Ausgabe 
30.1.1933
 
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Geben Sie ttjm da? Karastn-Serum! Bringen Sie ihn fiir eine halbe Stunde zum Bewußtsein, und Sie sollen das Experiment selbst mit an­sehen und prüfen. Das verspreche ich Ihnen!"

Ich habe fein Recht, Herr Baron, das Leben dieses, nach allem was Sie mir erzählen, zweifellos sehr interessanten Patienten nur aus wissen­schaftlicher Neugierde mutwillig abzukürzen", sagte Dr. Kircheisen lächelnd.

Sie nehmen mich noch immer nicht ernst, Doktor! Wenn Sie mir doch j nun endlich glauben wollten!"

Aber, Sie sind im Irrtum, ich glaube Ihnen ja jedes Wort, verehrter Herr Baron", beruhigte ihn der Arzt und zog das Thermometer unter dem Arm des Barons hervor.Natürlich. Ich dachte mirs gleich. Neun­unddreißig sechs! Sie fiebern, Herr Baron."

Er bettete das Thermometer wieder in das Futteral.Wundfieber offenbar. Sie haben ja vor ein paar Tagen eine kleine Operation über­standen", sagte er dann und wies auf den Verband, den der Baron am Halse trug.Wenn Sie erlauben, werde ich Ihnen jetzt den Verband erneuern. Zu solch kleinen Diensten erweist sich die rationalistische, mate­rialistische Wissenschaft Europas doch vielleicht als ausreichend. Meinen Sie nicht?"

Dr. Kircheisen löste die Sicherheitsnadel ab, die den weißen Leinwand­streifen zusammenhielt.Es ist ja wahrscheinlich nur eine Bagatelle, dieser geschnittene Furunkel, aber in Ihrem Alter muß man auch bei Kleinig­keiten vorsichtig sein. Wie alt sind Sie übrigens, Herr Baron, wenn man fragen darf?"

Die Frage schien dem Baron nicht willkommen.

Warum wollen Sie das wissen?" fragte er.Ich habe immer mein eigenes Tempo gehabt im Altwerden. Jeder Mensch hat sein eigenes Tempo: der eine beeilt sich, der andere läßt sich Zeit."

Ich meine Ihr kalendarisches Alter, Herr Baron."

Der Baron gab keine Antwort. Dr. Kircheisen begann vorsichtig den Leinwandstreisen vom Hals des Patienten abzulösen.

In Indien, in der Stadt Allahabad", sagte der Baron plötzlich,hab' ich Wachteln gefrühstückt, die waren vier Wochen alt und hatten dennoch viele hundertmal die Sonne auf- und untergehen gesehen. Sie hatten das zarte Fleisch junger Tiere und waren dabei uralt und fett vor Alter."

Wie das?" fragte Dr. Kircheisen.

Die Wachteln nehmen regelmäßig zu einer bestimmten Tageszeit ihr Futter zu sich, nämlich bei Sonnenaufgang. Das machen sich die Inder zunutze. Sie sperren die Wachteln, die gemästet werden sollen, in einen dunklen Keller. Wenn nun die Türen geöffnet werden und das Tages­licht in den Keller fällt, dann glauben die Tiere, es sei Morgen, beginnen zu singen und nehmen das Futter. Anfangs geschieht die Täuschung j zweimal täglich, dann öfter, zum Schluß beinahe stündlich. So werden ; die Wachteln alt und fett lang vor der Zeit. Sie glauben ihr Leben zu Ende gelebt zu haben, wenn ihnen das Küchenmesser am Halse sitzt, und sind satt und zufrieden. Welchen Sinn hätte es für die betrogenen Tiere, oarüoer nachzudenken, wann sie aus dem Ei gekrochen sind? Sie wissen nicht, ob es ein Tag war, der zwischen Sonnenaufgang und Sonnen­untergang lag, oder nur Minuten."

Sehr interessant", sagte Dr. Kircheisen zerstreut.Ich dachte anfangs, es wäre wieder irgendein indisches Fakirkunststück, das Sie mir erzählen wollten. Eine sehr philosophische und lustige Geschichte, die Geschichte von den Wachteln von Allahabad."

Finden Sie sie wirklich so lustig?" fragte der Baron.

Dr. Kircheisen hörte nur mit halbem Ohr hin. Er hielt den Verband- ftreifen in der Hand.Donnerwetter!" sagte er.Haben Sie aber viel Blut verloren. Die ganze Leinwand ist durchtränkt. So! Jetzt noch die Watte ablösen, am besten mit einem bißchen Wasser schon nicht mehr nötig, es geht auch so. Jetzt, ein bißchen waschen zuerst, so und jetzt ja, zum Kuckuck, was ist denn das?"

Der Arzt legte die blutgetränkte Watte aus der Hand, ergriff den Kopf des Barons und drehte ihn nach rechts und nach links.

Was gibt'? denn, Doktor?"

Also, das geht über meinen Horizont! Ich finde nicht die geringste Spur einer Wunde!"

Das ist unmöglich!" rief der Baron.

Nicht die Spur einer Wunde! Nicht die allerkleinste Verletzung. Sie sind hier niemals geschnitten worden. Ich begreife nicht, warum Sie Ihren Hals mit einem blutgetränkten Verband umwickelt haben."

Sie müssen sich irren, Doktor. Mein Hausarzt hat mich vor fünf Tagen um 9.30 Uhr vormittags am Hals geschnitten, nachdem er mich vorher die ganze Nacht über mit essigsaurer Tonerde gequält hatte. Er hat die Geschwulst zuerst mit Chloräthyl-Spray anästhesiert und bann einen raschen Schnitt durchgezogen."

Unmöglich! Es mußte doch die charakteristische, kreisrunde, wie mit dem Locheisen ausgeschlagene Deffnung zurückgeblieben sein! Aber ich- finde nichts."

Wirklich? Ich habe keine Wunde am Hals?" schrie der Baron.Was ist das wieder für eine Teufelei!"

Er ließ den Zeigefinger über Hals und Nacken gleiten.Doktor! Einen Spiegel! Dort an der Wand hängt einer."

An der Wand hängt gar nichts."

Ach fo! Ich vergaß, ich habe sie ja gestern selbst alle heruntergenom- men! Dort im Schreibtisch muß er liegen."

Dr. Kircheisen holte den Spiegel hervor. Mit einem Mal schlug sich der Baron mit der Hand an die Stirn und ließ sich in seinen Lehnstuhl jurüctf allen.

Natürlich!" sagte er dann ruhig.Daß mir das nicht gleich ein­gefallen ist!"

Ich verstehe nicht, was das zu bedeuten hat!" rief der Arzt.

Mir ist alles ganz klar!"

Dann erklären Sie mir doch ..

Es ist die selbstverständlichste Sache von der Welt!" rief der Baron mit feinem heiseren Lachen.

Was hat bas also zu bedeuten?"

Vielleicht ist auch das nur ein ausgezeichnet inszenierter Humbugk So nannten Sie's doch vorhin, nicht? Oder eine kleine Wachsugaestion, meinen Sie nicht, Doktor?"

Wollen Sie mich zum besten halten, Herr Baron? Was hat Ihr« Wunde mit jenem Bohnenrankenexperiment zu tun?"

Baron Vogh kam nicht mehr dazu, dem Arzt Rede zu stehen. Denn ein Ereignis trug sich in diesem Augenblick zu, so überraschend und er­schreckend, daß das Rätsel des blutbefleckten Verbandes sogleich in den Hintergrund gedrängt wurde.

Der Baron war plötzlich aufgesprungen und bemühte sich mit seinen zitternden Fingern, das Fenster zu öffnen.

Hören Sie, Doktor! Haben Sie's gehört?"

Ja! Es hat jemand geschrien! Unten im Garten."

Das Fenster flog auf. Der Baron beugte sich weit hinaus.

Noch einmal ertönte ein Schrei, von unten her. Diesmal lauter.

Das ist Greil!" rief der Baron.Es ist Greils Stimme! Was ist gefchehn?"

Und jetzt, trapp, trapp, die Schritte eines Menschen, der in furchtbarer Aufregung über den Kiesweg gelaufen kam.

Philipp!" kreischte der Baron.Philipp! Was ist gefchehn?

Herr Baron!" jammerte die Stimme des alten Philipp atemlos und keuchend von unten herauf.Wieder eine Schlange! Der Baronetze ihr Hund ... ist gebissen ...!"

Ein Urwaldabenteuer.

Von all den merkwürdigen und aufregenden Erlebnissen, die an jenem Tage auf den unglücklichen Dr. Kircheisen einftürmten, war es öas aben­teuer in des Barons kleinem Treibhausurwald, das die tiefsten und nach­haltigsten Wirkungen in den Nerven des Arztes zurückließ. Lange könnt« er die Erinnerung an den geheimnisvollen indischen Dschungel in der Orchideenableilung des Glashauses nicht loswerden und noch nachher schlich sich das spukhafte Erlebnis immer und immer wieder in feine Träume. Dann fuhr er schreiend aus dem Schlaf auf, schlug wild mit oen Fäusten um sich und stieß angsterfüllte oder anfeuernde Rufe aus, bis die alte Bettina kopfschüttelnd, die Lampe in der Hand, in fein Schlaf- zimmer trat und ihn mit ihrem Jammern in die Wirklichkeit zurückbrachte.

Herr Doktor! Aber Herr Doktor! Gewiß sind der Herr Doktor wieder im Urwald und jagen Schlangen!"

Zweifellos ist es ein recht seltsames Ansinnen, von einem Arzt, bei ganz harmlos zu einem Krankenbesuch gekommen ist, zu verlangen, et möge an einer Schlangenjagd im indischen Urwald teilnehmen. Dr. Kirch» eisen fand mit Recht, daß es ein wenig außerhalb feiner beruflichen Sphäre lag, dem Baron zu helfen, das giftige Reptil, das im Treibhaufe fein Unwesen treiben sollte, unschädlich zu machen. Dr. Kircheisen war alles andere als ein Heros. Im ersten Augenblick wollte er energisch ablehnen. Ein vages Gefühl tauchte in ihm auf, daß es in einem wohl- geordneten Staatswesen noch wohl irgendeinen ivunttionar geben muffe, in des en Pflichtenkreis die Vertilgung solch gefährlicher Tiere fiele, der Wasenmeister! Selbstverständlich der städtische Wasenmeister! Und fofort schoß ihm der Satz durch den Kopf, den er hier und da im Zu­sammenhang mit wutverdächtigen Hunden in den Zeitungen gelesen hatte:... wurde dem Wasenmeister zur Vertilgung übergeben ...

Aber in dem gleichen Augenblicke, da dieser Gedanke dem Arzt durch den Kopf flog, kam die Baronesse, den toten Faxt Billy in den Armen haltend, schluchzend die Treppe hinauf, und diese Begegnung war e», die dem Dr. Kircheisen zu der heroischesten Stunde feines Lebens verhalf.

Eine Welle von Mut und Entschlossenheit strömte ihm plötzlich zum $Cr$!8aroneffe!" sagte er.Weinen Sie nicht länger. Ich werde Ihren armen Hund rächen! Wie ist denn das Unglück überhaupt geschehen?

Billy ist aus dem Treibhaus gesprungen, hat furchtbar geschrien nnü geheult und ist hin und her gelaufen", berichtete die Baronesse, noch immer fchluchzend.Dann ist er hingefallen, hat mit den Beinen gezuckt und war tot." _ _.

Im Treibhaus also müssen wir die Schlange finden. Kommen eie, h^Estien'Äugenblick, Doktor!" sagte der Baron.Warten Sie hier auf mich, ich habe einiges vorzubereiten für unsere kleine Expedition. Spatz, du bleibst im Hause und gehst nicht in den Garten, eh' ich dir s erlaub. Der Baron verschwand im Nebenzimmer.

Dr. Kircheisen wandte sich demSpatzen" zu. Er fand, daß dieser Name durchaus nicht zu der Erscheinung der Baronesse paßte.

Sie haben Ihren Hund wohl sehr gern gehabt? fragte er da»

^Er war das einzige, was ich auf der Welt hatte! Billy, mein süßer, armer Billy!" klagte die Baronesse und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus ihren großen blauen Augen.

.Aber! Aber! Das einzige? Sollte es keinen Menschen geben, den Sie"auch ein wenig lieb haben?" fragte Dr. Kircheisen.

Menschen? Die sind doch alle langweilig. Ich unterhalte mich viel lieber mit Hunden." , .... ...

Es ist merkwürdig", sagte Dr. Kircheisen,wie unsere Ansichten sich begegnen. Würden Sie mir es glauben, daß auch ich zuzeiten das Gefühl haste, daß wahre, unegoistische Freundschaft nur zwischen Mensch und Tier möglich ist? Aber freilich, den Mut, diesen Gedanken laut auszu­sprechen, habe ich niemals gehabt. Sie sind mir um einige Jahre in Ihrer geistigen Entwicklung vor, Baronesse!"

Das junge Mädchen streichelte ihren toten Liebling und gab keine Antwort.

Aber ich vergaß! Sie lieben ja die Komplimente nicht, Baronesse, nicht wahr?"

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. -Druck und Verlag: Vrühl'fche Universitäts-Duch. und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.