Ausgabe 
29.9.1933
 
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ßtrffen Sie nur, Kohn, wir werden ihn jetzt nicht suchen", ordnete Williams an.Es genügt, wenn wir die Ausgange über­wachen, um seine Flucht zu verhindern. Und das ist eine Kernig­keit. Warten wir also, bis die Polizei kommt. Er sah nervös nach der Uhr.Es ist mir nur ein Rätst:!, wie der Kerl hier ins Zimmer hineingelangtc. Durch die Tür doch kaum und durch die vergitterten Fenster erst recht nicht. Weitz der Teufel, rote er s

möglich machte." , t ,

Kopfschüttelnd schritt er mehrfach auf und ab, blieb, gedanken­los in denAkten blätternd, am Schreibtisch stehen, bis ihn das auietschcnde Bremsen eines schnell anfahrenden Autos wieder zum Fenster rief. Ein Herr in Zivil und ein Uniformierter entstiegen dem Wagen. Beide wechselten ivenigc Worte mit dem wachenden Policeman und kamen danil eilig den Kiesiveg zum Hauseingang

Kommissar Webster", stellte-sich der Zivilist zum Fenster hin­auf dem Rechtsanwalt vor. Minuten später hatte John geöffnet und ließ die beiden Herren eintreten.

Sie scheinen Pech zu haben in Sachen Hunter", lächelte der Kommissar nach der ersten Begrützung. Dann wurde er ernst und sachlich.Also lassen Sie mich zunächst den Schreibtisch mal sehen, Herr Doktor. Sie haben alles so liegen lassen, wie es nach dem Diebstahl lag? Eine Zigarette? Sehr interessant! Dars ich mal sehen. MarkeFürst von Monaco" sieh mal einer an, das weckt bei mir einen ganz bestimmten Verdacht. Eigenartig, auf was für-Zufälle man als Kriminalist manchmal angewiesen ist. Führen Sie mich doch bitte mal in Ihr Schlafzimmer, wohin Sie der den Diebstahl vorbereitende Telephonanruf lockte, ja? Dieses Ablockcn vom Tatort ist übrigens auch eine Taktik, die mich in meinem Verdacht bestärkt. Sie, Sergeant, können inzwischen sich mal den Schreibtisch auf Fingerabdrücke ansehen."

Nachdem Kommissar Webster sich im Schlafzimmer umgesehen und den ganzen Fall noch einmal gründlich hatte schildern lassen, kehrte er sehr nachdenklich ins Arbeitszimmer zurück.

Ich glaube, lieber Doktor, Ihnen kann überraschend schnell ge­holfen werden. Mein anfänglich gefaßter Verdacht hat sich immer mehr verstärkt. Zwar befindet sich der Täter auf keinen Fall mehr im Hause, wie Sie mutmaßten, das kann aber meinen schnellen Erfolg nicht hindern. Sie werden staunen, wer es ist. Haben Sie was gefunden, Sergeant?"

Alles, was ich suchte, Herr Kommissar. Wir werden gründliche Arbeit leisten."

Sehr fein. Na denn schnell los. Der Vorsprung, den der Junge hat, darf nicht zu groß werden. Sie werden bald von mir hören, Doktor."

Eine Minute später raste das Auto wieder davon. Auch der Polizist von vorhin hatte seinen Rundgang wieder ausgenommen.

Dr. Williams hatte jegliche Lust zum Arbeiten verloren. Der Raub des wichtigste« Beweisstückes schuf außerdem eine so riesige Lücke im Material, daß sie selbst von der gründlichsten Vor­bereitung nicht ausgcfiillt werden konnte.

Er mußte zufrieden sein, wenn das Gericht in Anbetracht der besonderen Umstände eine Vertagung bewilligte. Langsam räumte er die Akten zusammen und entdeckte erst jetzt, daß noch mehrere sehr wichtige Schriftstücke fehlten, etwas, das er vorhin in der ersten Aufregung gar nicht bemerkt hatte. Mißmutig versuchte er die fehlenden Briefe notizweisc zu erfassen, als abermals ein Auto vor der Tür bremste. Diesmal war es ein mit Scheinwerfer und Sirene ausgerüsteter Dienstwagen der Polizei. Mehrere Herren sprangen von den Sitzen herunter und näherten sich dem Hauseingang.

Ein kleiner, dicklicher Herr, den der Rechtsanwalt nicht kannte, postierte sich unterhalb seines Fensters.Halloh, Herr Dr. Wil­liams, öffnen Sie bitte, ich bin Kommissar Webster."

Nach gründlicher Legitimierung saßen die Kriminalbeamten eine Viertelstunde später endlich dem Rechtsanwalt in dessen Woh­nung gegenüber.

Ja, Herr Doktor, da sind Sie einem groß angelegten Bluff zum Opfer gefallen", bedauerte der Kommissar den Anwalt, nach­dem er den ganzen Hergang erfahren hatte.Der größte Trick war der erste Anruf, der Ihnen weismachte, es wird während der kurzen Zeit ihrer Abwesenheit im Arbeitszimmer eingebrochen. In Wirklichkeit war zu diesem Zeitpunkt noch nicht ein Brief ver­schwunden, aus dem einfachen Grunde, weil ja niemand zu Ihnen hereinkonnte. Die Burschen rechneten eben mit dem Bluff und dem Umstand, daß Sic die Akten noch nicht so genau kannten. Wahrscheinlich wird jener Brief vom 18. 12. überhaupt nicht exi­stieren. Da es auf ihrem Schreibtisch tatsächlich aussieht als ob die Räuber hier gehaust hätten, wahrscheinlich ein Dauerzustand, fiel Ihnen das heute zum erstenmal auf und vertiefte Ihre Ver- wirrnng, ebenso wie die brennende Zigarette, die der brave Policemann, der in Wirklichkeit gar keiner war, sehr einfach durch das offene Fenster ins Zimmer geivvrfen hat, um die An­wesenheit eines Fremden vorzutäuschen. Daraufhin befolgten Sie seinen Ratschlag und telephonierten, was an sich sehr vernünftig war, mit mir. Dann fragte Sic der falsche Polizist, welcher Be­amte von Scotland Aard komme und Sie nannten ihm meinen Namen. Daraufhin fuhren kurze Zeit später zwei weitere Helfer mit einem Auto vor und täuschten Sie diesmal als Kriminal­beamte. In der Zeit, während Sie mit dem falschen Webster im Schlafzimmer waren, erfolgte erst der Diebstahl. Der Sergeant, den er mitbrachte, stahl alles, was er haben wollte." Ein leises Lächeln zuckte um die Mundwinkel der Kommissare.Ja, tut mir leid, Sie haben Pech, lieber Herr Rechtsanwalt."

Woran Dr. Williams nach dem Erlebnis dieser Nacht keinen Augenblick zu zweifeln wagte.

Vom Vater hab' ich die Statur ...

Von I. W. v o n G o e t h e.

Vom Vater hab' ich die Statur, Des Lebens ernstes Führen, Vom Mütterchen die Frohnatur Und Lust zum Fabulieren.

Urahnherr war der Schönsten hold, Das spukt so hin und wieder, Urahnfrau liebte Schmuck und Gold, Das zuckt wohl durch die Glieder. Sind nun die Elemente nicht Aus dem Komplex zu trennen, Was ist denn an dem ganzen Wicht Original zu nennen?

Frau Rat im Spiegel ihrer Briefe.

Von Dr. Georg Kuhn.

Goethe wollte in der großen Darstellung seines Lebens, in Dichtung und Wahrheit", auch seiner Mutter ein Ehrenmal errichten.Aristcia der Mutter" war dieser Abschnitt überschrieben, dessen Anfänge sich unter seinen Papieren vorgcfunden habe». Wie bei der großen Schlacht um Troja einzelne Gesänge des Hower besonderen Taten berühmter Helden gewidmet sind und ihr Loblied feierlich angestimmt wird, so sollte in dem großen Heldenepos des Goetheschcn Lebens eine Rapsodie verkünden, wie die Mutter sich herrlich einst vorgctan unter den Frauen. Goethe hat sich nicht objektiv genug gefühlt, den vollen Ton dieses stark- geistigen kräftigen Lebens widcrhallen zu lassen. Seine Feder mag gezittert haben, wenn er der unendlichen Liebe gedacht, mit der die Mutter sein Leben begleitet. So suchte er in Briefen der Bettina Brentano etwas von ihrer Lebensart zu erhaschen: jedoch die Fran Rat konnte nur durch ihre eigenen Worte lebendig werden und so ist die eigentlicheAristie der Mutter" ihr Lob­lied und Hcldengesang, in ihren Briefen beschlossen.

Aus diesenBekenntnissen einer fröhlichen Seele" lacht uns ein lustiges Gesicht entgegen, auS diesen hastig hingeschleudcr- ten Zeilen redet ein nie stillstehender Mund. Eine crdcnfestc, robuste Frau war diese Frau Rat, die die Welt mit liebenden Armen umfaßte und Freude hatte an allem Sinnenwcscn. Schon muß sie uicht gerade gewesen sein, mit de^n leichten Doppelkinn, den rundlichen Wangen, der etwas langen Nase, selbst mit acht­zehn Jahren nicht, als sie dem 21 Jahre älteren Rat Goethe die Hand zum Ehebund reichte: aber ein frohes munteres Ding war sie schon damals und selbst in dem weiten, kahlen Haus am Hirsch­graben mit dem ernsten pedantischen Rat verbunden, den sie mei­stensPapa" zu nennen pflegte, hat sie das Lachen nicht verlern! und ihre gute Laune behalten. Eine naive kindliche Freude hatte sie am Putz. So freute sie sich, wenn sie mit einer schönen Dose, einem feinen Geldbeutel prangen werde, und wenn sie auch in der Mode nicht recht Bescheid weiß, so sucht sic sich doch auf ihre Art prächtig auszustaffieren. .

Unter allen Dichtermüttern steht sie so einzigartig da, wie ihr Sohn unter allen Dichtern. Eine große Pädaggogin ist sie nicht geivesen. Ihren ersten Urenkel begrüßt sie mit den Worten:feg froh lieber Johann Georg Eduart die Urgroßmutter kan keine Kinder erziehen schickt sich gar nicht dazu tut ihnen allen Willen wenn sie lachen und freundlich sind, und- prügelt sie wann sie greinen, oder schiefe Müulee machen, ohne aus den Grund zu gehen, warum sie lachen warum sie greinen aber lieb will ich dich haben, mich hcrtzlich deiner freuen deiner vor Gott oste und viel gedencken dir meinen Urgrobmütterlichen Seegen geben ja das kan, das werde ich." Sie hat mit ihrem Wolfgang lieber herumgetollt, als ihm ernste Standreden gehalten, denn sie fühlte sich als seine Schwester: war sie doch nur 18 Jahre älter als er! So lange ihr Mann lebte, fühlte sich Frau Aja wohl ein wenig bedrückt: sie konnte das schöne Pflänzlcin ihrer Lebenslust nur sorgsam hüten und bas Lämpchen im Glühen halten: ganz frei entfaltet hat sich erst das Eigentümliche ihrer Persönlichkeit, als der Herr Rat nach langem Siechtum 1782 gestorben war. Biel Schweres hatte sie durchgemacht: einem ungeliebten Mann war sie in die Ehe gefolgt und hatte ihn sorgsam bis zum Tode gepflegt: ihre einzige Tochter Cornelie war ihr jäh entrissen worden, und doch ging ihr Blut noch im lustigen schnellen Takt und die Melodien, die das Leitmotiv ihres ganzen Lebens tjt, klang hell und fröhlich:Freut euch des Lebens".Erinnerst du dich noch" schreibt sie an Fritz von Stein,wie wir Liedchen sangen und guter Dinge waren. Fröhlichkeit ist die Mutter aller Tugen­den, sagt Götz von Berlichingen, und er hat wahrlich recht. Weil man froh und vergnügt ist, so wünscht man alle Menschen vergnügt und heiter zu sehen und trägt alles in seinem Wirkungs­kreis dazu bei.Und ein unverwüstlicher Frohsinn strahlt von lick aus:Ich habe die Gnade von Gott, daß noch keine Menschen­seele mißvergnügt von mir weggegangen ist. Ich haben die Men­schen sehr lieb und das fühlt alt und jung, gehe ohne Preten- tion durch diese Welt und das behagt allen Evens Söhnen und Töchtern bcmoralisire niemand suche immer die gute tseite auszuspähen überlasse die schlimme dem der die Menschen schüfe und der es am besten versteht, die scharffen Ecken avzu- fchleifcn, und bei dieser Mctoöe befinde ich mich wohl, glückiiw und vergnügt." EinenHauptspaß" muß sie immer haben, ein Groß Gaudium": mit ihren acht Sonnkgmädeln, die mit cyr 'zusammen die Woche in einem heiteren Gelächter begraben, nopr und springt sie trotz ihrer stattlichen Korpulenz herum: sie !p>cicn Stirbt der Fuchs, so gilt der Balg" und Pfänderspiele, daß cs