Ausgabe 
29.9.1933
 
Einzelbild herunterladen

eine Lust ist. Märchen werden erzählt und Rätsel gelöst- das ist ein "Krehlen und Jubeln", ein Schreien und Jauchzen.Vivat, ruft die Frau Raiin, Rosenfarb und Weiß sind ihre Leibfarbeu und ein Tänzchen die beste Motion. Tanzen Sie nur, wo Sie Ge­legenheit finden", rät sie der ebenfalls so tanzlustigen Christiane. Und diese Fröhlichkeit des Herzens kommt aus dem Urgrund eines frommen gottesfürchtigen Gemütes.Nun danket alle Gott!" das ist die markige und stolze Begleitung zu den lustigen Melo­dien. Daneben ist sie eine gute Wirtin, und wenn auch Rechnen nicht gerade ihre starke Seite ist, sie oft in Geldverlegenheit kommt, weil sie alles verschenkt, so weiß sie doch vorzüglich für das leibliche Wohl zu sorgen. Wie wohl Fleischbrühsuppe, Weiß­kraut und Rindfleisch oder Schweinebraten behagen, das läßt sie ihre Gäste gern verspüren. Jedes Jahr schickt siewelsches Korn" und Kastanien nach Weimar, die sie mit sorgender Hand selbst vortrefflich ausgewählt hat, und viele andere Geschenke.

Eine große Leidenschaft beherrschte Frau Aja, wie sie sich selbst gern nannte nach der guten fürsorglichen Mutter im alten Volks­buch von denvier Haymonskindern": das war das Theater. Ihre Natur bedurfte der Aufregung der Bühne und freute sich über den bunten Glanz.Da mir Gott die Gnade angetan hat, daß meine Seele von Jugend auf keine Schnürbrust angekriegt hat, sondern daß sie nach Hertzenlust hat wachsen und gedeihen, Ihre Aeste weit ausbreiten können usw. und nicht wie die Bäume in den langweiligen Zier Gärten zum Sonnenfächer ist verschnitten und verstümmelt worden,- so fühle ich alles, was wahr und gut und brav ist, mehr als vielleicht tausend andere meines Geschlechts und wenn ich im Sturm und Drang meines Hertzens im Ham­let vor innerlichem Gefühl und Gewühl nach Luft und Odem schnappe, so kan eine andere die neben mir sitzt, mich abgaffen, und sagen, es ist ja gar nicht wahr, sie spielen ja nur so Nun eben dieses unverfälschte und starke Nathurgefühl bewahrt meine Seele Gott sey ewig Danck vor Rost und Fäulnis." Stets war sie im Theater abonniert und folgte dem vielfach wechselnden Repertoire von Jffland bis Kotzebue. Aber wenn der Götz gegeben wurde, oderEgmont" oderClavigo", dann war sie stolz wie eine Königin. Mit welcher Andacht ist sie dabei!Den Neujahrstag wirdTell" von Schiller bei uns aufgeführt. Die Leute um und neben mir sollen sich nicht unterstehen die Nase zu putzen, das mögen sie zu Hause tun." Sie war eine feine Kennerin der Schau­spielkunst und wußte schauspielerische Leistungen scharfsichtig zu beurteilen. Sie hat dem Sohn als Leiter des Weimarer Hof- tyeaters manchen guten Rat gegeben, und ihn über das Frank- surter Repertoire stets ans dem Laufenden gehalten. In der Musik löste Mozarts Frohnatur die Melodien ihrer eigenen Seele aus,- an derZauberflöte" konnte sie sich nicht genug erlaben. Bon Politik mochte sie nichts wissen, dafür hatte sie vier Stecken­pferde, die sieruhig gallopieren" ließ.Einmal ist's Vrabanter Spitzenklöppeln, das ich noch in meinen alten Tagen gelernt, und eine kindische Freude darüber habe. dann kommt das Klavier, dann das Lesen, und das lange aufgegebene aber wieder her­vorgesuchte Schachspiel." Besonders liebte sie die WerkeGevatter Wielands" und dann die Schriften ihres SohneS, die sie als wahre Leckerbissen nur Sonntags las, und deren tiefste Schönheiten sie wie kaum ein anderer durchfühlte. Wenn sie vorlas, so erklang eine jede einzelne Stimme mit Majestät und das Ganze ent­wickelte sich als Geist mit einem kräftigen Leibe angetan."

Frau Aja war eigentlich keine echte Briefschreiberin,' sie war tintenscheu"; sich so gebückt auf längere Zeit zum Schreiben hin- zusetzen, war ihrem behenden flinken Wesen etwas Unleidliches. Aber eine hinreißende Plauderin war sie, eine Erzählerin von Geschichten und Märchen, der man nicht vom Munde^ fortsehen konnte. Und das gibt auch ihren Briefen den lebhaften Rhythmus, den belebenden Atem. Sie sind eilig auf das Papier geworfen, im luftigen Schwatzen mit all der Unmittelbarkeit des gesprochenen Wortes. Hurtig und bebend poltern die Sätze heraus, eine Menge Ansrufungs- und Fragezeichen, Gedankenstriche kennzeichnen die Ungeduld und Lebhaftigkeit, fortwährende Ausrufe wieo Je­mine",potz fickerment",potz Fischen" sprudeln heraus, ein jedes Wort am rechten Platz. Freilich, die Buchstaben purzelnin der Eil", auch wohl durcheinander. Mit Fremdwörtern stand Frau Aja auf dem Kriegsfuß. Sie hatte nicht viel gelernt,das läge am Schulmeister", und rührend ist es zu lesen, wie sie dem kleinen August ihre Unwissenheit gesteht und recht viel von ihm lernen will.Wie ein aufgezogener Bratenwänder" geht's bei ihrim Schwatzen und Schreiben",' an großen Sprüngen hopst es von einem zum anderen, von der Bettina zu den gläsernen Obst- flascheu, vonWilhelm Meister" zur Weinernte. Aber wie sie den rechten Ton den verschiedenen Adressaten gegenüber zu treffen weiß! Wie ehrerbietig und doch herzlich ist sie gegen die Herzogin "Anna Amalie,' mit demFräulein Thnsnelde", der Göchhausen, rührt sie ein schalkhaft poetisierende Briefspiel in köstlichen "erben Knittelversen auf, mit Klinger ist sie burschikos, mit La- ? liier fromm, und bibelfest mit allen. Mit Christiane, der Gattin ahres Sohnes, ist sie schnell in ein herzliches Verhältnis getreten, "ls sich noch ganz Weimar von ihr abwandte, und sie beglück­wünschte ihren Sohn zu diesem Verhältnis, das bester sei als Einefatale Ehe". Kindlich schlicht hat sie mit ihren anderen ließen ^Enkelein geplaudert, in Kinöerbriefen, wie sie sonst nur Luther geschrieben hat. Und so sehen wir Frau Aja vor uns, unter der »roßen Haube fröhlich lächelnd, im gemütlichen Stübchen, während Die Kinder zu ihr hinaufblicken,' sie erzählt Märchen und nimmt Dabei einePrischen Tabak" und diedicke Lißel" Bringt Konfekt. ?'nd endlich hat die Geschichte glücklich geendet und sie drehen sich inbelnd alle im Kreise.

____

Der Dwnn, der mif d'eser 3eif fertig w'>k

Roman von Walter Julius Bloem jGDS.j. lFortsetzung.j .

Davon versteht Doktor Wagenschanz erst recht nichts. Er hat das Gefühl, daß er hier dumm gemacht werden soll, horcht mit schlauen Blicken und wartet, wann er zugreifen kann. In seiner Seele sitzt immer noch ein kleiner Haken, vorhin sprach Schön­lein wegwerfend von derflachen Gegenwart" diesen gezielten Haken holt Anton aus seinem eignen Fleisch und läßt ihn ge­duldig ins Gespräch hineinhängen. Die beiden aus 6er andern Welt reden über das neue Werk eines großen Dichters, der plötz­lich aus Büchern verworrener und morbider Zeit in eine biblisch ferne Vergangenheit flüchtete, ein aufsehenerregender Vorgang. Er gehört nicht zu jenen Schriftstellern", meint Schonlein und neigt sich deutlicher zu Rosemarie hinüber,die ans einer geheim­nisvollen Einsicht ihres Mangels ihre Werke nur in der Gegen­wartsform schreiben können. Er hat Begriffen, daß die Geistigen unsere Zeit verlassen, die Roheit, die Simplizität."

Vielleicht fällt ihm auch nichts Besseres ein", mischt Doktor Wagenschanz sich dazwischen,dann schreißt man eßen etwas aus der Vergangenheit. Es sollte aller unsre eigentliche Ausgabe sein, daß uns zu dieser Zeit etwas einfällt. Sie hat es nötig. Wir müssen mit ihr fertig werden."

Ein wenig über die Schulter erkundigt sich Schönlein, wer mit dieser Zeit fertig werden könne.

Ich" sagt Anton kühn und zieht zufrieden die Leine mit dem kleinen Haken heran, der nun in Schönleins Fleisch sitzt. Sie wünschen sich eine andere Zeit. Bitte welche?"

Schönlein weicht aus.Es handelt sich um kein bestimmtes Zeitalter."

Ganz richtig. Denn jede Gegenwart von Anbeginn her war qualvoll, mühsam, flach und verworren, und wie Sie es titulieren mögen."

Ungefähr so."

Aber Sie wollen in den ewigen Gedanken leben, Herr Schön­lein, die Ihnen von der Vergangenheit munöfertig gebacken wor­den sind. Sie wollen weder die Saat noch die Ernte und am wenigsten die Wetter des Schicksals, das lehnen Sie ab. Sie wollen nicht dreschen und Sie hassen die Spreu sogar der Ver­gangenheit. Sie wünschen nur das mundfertige Brot jener ewigen Gedanken."

Und wenn es so wäre, wie Sie sagen, Doktor Wagenschanz, was hätten Sie daran auszusetzen?"

Nicht viel. Nur eine Kleinigkeit. Im Vergleich zu Ihnen bin ich natürlich mehr als primitiv. Unsereiner träumt etwa vom Schlaraffenland, dort ist es nicht kalt, man hungert nicht, für alle körperlichen Bedürfnisse ist gesorgt, und im kompliziertesten Fall kriegt man dort soviel billigen Kredit aufgedrängt, wie man nur will. Sie jedoch sehnen sich nach einem geistigen Schlaraffenland, wo die Gedanken und die Erkenntnisse nicht Zoll um Zoll dem Unsinn entrissen werden müssen. Mithin", fährt er behaglich fort, die Zeit, in der Sie leben möchten, gibt es nicht, es ist weder die uufrige noch irgendeine. Es ist nicht einmal die Erde. Diese Klei­nigkeit hätte ich also auszusetzen. Sie suchen einen vergeistigten Himmel, zu dem nur die obersten Gesellschaftsklassen der Intelli­genz Zutritt haben."

Die Gegensätze zwischen Peter Schönlein und Doktor Wagen­schanz haben sich ein wenig zugespitzt, mit einiger Angst erwarten die beiden Mädchen den Ausbruch von Streitigkeiten, schnell schenkt Elli die Sektgläser wieder voll. Aber zum Streiten neigt Schönlein nicht, sobald man ihn angreift. Sein eigner Angriff gegen Antons harte Stirn hat sich allerdings festgelaufen.Sie sind ein glückliches Gemüt", versucht er sich aufs neue,die Stelle, an der Sie stehen, ist immer der Mittelpunkt 6er Welt."

Das ist richtig", bestätigt Rosemarie. Peter öanft ihr mit den Augen:Ptolemäisches Weltsystem der Seele! Wer es aber weniger hochmütig mit sich meint, der findet sich ganz außen am Rande aller Ereignisse, von ihnen nur halb betroffen und als etwas Unwichtiges behandelt. Ich zum Beispiel habe den Krieg mitgemacht, vorn und mittendrin, aber wenn ich daran denke oder wenn ich gar die Kriegsbücher lese, so mochte ich glauben, ich hätte die ganze Zeit verschlafen. Mit dieser Zeit fertig werden! Wer eine Meinung vertritt, so habe ich gesunden, gehört den geistig Be­schränkten an; ich höre ihm zu, er überzeugt mich; ich fange an in seiner Richtung zu denken ein anderer kommt mit einer ent­gegengesetzten Meinung, völlig andere Richtung, aber auch ste überzeugt mich." Schönleins Hand flattert in der Lust, Rofemarie betrachtet das edle zarte Gelenk. Ihre Lippen liegen schmal.

Man mutz Scheuklappen haben", sagt Anton Wagenschanz in die Stille.

Peter lacht Bitter auf. Als oB es so einfach wäre: man muß Scheuklappen haßen. Er erinnert sich an den Nachmittag, Elli kam, er wollte ihre Sache in Ordnung Bringen und tat es wohl auch, aBer die Folge war, baß er auseinanderßrach wie jetzt.Ich frage Sie, Doktor Wagenschanz, wie kann man zu Behaupten wagen, man werde mit dieser Zeit fertig wenn man zu diesem ver­sinkenden Volke gehört, das sich nur in Zeiten der Kriegsnot zu­sammenschließt, und das sonst die Gestalt eines Breies Besitzt, in dem die andern Volker mit dem Finger herumstochern. Es ist uns nicht gegeßen, Form zu werden, wie wir es Jahrhundert auf Jahrhundert so qualvoll verlangen. Und so können auch die deut­schen Dichter, die Maler und die Musiker nur die Qual schildern, das neßelhaste Werden den Glanz der Klarheit zu gestalten geht üßer ihre Kraft."

Man Braucht nur den Namen Goethe Zu nennen, Herr Schön-