Ausgabe 
29.12.1933
 
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Oer Siernenbaum.

Roman von Friedrich Schnack.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Das Vesperbrot fällt aus für ihn. Er wird zum Steineauflesen in den Sturzacker geschickt. Im Nachwinter hatten die Schnec- schmelzen Schutt darüber gerollt. Der Knecht und der Bauer haben den Acker gepflügt, auf den Schollen liegen die Steine wie der Schaum auf den Wellen der Waldwässer. Gleich einem armen Rebhuhn läuft Juppt in den Schollen und pickt Steine. Am Rand des Ackers sammelt er sie zu einem Haufen. Es ist dunkel, wenn er müde hcimkommt.

Ich möchte meine Schulaufgabe machen", bittet er den Bauern.

Der lacht ihn aus

Jetzt wird Vieh gefüttert."

Der Knecht höhnt:Ein Armenhäusler braucht nix zu lernen, schon detnen Kopf!" rät er ihm.

Futterschneiden. Füttern. Ausmisten. Einstreuen. Milch leiern. Den Hos sauber kehren. Die Schuhe putzen, zwei, drei, vier Paar. Wasser in die Küche tragen. Holz holen.

Ein paar Minuten bleiben ihm für die Schulbücher. Er lernt eine biblische Geschichte auswendig, löst eine Rechenaufgabe. Um neun Uhr, da das Haus dunkel wird, liegt er auf seinem Stroh­lager und schließt, umschnaubt vom Atem der Kühe, die Augen. Nun hat er Ruh.

So endet sein Tag.

Bergsonntag.

Tag für Tag Plage, Tag für Tag offener Schmerz, heimliche Tränen. Von den Steinen, die da oben nackt lagen, hatten die Herzen Härte angenommen. Kein gutes Wort hört Juppt von den Einsamerleuten Tag für Tag.

Und doch gab es manchmal einen Tag in der Woche, wo ihm anders geschah. Da läutete die Sonntagsglocke alle Trübsal aus seinem Seelenhimmel fort, und seine Einsamkeit war erfüllt von der sonntäglichen Stimme. Die erzene Lerche im Tal schmetterte ihm ihren Fetergesang zu, ihm und dem Berg, samt dem Wald darauf und dem Wiesengrün, das sich frühltngsrein sonnte. Wie sein Herz vom Sonntag durchdrungen war und durchäthert von dem guten Licht, so ruhten nun auch alle Pflanzen durchleuchtet, der Berg und der Wald. Sie alle waren dem Werktag entrückt. Selbst auf der verlassenen Pflugschar im Acker blinkte geweihter Schimmer

Das Wasser entsprudelte mit Hellem Morgenblitz der Holz­röhre. Auf dem Dachfirst saßen die Tauben. Nie hatte sich die Fichte auf der höchsten Höhe des Einödbergs so klar aus der Bläue gezackt. Makellos stand ihr Bild. Auch sie empfing einen Anruf der geistlichen Lerche.

Andere Erzlerchen in Nachbartälern schwangen ihre Flügel und jubilierten einander zu. Sie lobsangen in den Lüften. Die Bauern, die von den Niederungen und die von den Höhen, folgten dem morgenlichcn großen Vogellocken, dem Matcnruf. Bergein wallten die Einsamerleute, Juppi ging mit Lots und der Magd: Flunk blieb zur Hofwachc daheim.

Kräftig atmet die Flur, der Wald öffnete seine Gewürzschreine und schickte den Kirchgängern sein Arom nach: Rindenwürze, Grasdunst, Laubhauch, Harzgeruch und die seine Blume seines neuen Jahrgangs.

Juppi liebte die Kirchwege sehr. Sonntags wurde er meist nicht so hart angeknurrt wie an Werktagen.

Die Talwege, sonst nur Hiuderuisse zwischen HauS und Schule, die Felder, gewöhnlich nur Stätten der Mühe, Plage und Grob­heiten, ivaren bann oft von einem friedlichen Glanz verklärt. Auch sie hielte« ihren Sonntag und sahn wunderbar schön aus.

Besonders schön erschien ihm immer wieder das Gewölbe der Kirche, in die er bald darauf mit den Kirchgängern eintrat. Zwi­schen den gelbroten Steinrippen der Säulen, die sich gleich Bäumen unter dem Firmament verästeten, war ein strahlendes Blau aus- getüucht, das von Silbcrsternen übersät mar. Es mar ein Nacht­himmel bei Tage. Sv mochten auch die Hallen des Himmels ge­schmückt sein. Hob Juppi den Blick, schwang sich sein Gefühl in eine herrliche Tiefe. Dazu tönte leis und heimlich die Orgel: als regneten ihre Weisen aus dem gemalten, hohen Kirchenhimmel. Und das Sternenzelt spannte sich über alle Leute, über die Männer in den Gängen und auf der Empore, über die Frauen an ihren Plätzen, über den Pfarrer und die Buben und Mädchen und über Jupvi mitten unter ihnen.

Manchmal ivar er zerstreut und abgelenkt von der Andacht, die Worte des Pfarrers schallten an ihm vorbei: Juppi gedachte da seines verstorbenen BaterS. mit dem er Sonntags zur Kirche gegangen mar. lind sooft in ihm die Bläue jener Kinderhimmels- tagc aufgoldete, glaubte er sich seinem Vater nah: ein Deckenstern dort oben mar seines Vaters Augenstern, der sah auf ihn herab und gab acht mif ihn.

Nach dem Gottesdienst drängte er mit allen Kirchenbesuchern hinaus ans den Platz, ivo es sonnig und kurzweilig mar. Bauern und Burschen standen beieinander, die Frauen und Mädchen schmatzten und scherzten, die Buben rotteten sich zu Gruppen. Feine Leute gingen vorüber: Kaufleute, Beamte und Handwerker des Kirchenorts. Radfahrer klingelten, Motorräder krachten und Pferde trabten los. Es gab viel zu sehn. Auch Juppi verweilte sich. Er dielt sich zu dem größten Bubenhaufen: mitten darin ße= faich «rb Onfa nnd sübrte das aroße Wort.

Plötzlich richteten sich alle Gesichter auf Juppi, die Augen muster= ten ihn Sie liefen über seine Joppe, krochen über seine Hose

und wanderten bis hinunter zu den Schuhen. Dann kamen fit wieder herauf, spöttisch glänzend. Juppt, derart geprüft, wurde fuchsfeuerrot. Die Blicke hatten ihn gefaßt, als wäre er ihr Ge­fangener.

Da hörte er, wie ein Wort von den Lippen des Etnsamer- jungen zischte.Armenhäusler ...!" Man kicherte verstohlen, dann lachten alle laut. Die Gesichter um ihn zerflossen zu einem tausendäugigen Gesicht.

Er itzt sich bet uns satt ...", sagte Lots.

Gelächter, Wiehern, Grunzen.

Er hat seine Sonntagsjoppe an ..."

Und was für eine seine!" rief einer.

Auf einmal war er allein. Die Jungens, die ihre schönen Sonntagskleider, weitze Kragen und bunte Schlipse trugen, hatten sich hinter die Bauern verzogen. Ein paar spähende Gesichter sah er noch, als er sich in Bewegung Jetzte und forteilte, bergwärts.

Mit schmerzlicher Regung ging er an einem dürftigen Bild­stock vorbei, wo auf einem Blechdreteck unter einem Rindendach die heilige Familie von bäuerischer Hand htngemalt war: Joseph, Maria und das Kind. Der heilige Mann hatte einen Zwirbcl- schnurrbart rote zu Lebzeiten Juppis Vater. Auch kleidete ihn eine einfache Waldarbetterjoppe. Dieser Zimmermann mochte roohl selber sein Werkholz im Wald schlagen. Das Gesicht der Mutter­gottes aber roar schon ganz verblaßt und auch das Nazarethblau ihres Mantels, von Regen und Schnee arg mitgenommen, roar verschwunden, als ob sich die Farbe in den rostigen Hintergrund hineinverloren hätte. Kaum ahnen ließ sich der Umriß und die Zeichnung des Gesichts. Ungenau war es rote Juppis Erinnerung an das Aussehen der eigenen Mutter.

So beglückend roar das Bild. Gütig beschauten ihn die Augen des gemalten Vaters, und rote das Kind lächelte! Bei ihrem An­blick vergaß er sein Leib. Da blieb den ganzen Sonntag der Kirchennachklang in seinem Herzen und beflügelte thm den Sinn. Mochte das Gesicht des Bauern beim Mittagessen noch so grimmig dreinschauen der hatte im Ort Bter getrunken und Krakeel gehabt, mochte Flunk mit scheelem Blick noch so bös auf Juppt einstechen, weil auch er, gleich den andern, seinen Hunger stillen und einen Teller voll Essen haben wollte, stieß ihn auch Lots, wie so oft, unter dem Tisch mit der Fußspitze: all dies konnte ibn heute nicht stören. Sein Vater roar ihm Trost. Hinter den Wol­kenfenstern, durch die der Weihrauch dampfte, saß er und schaute herunter in den Bayrischen Wald zu seinem Jungen. Nieder­strahlten seine blauen Himmelsaugen aus dem Sonntagshim- mel rote vorhin von der Kirchendecke und aus dem Josephsgesicht auf dem Bildstock.

Die Himmelsleiter.

Eines Sonntags nach dem Essen ließ Juppi die Geißen aus dem Stall und trottete hinter den weißen und schwarzen Tieren am Wald entlang, darin die Finken und Amseln schlugen, nnd er zog aufwärts zum Bereich der sturmgekämmten, sönnenstillen Wetterfichte, die ihren Schatten über den Oedhang ivarf. Sie zir- , leite, von Morgen zu Abend, einen Bogen wandelnder Zeit.

Zu ihren Wurzeln lagerte sich Juppi, und die Zieaenmäuler nagten das kurze, wilde Gras. Er war einsamer als die EirEamer- leute da unten: klein hingeschachtelt klebten Haus und Scheuer zwischen den färgltcßeit Obstbäumen und der Waldflanke. Zu­weilen krähte der Hahn und schickte einen Ruf zu Juppi, und die Tauben warfen ihren winkenden Flügelschleier über das ziegel­rote Dach. Der Himmel war durchsichtig wie Forellenwaffer. Ein paar schmale Wolkenfische schwammen schläfrig darin. Das klare Licht umspülte die Steine. Groß und mächtig ruhten sie und glichen kantigen Sockeln und Granitstühlen, darauf die vier Evan­gelisten hätten rasten können, wenn sie des Wegs hierber gekom­men wären zur Zwiesprache mit Juppi und seinen Geißen. Er lag unter der Fichte und schaute in ihr Nadelhans emvor, in das Gebälk ihrer Aeste, in das Gegitter der vielhundert Zweige. Auf und nieder stieg sein Blick in dem flimmernden Fichtenturm, hoch oben wankte bas Lickt und schlug blitzende Kreuze. Eine geheime Himmelsleiter, wie sie sich in der biblischen Geschichte wolke«- hoch baute, batte die Wetterfichte mit ihren Abstockwerken über ihm aufgerichtet, und feine Einfälle turnten auf ihren Sprossen empor, der winzigen Meise gleich, die mit silberner Zmitfcber- botfchaft von Zweig zu Zweig hüpfte und oben verschwand Dort guoll der Sonnenschein stärker aus der Finsternis der Nadel­kuppel, weiß und dick, gleich trapsendem Harz, zuckend rote Sterne.

Juppi zählte Funken und Blitze, wie sie anfbrannten hervar- glübten und erloschen. Der Wind bewegte die Krone, er läutete sie langsam, und io rttbrte er das Sviel der Glanzpunkte nnd Auaen. Sie waren nicht zu zählen, die schönen Fichtenlichter, ebensowenig wie die Sterne nachts.

Juvvi setzte seinen Finken von Watte und Federn aiE den untersten Fichtenast Feinzierlich nistete der Bogel im aoldfliin- mernden Nest. Sein Schnabel war schmal aeöfsnet: sicherlich flötete er ein boldes Lied, den Buchfinken im Walde antwortend, die den liegen langen Tag ifire Sätze schmetterten. Mit diesem kleinen Boaelgast iab der Zmeig ans einmal wie verwandelt ans, er sproßte aus Jupvis Woibnacktserinnernng und hielt ihm seinen Frieden bin. sein Glücka-oichcn.

Indessen war die Meise mit ihrer Botschaft in den Himmel gestieaen und fintte ein Sternennest gesunden. Die inneren Licker im GaNübl des Baumes flammten, die Strab»,«kreuze und b»i- liaen Koeere zitterte« Der So««e«taa der Wattersickite mar vall- auf aukaezündet und entflammt. In klarer Reinheit badete der ganze Berg.

lFortfetzunq folgt.)

eranlwortlich: l)r. Hans Thyriot.Druck und Derlag: Drühl'jche Untversitäls-Duch» und Steindruckerei, R. Lange, Gietzen.