I,7fachen des Sonnendurchmefsers. Direkt läßt sich jedoch der SiriuDvurdjmcner nicht beobachten; cs wäre dies geometrisch dasselbe, als wenn man die Größe eines Fünfpsennigstückes im Abstand von 600 Kilometer, gleich der Entfernung Hamburg- München, mit dem Fernrohr messen wollte.
Vor nahezu hundert Jahren sprach der Königsberger Astronom B e s s e l die Ansicht aus, daß geietzmäßige Aenderungcn in der Eigenbewegung des Sirius aus die Existenz eines Begleiters schließen ließen. Sirius müsse ein Doppel sie rn sein. Diese Vermutung wurde 1862 durch die Entdeckung von Aloen Clark glanzend bestätigt. Er fand ein winziges Sternchen genau an dem vvrausberechneten Orte, das in der Tat der lange gesuchteSi- riusbegleiter war. Die wetteren Beobachtungen ergaben eine Umlaufszeit des Begleiters von 49,5 Jahren und eine Bahn von der Größe der Uranusbahn, woraus die Masse des Siriussystems sich zum Dreifachen der Sonnenmasse berechnet.
Eine außerordentliche Bedeutung hat der Siriusbegleiter für die Atomphysik erhalten, seitdem man ans seinem Spektrum fest- gestellt hat, daß seine Materie viele tausendmal dichter sein muß als Wasser. Man versucht dies durch eine sehr viel engere Lagerung der Atome der Sternmaterie zu erklären, die in hohem Grade ionisiert ist und deren enorme Anziehungskraft sogar das vom Siriusbegleiter ausgestrahlte Licht merklich beeinflußt. So bietet der Neujahrsstern Sirius als Doppelsternsystem auch dem modernen Astrophysiker eine Reihe wichtiger und interessanter Probleme, die zum Teil noch der Klärung barren.
Inge läuft ins neue Lahr.
Von Geert Bloem.
Ohne sich den Aerger merken zu lassen, nickte Inge einen ganz kurzen, ganz hochmütigen Gruß und wandte sich auf dem Gar- mi,cher Bahnsteig dem ichon absahrtbereiten Zug nach Mittenwald zu. So also verpufften nette Bahnbekanntichasten, am andern Ende des fröhlich spinnenden Schienensadens steht bereits eine aufgedonnerte weibliche Erscheinung auf Posten, das Besitzrecht ihrer Zuneigung durch entsprechende Umarmung nachdrücklich zu bekunden ...
Lächerlich, sich darüber aufzuhalten, wenn draußen Pulverschnee in dicken knirschenden Haufen lag, kein Stein war mehr zu sehen, und von den Tannen stob die schwer gewordene Last in kleinen glitzernden Lawinen.
Inges Augen liefen dem Zug voran und entdeckten immer neüe Gipfel, graue Wolkenschöpfe hingen seitwärts daran, erst knollig voll und schneeschwer, dann wie zerschlissene Fahnen ins Gebläu zerslatternd.
In Mittenwald wurde sie von einem Mann mit Schlitten und Schimmel empfangen, noch ein paar andere versammelten sich um das Gespann, sie konnten Gepäck und Bretteln abladcn und behielten sich nur einen Skistock für den teilweise recht steilen und glatten Aufstieg, der eine Stunde zu der bekannten Hütte führte, dieser hochbeliebten Silvesterstätte rauher Bergfahrer. Und Inge, die dies Jahr kein Geld übrig gehabt hatte, um zu Weihnachten die weite Reise von München nach Norddeutschland zu machen, dachte sich solch ein Skisilvester mit vergnügten Hüttengästen besonders hübsch. Allerdings hatte der wunderliche neue Bekannte int Zug nach Gartnisch andeutend den Kopf gewiegt, er machte diesen Tag auch nicht zu Hause mit. „Ich habe mich in die Berge ausgemacht und suche da ein Silvester eigener Art, ich weiß noch nicht, wo man es findet, wohl kaum bei den Radaubrüdern." Sie hätte ihm den Frieden gewünscht, so wie er ihn suchte, und schließlich ging doch auch sie hierher, um sich aus der Unrast ein Eckchen Frieden zu sichern. Schade, daß ihn die Dicke auf dem Bahnsteig ein kassierte.
Der offene Scheunenraum droben aus der Hütte starrte schon von Schneeschuhen aller Längen und Arten, der festgefrorene Lehmboden war glitschig vom tauenden Eis. Alles sehr düster. Inge stellte in überfüllten Regalen ihre Bretteln ab, — fand man sie aus diesem Tohuwabohu wohl je wieder heil und vollzählig heraus? Unaufhörlich schlug die derbe Tür, die ins Jnnenhaus führte, gleich der Nächste stieß sie mit der Faust oder hartem Skistiefel wieder auf, jedesmal wallte Dunst von Erbsensuppe und scharfem Tabak in einer stechend trüben Wolke hervor. Ein frostrotes Mannsgesicht lachte sie an: „Schau, was wir da noch für ein hüb'ches Haserl dazubekommen haben, nur immer herein in die gute Stube, draußen ist's minder gemütlich." Und er öffnete thr munter die Tür. „ ,
Drinnen war vor allem ein toller Lärm zu bemerken, beschlagene Skistiefel polterten die schmale Holztreppe hinauf und hinunter, daß es dröhnte, und scharrten über die eisüberkrusteten S'einfliescn zwischen Gaststube und Küche. Sie johlten, sangen, lachten und riefen durcheinander nach der Beppi um eine Maß und dem schwarzäugigen Alois um Himbeerwasser. Mitten in der Gaststube auf einem Tisch stand unvermittelt noch die vergessene kleine Tanne von Weihnachten her und hielt ihre lamettaummun- 6enctt Aermchcn hilseflehend und schüchtern in die durchwölkte Luft ihre Lichter waren nicht angetündet. Beklommen staptte Inge nun auch die Stiege hinauf, die derben soldatenmäßigen Stiefel hingen wie Bleigewichte bei jedem Anheben an den Fußgelenken; sie war von Kopf bis Fuß in der „Kluft" und schleppte den Ruckiack an einem Armriemen neben sich her. -fiter, in dem engen niederen Getgtz das fie für eine Nacht bezog, fühlte sie sich wohler, sie kannte schon biete Holzver'chläae. bliüteuber gescheuert und aus gebeiztem finte. schmucklos eingerichtet für todmüde Gäste, die nach ichnee- öurrfi*'ft<-ten Stimörtch-m hier eine kurte Nacht verbringen.
Inges lange Hosenbeine sprangen die knarrenden Stufen
wieder hinab. Silvester ging los. Ein großer Mann, kunterbunt im Gesicht angemalt und mit einem Papierzylinder auf dem Kopf, erschien, warf mit flatternden Konfettischlangcn, daß sich alles darin verwirrte und schüttete dann einen prallgefülltcn Sack Pfeffernüsse über ihren Köpfen aus. Das gab ein lustiges Ge- krabbel und scherzhaftes Balgen um die überall rollenden Aepfel und Pfeffernüsse. Zur Erholung wurde gesungen, sie sangen alle sehr gern und mit großer Begeisterung, aber Inge meinte, sie setzten den Streit um die Psesfernüsse nur noch fort, um recht ausgelassen laut zu sein.
Hier drinnen erstickte man langsam, sie mußte ein bißchen Lust schnappen: zu ihrem Staunen entdeckte sie, daß es drauben sehr hell war, über der dünnen Woltemchicht mochte der Mond wandern, nun hatte das weiße Licht sich gleichmäßig überall hingestreut und schien aus den Schneekristallen hervorzuleuchten. In der völligen Windstille war es nicht sehr kalt. Einen rötlichen Schimmer sah sie deutlich am Hang, vielleicht gab es dort Menschen um eine Feuerstelle. Wie wäre es mit einem Probelauf in die Neujahrsnacht hinein? Ihre Bretteln waren schnell herausgesucht, Klapp, klapp schnappten die Bindungsschnallen, die Stockriemen wurden kunstgerecht um die mächtigen Fausthandschuhe geschlungen, sie machte em paar prüfende Schritte, ungeioohnt nach der langen Zwischenzeit, trat die Laufflächen glatt am festen Schnee und gab schon beglückt der ersten Senkung im Gelände nach, ein Pröbchen auf die kommende wilde Freude. Die Hänge waren glattgesegt vom Wind, aller lose Pulverschnee fortgewirbelt, die gewölbten weißen Flächen sahen aus wie eine endlose lebendig wellende Dünenland schajt.
Die große Stille erschreckte sie nicht, sie tat wohl nach dem quälenden Menschenlärm; kein Laut drang von der Hütte hierher. „Die Welt hält den Atem an", dachte Inge, „und die Stille feiert Altjahresabend!" Sie lief immer weiter weg, schräg in das bergige Gelände, wo Lichtung sie an Lichtung weitergab. Auf ihre weiße Kunst verstand sie sich, schwenkte, stemmte kühne Bogen, sedernd in den Kniegelenken, und zog, hangabwürts sausend, eine stäubende Spur. Manchmal stieg sie hinauf, dem rötlichen Lichte entgegen, das wie der Schein einer Fackel zwischen den Tannen zuckte. „Ich werde den Zorn eines Schmugglers auf mich richten", vermutete Inge voller Neugier, „hier geht überall die Grenze nicht weit, aber was wird er mir schon tun, einem Schneemädel, das hier in der einsamen Winternacht herumläuft, gewiß nicht, um ihn auszuspionieren."
Sie glitt an ein winziges Hüttchen heran, das rohgezimmert aus Tannenstämmen dastand, wie es die Hirten in den Sommernächten zur Unterkunft benutzen, rings am Dach hingen riesige Eiszapfen wie Fransen an der Tischdecke, glasig leuchtend im Schein, der aus schmalgeöffneter Türspalte drang. Zwei Schneeschuhe lehnten an der Außenwand, drinnen unter einer grauen wallenden Oualmwoge sah ein Mann, der Qualm kam zur Tür heraus und stieg schnurgerade in die Höhe. Der Mann hatte einen Mantel um seine Schultern gehängt, vor ihm prasselten Tannenzapfen in einem Feuerbecken. Das war eine eigentümliche Feier. „Darf man herein?" bat sie schüchtern. Der Mann sprang aus und erkannte sie sofort. „Warum sind Sie denn aus dem Bahnsteig weggelaufen. Sie kleiner Ausreißer?"
„Oh, Sie?! Ist die merkwürdige Dame aus Garmisch hier in der Nähe?"
„Keine Sorge! Wenn Sie mir ein bißchen kameradschaftlicher geholfen hätten, wäre es mir sicher schon eher gelungen, sreizu- kommen."
Inge stand mit halber Skilänge in der Tür, ungefragt nestelte er die vereiste Bindung auf. „Die Dame, vor der Sie ausgeriffen sind, war die Schwester eines Freundes, die leider eine uner- wün'chte Schwäche für mich hat, wahrscheinlich erfuhr sie durch ihn. daß ich mit dem Zuge kam, da wollte sie mich für die Gemütlichkeit bei ihr daheim sestlegen. Aber ich bin lieber in die Berge gegangen."
„Eine schöne Kerze haben Sie da!" sagte sie, trat näher, gebückt, damit ibr Kopf nicht in den gestauten Qualm unter der Hüttendecke geriet. Als sie ihre Hände gegen das Feuer streckte, sagte er, daß er schon stundenlang unterwegs gewesen sei, um im dünn verschneiten Dickicht Tannenzapfen zu holen, ein paar Rucksäcke, aus dem Haufen in der Ecke griff er Hände voll aus und schüttete sic in die aufpraflelndcn Flammen,'und wenn fie. Inge, nicht gleich sortgelaufen wäre, hätte er sie aus dem Trubel ihrer Hütte geholt.
„Hier ist es friedlich! Da brennt unsere Kerze, die bald um Mitternacht das Licht des vergangenen Jahres weitergeben wird an das kommende."
Er meinte vergnügt: „Ja, unsere", schwang seinen Mantel ab, den er um ibre Schultern legte, von vorn kam große Wärme, rückwärts drang Kckte herein. Dann stellte er einen Kessel auf das Feuer, das die Eitenwände schwarz anblakte, entnahm seinem Ruckteck eine Flasche Rotwein, schüttete sie ein und tat Zucker dazu! Das duftete! Inge kauerte ganz stumm und entzückt am Feuer. Er nabm ihre klammen Finger zwischen seine Hände und rieb sie heftig, daß es wehtat. „Wenn's nicht bald Neujahr schlägt —", und er lauschte besorgt zur Hütte hinaus, „da kocht es leider schon!" Er hatte nur einen Becher da, mit dem schöpfte er den dampfenden Wein. „Trinken Sie doch!" — „Ach, heiß!" Sie lachte fröhlich, der Wein im Becher kühlte bald. Genau als der letzte Tropfen ans dem Kessel getrunken war, Gruß an das alte Jahr, bas sich so unerwartet freundlich verabschiedete, — da klimperte ein dünnes Glöckchen kleine verfrorene Töne aus fernem Tal. Sie zählten beide mit angehaltenem Atem: zehn, elf,
zp>öls." Und teMHf-'iten einander kräftig die Hände. Es siel ihnen ein, daß sie noch nicht einmal die Namen voneinander wußten.


