Ausgabe 
29.5.1933
 
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bayerischen Alpen uns besonders nahe, und viele, die sonst glaubten, man müsse in die Schweiz oder nach Oesterreich fahren, wenn man seinen Urlaub im Hochgebirge verbringen wolle, werden jetzt nach Süddeutsch-

Vom Bodensee zum Königsee.

Von Dr. Alfred Detig.

München, im Mai.

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Man kann sich in der Tat kein gewaltigeres und gleichzeitig lieb­licheres Erholungsgebiet denken, als jenes Land, das sich in einer Breite von rund 250 Kilometern vom Bodensee bis zum Königsee erstreckt, Hochebene, Borgebirge und schneebedeckte Felsberge, die bis zur Dreitausend-Meter-Grenze ansteigen, wohnen dicht beieinander und gehen ineinander über. Dieses wundersame Gebiet ist übersät mit ungezählten Denkmälern einer alten Kultur, aus denen der Reichtum der Geschichte dieses Landes zu uns spricht. Es ist das Land der Kirchen und Klöster, der Burgen und Königsschlösser, und nirgends finden wir so herrliche Beispiele des deutschen Barocks, als in Südbayern.

In den Tälern der bayerischen Berge wohnt ein Menschenschlag, ur- eingesessen und bodenständig, der am hartnäckigsten einen übertriebenen Zivilisationsbetrieb ablehnt und ihm mit Erfolg Widerstand leistet. Diese Tatsache erscheint uns in der heutigen Zeit erst recht bedeutungsvoll und für den, der in einer schönen Natur und unter ruhigen, bedächtigen und biederen Menschen Erholung sucht, erfreulich. Nicht umsonst zieht es eine große Anzahl der Führer des neuen Deutschland immer wieder ms bayeri ehe Hochgebirge, in erster Linie den Kanzler unseres Reiches, weil diese den großen Gegensatz zwischen der Unrast der Großstadt und dem tiefen Frieden von Natur und Mensch, die hier wirklich noch eine Ein­heit darstellen, am deutlichsten empfinden und erkennen.

Welche Wohltat schon allein, wenn man sofort nach der Ankunft die kleidsame, kniefreie Hose, das Leinenhemd und die bunte Trachtenjoppe anziehen kann und mit dieser Tracht, der sogenanntenkurzen Wichs , sich mit Land und Volk verbunden fühlt! Welche Freude, auf Schritt und Tritt uralten Bolksbräuchen und Sitten zu begegnen, die der ehrlichen, einfachen, graben Gesinnung des Oberbayern entspringen, der mit unsag­barer Zähigkeit am Althergebrachten hängt und festhält! Ist es nicht eine Erholung, statt Jazzmusik dem Zitherspiel der jungen Burschen unter der alten Dorslinde zu lauschen, alte, lustige Stanzer! und ernste Volkslieder im altbayerischen Dialekt anzuhören, oder den ewigen Volkstänzen zuzu- chauen, die mehr als tausend Jahre von Geschlecht zu Geschlecht über­liefert wurden? Wer Glück hat, und das kann bei der großen Zahl der Volksbräuche in Bayern sehr leicht der Fall sein, erlebt einen feierlichen Ritt der ganzen Bauernschaft oder eine Umfahrt mit den alten bunten Wagen, wie am St. Georg- oder Leonhardi-Tag. Mensch und Tier glän­zen im Feststaat, man sieht die wunderbarsten Trachten der Vorzeit, Rieqelhauben und Mieder, Spitzhüte und lange bunte Röcke, kurz alles, was in tausendfacher farbiger Abwechslung von den Vorfahren ererbt wurde und treu behütet wird.

Die modernen Verkehrsmittel haben uns nun von Jahr zu Jahr dieses Gebiet immer näher gerückt. Die Elektrifizierung der wichtigsten Reichs­bahnstrecken in Süddeutschland, das Flugzeug, das neuerdings auch von München aus die wichtigsten Fremdenverkehrsorte im bayerischen Hoch­land aufsucht und die Gäste in wenigen Minuten von der Großstadt an den Ort ihrer Erholung inmitten der Berge befördert, und viele andere moderne Einrichtungen, wie die zahlreichen Kraftpostlinien, verkürzen die Fahrzeiten aus dem ganzen Reich bis in die entlegensten Alpentaler und Alpendörfer immer mehr. Die Verbindungen sind derart hervorragend, daß der Herr Reichskanzler nunmehr so recht den Begriff des Berliner Wochenendes im bayerischen Hochgebirge praktisch geschaffen und ein­leuchtend vor Augen geführt hat. Verkehrstechnisch ist also d,e Möglich­keit gegeben, in wenigen Stunden aus einer Großstadt des Reiches in die bayeri chen Alpen zu gelangen.

Reichsbahn, Lufthansa und Reichspost bemühen sich gemeinsam, mit der Verkürzung der Fahrzeiten auch eine Verbilligung der Fahrpreise Hand in Hand gehen zu lassen. Auf diesem Gebiete ist manches geschehen und wird vieles vorbereitet. Die Urlaubskarte bleibt auch in diesem 5orn= wer bestehen bei gleichzeitiger Verlängerung ihrer Gültigkeitsdauer, Ge- sellschaftsfahrten werden erleichtert, die verbilligten Sportzuge von Mün­chen verkehren immer häufiger und sahren mit Schnellzugsgeschwindigkeit, um nur einige Neuerungen anzuführen. Seit dem Sommer 1931 gtbt es während der Reisemonate eine wunderbare Kraftpostverbmdung vom Königsee bis zum Bodensee, die regelmäßig in zwei Tagen die ganze Strecke als Ouerverbindung von Tal zu Tal v o n B e r ch t e s g a b e n bis Lindau zurücklegt, und die dem Reisenden gemächlich einen ein­drucksvollen Gesamtüberblick über die bayerische Alpenwelt vermittelt 482 Kilometer werden auf dieser Linie zuruckgelegt und der iZahrgast bekommt die wichtigsten Kur- und Fremdenverkehrsorte und die land­schaftlich bedeutendsten Gebiete der ganzen deutschen Alpen zu> sehen.

J Es ist unmöglich, in diesem Rahmen das weite deutsche Alpenland zu beschreiben. Ein paar wenige Stichworte, ein paar Striche sollen im Um­riß die schönsten Gegenden hervorheben. Ans Bodenseegebiet und den Bregenzer Wald schließt sich ostwärts das Allgau an mit semen grunen Matten und herrlichen Almen, von denen der berühmte Allgäuer Käse in die Täler herniederrollt. Der wichtigste Fremdenverkehrsort des All­gäu« ist Oberstdorf mit seiner wunderbaren Seilschwebebahn auss Nebelhorn. Die gewaltigsten Bergriesen umschließen den weiten Oberst­dorfer Talkessel und nach allen Seiten strahlen prächtige Hochgebirgs­täler aus. Das kleine Walsertal, das Birgsauertal und das Tal von Spielmannsau vermitteln unbeschreibliche Eindrücke. Kein Kr°ltwagen darf in die heilige Stille dieser Täler eindrtngen. Wir verlassen dieses

Es scheint uns ein erfreuliches Zeichen zu sein, daß der nationale Umschwung in Deutschland auch eine Bevorzugung der Jnlandreisen mit ich gebracht hat. Ganz von selbst, seiner inneren Stimme folgend, sagt ich heute jeder Deutsche, daß er zunächst einmal sein eigenes VateAand, eine schöne deutsche Heimat gründlich kennen muß, ehe er seine Schritte iber die Reichsgrenze lenkt. Und so stehen auch heuer unsere herrlichen

Märchenland mit seinen zahlreichen Wasserfällen, seinen schönen Höfen und seinen schroffen Felsenwänden und folgen nach Norden dem Tal der Iller. Durch das malerische Dorf Fischen, das sich an die auf zackigen Felsen ruhende Schöllenger Burg anschmiegt, gelangen wir nach Hinde­lang und dem benachbarten berühmten Bad Oberdorf, und bann nach Jmmenstadt mit bem Grünten als Wahrzeichen. Auf dem Wege ins Werbenselser Lanb liegt ostwärts bas weitverzweigte Pfronten, besten dreizehn Ortschaften ein weites, blumiges Tal aussüllen. Wir kommen nach Füssen, der ehemaligen Bischofsresidenz, mit seinen ro­mantischen Bergseen und den benachbarten Königschlössern Hohen­schwangau und Neuschwanstein. Den Allgäuer Bergen vor­gelagert ist das weltberühmte Heilbad Wörishosen, die Wirkungs­stätte des Pfarrers Kneipp, der hier nach feiner Natur-Wasterheil- methode (Kneippkur) Wörishofens Ruhm begründete. Seinem Verfahren dienen heute die modernsten Einrichtungen und Heilmittel.

An der langgestreckten Alpenkette entlang gelangen wir ostwärts ins Werdenfelfer Land, wo der beste bayerische Jodler wächst und der höchste deutsche Berg, die Zugspitze, zum Himmel ragt. Garmisch- Partenkirchen kennt jedes Kind in Deutschland bem Namen nach unb mit diesem festen Begriff verbindet sich die Vorstellung einer uner­hört schönen Bergwelt, verbinden sich Bergseen und wilde Schluchten, ewiger Schnee und schroffe Felsenriffe. Diese Schwesternorte besitzen drei Bergbahnen, auf die Zugspitze, aufs Kreuzeck und den Wank, die auch denen die Wunderwelt des Hochgebirges erschließen, die körperlich nicht in der Lage sind, Bergtouren zu unternehmen. Unweit Garmisch liegt das Passionsborf Oberammergau mit seinen schönen bemalten Häusern im unversälschten Stil ber oberbayerischen Gebirgsdörfer, liegt das höchst gelegene Moorbad Deutschlands, Kohlgrub, unb liegt schließlich am lieblichen Staffelsee bas altvertraute M u r n a u. Mit der Mittenwaldbahn kommt man in bas alte Geigenbauerbors Mitten- raalb vorbei an Kainzenbab mit ber berühmten Partnachklamm.

Besonders beliebte Sommerfrischen bieten ber Koche 1 see mit dem Orte Kochel, unb das Gebiet des Tegernsees und Schliersees. Am Tegernsee hat das Jodbad W i e s f e e feit dem Kriege einen gewal­tigen, geradezu amerikanischen Aufschwung genommen und es kann gegenüber dem alten Ruhm des Jobbades Tölz, zu dem Bad Heilbrunn gehört, [einen Rang behaupten. Am Südzipfel des Tegernsees liegt in lieblichster Lage der Doppelort Rottach-Egern und weiter talein- wörts bas Wildbad Kreuth. Von Schliersee dagegen kommt man nach Bayrischzell in den hintersten Winkel des abgelegenen Gebirgstales am Fuße des Wendelsteins. Eine alte Bergbahn führt auf diesen herrlichen Aussichtsberg. Auf der anderen Seite des Wendelsteins, nahe des Inn, liegt unweit von Bad Aibling die schöne Sommersrische Feilnbach und von dort findet man leicht den liebergang und den Weg in den Chiemgau und ins Berchtesgadener Land. Hart an der Tiroler Grenze kommen wir in das alte Dorf am Inn Oberaudorf mit dem verschwiege­nen Hechtsee. . __ ,,

Im Berchtesgadener Land öffnet sich uns eine neue Welt. Eine scharf gegliederte Kette wuchtiger Bergmassive umgibt dieses köst­liche Gebiet, und in den Fluten des märchenhaften Königsees spiegeln sich zweitausend Meter hohe Felswände. Das bayerische Staatsbad Reichenha 11 mit dem benachbarten Bayrisch-Gmain ist eines der größten und bekanntesten Bäder der Welt für Asthmaleidende.

Die Dame mit dem Otterpelz.

Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.

(Fortsetzung.)

10.

Als ihr Herr am Mittwoch immer noch nicht zurückgekehrt war, ent­schloß sich Frau Schnee auf den Rat eines Nachbarn, zur Polizei zu gehen. Sie zwängte zu diesem Zweck ihre Körperfülle in das Schwarz- seidene, das sie seit dem Ableben ihres Seligen nicht mehr getragen hatte Denn sie erwartete, Herrn Grau beftenfalls als Leiche wieberzusehen, und war darauf bedacht, sich dieser Situation in jeder Hinsicht gewachsen zu ^^Auf der Polizei steckten die uniformierten Herren die Köpfe zusammen, und der eine rief ins Nebenzimmer:

Hören Sie, Becker, da ist eine Frau, die eine Abgängigkeitsanzeige machen will. Grau, Kunstmaler ist das nicht der Mann, der vor ein paar Tagen zu uns gekommen ist? Kommissar Kling, glaube ich, behandelt die Sache." . . ,

Silina ist zur Zeit verreist", antwortete von drinnen eine Stimme. Schicken Sie die Frau auf Zimmer 108 ju Wachtmeister Reuter. Wir haben Order, alles, was in der Sache einläuft, an ihn weiterzugeben.

Der braven Frau Schne fuhr ein lähmender Schreck tn die Kme. Al,o wußten die hier schon etwas von dem Schicksal ihres unglücklichen Herrn. Wie auf Bestellung begannen ihre Tränen zu rinnen. Zitternd erklomm sie die zwei Treppen unb folgte mit verschwimmenben 21ugen einer Un= zahl von Nummern, bis sie enblich zaghaft an bie Tur von Nr. 108 klopfte. (Ftn knurrender Baß kante herein!

Unb beinahe wäre ber alten Dame der perlenbestickte Pompadour aus der Hand gefallen, als sie sich plötzlich jenembesseren Herrn gegen- übersah ber sich am vergangenen Sonntag so anregend mit ihr unter­halten hatte. Auch er schien sie auf den ersten Bück wieberzuerkennen, denn er streckte ihr mit wohlwollendem Schmunzeln die Hand entgegen, in die sie zögernd und nicht ohne ein leises Mißtrauen ihre mit einem feierlichen schwarzen Zwirnhanbschuh bekleidete Rechte legte.

Er führte sie zu einem Stuhl.

Tsa - meine liebe Frau Schnee, richtig, Veronika Schnee war ja der "Name so sieht man sich wieder!" nickte er zutraulichIch hatte ja immer erwartet, daß Sie uns einmal besuchen mürben, aber...

Jetzt fanb Frau Schnee enblich ihre Sprache roieber. Nur ber Kopf wackelte noch beirrt auf bem faltigen Hals. Ihr bescheibenes Gehirn ver­mochte die unerwartete Begegnung noch nicht zu registrieren.