Ausgabe 
29.5.1933
 
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Aber wie kommen Sie denn hierher, Herr Herr Reuter?

Reuter lächelte vergnügt. . _

Ich bin hier sozusagen zu Hause, meine liebe Frau Schnee.

Der Kopi der guten Alten wackelte immer starker. ,

Aber damals sagten Sie doch, daß Sie in Berlin wohnen. Und daß

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W» »° -m »mm-,-->«,» steckt er denn?"

^Wir haben^ihn ein wenig bei uns in Pension genommen. Auf seinen eigenen Wunsch übrigens. Wenn Sie nicht selbst gekommen waren Frau Schnee, hätte ich heute einen unserer Leute zu Ihnen hmausge schickt, um ein wenig Wäsche und dergleichen für Herrn Grau holen zu lassen. Er ist sür einen längeren Aufenthalt in unserm Hotel denn doch zu mangel-

gute fünf Minuten, bis der guten Frau Schnee die Zu­sammenhänge zu dämmern begannen. Und als enMtd) die ^ntchchen sich in ihrem Gehirn zu einem einigermaßen klaren Bild verdichtet hatten, faltete sie wie betäubt die Hände und ein Gießbach von .tränen über­flutete die Jettbrust ihres Schwarzseidenen.

Großer Gott, wer hätte so etwas von Herrn Grau gedacht! Wo doch der' selige Herr die Rechtschasfenheit selbst war! Ein Gluck, daß er das nicht mehr erleben mußte!" .

Sie sah sich gezwungen, ihr Reservetaschentuch anzugreifen, das gc= stickte Brauttaschentuch mit der echten Spitzenkante, mit dem sie eigentlich den Leichnam ihres Herrn zu beweinen beabsichtigt hatte. Denn ihr baum­wollenes Sacktuch reichte nicht aus. Aber wer hätte auch ahnen können, dah so außergewöhnliche Nachrichten sie zu so außergewöhnlichen Ge- mutserschütterungen veranlassen würden! Endlich nach einem energischen Schnauben, hatte sich Frau Schnee so weit gefaßt, daß sie die ihr nächst wichtige Frage zu äußern imstande war. ,

Und wird Herr Grau nun überhaupt nicht mehr nach Hause kommen?"

Reuter wiegte seinen runden Schädel.

Na, na, das will ich nicht hoffen, Frau Schnee."

Nämlich, es ist, weil ich mich doch nach etwas anderem umfehen muß. Man 'ist ja leider darauf angewiesen. Wenn man auck> einmal bessere Tage gesehen hat. Gott ja! Sie wissen ja, wie das geht.

Reuter machte ein todernstes Gesicht.

Ich weiß, verehrte Frau Schnee. Ihr Mann war ja Steuermann, und" wenn er nicht immer seine ganze Heuer vertrunken hatte, konntet Sie setzt ein Haus im Grünewald haben und ein Auto dazu! Das Schick­sal ist eben nicht gerecht, ich weiß es. Und darum denke ich, wäre es das beste sür Sie, vorläufig ganz ruhig abzuwarten, ob Ihr Hexx nicht doch bald wieder nach Haufe kommt." , ,

Frau Schnee richtete sich, soweit ihre Gestalt dies überhaupt zulieh, kerzengerade auf und erklärte in tiefster Entrüstung:Was fallt Ihnen ein Herr Reuter! Keinen Tag diene ich länger bei einem Herrn, der... Gott soll mich bewahren! Ich bin eine unbescholtene Frau. Lieber ver- hungern

D-r Wachtmeister fand, daß es mit dem Verhungern bei der braven Frau Schnee eine Komplikationen haben dürfte. Aber er ließ seine Be­trachtungen nicht laut werden. Er setzte sich ihr gegenüber und strahlte sie aus seinen blauen Augen vertrauenerweckend an.

.Meine liebe Frau Schnee, ich muß Sie noch um Entschuldigung bitten, daß ich mich am vergangenen Sonntag unter falscher Etikette m Ihr Vertrauen geschmuggelt habe. Aber es ging leider nicht anders. Einem Kriminalbeamten hätten Sie sicher nicht so bereitwillig Auskunft gcoeben. Und sehen Sie, liebe Frau, gerade Ihre Aussagen sind von allergrößter Wichtigkeit sür das Schicksal von Herrn Grau. Sie dürfen ihn und uns jetzt nicht im Stich lassen. Denn Sie sind der einzige Mensch, der in den kritischen Tagen um ihn war. Wir rechnen stark auf Ihre Unterstützung, verehrte Frau Schnee!" ...

Der Ton verfehlte seine Wirkung nicht. Frau Schnee quoll förmlich auf im Hochgefühl ihrer Wichtigkeit. Reuter fuhr fort:

, Sie haben mir doch neulich gesagt, daß Herr Grau an einem Bild gemalt hat. In jener Zeit, als er sich immer in seinem Atelier einschloh und niemanden zu sich ließ. Das Bild meine ich, das Sie niemals zu Gesicht bekommen ljaben. Wissen Sie eigentlich, wo dieses Bild hm- gekommen ist?"

Nein, darüber kann ich rein gar nichts sagen. Eines Morgens war es fort. Ich denke mir, dah Herr Donald es selbst aus dem Haufe geschafft hak."

..Schon möglich. Und noch etwas. Erinnern Sie sich, ob Herr Grau in der letzten Zeit einmal mit der Post einen Geldbetrag bekommen hat?"

Die Alte nickte so lebhaft, daß ihr Jetthütchen ins Rutschen kam.

, Ja, freilich erinnere ich mich! Es kommt ja leider nicht häufig vor, daß zu Herrn Grau der Geldbote kommt. Und es muß keine kleine Summe gewesen sein, denn der Postbote sagte noch im Spaß zu mir: ,So, jetzt kann Herr Krau sich ein Schloß bauen lassen!'"

Na, das war wohl ein bißchen übertrieben! Wann war denn das? Besinnen Sie sich doch einmal!"

Frau Schnee rieb sich ratlos die Stirn.

Sie müssen entschuldigen, es fällt mir beim besten Willen nicht mehr ein. Aber länger als vierzehn Tage ist es bestimmt nicht her."

Wachtmeister Reuter ging nachdenklich im Zimmer auf und ab. Dann blieb er wieder vor Frau Schnee stehen.

Hören Sie, Frau Schnee, suchen Sie doch mal bei Herrn Grau zu Hause alles ab. Vielleicht finden Sie noch irgendwo einen Brief oder eine Vostbescheinigung, aus der hervorgeht, daß er in der letzten Zeit ein Bild fortgeschickt hat. Haben Sie beim Saubermachen Papiere ver­brannt?"

hieße.

(Fortsetzung folgt.)

Frau Schnee nickte schuldbewußt.

Ja einen ganzen Papierkorb voll. Und alles, was so herumlag. Wenn es nach Herrn Donald ginge, würden wir in Papieren ersticken. Er wirft ja nie etwas fort." ,

Um so besser! Vielleicht findet sich das Papier, auf das ich es ab- gesehen habe, doch noch irgendwo. Gehen Sie jetzt nach Hause, liebe Frau Schnee. Und suchen Sie, suchen Sie, was Sie nur können!

Er reichte ihr zum Abschied die Hand und brachte sie bis an die Treppe, damit sie sich in dem ausgedehnten Gebäude nicht verlaufen sollte.

Als Frau Schnee endlich wieder auf der Straße stand und vor einem Schaufenster das verfchobene Hütchen zurechtrückte, hatte sie das er­hebende Gefühl, daß von ihrer Person das Schicksal ihres Brotherrn abhing. *

Inzwischen saß Kommissar Kling im Speisewagen des V-Zugs Ber­linKönigsberg und starrte abwesend zum Fenster hinaus. Vor ihm auf dem Rand seiner Kaffeetasse verschwelte eine halbgerauchte Zigarette, was ihm die mißbilligenden Blicke einer ihm gegenübersitzenden ältlichen Dame eintrug Aber die Gedanken Klings waren auf andere Dinge als die empfindlichen Stimmbänder seiner Mitreisenden gerichtet. Er sah ein wenig angegriffen aus, wie nach einer schlaflosen Nacht. Und von seinen Mundwinkeln abwärts grub sich eine mißvergnügte Furche. Zum erstenmal in seinem Leben war Kommissar Kling mit sich selbst im Un­reinen Seine eigenen Handlungen erschienen ihm zuweilen unverständlich und ohne Logik. Wie zum Beispiel diese Reise, zu der er sich an diesem Morgen urplötzlich entschlossen hatte. Nicht etwa, daß Kling onst schwer­fällig von Entschlüssen gewesen wäre. Im Gegenteil, es kam sogar häufig vor daß er Hals über Kopf eine Dienstreise antrat. Dann aber verfolgte er damit stets einen ganz bestimmten Zweck. Oder er war sich doch zum mindesten felbst darüber klar, worauf er mit seiner Exkursion hinaus- wollte. Wenn ihn dagegen heute jemand gefragt hatte, warum er diese Reise eigentlich unternommen hatte, so hatte er als einzigen Grund nur die Eingebung seines Instinkts dafür ins Treffen fuhren können, ein Argument, das wohl kein Kriminalfachmann als stichhaltig anerkannt haben würde. Und Kommissar Kling hatte auch bereits etwas davon zu spüren bekommen. Er hatte nämlich am Tage vorher, nach einer langen und ausführlichen Unterredung mit Dr. Morris, ein Telephongefprach mit Berlin geführt, und dieser Kriminalbehörde den Fall Grau noch ein­mal dringend ans Herz gelegt. Aber er war einem durch nichts zu über- windenden passiven Widerstand begegnet. Ma» hatte ihm deutlich zu ver­stehen gegeben, daß man weder Lust noch Veranlassung habe, sich nut einer Sache zu befassen, die jeder tatsächlichen Basis entbehicke. Man könne doch unmöglich das Gefasel eines hergelaufenen Menschen zum Anlaß nehmen, einen unbescholtenen und harmlosen Burger mit Haus­suchungen und anderen polizeilichen Maßnahmen zu belästigen. Man stellte es Kling anheim, auf eigenes Risiko weitere Erhebungen zu pfle­gen und beendete das Gespräch mit der immerhin tröstlichen Versiche­rung daß falls diese Erhebungen wider Erwarten positive Resultate zu Tage sördern sollten, ihm die Berliner Kriminalpolizei ihren Beistand natürlich nicht versagen würde.

Kommissar Kling hatte eine ganze Nacht lang mit sich gekämpst. Er wußte, daß er mit dieser Sache feine aussichtsreiche Karriere aus- opiel fetzte. Daß er unrettbar dem Fluch der Lächerlichkeit Versalien war, wenn seine Witterung versagte und er sich geschlagen geben mußte. Aber sein Ehrgeiz und der durch das ablehnende Verhalten der Berliner Behörde ! poch verschärfte Eigensinn in ihm gewannen die Oberhand. Dazu kam noch das Gutachten von Dr. Morris, den er trotz fl>ner Jugend für eme , psychiatrische Kompetenz hielt. Sein Urteil über Donald Grau hatte dahin - gelautet, daß der junge Mann geistig vollkommen normal sei wenn auch in hohem Maße suggestibel und von einer ungewöhnlichen Sensibilität. Er betonte ausdrücklich, daß Grau den Eindruck eines durchaus glaub- i würdigen Menschen mache, und daß ihm ein Betrug ober absichtliche 6nh i stellunq der Tatsachen nicht zuzutrauen sei. Er gab offen zu, daß er sich in der komplizierten Psyche des Patienten selbst noch Nicht restlos aus- kenne und noch irgendwelche unerschlossene Hintergründe ahne. Aber das Gesamtbild ei doch ziemlich klar und der allgemeine Eindruck so günstig, daß Morris sich ernsthaft dafür ausfprach, den Fall nicht auf die leichte Achsel zu nehmen.

Und so war es gekommen, daß der Kommissar sich entschlossen hatte, auf eigene Faust zu handeln. Er wiederholte sich noch einmal die wenigen Tatsächlichkeiten, die ihm als Anhaltspunkt dienen konnten, und baute darauf feinen Aktionsplan auf. Da es ihm ohne den Beistand der Ber­liner Polizei vorläufig nicht möglich war, sich mit der Personjenes Caspar Fuchs in der Jiivalidenstraße näher zu befassen, so versuchte er, die Sache am entgegengesetzten Zipfel anzupacken.

Die Adresse, die Donald Grau auf dem Deckel der Bilderkiste gelesen haben wollte, bot ihm eine neue Handhabe. Seine Nachsorschungen er­gaben, daß tatsächlich ein Graf Werdenburg-Kolinsky in der Nahe von Marienburg in Ostpreußen seinen Herrensitz hatte. Möglicherweise ver- mochte dieser irgendwelche Auskünfte zu geben, die $u neuen Wegen führten Vielleicht auch lief die neue Spur ganz von felbst zu Caspar Fuchs zurück und gab ihm die ersehnte Gelegenheit, mit die em Fischs eine Verbindung anzuknüpsen. Oder... Kling unterbrach ,ah seinen Ge- dankenqang und bohrte seinen Blick in das Zeitungsblatt, das die empsmd- same alte Dame zum Schutz gegen den Zigarettenqualm vor sich auf- gepslanzt hatte. Aus dieser harmlosen Seite derVossischen Zeitung hatte ihn plötzlich der Name Fuchs angesprungen. Oder war es nur die Spiegelung seiner Gedanken, die sich eben noch so intensiv nut die,em Namen beschäftigt hatten? Aber nein, er täuschte sich nicht! Dort, in­mitten einer Unzahl schwarzumränderter Anzeigen, stand in fetten Let­ternFuchs". Ja, es schien ihm sogar, als ob der Vorname Caspar

verantwortlich. Dr. Hans Thyriot. -Druck und Verlag: BrÜhl'sche Universitüts-Vuch. und Steindruckerei, R. Lange. Gießen.