furchtbarer Rache begegnet, nachdem man (tm Jahr« 1491) hundert» breifeig Eingedrungene zusammengehauen und am Staatspalaste auf» gehängt hatte, wurden aus der Piazza 35 Altäre errichtet und drei Tage lang Messen gelesen und Prozessionen gehalten, um den Fluch von der Stätte rvegzunehmen. Während (1494) Karl VIII. heranzog, führten die Baglionen und die in und um Assist gelagerten Verbannten einen Krieg von solcher Art, daß im Tale alle Gebäude dem Boden eben, die Felder unbebaut lagen, die Bauern zu kühnen Räubern und Mördern verwilderten und Hirsche und Wölfe das emporwuchernde Gestrüpp bevölkerten, wo letztere sich an den Leichen der Gefallenen, an „Christenfleisch' gütlich taten Als Alexander VL vor dem von Neapel zurückkehrenden Karl VIII. (1495) nach Umbrien entwich, fiel ihm Perugia ein, er könnte sich der Baglionen aus immer entledigen; er schlug dem Guido irgendein Fest, ein Turnier oder etwas dergleichen vor, um sie irgendwo alle beisammen »u haben, aber Guido war der Meinung, das „allerschönste Schauspiel wäre alle bewaffnete Macht von Perugia beisammen zu sehen', woraus der Papst seinen Plan fallen lieh. Bald darauf machten die Verbannten wieder einen Uebersall, bei welchem nur der persönliche Heldenmut der Baglionen den Sieg gewann. Da wehrte sich aus der Piazza der achtzehnjährige Simonetta Baglione mit wenigen gegen mehrere Hunderte und stürzte mit mehr als zwanzig Wunden, erhob sich aber wieder, als Ihm Astorre Baglione zu Hilfe kam, hoch zu Rost in vergoldeter Eisen- rustung mit einem Falken auf dem Helm: „Dem Mars vergleichbar an Anblick und Taten sprengte er in das Gewühl".
Damals war Raffael als zwölfsähriger Knabe in der Lehre bei Pietro Perugino. Vielleicht sind Eidrücke dieses Tages verewigt in den sruheren kleinen Bildchen des heiligen Georg und des heiligen Michael; vielleicht lebt noch etwas davon unvergänglich fort in dem großen St. Michaels- bilde; und wenn irgendwo Astorre Baglione seine Verklärung gesunden hat, so ist es geschehen in der Gestalt des himmlischen Reiters im Heliodor.
Die Gegner waren teils umgekommen, teils in panischem Schrecken gewichen und fortan keines solchen Angriffs mehr fähig. Aber Perugia wurde nicht sicherer nach ruhiger; die innere Zwietracht des herrschenden Hauses brach jetzt in entsetzlichen Taten aus. Gegenüber Guido, Ridolso und ihren Söhnen Gianpaolo, Astorre, Gismondo, Geniile Marcanionio und anderen taten sich zwei Großneffen, Grisone und Carlo Barciglia, zusammen, letztere zugleich Resse des Fürsten Varano und Camerino und Schwager eines der früheren Verbannten, Jeronimo dalla Penna. Vergebens bat Simonetto, der schlimme Ahnungen hatte, seinen Oheim kniefällig diesen Penna töten zu dürsen; Guido versagte es ihm. Das Kom- Slott reifte plötzlich bei. der Hochzeit des Astorre mit der Lavinia Colonna, Ritte Sommers 1500. Das Fest nahm feinen Anfang und dauerte einige Tage unter düsteren Anzeichen. In der Nacht vom 15. Juli wurden die Türen eingerannt und der Mord an Guido, Astorre, Simonetto und Gis» mondo vollzogen; die anderen konnten entweichen. Aber die entronnenen Baglionen sammelten draußen Mannschasten und drangen, Gianpaolo an der Spitze, des folgenden Tages in die Stadt, wo andere Anhänger, soeben von Barciglia mit dem Tode bedroht, schleunig zu ihm stießen; als bei S. Ercolano Grisone in seine Hände fiel, überließ er es seinen Leuten, ihn niederzumachen; Barciglia und Penna aber flüchteten; in einem Augenblick, saft ohne Verlust, war Gianpaolo Herr der Stadt.
Atlanta, Grisones noch schöne und junge Mutter kam jetzt mit der Schwiegertochter herbei und suchte den sterbenden Sohn. Alles wich vor den beiden Frauen auf die Seite; niemand wollte als der erkannt sein, der den Grisone erstochen hätte, um nicht die Verwünschungen der Mutter aus sich zu ziehen. Aber man irrte sich; sie selber beschwor den Sohn, demjenigen zu verzeihen, welcher die tödlichen Streiche geführt, und er verschied unter ihren Segnungen. Ehrsurchtsvvll sahen die Leute den beiden Frauen nach, als sie in ihren blutigen Kleidern über den Platz schritten. Diese Atalanta ist es, für welche später Raffael die weltberühmte Grablegung gemalt hat. Damit legte sie ihr eigenes Lew dem höchsten und heiligsten Mutterschmerz zu Füßen. Der Dom, welcher das Meiste von dieser Tragödie in feiner Nähe gesehen, „wurde mit Wem ab- gewaschen und neu geweiht" (Jacob Burckhardt).
Und Missetat reiht sich an Missetat, bis mit Ridolso, dem Sohne Malatestas, der „in Perugia durch Ermordung des Legaten und der Beamten im Jahre 1534 eine nur kurze, aber schreckliche Herrschaft übte , bas Tyrannengeschlecht der Baglioni erlischt.
Nachdruck verboten.
Copyright by Albert Langen, München. (Fortsetzung.,
OoS Mangobaumwunder.
Roman von Leo P e r u tz und Paul F r a nt.
„Woher wissen Sie denn von der Existenz dieses Serums, Herr
„Ich weiß, daß Sie mit dem Professor Karasin zusammen dieses Mittel erfunden haben." .. „ . „ B ...
„Das stimmt nicht ganz. Der berühmte Chemiker, Professor Karasin hat mit dem Serum nichts zu tun. Er ist seit zwols Jahren tot. (Es mar einer seiner Schüler, Doktor Tilgner, mit dem ich zusammen an dieser Sache gearbeitet habe, und daß wir das Serum nach feinem verstorbenen Lehrer Karasin-Serum genannt haben, war bloß ein Akt der Pietät. Aber woher wissen Sie Näheres über die Wirkung dieses Serums? Doktor Tilgner und ich haben unsere gemeinsamen Untersuchungen nach nicht publizier jene Gerichtsverhandlung verfolgt — wie hat doch nur die große Kriminalaffäre im vorigen Herbst geheißen?'
„Ach so! Sie haben die Zeitungsberichte über den Prozeß gegen die Mörder des Privatiers Hallasch und seiner Schwester gelesen/
Ja. richtig! Die Affäre Hallasch!" ~ _
''Dann werden Sie aber auch wissen, daß Ich das Karasin-Serum nicht in Anwendung bringen darf '.sagte der Arzt ernst. „ . .
, Ja, aber weshalb denn nicht? Eben damals haben Sie ja Gebrauch gemacht von dem Serum! Daher kenn' ich ja überhaupt Ihren Namen, Doktor!"
Dr. Kircheisen wurde es mit einem Mal klar, warum die Wahl de» Barons gerade aus ihn, den nicht praktizierenden Arzt, gesallen war. Der Baron hatte das Karasin-Serum und den Namen seines Ersinders in den Zeitungsberichten über den Fall Hallasch erwähnt gesunden. Non allem Anfang an schien er dieses Serum im Auge gehabt und irgendwelche phantastische Vorstellungen an seine Wirkung geknüpft zu haben. Jetzt galt es, ihn von diesen Gedanken schleunigst abzubringen.
„Das Karasin-Serum muh leider aus dem Spiele bleiben. Sie scheinen nicht zu wissen, daß die scheinbare Besserung, die es in dem Befinden des Patienten hervorbringt, von unheilvollen Folgen begleitet ist. Schon nach einer Stunde, oft auch noch früher, stellt sich eine heftige Reaktion ein, die zumeist mit dem Tode infolge Herzlähmung endet. Doktor Tilgner und ich haben da leider nur halbe Arbeit geleistet. Das Serum wirkt absolut lebensverkürzend, und ich habe daher kein Recht, rs anzuwenden."
„Und damals in der Affäre Hallafch?" rief der Baron ganz verstört.
„Damals tag die Sache anders. Der Privatier Anton Hallafch war ermordet, feine Schwester Petronella, die ihm den Haushalt geführt hatte, tödlich verletzt worden. Der Verdacht der Täterschaft ruhte auf dem Zimmerherrn der beiden, dem Handlungsgehilfen Emil Neubauer, der, wie sich nachher herausstellte, völlig unschuldig war. Die einzige Entlastungszeugin, die Petronella Hallasch, lag in Agonie und war nicht vernehmungsfähig. Damals hab' ich auf Antrag der Verteidigung der Petronella Hallafch eine Karasin-Jnjektion verabreicht, um sie für einige Minuten zu Bewußtsein zu bringen. Sie hat dann tatsächlich den wirklichen Täter genannt. Es stand eben ein Menschenleben auf dem Spiel, und darum habe ich ohne Bedenken das Karasin-Serum angewandt. Aber diesmal ..."
„Auch diesmal steht ein Menschenleben auf dem Spiel, Doktor! jagte der Baron.
„Ein Menschenleben?"
„Ja! Das meine.“
„Ich verstehe Sie nicht, Herr Baronk"
„Nein, Sie verstehen mich nicht und werden mich nie verstehen! Dok- tor, ich bin ein schwerkranker Mann, das wissen Sie. Ulam Singh allein kann mir helfen, er muh eine halbe Stunde lang denken und handeln können! Was nachher geschieht ist gleichgültig. Wenn er bann stirbt, — Sie haben ja selbst gesagt, daß er nicht mehr zu retten Ist.“
„Sie erwarten ärztliche Hilfe von ihrem indischen Gärtner? Das ist ja recht interessant! Ich habe offenbar in ihm eine Art Kollegen zu respektieren?“ {ragte Dr. Kircheisen spöttisch.
„Nein. Ulam Singh ist kein Arzt. Ader er ist trotzdem der einzige, der mir helfen kann/
„Also ein exotischer Kurpfuscher? Ich fürchte, Herr Baron, unsere braven, altbewährten heimischen Kräuterweiber, die ohnehin so schwer unter dem unlauteren Wettbewerb der Aerzte zu leiden haben, werden über diese neue Konkurrenz recht ungehalten sein.“
„Sie verspotten mich, Doktor. Sie sind ein Mann der rationalistischen, materialistischen Wissenschaft Europas. Sie werde ich niemals überzeugen können, daß es dort drüben eine andere Wissenschaft gibt, die sicher älter und vielleicht auch tiefer ist, als die Ihre, und die ihren Jüngern Kräfte und Fähigkeiten verleiht, von denen Sie nichts ahnen.“
Es war etwas in der Stimme des Barons, das den Arzt bestimmte, den spöttischen Ton fallen zu taffen und der Diskussion einen ernsthafteren Charakter zu geben.
„Doch, doch!" sagte er. „Ich habe allerlei davon gehört, auch einiges darüber gelesen. Sie glauben aber doch nicht im Ernst, daß irgendeiner dieser Fakirtricks sich nicht auf eine wissenschaftlich befriedigende Art erklären ließe? Das meiste ist zweisellos Training des Körpers, das Lebendigbegrabenlassen mancher Fakire zum Beispiel, soweit es nicht überhaupt als Schwindel und Humbug [eftgeftcUt ist. Andere Experimente beruhen anscheinend aus Wachsuggestion. In diese Kategorie gehört vermutlich jener bekannte Versuch mit der Bohnenranke, von dem man vor einiger Zeit so viel Aushebens gemacht hat."
Der Baron hatte sich bei den letzten Worten Dr. Kircheisens erhoben, stützte die Arme auf den Schreibtisch und blickte den Arzt aufmerksam an.
„Was ist das für ein Experiment, das mit der Bohnenranke?
Das Experiment mit der Bohnenranke? In der Züricher psychologischen Gesellschaft wurde es meines Wissens vor zwei Jahren zum erstenmal einer kleinen Gesellschaft von Gelehrten vorgesührt. Ein InM» scher Gaukler pflanzte eine Bohne in die Erde, aus der innerhalb einer halben Stunde eine Ranke bis zur Höhe von zirka zwei Metern empor» schoß und Blüten ansetzte. Er hat dann das Experiment in umgekehrter Richtung wiederholt, bis zum Schluß die Bohne da war, die er m die Erde versenkt hatte. Später zeigte er dasselbe Experiment an einem Rosenstrauch. Ich war übrigens bei jener Sitzung nicht anwesend und kenne die ganze Geschichte nur aus Zeitungsberichten. Solange ich das Experiment nicht selbst gesehen und geprüft Jjabe, muß ich es für einen ausgezeichnet inszenierten Humbug halten."
„Und wenn ich Ihnen nun sage, daß ich eben dieses Experiment mkt eigenen Augen gesehen und geprüft habe, und daß es kein Humbug ist, Doktor'" Der Baron hatte sich hoch ausgerichtet. Er zitterte am ganzen
fi°r,P3n 3nbtan?C®Ufragte der Arzt. Er hatte einem Futteral «in kleines Thermometer entnommen und schob es dem Baron in die Achselhöhle.
„Nein! Hier in diesem Hause!"
„Don Ulam Singh vorgesührt, wahrscheinlich. Nicht wahr?
,3a, Doktor! Begreifen Sie jetzt, daß mir an feinem Leben liegt?
„Waren zu diesen Versuchen noch andere — kritischer veranlagte Personen beigezogen? e
"Sta”sieb unterliefen Umständen sicher, daß Sie nicht das Opfer einer Täuschung, oder" — Dr. Kircheisen lächelte — „sagen wir: 3hrer nicht genügend geschulten, unwissenschaftlichen Betrachtungsweise geworden find?"


