den Erde.
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Das ist so: jede Nacht zu unbestimmter Zeit wandert durch die wenigen Räume der Wagenschanzwerke ein Mann mit verwirrtem Haar, in Hemd und Hose, ein paar uralte, ausgetretene Fnz- pantoffel an den nackten Füßen. Dies hier ist der Packraum, mit Material angetürmt bis unter die Decke, hier möchte alles ein= gewickelt und adressiert werden, in Kisten und Pakete. Ein Zimmer weiter, beinah ein kleiner Saal, findet der Mann ttt der Nacht eine Art Stapelei, Berge von Seife, Eishaarwaßer rn zierlich geschliffenen Gefäßen, viel zu teure Aufmachung. D,c Taschenlampe blitzt über Silber und ein tiefes Blau. Es duftet betäubend, ein nusgewählter Geruch, der sich an jedem Körper verwandelt. Die Schönheitskreme in vielen zehntausend Tuben. Das liegt hier und wartet, ob man die Leute zwingen kann, es zu kaufen. Von selber kaufen sie es nicht. Von selber kaufen sie, Kartoffeln und Brot. , , . ,
Der Nachtwandler betritt das Arbeitszimmer von Fräulein Reubold, hier hat der neue Erotikonduft sich schon zauberhaft verändert, es liegt iit der Luft. Fräulein Reubold schreibt an Berühmte Künstler und wählt in den Entwürfen, sie befindet sich im Auto viel auf Reisen, zu Händlern und Vertretern. Sre ist fütbtiö
Gut hat es, wieder nebenan, der Kandidat Kieselbach. Seine Bomben sind konstruiert, man wird sie werfen: ob sie einschlagen, geht vor allem den Doktor Wagenschanz an. Diese beiden verlangen pünktlich ihre Gehälter. Wie das herbeigeschafft werden soll, das geht auch nur den Doktor Wagenschanz etwas an. Augenblicklich im allgemeinen Stillstand zahlt er einfach gar nichts, Hände in die Hosentaschen, das Geld wird anderweitig gebraucht, seht zu, wer euch was pumpt! Es kommt ihm nur darauf an, baß seine Firma die nächste Zeit übersteht, auch wenn darüber seine Mitarbeiter krepieren. Das ist ihre Sorge, haha!
Quer über den Hof ins alte Spinnewebengemäuer der Farbenfabrik. Es bläst und regnet schräg über den Hof. Es wäre viel bester, zu schlafen. Hier hat man aus zwei Zimmern einen Saal gemacht. Fabrikation. Hier stehen bei Tag fast dreißig Arbeiter an den Tischen nnd Bottichen, drangvolle Enge, wir haben kernen Platz. Zweihundertvierzig Arbeitsstunden pro Tag, Ueberstunden dazu, beinah fünfzehnhundert in der Woche. Das schafft, das haut in die Finanzen, das stapelt Vorräte auf, das verbraucht tonnenweise die Rohstoffe. „Ihr begreift", sagt Anton zu den Schatten, die am Tage hier werken, „ihr müßt verstehen, das alles kostet viel zu viel. Ihr habt seit vierzehn Tagen keinen Lohn mehr bekommen. Ihr seid aber ein, es geht hier nicht um Geld."
„So? Um was geht es denn sonst", erbosen sich die Schatten, „als daß Sie Geld verdienen wollen?"
Verantwortlich: l)r. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fcheUniversitäts-Duch- undSteindruckerei. 2l. Lange, Gieße...
„Ich kann es nicht sagen. Es hängt ganz eng mrt dem Leben- müssen zusammen, ich kann es nicht genauer erklären.
„Dann wollen wir es Ihnen mal erklären, Herr Doktor, was Sie darunter verstehen!" murrte einer der schatten. „Sie sind gestern in Schierke gesehen worden. Sie ließen sich von der feinen Dame hinausfahren, aßen und tranken das Teuerste, Sie rauchten eine Importe dazu. Dem Kellner gaben Sie dreißig Mark, er brauchte nichts herauszugeben. Sie wollen sich imponieren.
„Es war Sonntag", verteidigt sich Anton. „Uebrigens muß ch mir imponieren. Sonst mache ich hier die Bude zu und setze mich bei Mutter hinter die Theke. Da werde ich auch satt.
Die Schatten toben durcheinander. „Und wir müssen Brot haben, damit wir uns imponieren können. Womit sollen rott unsre Kinder satt bekommen? Wir haben schon unsre Frauen zum Waschen weggeschickt. Ist das etwa ein Zustand, daß man für ehrliche Arbeit nichts bezahlt bekommt?"
Dies alles sagt der Mann nicht, oder er murmelt es halblaut, oder er denkt es vielleicht auch nur. Im nächsten Raum klappern am Tag die Füllmaschinen, jetzt steht das alles stumm im Wege, läßt sich von den Lichtfetzen nächtlicher Straßenlaternen bescheinen, und in diesem untätigen Zustand sagt es böse Ereignisse voraus. Bet Tag dagegen mit dem Rasteln und Stampfen steht alles so mutig aus.
Der ruhelose Mann wandert in das Schreibzimmer, wo die beiden Schreibmaschinen unter ihren unförmigen Holzkasten stehen. Er schlägt eine Mappe auf und liest mit der Taschenlampe, bitten wir Sie höflichst, sich mit der Zahlung noch kurze Zeit gedulden zu wollen, bis wir unsere Außenstände hereingeholt haben."
Das klingt nicht gut.
Diese Zimmer waren in früheren Zeiten viel zu groß, für die Farbenfabrik Johannes Leer, ein alter Kasten dies Haus, die Steinmauern zu dick, kaum zu Heizen. Jetzt eignen sich die kalten Wände, an ihnen entlang Zehntausende von Prospekten und I Werbeschreiben aufzubauen.
Wieder ein neues ^Zimmer, seines, das Laboratorium, der Küchentisch am Fenster dient Anton als Arbeitsplatz, mit Papieren übersät, die Lampe brennt. Er, der Sohn der Grünkram- Händlerin, hat gestern abend einen Kredit von funfzigtausend Mark bekommen, zur Bezahlung von Rohstoffen angeblich, und zum geringeren Teil für seinen Werbefeldzug. Aber als Sicherheit mußte er der Bank seine ganze Fabrik überschreiben. Nun denn: Trommel gerührt!
Der letzte Raum ist mit leeren Flaschen und eisernen Fässern vollgestopft, dazwischen hineingeklemmt ein Feldbett mit unordentlichen Kissen und Decken. Es steht nicht gut aus. Von der prächtigen Siebenzimmerwohnung ist nichts zu bemerken, hier räumt Elli auf, kein galonierter Diener hilft dem gnädigen Herrn in den neuen grauen Anzug, letzter Schick, der an einer Kiste über den Bügel gehängt ist. Das Feldbett kracht. Anton liegt da und starrt zu den Kringeln der Latcrnenlichter, die an der Decke tanzen. Zahlen. Rechnungen. Mahnungen. Drohungen. Er wagte noch etwas zu unternehmen in dieser Zeit, die Leute drängten sich um ihn, jetzt fangen sie an, ihn zu bedrängen, es wird ihnen unheimlich. Er tut kein Auge zu. Es ist gut, daß mau nur steil hinauf oder hinunter kann. Einerlei, sagt er sich, ich habe es jetzt heraus, wie man es macht, und wenn dies hier zusammenkracht, Pläne für etwas Neues sind schon da, am nächsten Tage geht es los!
Aber das sagt er sich mit Mühe.
Ein Wecker lärmt, wie um Tote im Grabe zu erschrecken. Der Mann fährt schwer auf, hat offenbar doch geschlafen. Der Herr Fabrikant schlurft in sein Laboratorium und stellt einen Top Wasser über den Bunsenbrenner. Dreht die Kaffeemühle. Zieht den schicken, grauen Modeanzug an. Verwandelt sich binnen einer halben Stunde aus einem entmutigten und überschuldeten Kleinbürger in einen smarten und zuversichtlichen Unternehmer, der sich einen Dreck um die schwierigen Zeiten kümmert.
Um sechs pocht Rosemarie ans Fenster. Reisefertig in dickem Flauschmantel. Den hat Anton ihr geschenkt. Keinen Widerspruch, bitte, er gehört Ihnen. Er sollte ihr lieber das Gehalt auszahlen. Sie duftet nach Seife, am Geruch erkennt er, welche Sorte sie benutzt, Wagenschanz-Erzeugnts.
Eine fröstelige Winternacht draußen, noch kein Schimmer von Tag. November. Früharbeiter trotten an ihre Beschäftigung, Atem- ranch vor den Lippen. Anton trägt einen bejahrten Schafpelz, Kriegsprodukt, dieser Pelz schob Wache in Kurland und paßt eigentlich nicht ganz zu dem taubengrauen Wagen, der jetzt blitzeno mit gepflegtem Lack aus seinem Schuppen rollt, Nase nach Osten. „Sie haben die Mappe mit den Entwürfen? Ihre Autopaplere? Handtuch und Seife? Den Karton mit frischer Wäsche für michc
„Alles da, Herr Wagenschanz."
„Avanti Savoja!"
Sie fahren nicht im offenen Wagen, die Kühlerhaube ist äuge« klappt, trotzdem stößt der Novemberwind durch alle ffuflen, »er Sturm übermäßig schneller Fahrt. Fünf Stunden bis Berlin, in der Nacht müssen wir wieder zurück fein. Das Mädchen halt nm dicken Pelzhandschuhen das Steuerrad umfaßt. Wenn Rosemarie fahren kann, dann ist alles gut, diese Macht über die vorbeigc- riffene Landschaft verleiht ein Ueberwindergefühl.
I (Fortsetzung folgt.)
lein, »les Wunder des deutschen Geistes, um Sie zu widerlegen."
Ein guter Einwand, Rojemarie", erkennt Peter an, „Goethe ist am deutschen Himmel kein Wunder. Er ist ein Rätsel. Dann streicht Peter sich über die Stirn. „Die Völker entwickeln sich auf eine starre und einseitige Art, die nach Jahrtausenden gemessen wird und nicht nach den zwei, drei Jahren, die uns noch vom . Erstükeri^ U immer ihnll, denkt Rosemarie mit einer immer heftigeren Auflehnung, ,alle Schwankungen schwankt er mit. vor einem Jahrzehnt soll er für den Weltfrieden begeistert gewesen sein und vor einem Jahrfünft war er ein glühender Anhänger der Verständigung, er Hai immer unrecht behalten, seine Borau-- sagen trafen nicht ein, und nun erbricht er dm allgemeine Hoffnungslosigkeit und macht eine Meinung daraus.
Ein Schluck Sekt, höchst genießerisch über die Proletenlippen. „In Ihrem geistigen Paradies", meint Anton nachdenklich, „furchtet man offenbar die irdischen Erschütterungen, jedenfalls halt man sich dort für berechtigt, gediegene irdische Zustande zu beanspruchen. Die Frage, ob ich an Deutschland glaube, beantworte ich nicht, ich habe zu viele Redensarten darüber gehört. Es kann sein, daß es ans dem Leim geht, mit Ihrer Selbstmordphilosophie bestimmt. Ich halte es für besser, daß man in Seelenruhe sein Haus ausbaut, als werde es ewig stehen bleiben — und sollte es schon morgen in einem Erdbeben niederbrechen, so fange ich übermorgen wieder von vorne an und rege mich nicht darüber aus.
Das sei nun die Philosophie der Ameisen, stellt Peter gering- schätzig fest. Ein Windstoß fährt durch den Fensterspalt und bläht die Gardinen, feucht kommt der Nebelatem der Herbstnacht herein. Rosemarie schließt das Fenster. Von hier aus blickt man über eine Menge Dächer, über glitzernde Lichter und über ein Stuck der Ebene. Diese Häuser und Fabriken, diese Tonhallen und Museen, die Lichter, Felder, Eisenbahnen wurden von Menschen geschaffen, die blind aufs Morgen losbauen, vyn Männern zumeist, sie^hatten Geld oder keines, jedenfalls machten sie welches, tedmlfalls zeugten sie Kinder und sicherten ihre Frauen vor der Not. Mehr taten sie nicht, aber das taten sie. Sie fluchten, wenn es arg herging, aber ,IC Warum mußte^Peter Schönlein erst von seiner Frau und dann von itzr Rosemarie, im Stich gelassen werden? Es ist em banges Gefühl, sich diesen Männern auszuliefern, die Städte und Fabriken erbauen, obwohl die Städte zerfallen oder ttt Kriegen z e r stört werden, Fabriken, die stillgelegt werden. Sie zögern nicht, Symphonien zu schaffen, die vielleicht nie aufgeführt werden. Sie müssen in immer tolleren Wünschen Flugzeuge erbauen, die manch- mal zerschmettert am Bogen liegen, tut nichts, diese Manner werden nimmer müde, Ameisenmänner, jawohl, auf der wimmeln-


