Eichener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <955

Hreitag, den 30. Juni

Nummer 49

Unter Sternen.

Non Gottfried Keller.

Wende dich, du kleiner Stern,

Erdei wo ich lebe,

Dich mein Aug, der Sonne fern, Sternenwörts sich Hebel

Heilig ist die Sternenzeit, Oefsnet alle (Prüfte;

Strahlende Unsterblichkeit Wandelt durch die Liiste.

Mag die Sonne nun bislang Ändern Äonen scheinen, Hier fühl ich Zusammenhang Mit dein All und EinenI

Höbe Lust, in dunklem Tal, Selber ungesehen, Durch den majestätschen Saal Atmend mitzugehen!

Schwinge dich, o grünes Rund, In die Morgenröte!

Scheidend rückwärts singt mein Mund Jubelnde Gebete!

Der Traum des Doktor Rauffud.

Erzählung von Wolfgang Goetz.

Copyright 1933 by I. L. A., Wien.

Das war ein erschrecklich schwarzer Bock, der sein Haupt mit den roten Hörnern ihm ins Gesicht hing und wie eine M'ul) blökte. Dies konnte nur der Alp sein, und Doktor Fausius mahnte sich stumm schreiend an, zu erwachen, was ihm auch scheinbar glückte. Freilich waren Nun viele Kröten, die zwischen seinen Füßen watschelten und hüpften und an seinen Beinen herausklommen, immer höher und immer dringlicher. Da merkte er wohl, dass der Böse ihn zum andern geneckt habe und stieß gewaltig wider die engen Wände des scheusniigen Traumes, also das; er erwachte, meinend, ihm klänge das Geblök der Kröten noch in den erschrockenen Ohren. Es war aber nur der Nachtwächter, der unten aus der Straße tutete und die elfte Stunde abrief.

Der Doktor erhob sich und wanderte zu dem Wandschrank. Gottlob, da stand der Spiegel. Sein Angesicht war noch ein wenig verfallen und müde, aber er suhlte sich recht kregel, wiewohl die Lider etwas »erschwol» len aussahen. Erlaucht der Gras von Wertheim hatten einen Guten an« sichren lassen, einen Ketzerwein von Anno 17 noch, als die ekle Geschichte in Wittenberg ihren Ansang genommen hatte.

Ein heilloses Glück, daß er den Spiegel noch rechtzeitig hier ver­schlossen hatte. Die Trunkenen verläßt der Genius nieinalen. Es hatte ein böses Aussehen gegeben, wenn sie heute das Glas im Zimmer gefunden hätten. Leßlich im Thüringifchen war ihm die Borstellung Über die Maßen geglückt, und kaum das Reisegeld war ihm geworden. Gestern aber hatte der Spiegel eine fatale Trübung. Es ist kein Berlaß auf die Leute. Der dumme Auerhahn hatte es gewiß recht gut machen wollen, hatte den Spiegel mit seinen Schmierfingern angefaßt und war dann weggelaufen, ohne mit dem Lappen zu pußen. Man muß alles selbst tun. Also hatte die anmutige Göttin Benns ein ganz verwaschen Bäuchlein gehabt. Des Grafen Erlaucht aber waren außer sich vor Wonne! er mochte wohl schon Ketzerwein vorher getrunken haben.

Der Doktor gähnte und seufzte nicht allzusehr verwundert über den Lauf der Welt. Zu schlafen vermochte er setzt nicht mehr, allein was war zu beginnen? Er spürte wohl rechtschaffenen Hunger, doch hielt er es für dienlich, zu Mitternacht auf feinem Zimmer zu bleiben, da hatten bie Leute etwas zu reden, bie fein Licht brennen sahen. Er konnte aber zum Beispiel den Kaiser Nero auf bem Glas fertig malen. Noch mangelte Ole Deckscheibe mit bem Arm, ben der Römische herrscherlich ausstrecken mußte, vielleicht morgen fchon, wenn Erlaucht bei Laune wäre.

Der Kaiser Nero bekam liebevoll schöne grüne Steine in seine Krone. Es war nun zu überlegen, ob man ihm vielleicht eine Perlenkette in ben krausen Bart flechten (olle; wahrhaftig, sie hatten bamals eine närrische Tracht. So mischte er Grau unb Grün für die Meerjuwelen unb blickte plötzlich sorgenvoll brein. Von biefem Nero sprach nun bie Welt immer noch, wenngleich er schon vor anberihalb Iahrtausenb sein arges Enbe ge­funden hatte.

Ob man wohl im Jahhre .3000 ...? Die Frage summte um ben Ma-, lenben wie eine bumme Fliege unb war nicht zu scheuchen. Für gewiß konnte man's eben nicht wissen. Sicher nur, baß bann nach bem Wittern berget Hutzelmännchen auch kein Hahn mehr krähen würbe.

Bassama", fluchte ber Doktor vor sich hin, wie er es in Krakau ge­lernt hatte, in Krakau, al» er noch ein Ibealist war unb wähnte, man könne sich bem Teufel verschreiben. Er lachte bitter. Zu Walpurgi» halte er ben Pakt vor bie Türe seines Zimmers gelegt, daß er ihn hole. Heut war Walpurgis, fiel ihm ein, unb morgen also, morgen um fünf Uhr jährte sich bie fürchterlichste Enttäuschung seine» Lebens. Zitternder Knie war er zur Tür geschlichen, gewärtig, die Spur de» Bockssuße» zu slitben. Ach, nicht doch, traut unb freundlich lachte ihm sein Pakt entgegen, nicht um ein Tüpfelchen von bem Fleck verschoben, auf ben er ihn sieben Stirn- ben früher, durchwallt von ben edelsten Gefühlen, uiebergelegt hatte. Der verteufelte Teufel hatte gar nicht dran gedacht, sich de» Unterpfandes zu bemächtigen.

Der Doktor pfiff vor sich hin. Wo» hatte er nicht noch ausprobiert! Aber alles Schwindel! Schwinde! der Schlüssel Salomoni», Schwindel das sechste und siebente Buch Masis. Wenn aber die Strebenden reiteten Willens derart betrogen werden, wenn ihre heiligste Sehnsucht getäuscht wurde selbst von Moses und Salomo, da war es ja doch wohl kein allzu großes Verbrechen, wenn man selbst auf ber Dummheit der Menschen herumzusiebeln ging.

War es nun bie bittere Erinnerung ober bie peinliche Arbeit; dem Doktor würben bie Augen trübe, bah er ben Pinsel beiseite legte und be­dachte, ob er nicht doch nicht ein ober zwei Stündchen dem Schlaf ab» gewinnen möchte. Er schritt zum Bett und blieb vor dem Spiegel stehen.

Da zuckte es. Die Kerze, von einem Windchen wohl bewegt, mochte sich im Spiegel gefangen haben.

Unb wieder. Er blickte hin; opalen nun, wie Del auf einer Lache treibt, schwammen Kreise über da» Glas, das klang. Ein zirpendes Geläute und Gesumme, Glocken gleich. Es teilten blitzende Streifen eilig das Gemenge, und ein Vorhang wallte zur Seite, so schien es:

Gieblige Häuser schufen eine Straße; dahinter ein Turm, sich kup­pelnd, aufstieg, ein bekannter Turm. E» waren hohe, seltsam hohe Häuser, mit wunderlichem Schnörkelwerk ob ben Fenstern, unb auch bie Türen waren brolllg geschnitzt. Und fremde Menschen gingen, Menschen, die sehr lachen machten. Die meisten hatten weiße» Haar, ei» Volk von Greisen. Weißes Haar zu Röllchen an den Schläfen gewunden, wohl auch als Kränze um den ganze» Kopf gelegt ober in drolligen langen Locken bis auf bie Brust hinabgedreht.

Nicht doch! Der Doktor beugte sich vor unb hielt sich den Bauch, so mußte er lachen.

Denn bie Männer trugen dreieckige Hüte und die Frauen Kapuzen so riefeiirab groß, wie er sie sein Lebtag nicht für möglich gehalten hätte. Jetzt kam gar einer spaziert, ber trug einen Zopf, wie es von ben Ehi- nefen erzählt wirb. Unb da noch einer unb noch einer. Unb bie Weiber hatten bauschige Röcke. Rüstige Greise, bas muß man sagen!

Sehr kriegerisch flnb bie Leutchen aber gewiß nicht. Denn bie Degen, bie sie tragen, Und verslucht gebrechlich. Welter, aber die Kinder haben auch schon das Mordinflrinnent zur Seite hängen. Alle Achtung! Da der Kleine mit dem dicken Frauenzimmer, ober ist es ein Zwerg vielleicht? Gang gewiß, denn er hat auch schon weißes Haar.

Run ift ein ferne» Lärmen von Becken und Pauken. Trommeln find wohl auch dabei. Helsa, lustige Musika! Jetzt ist der Kleine ganz nah und marschiert und marschiert. Er kommt nicht näher. E» ift dem Doktor, als föß er rücklings auf einem Karren unb führe immer langsam baher bicht vor bem Zwerglein mit ber bieten Frau.

Erzähl Sie boch, muman", sagt'» Zwerglein,erzähl Sie doch; was luirbo mit ber Komöbie [ein?"

'El, Ich sag blr ja!" antwortet die Alte und lacht,da gehen wir hinein unb setzen uns hübsch auf» Stühlchen unb nachher so ivlrb's dunkel, unb ber Vorhang vorn gern aus. Da muß man mucksmäuschen- slille sein, auch ber Hätschelhans hält'» Mäulchen."

Maman", fängt bas Zwerglein tuleber an,ber Doktor Faust ist ber allergescheitste Mensch gewesen! Es will was heißen, mn loil Der aller- gescheitste."

Richt aufwachen jetzt, jetzt nicht aufwachen, lächelt ber Doktor.

Das Zwerglein schwätzt aber schon weiter:Maman, es muß schon arg gemütlich sein, wenn man gescheit ist, ntt?" Plötzlich reißt's Zwerglein ben dreieckigen Hut herunter und wirst ihn inII dem Arm weit rückwärts, die Linke hat ben kleinen Degen gefaßt, daß er ganz starr unter den Schößen des Röckleins hintenaus sieht.

Was machst denn?" fragt die Alte.

Das Zwerglein kräht Hoho, zieht vor Begeisterung ein Knie ganz hoch unb hüpsi auf bem anbern Bein. Dann meint er:Die Mamsell hat so ä arg hübsch Visasch gehabt. Da hab ich ihr mei Reverenz gemacht!"

Schäm bld)l" sagt bie Muller, und das Zwerglein sieht auf zu ihr, weil es gar nicht versteht, was sie will, und dann guckt's vor sich hin.

Es dunkelt. Sterne treiben vorüber. Matt glänzt da» Glas. Gesichter, kleine unb große, wie spukische Blasen, starren. Das Zwerglein ist mit­ten brünier, an ben Augen erkennt man'» gleich. Eine ganz kleine Falte schattet ihm zwischen ben Brauen.