Diese Flammen, sie brannten leuchtend, rein und helll Keine finstere Gluth, kein Gedünst, keine bangen Dämpfe verunreinten sie je, die lautre, keusche Flamme, die ja niemandem noch so rein und verklärend leuchtete rote uns, deshalb auch niemand von ihr ivisscn kann. — Deine Liebkosungen — sie sind die Krone meines Lebens, die wonnigen Rosen, die mir aus dem Dornenkranze erblühten, mit dem mein Haupt einzig geschmückt war. Nun bin ich stolz und glücklich! Kein Wunsch, kein Verlangen! Genuß, höchstes Bewußtsein, Kraft und Fähigkeit zu Allem, zu jedem Lebenssturmei — Nein! Nein! Bereue sie nicht! Bereue sie nie! —
Rainer Maria Rilke.
An Clara Rilke.
Capri, Villa Discopoli (Italien), am 1. Januar 1907.
Der heutige Morgen sing so strahlend an, nun wird ein grauer Tag daraus,- aber zuerst war ein Glänzen wie von einem ganz neuen, nie gebrauchten Jahr. Und die Nacht war eine Helle, ferne, die über viel mehr als nur über der Erde zu ruhen schien,- man fühlte, daß sie über Meeren lag und weit drüber hinaus über dem Raum, über sich selbst, über Sternen, die ihren Sternen entgegensahen aus unendlicher Tiefe. Das alles war in ihr gespiegelt und von ihr über die Erde gehalten und schon kaum mehr gehalten: denn es war rote ein beständiges Ueberfließen von Himmeln.
Ich dachte, es würde vielleicht eine Mitternachtsmette geben, und ging nach elf Uhr aus,- die Gassen und Steige zwischen den Mauern lagen lang da, wie abgenommene hingebreitete Fahnentücher, schwarz-weiß, aus einem Streifen Mauerschatten neben einem Streisen Licht: denn es war die erste Nacht nach dem vollen Monde, und er stand ganz hoch im Himmel und überschien scharf alle die Sterne, so daß nur da und dort ein entfernter ganz großer so stark flatterte, daß etwas Dunkelheit um ihn entstand. Wie blendeten die beschienenen Mauerränder, wie war das Laub der Oliven ganz jaus Nacht gemacht, rote ausgeschnitten aus Himmeln, älteren,j nicht mehr benutzten Nachthimmeln. Und die Berghänge sahen sb mondhaft verfallen aus und ragten aus den Häusern empor rote Unbewältigtes. Und die Häuser waren dnnkel, und wo die Holzperstanen nicht vorgezogen worden waren, hatten die Fenster den fahlen, durchscheinenden Schein blinder Augen. Aus der kleinen Piazza endlich, unter dem Uhrturm, stand ein Hausen junger Capresen in Verabredung. Auf einem kleinen Kaffeehaus, das, rot verhangen, in die finsterste Ecke eingefügt war, kam dann und wann das ungeduldige Aufrasseln eines Tamburins. Ein Torbogen überspannte eine enge Gasse, die aufwärts führte, und griff ein Stück Himmel herein mit seiner Wölbung und hielt es ihr an. Ein Schritt in Holzschuhen klappte die Häuser entlang, die Uhr hob an und schlng das letzte Viertel vor Mitternacht ...
Und nun wollen wir glanben an ein langes Jahr, das uns gegeben ist, neu, unberührt, voll nie gewesener Dinge, voll nie getaner Arbeit, voll Aufgabe, Anspruch und Zumutung,- und wollen sehen, daß wirs nehmen lernen, ohne allzuviel fallen zu lassen und von dem, was es zu vergeben hat, an die, die Notwendiges, Ernstes und Großes von ihm verlangen... Guten Neujahrsmorgen ...
Neuiab'6 7ern Sirius.
Von Dr. Erwin Kossinna.
Wir kennen alle den gleißenden, unruhig funkelnden Sirius am winterlichen Südhimmel, den Hauptstern des großen Hundes, der nach einer uralten Sage in Ewigkeit dem Jäger Orion auf seiner Himmelsbahn folgen muß. Weniger bekannt ist die Beziehung dieses hellsten Fixsternes zu unserer Zeiteinteilung, insbesondere zum Jahresanfang. Wenn in der Silvesternacht die Zeiger der Uhr auf Zwölf rücken, das alte Jahr verrauscht und die Glocken das neue Jahr einläuten, erreicht Sirius den höchsten Punkt seiner scheinbaren Bahn am Himmel. Er kulminiert, wie man zu sagen pflegt, und überschreitet den Mertdan gerade um Mitternacht. Zwar findet dieses Ereignis, genau genommen, in den östlichen Provinzen des Reiches etwas vor, in den westlichen etwas nach Mitternacht mitteleuropäischer Zett statt, doch sind diese geringen Abweichungen lediglich eine Folge unserer Einheitszeit. Wir dürfen daher mit Fug und Recht Sirius als den Neujahrs st ern bezeichnen. Zu Beginn des Jahres beherrscht er als hellster aller Fixsterne den Südhimmel, und wenn nicht neidische Wolken ihn verdecken, ist sein Anblick in dieser günstigen Stellung von besonderer Pracht. Wie das „Feuer" eines Diamanten funkelt fein rein weißes Licht durch die Winternacht.
Nicht immer war der Sirius Neujahrsstern in diesem Sinne, denn unser Kalender, der gregorianische, besteht erst fett 1582. Bet den Griechen und Römern des Altertums, die bekanntlich nach Mondjahren rechneten, fiel Neujahr tn den Monat März. Erst im Jahre 154 v. Chr ver'chob sich der Jahresanfang, der mit der Amtsübernahme der neugewählten römischen Konfnln zu- fammenhing, auf den 1. Januar. Die Kirchenversammlung zu Nicäa im Jahre 825 n. Chr. bestimmte, daß die Frühkingsnacht- gleiche stets auf den 21. März fallen tollte, wodurch auch der Jahresanfang endgültig festgelegt wurde und gegenwärtig mit der Kulmination des Sirius um Mitternacht zusammenfällt.
Zeigt uns somit Sirius durch feine Stellung am Himmel den Begsnn des neuen Jahres an. fo verdanken wir der sorgfältigen Beobachtung dieses Sterns durch die alten Aegypter auch die erstmalige genaue Ermittlung der Jahreslänge. Für kein Volk des Altertums war die Kenntnis der Jahreslänge von so lebens- w'ch'iger Bedeutung wie für die Aeanpter. Galt es doch, die allsommerlich mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks eintretende
Niküverschwemmung vorauszusagen, von der das ganze wirtschaftliche Leben des Landes abhing. Schnen, fast plv^rich, tritt Mitte Full der Nil über seine Ufer und überflutet weite Sirenen, das Tal in einen See verwandelnd. Da gilt es, rasch fein Eigentum vor den herankommenden Fluten zu bergen. Born Oktober an geht das Wasfer wieder zurück und hinterläßt den fruchtbaren Schlamm, der zwei- und dreifache Ernten ermöglicht. Schon in grauer Vorzeit, mindestens seit 4000 v. Ehr., war die Nttstut iorg- fältig geregelt und für die intensivste Bebauung des Landes ausgenutzt. Soioeit das kostbare Naß geleitet werden kann, reicht die grüne Ackerflur, hart daneben beginnt die öde, kahle Wüste.
Jahrhunderte lange Beobachtung des Sternenlaufs hatte die ägyptischen Priester gelehrt, daß die Nilüberschwemmung jeweils mit dem Frühausgang des Sirius zusammensiel. Bekanntlich ist Stricks des Abends nur int Winter und im ersten Frühlingsmonat April sichtbar. Anfang 911 ai verschwindet er tn der Abenddämmerung, um erst wieder im Juli am Morgenhimmel zu erscheinen. Im alten Aegypten war nun der Tag, an dem Sirius srühmorgens gleichzeitig mit der Sonne über dem Horizont erschien, von größter Bedeutung. Sirius kündete das Kommen der Nilflut. Es muß eine feierliche Stunde gewesen sein, wenn die Priesterschaft sich vor dem Bilde der Sothtsgottheit versammelte, um den Frühaufgang des Sothis, wie Sirius bei den Aegyptern hieß, zu beobachten.
No^ ist es dunkel. In der trockenen, klar durchsichtigen Wüsten- luft flimmern zahllose Sterne in einzigartiger Pracht über dem i ägyptischen Lande. Nur ganz kurz ist die Morgendämmerung. Da erscheint plötzlich Sothis, der Funkelnde, roeißblitzend über dem Horizont und gleich darauf geht die Sonne strahlend auf. In manchen Pyramiden scheint die Anlage besonderer Gänge, die nach dem damaligen Aufgangspunkt des Sirius zeigten, darauf hinzu- roeiien, daß man auch von hier den Frühaufgang dieses Sterns beobachtete. Nach dem heliakischen, daß heißt gleichzeitig mit Helios, der Sonne, erfolgenden Aufgang des Sirius bestimmten die Aegypter die Jahreslänge zunächst zu 365 Tagen. Das Jahr begann mit dem Tage des Frühaufganges des Sirius. Als Neu- jahrsstern, der den Jahresbeginn und den Eintritt der Nil- über,chwemmung anzeigte, wurde Sirius in Gestalt des Sothis- gottes von den Aegyptern besonders verehrt. Längere Beobachtungen des heliakischen Aufganges des Sirius ergaben nun, daß dieser sich in vier Jahren stets um einen vollen Tag verschob, und man erkannte alsbald, daß die wirkliche Jahreslänge 365% Tage betrug. Diese Berechnung der Länge des Sonnenjahres ist in Aegypten weit früher als in andern Ländern gemacht worden. Da man aber den Vierteltag im ägyptischen Kalender nicht berücksichtigte, rückte der Jahresanfang in einem Zeitraum von viermal 365 ober 1460 Jahren durch alle Jahreszeiten hindurch bis zu seinem ursprünglichen Ansangstag zurück. Es wiederholte sich daher in 1461 ägyptischen Jahren die Nilflut nur 1460 Mal. Den Zeitraum von 1460 Sonnenjahren nennt man nach dem Sirius oder Sothisstern die Sothisperiode. Ihre Länge ist aber geringen Schwankungen unterworfen. Nach Zinner fiel der Beginn des ägyptischen Jahres mit dem Frühaufgang des Sirius zusammen in den Jahren 4228, 2770, 1314 vor Christus und 141 nach Christus.
Neben den Aegyptern, für die Sirius als Neujahrsstern und Künder der NilfliU von größter B"d->ntung ronr. erwiesen auch die andern großen Kulturvölker des Altertums diesem Stern eine besondere Verehrung. So heißt es bei den Persern im achten Opfergesang der „Avesta": „Den prächtigen Tischtrya-Steru ver- ihren wir, den weißen, der von ferne mit seinen lichten, makellosen Strahlen ausstrahlt, der in Gestalt eines nlän-enden. klaräugigen Mannes im Lichtstrahl schwebt, der in Gestalt eines weißen Rostes mit goldfarbigen Ohren und goldenen Zügeln im Lichtstrahl schwebt, der bei seinem Aufgang dem Land Gntjahr sowohl als auch das Mißjahr bringt." Hier wird also dem Sirius ein groß-r Einfluß auf den Ausfall der Ernte zugechriege,,.
Die Römer benannten Sirius nach dem ägnptifchen Gott Osiris. Daneben führte er noch den Namen Canienla ober Hundsstern. Beide Bezeichnungen haben sich bi« heute erhalten. Nach dem Hundsstern nennen wir die heißeste Zeit des Jahres die Hundstaoe. Sie dauern von Wi'te Juli bis Mitte August, wenn nämkicb die Sonne im Sternbild des Löwen steht, und gleichzeitig mit Sirius, dem Hundsstern, aufgeht.
Jahrtaufende lang haben die Menschen die Sterne bewundert und ste zur Zeitbestimmung genau beobachtet Dem modernen Menschen aber genügt es nicht, die Himmelserfcheinungen zu bewundern und sie lediglich praktischen Zwecken der Zeitmessung j dienstbar zu machen. Er will in das Wesen der Dinge eindringen und verflicht, mit dem ganzen Rüstzeug nr>n Wissenschaft und Technik verfehen, die Raffel der Sternenwelt zu förcn. Er hat die Entfernung des Sirius d"rch langsghrige Mestiuwen bestimmt und auch die physikalischen Verhältnisse dieses Sterns weitgehend erfordert Sirius ist van uns 550 OOOmat weiter entfernt als die Sonne. Rund 83 Bill'-men KiGmeter trennen uns von ihm, und fast neun Jahre ist fein Licht unterwegs bis es die Erde erreicht. Trotzdem ist Sirius der nächste in Europa mit freien Auae sichtbare Firstern. Die andern Hellen J-irsterne sind ans- nahmskäs viel weiter entfernt. Dem verlwltmisnwfug geringen Abstand ist haunffächlich die arohe fcheinbare Welligkeit des Siri"s znzufchreiben. Denn er gehört keineswegs zu den Lichtriefen wie beifnielswefse die Orionsterne. Immerhin strahlt er 27mal fo viel Licht und W'rm» ans wie die Sanne. welche in feiner Entfernung nur als Stern zweiter Gröhe eT-tch-in-n würde, schwacher als die Gsti-relsterne des <^rin” Im Vergleich an- Saniwutem- von 10 000 bis 11000 Grad. Sein Durchmesser berechnet sich zum


