. Hier offenbart sich häufig ein erstaunlicher Blick für prächtige Aussicht, liebliche Umgebung. Aber der Mensch fühlte stch damals so eng mit der Natur verbunden, nahm sie so naiv alsetwas Gegebenes und Vertrautes, daß er sich feiner Emp ftndungen gar nid t rerf bewußt wurde. Es ist eine Tatsache, die m der Antike wie in der Neuzeit sich aufdrängt, daß eine eigentliche Naturfchwarmerei, eine Beachtung der Einzelheiten, eine Vertiefung in die Fülle des Schonen erst dann auftritt, wenn der Mensch sich in seinen Lebensverhaltnissen immer mehr von der Natur entfernt hat, wenn er die Spannung zwischen feinem Dasein und der freien Gotteswelt, die Sehnsucht nach einer natürlichen Lebensform schmerzhaft empfindet. Zu diesem .stentimentalen Naturg ß kommt allerdings auch ein immer stärkeres Vertrautwerden rnt der Heimat, ein inniges Nerbimdenfein durch geschichtliche Ueberlieferung, du ch künstlerische und wissenschaftliche Erfassung. Wenn der Mensch sich m der Natur immer wohnlicher einrichtet, so vergißt er viele Schrecken und Ge
fahren, die sie früher als furchtbar und häßlich erscheinen ließen. Solange man nicht imstande war, die hohen Berggipfel zu erklimmen, solange das Gebirge ein lästiges Verkehrshindernis bedeutete, mußte man es als eine Stätte des Grauens und der Wildnis verabscheuen; ähnlich ging es mit den dichten Wäldern, deren Gefträp, deren wilde Tiere den Durchmarsch erschwerten und gesährdeten, mit den weiten Heiden und Mooren, in denen Räuber lauerten, in denen man sich verirrte oder versank. Sa ist es begreislich, daß lange Zeiten hindurch mehr der Nutzen, den die Natur brachte, als ihre Eigenart das Gefallen bestimmte, daß der praktische Ge- ichtspuukt den ästhetischen überwog.
Was zunächst bei den Menschen Entzücken erregte, das war die Kulturlandschaft, vor allem der ganz von Menschenhand geformte Garten, bann die fruchtbare, von üppigen Feldern geschwellte, mit Obstbäumen und Rebenhügeln besetzte Ebene, das urbar gemachte, gebilligte, bewässerte, orgsam gepflegte Laub. Dieses Naturgefühl ist im Grunbe im ganzen Altertum vorherrschenb geblieben, unb noch in ber spätrömischen Kaiserzeit wirb als die schöne Natur die Ebene, am Meer gelegene unb reich angebaute Gegenb bezeichnet. Wenn in ber hellenistischen Zeit mit ber Entstehung ber Großstädte ein Zug nach ländlicher Stille, nach abgelegener Einsamkeit austritt, fo wird trotzdem die Wildnis gemieden und ein ehrfürchtiges Bestaunen des Erhabenen und Schaurigen, wie ber Sternenwelt ober der Vulkanausbrüche, ist nur vereinzelt; den Schrecken vor dem Gebirge hat der antike Mensch nie überwunden. Er liebte hauptsächlich hie klare Helle feines südlichen Himmels, den Glanz der Sonne, die scharen plastischen Formen seiner streng gegliederten Landschaft, die anschaulichen Gestaltungen, die sich seiner vermenschlichenden Phantasie so gern zu mythvlogifchen Wesen verkörperten. Alles Gestaltlose, Unbestimmte, Verschwimmende war ihm verhaßt.
Daher mußte auf die Romer der Norden, in den sie erobernd eindrangen, öde unb schaurig wirken. SBefonbers Deuischlanb mit seinen Sümpfen und Urwäldern war ihnen ein Grauen. Selbst der Germane dürfte den dichten Wald, der unbewohnbar war, nicht geliebt haben, wenn er auch in seinem geheimnisvollen Dunkel die Götter verehrte. Erst als er die Lichtungen ausgerodet, sich wohnlich am Waldesrand eingerichtet hatte, lebte er sich in die düstere Poesie der Haine ein, die uns leise schon aus frühen Zeugnissen entgegenklingt. Aus diesen Urerlebnissen aber blieb dem Deutschen ein bejonderes Naturgefühl, das einen ganz anderen Grundton hat als das romanische und südliche. Wohl hat ihn die Sehnsucht erfaßt nach der Helligkeit und der Formenklarheit des Südens, wie seine stete Hinwendung nach Italien zeigt, aber heimisch fühlte sich der nordische Mensch in der dunkleren gedämpften Farbenskala seiner Natur, in der ahnungsvollen Dämmerung schattiger Wälder, tiefer Täler. So hat er die Schönheit des Waldes, die Pracht des Baumes zuerst bewußt erkannt, hat die sich wandelnde und mystisch schwebende Schönheit der Wolken, der Nebel, die aus den Wiesen steigen, der im Frühlicht dampfenden Täler, der atmosphärischen Erscheinungen entdeckt und gepriesen. Wie dem Romanen die feste, ruhige Linie, die geschlossene Szenerie am meisten behagt, so dem Germanen die ewige Bewegung, die geheimnisvolle Ferne, die in dem Einklang mit der Unendlichkeit gipfelt.
Wie dem Deutschen das Gefühl für feine nationale Wesensart unb Zusammengehörigkeit erst ganz allmählich klar würbe, so ist auch die Erziehung seines „landschaftlichen Auges" für diese besonderen Schönheiten feiner Umwelt langsam vor sich gegangen. Die Großartigkeit des nordischen Meeres z. V., die von der Hellen und milden Schönheit des Mittelmeeres so stark absticht, taucht in den Schilderungen des „Beowulf" und der „Gudrun" in dunklen Umrissen auf, wurde aber erst von den Malern unb Dichtern ber Romantik als ein Element bes germanischen Seelenlebens offenbart. Unb ebenso ist es mit bem Wall), besten Zauber bie Künstler ber Reformationszeit, befonbers A 1 tborfer unb bie anderen Meister der „Donau-Schule" wohl schon in ihre Bilder bannten, dessen „unheimliche Heimlichkeit" bie Lyriker bes Barocks befangen, liessen ganze Herrlichkeit bem beutfdjen Volk, aber auch erst burch bte Romantik erschloßen würbe. Das gleiche gilt vom Gebirge. Es ist kein Zufall, baß bie romantische Bewegung, bieser erste weltgeschichtliche Ausbruch bes deutschen Geistes, das moderne Naturgefuhl geschossen, uns sehen und empfinden gelehrt hat, wie schön, eigenartig und vielgestaltig unsere oft nicht beachteten, ja verachteten Landschaften find, denn bas deutsche Volk würbe sich erst in bieser Epoche, zu ber man im weiteren Sinne das ganze Jahrhundert von 1750 bis 1850 rechnen muß, feines innersten Wesens bewußt. Wenn uns heute jeder Fleck deutscher Erde, ede Besonderheit unserer Natur als eine Spiegelung unseres Volkstums und Ausprägung heimischen Schönheiisgesühls teuer und heilig ist, so wirkt in uns die Ausbildung des „landschaftlichen Auges durch lange Jahrhunderte nach, vor allem aber durch die Entdeckung der großen Dichter und Maler in unserer höchsten Blütezeit.
Die Dame mit dem Otterpelz.
Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.
(Fortsetzung.)
Der Schrank — ein prachtvolles, altes Stück aus reichgeschnitztem schwärzlichen Eschenholz — war von einer schier unergründlichen Tiefe. Fuchs Garderobe nahm sich darin geradezu lächerlich dürftig aus Und obgleich der übrige Raum noch mit allerhand anderem Kram ungefüllt war — mit Tennisschlägern, Likörflcstchen, Maluntensiliep, zerbrochenen Bilder- leisten und dergleichen — erweckte er noch immer den Eindruck gähnender Leere Jensen aber gab sich mit einem flüchtigen Blick nicht zufrieden. Er warf den gesamten Inhalt heraus. Er kroch mit ferner ganzen Lange in das Innere und klopfte alle Wände ab. ..
21ber er konnte nirgends einen Hohlraum entdecken. Zuletzt zwängte er feinen Zeigefinger in einen Spalt, der in der Rückwand klaffte. Er flieg auf etwas Elastisches, das hinter dieser Wand, zwischen Schrank und Flügeltür, verborgen sein mußte. Und es ließ ihm keine Ruhe, bis er mit feinem Tcstchenmester in der Oeffnung herumgestochert und etwas Seegras und ein paar Fasern roten Zeugs ans Tageslicht gefordert hatte.


