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________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1955 Freitag, -en 29. Dezember Kummer <00
Auf eine Christblume.
Bon Eduard M ö r i k e.
Im Wtnterboden schläft, ein Blumenkeim, Der Schmetterling, der einst um Busch und Hügel In Frühlingsnächten wiegt den samtnen Flügel: Nie soll er kosten deinen Honigseim.
Wer aber weiß, ob nicht sein holder Geist, Wenn jede Zier des Sommers hingesunken, Dereinst, von deinem leisen Dufte trunken, Mir unsichtbar, dich Blühende umkreist.
Salve zum neuen Jahr!
Neujahrsbriese deutscher Meister.
Zusammengestellt von Otto S ch a b b e l.
„Salve zum neuen Jahr", so schließt knapp und beinah sachlich ein kurzes Billett, daß Schiller zur Begleitung eines Buches an Goethe schrieb, am Silvesterabend 1795, eines Jahres, das die beiden Dichterfreunde begonnen hatten mit dem Versprechen, es zuzubringen, wie sie das vorige geendigt hatten: „mit wech- selnder Teilnahme an dem, was wir lieben und treiben. Wenn sich die Gleichgesinnten nicht anfassen, was soll aus der Gesellschaft und der Geselligkeit werden." „Ich freue mich in der Hoffnung, hatte Schiller damals, am 3. Januar 1795, noch hinzugefügt, „daß Einwirkung und Vertrauen sich zwischen uns immer vermehren werden."
Wenn wir selbst „jahreswendig" werden, gestimmt zu tiefer Besinnung, nachdenklichem Fazit, hoffendem Ausblick ins kommende Jahr, dann ist es voll besonderer Reize, in Vriesbänden zu blättern, die uns aus der Hinterlassenheit starker und schöpferischer Persönlichkeiten überkommen sind. Zu blättern und Halt zu machen bet den Seiten, wo auch sie, von der Seelenstimmuug des scheidenden Jahres ergrtfffen, rückhaltsloser als sonst wohl in Zwiesprache mit sich oder dem vertrautesten der Freunde einen tiefen Blick in ihr Innenleben gestatten. Hier sind einige solcher Seelenbekenntnisse, Ergebnisse einsamer, festlich erhabener Jahres- wendenstundcn, ausgeivühlt unter dem Gesichtspunkt des besonders Charakteristischen für die Geisteswelt der einzelnen Persönlichkeiten. Hier nun sprechen sie selbst.
Schiller an Goethe.
Jena, 2. Januar 1798.
Es soll mir ein gutes Omen sein, daß Sie es sind, an den ich zum erstenmal unter dem neuen Datum schreibe. Das Glück sei Ihnen in diesem Jahre ebenso hold als in den zwei letztvergangenen, ich kann Ihnen nichts Beßres wünschen. Möchte auch mir die Freude in diesem Jahre beschert sein, daß Beste aus meiner Natur in einem Werke zu sublimieren, wie Sie mit der Ihrigen es getan. Ihre eigene Art und Weise, zwischen Reflexion und Produktion zu alternieren, ist wirklich beneidens- und bewundernswert. Beide Geschäfte trennen sich in Ihnen ganz, und das eben macht, daß beide als Geschäfte so rein ausgeführt werden. Sie sind ivirklich, solang Sie arbeiten, im Dunkeln, und das Licht ist bloß in Ihnen, und wenn Sie anfangen zu reflektieren, so tritt das innere Licht von Ihnen heraus und bestrahlt die Gegenstände Ihnen und andern. Bei mir verwischen uch beide Wirkungsarten und nicht sehr zum Vorteil der Sache ...
Goethe au Schiller.
Es ist mir dabei ganz wobl zuinute, dast wir zum neuen Jahre einander so nahe sind: ich wünsche nur, daß wir uns bald wieder seben und einige Zeit in der Kontinuation zusammen leben. Ich möchte Cvfijten manche Sachen Mitteilen und vertrimm. damit eine gewisse Epoche meines Denkens und Dichtens schneller zur Reise komme ...
W e i m a r, am 3. Januar 1798.
Friedrich Hebbel
pflegte mit eiserner Konsequenz auf der Silvesterseite seiner Tagebücher eine sehr genaue geistige Bilanz des vergangenen Jahres zu ziehen. Selten war er so »nmirtelbar der reinen Stimmung hingegeben, wie im nachfolgenden:
1842, den 1. Januar, abends 10 Uhr.
Da steht das Datum! Aber, was ich hineinschreiben soll, weiß ich ivirklich nicht. Statt alles übrigen steht hier am besten das Wort Vertrauen. Ja, Vertrauen! Mit Vertrauen will ich da»
^ahr anfangen, denn daran fehlt es mir oft gar sehr. Gott, du weißt es: ich bitte dich nicht um Tand, nicht um Ehre und Ruhm, so schmerzlich man den letzteren freilich in einer Welt voll bekränzter Lumpen entbehrt, nicht um Ueberfluß, nur um Fortdauer der inneren und äußeren Existenz, nur um das, was zu meiner und meiner Teuersten Erhaltung notwendig ist, und um deinen Segen für mein geistiges Leben. Darum will ich auch glauben, daß du mich erhören wirst!
Theodor Fontane.
Berlin, den 31. Januar 1890. Meine liebe, gute Mama!
Eben habe ich den Vers durchgelesen, womit Emilie ihren Brief geschlossen hat, und fühle infolge davon eine so entschiedene Lähmung meiner Kräfte, daß ich nicht weiß, was aus diesen Zeilen werden soll. Vielleicht komm' ich darüber weg, namentlich wenn ich bedenke, daß der Sack mit Pfeffernüssen (für den ich aller- schönstens danke) neben mir liegt.
Die Festlichkeit gestern war eigentlich eine völlig verfehlte Affäre, da sich alles in zwei Heerlager geteilt hatt: in Grippe Habende, die weggeblieben waren, und in Grippe Kriegende, die bitterlich froren und eigentlich nur einmal den Ausdruck natürlicher Heiterkeit annahmen — als die große Kutsche vorfuhr, die sie abholte: sie wohnen nämlich alle auf einem Klump in der Link- und Schellingstraße und hatten sich deshalb zu einer gemeinschaftlichen Chaise aufgeschwungen. Auch mir schmeckt alles heute erst. In der Regel sind unsere Gäste sehr heiter und animiert bei uns: dennoch stimmen Emilie und ich darin überein, daß es angenehmer ist, Gast als Wirt zu sein. Namentlich auch hilliger.
Die Kälte ist seit gestern geradezu unanständig, und neben dem Wunsche, beim Einzug in Peking zugegen gewesen zu sein, erfüllt mich jetzt überwiegend die Sehnsucht nach Kairo, Nil, Pyramiden und —30 Grad Wärme. Aber statt der Pyramiden, um doch auch mal einen geistreichen Anlauf zu nehmen, hat man die Sphinx vor sich, die Rätselsphinx des neuen Jahres.
Da wären wir denn beim neuen Jahre glücklich angelangt, und den herzlichsten Glückwünschen für dasselbe stellt sich weiter nichts in den Weg. Erhalte Dich Gott Deinen Kindern und Deine Kinder Dir. Erlebe außerdem so viel Freude an ihnen, wie man an Menschen erleben'kann, was nicht allzuviel ist, denn die Menschen taugen nichts, und auch die besten sind Package. Eine Ausnahme macht meine Frau, die darauf dringt, daß ich dies eigens hervorhebe. Ich tu' es mit Vergnügen. Uehrigens ist sie, unberufen und unöeschrien, recht gut. Ich mache sie nicht schlimmer. Mit diesem Wunsche und unter Wiederholung der herzlichsten Wünsche für Dein und Schwester Lieschens Wohl, wie immer
Dein Theodor.
Richard Wagner
ist ganz erfüllt von der Seelentragödie des „Tristan", als er nach dem Erlebnis auf dem grünen Hügel in Zürich ein einsames Asyl in Venedig gefunden hat und hier am Neujahrsmorgen der Frau einen Brief schreibt, die mit ihrer Liebe und ihrem Verständnis das Drama von „Tristan und Isolde" miterlebt und befruchtet hat: Mathilde Wesend on k.
1. Januar 1859.
Nein! bereue sie nie, diese Liebkosungen, durch die Du mein dürftiges Leben schmücktest! Ich kannte sie nicht, diese wonnigen Blumen, dem reinsten Boden der edelsten Liebe entblüht! Was ich als Dichter geträumt, mußte mir einmal so wundervoll wahr werden: auf den gemeinen Boden meines irdischen Daseins mußte dieser zartbelebenöe und verklärende Wonnethau einmal fallen. Ich hatte es nie gehofft, und nun ist mir, als hätte ich es doch gewußt. Nun bin ich geadelt: ich habe den höchsten Ritterschlag erhalten. An Deinem Herzen, in Deinem Auge von Deinen Lippen — ward ich der Welt enthoben. Jeder Zoll an mir ist nun frei und edel. Wie mit heiligem Grauen vor meiner Herrlichkeit durchschauert mich das Bewußtsein, von Dir in so ganzer Fülle, so süß zärtlich und doch so innig keusch geliebt worden zu sein! — Ach, noch athme ich ihn, den zauberischen Duft dieser Blumen, die Du mir von Deinem Herzen brachest: das waren nicht Keime des Lebens: so düsten die Wunderblumen des himmlischen Todes, des Lebens der Ewigkeit. So schmückten sie einst die Leiche des Helden, ehe sie zu göttlicher Asche gebrannt wurde: in dieses Grab von Flammen- und Wobldüsten stürzte sich die Liebende, um ihre Asche mit der des Geliebten zu vereinigen. Nun waren sie Eines! Ein Element! Nicht zwei lebende Menschen: ein göttlicher Urstoff der Ewigkeit! — Nein! bereue sie nie!


