Ausgabe 
29.5.1933
 
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es Der Knecht gewesen, denn es hätten sich auch Blumen am andern Tag bort gelten; unb roer lallte sonst der Magd Anna jetzt derartiges h.n- tUn*jnit einiger Sicherheit lieh sich noch solgendes vermuten: Der Knecht Anselder alias Petermann, der seiner Sprache und seinen Aussagen nach aus einer Siedlung srüherer Schwaben an der unteren Wolga stammte, hatte als nach dein Krieg wieder nach Rußland Abgeschobener wahr­scheinlich von seiner Heimat nicht mehr viel vorgesunden. Die Revolution hatte dort gewütet, vielleicht war er mitten fjerein geraten und mutzte mit ansehen, wie [eine Familie umkam und ihnen und ,hm alles ge­nommen wurde. Ein Heimatloser geworden, kam ihm wohl der Gedanke an den Ort, wo er im Krieg einmal als Gefangener gewesen war und wo er einen Menschen geliebt hatte; und sicher erst nach endlosen Be- nuThunqen gelang es ihm mit Hilfe eines gefälschten Passes zu fliehen und hier zu finden, wo er sich als Knecht verdingte und eine neue Hei­mat zu sinden hasste. Vielleicht aus Furcht wegen des gefälschten Passes gab er sich nicht zu erkennen; vorsichtig suchte er sich, dn"ut niemand hinter seine Vertrautheit mit dem Leben des Dorfes kam, nach der Magd Anna zu erkundigen, die er vielleicht noch liebte und von der er sich vielleicht noch viel erhoffte. Wer weiß auch, was Zwischen den beiden gewefen war und was sie miteinander ausgemacht hatten? In dem Be­mühen, etwas über die Magd Anna aus dem Talhof zu erfahren, kam er auf die Magd Barbara, ohne zu ahnen, daß sie eigentlich sein Kind war. Vielleicht hatte er auch zu ihr ahnungslos eine Zuneigung gefotzt; a[s er alles sah, wie es war, als er eine geträumte neue Heimat wieder zerrinnen sah, was da in ihm vorgegangen sein mochte, wer wollte es genau sagen auher dem Knecht selbst?

Doch der war tot, und als die achtundvierzig Stunden öffentliche Schaufrist abgelaufen waren, kam er ohne viel Umstände unter die Erde, unweit von dem Grab der Magd Anna; vielleicht war das nun für ihn die wirkliche Heimat.

Paul Anselm von Feuerbach.

Zum 100. Todestage des berühmten Rechtslehrers.

Vor Dr. Friedrich S p r e e n.

Seine Freunde nannten ihn Vesuvius, auch Vulcanus. Es mar eine scherzhafte Anspielung auf seinen Namen Feuerbach, aber in einem tieferen Sinne war damit die glühende Lava seines Innern bezeichnet, der Feuerstrom seines Geistes, dessen zähe Ausbrüche er durch eiserne Willenskraft zu unsterblichen Werken des Genius zu erstarren wußte. Das vulkanische Wesen seines Geschlechtes hat weiter geleuchtet in [einen Nachkommen: in feinem Sohne Ludwig, dessen Philosophie Göttliches und Menschliches, in seinem Enkel Anselm, dessen Kunst antike und mo­derne Schönheit zu vereinen suchte. Ihnen beiden hat der große Krimi­nalist die strahlende Schöpferkrast, aber auch die tragische Düsternis gegeben, jenen unheimlich grandiosen Glanz der aus dunklen Tiefen hervorschießenden Flammensäule, der in Namen und Beinamen seine eigene Gestalt mit einem eigenartigen Schimmer umgibt.

Feuerbach ist neben Savigny der bedeutendste Jurist des 19. Jahr­hunderts gewesen; sein Schaffen ist für immer verknüpft mit der Ge- schichte der Strasrechts-Wissenfchast und der Gesetzgebung. Aber darüber hinaus gehört er dem ganzen deutschen Volk an als einer der hervor­ragenden Vertreter deutscher Art, als Kämpfer für Wahrheit, Freiheit und Recht, als eine jener faustischen Naturen, die immer strebend sich bemühen, als ein Sohn und Erbe jener Hoch-Zeit, die in Kant und Goethe verkörpert ist. SeinLeben und Wirken", das sein Sohn Lud­wig aus [einen Briefen und Tagebüchern, Vorträgen und Denkschriften schuf, ist eines der schönsten biographischen Denkmäler, die wir besitzen; es gibt von ihm Schriften, aus denen Proben in keiner Auswahl der besten deutschen Prosa fehlen dürsten. Vorbildlich ist sein Ausstieg aus engen und schwierigen Verhältnissen, vorbildlich die Größe, die er in einer kleinen Umweit bewahrt, die Sicherheit, mit der er unbeirrt feinen Weg ging.

Aus einem harten Vaterhause, in dem noch die strenge Despotie des absolutistischen Zeitalters herrschte, entfloh er 1792 mit 17 Jahren auf die Universität nach Jena, um hier Philosophie zu studieren. Seine wild auf­brausende Leidenschaft, fein von der Empfindsamkeit ergriffenes schwär­mendes Gemüt unterwarf er dem Joch des kategorischen Imperativs, aber der 18jährige schildert richtig die Grundlagen seiner Natur:Ehr­geiz und Ruhmbegierde machen einen hervorstechenden Zug in meinem Charakter aus. Von Welt und Nachwelt gepriesen zu werden, dünkt mir das größte Erdenglück. Ost wünsche ich, mein Leben im Vollbringen gro­ßer Taten selbst unter qualvollen Martern hinzugeben, um nur in den Jahrbüchern der Menschheit als großer Mann zu glänzen. Ich meine, ich müßte vor Scham vergehen, wenn ich bedenke, daß ich schon 18 Jahre alt und noch der Welt unbekannt bin..." Da der Vater der brotlosen Be- schästigung mit Philosophie sich widersetzte und zugleich ein Liebesver­hältnis ihn drängte, sobald als möglich einen Hausstand zu gründen, wandte sich Feuerbach rasch entschlossen der Jurisprudenz zu. Seinem Sohn Anselm, dem Vater des Malers, schrieb er 25 Jahre später, als dieser in einem schweren Kamps zwischen seiner Neigung zur Theologie und der schließlich siegreich gebliebenen Archäologie stand, über die ent­scheidende Wendung seines Lebens:Die Jurisprudenz war mir von meiner frühesten Jugend an in der Seele zuwider. Auf Geschichte und besonders Philosophie war ausschließlich meine Liebe gerichtet; meine ganze erste Universitäts-Zeit war allein diesen Lieblingen, die meine ganze Seele erfüllten, gewidmet; ich dachte nichts als sie, glaubte, nicht leben zu können ohne sie. Aber siehe! Da wurde ich mit Deiner Mutter bekannt; es galt ein Fach zu ergreifen, das schneller als die Philosophie Amt und Einnahme bringe. Da wandte ich mich mit raschem, aber festem Entschluß von meiner geliebten Philosophie zur abstoßenden Juris­prudenz; sie wurde mir bald minder unangenehm, da ich einmal wußte,

daß ich sie liebgewinnen müsse; und so gelang es meiner Unverdrossen­heit meinem durch die bloße Pflicht begeisterten Mut, daß ich schon nach zwei Jahren den Lehrstuhl besteigen, meine Zwangs-, Not- und Brot- Wissenschaft durch Schriften bereichern und so einen Standpunkt fassen konnte, von welchem aus ich rasch zu Ruhm und äußerem Gluck mich emporgeschwungen und das laute Zeugnis erhalten habe, daß mein Leben der Menschheit nützlich gewesen ist."

Feuerbachs umwälzende Tat in der Rechtswissenschast liegt nicht so in der Neuheit seiner Anschauungen als in ihrer systematischen und folge­richtigen Begründung auf dem Boden der Kantschen Philosophie. Seme S t r a s r e ch t s t h e o r i e, die er in mehreren Lehrbüchern niederlegte und in dem überaus einflußreichen bayrischen Strafgesetzbuch von 1813 in die Praxis umsetzte, erweitert die alte Abschreckungs-Lehre zu der des psychologischen Zwanges". Aus dem Zweck des Staates, die Rechtsordnung aufrecht zu erhalten, folgert er fein Recht und feine Pflicht, dem Bürger durch Strafdrohungen entgegenzutreten. Da der Mensch notwendig von zwei liebeln das kleinere wählt, wird er sichpsy­chologisch gezwungen" sehen, den ihm innewohnenden Hang zum Ver­brechen zu unterdrücken, wenn ihm als das größere liebel schwere Strafe in sichere Aussicht gestellt ist. Er trat damit der Rechtsprechung der Aufklärung entgegen, die durch die Humanität zu einer übertriebenen Milde und durch die Verehrung des gefunden Menschenverstandes zu einer subjektiven Willkür gekommen war, so daß man sich nicht mehr an die Gesetze gebunden glaubte. Infolgedessen war eine beispiellose Unord­nung eingerissen; jede feste Grundlage für das richterliche Urteil fehlte. Feuerbach machte den Richter wieder zum Diener des Gesetzes. Die dadurch bedingte Einseitigkeit, die Härte der Strafdrohungen und die übergroße Einengung des richterlichen Ermessens, hat er später selbst gemildert. Er erkannte, daß man den Bogen nicht überspannen dürfe, daß es auch Verbrechen gibt, die nicht dersinnlichen Triebfeder", son­dern einem unwiderstehlichen Drange entstammen, der gar nicht an Strafe denkt, oder einer schlauen Berechnung, die auf das Unentdeckt- Bleiben spekuliert, daß allzu grausame Strafen, indem sie die Gemüter abstumpfen, eine Ursache der Rechtverletzung werden können. Aus diesem Geiste heraus setzte er, als er 1804 nach Bayern berufen wurde, dort die Abschaffung der Folter durch, sehr gegen die allgemeine An­sicht, der selbst der milde und wohlwollende König M ax Jo s e s mit den Worten Ausdruck verlieh:Möge es Feuerbach verantworten, wenn nun die Verbrecher der Strafe entgehen!"

In Bayern war der berühmte Kriminalist, der bald in die neu ein­gerichtete Minifterial-Juftiz-Adteilung berufen wurde, alsAusländer" den schwersten Angriffen der Einheimischen ausgesetzt, denen die vielfach bevorzugten Norddeutschen ein Dorn Im Auge waren. Durch die vielen Kämpfe und Kränkungen, durch die Arbeitslast, die auf ihm lag, wurde die ohnehin zarte Gesundheit des feinnervigen, sich in innerer Glut oer- zehrenden Mannes früh untergraben. Während in den Napoleon ver­ehrenden Kreisen Bayerns kein Verständnis für die deutsche Freiheits- Erhebung war, veröffentlichte Feuerbach wenige Wochen nach der Leip- ziger Völkerschlacht die Schriftlieber bie Unterdrückung und Wiederbesreiung Europas", von der er später schreiben durste: Es waren dies die ersten freien Worte, welche damals im südlichen Deutschland laut in die Welt hinausgerufen die unheimliche Stille unter­brachen." Im Jahre daraus folgten:Die Weltherrschaft das Grab der Menschheit" undU e b e r teutsche Freiheit und Vertretung teut scher Völker durch Land stände", mutige Bekenntnisse, die in Bayern großen Anstoß erregten. Feuerbach wurde nach Bamberg und bann als erster Präsibent des Appellationsgerichts nach Ansbach versetzt. Diese nahe Berührung mit der juristischen Praxis vertiefte noch feine Kenntnis der Mensthenfeele; der Gerichtshof wurde ihm, wie er jagt,zugleich zu einem Hörfaal, worin ihm gleichsam bie Natur selbst in merkwürdigen Erfahrungen ihre Lehren zu erkennen gab und welchen er daher nur feiten ohne mancherlei Ausbeute entweder für bie Wissenschaft ober für seine klare Einsicht in dieselbe verließ."

Auf ber Höhe seines Schassens entftanb nun neben verschiebenen gelehrten Werken seine zweibänbige SammlungAktenmähige Darstellung mertroürbiger Verbrechen", der schon seine Merkwürbigen Kriminalgerichtsfälle" vorausgegangen waren. Feuerbach erweist sich hier als ber genialste Ergrünber bes Seelenlebens von Verbrechern, unb feinen psychologischen Stubien kann kein andres derartiges Werk, roeber ber alte noch ber neue Pitava 1, erst recht nicht bie Literatur ber Kriminalgeschichten, an die Seite gestellt werben. Aus ber tief erlebten Darstellungaktenmcißiger" Tatsachen ent- stehen erschütternde, plastisch klare, manchmal dramatisch spannende Kunstwerke; es ist eine unergründliche Fundgrube für die Verirrungen des Menschenherzens, und mit dem düstern Inhalt kontrastiert eigenartig bie klassische Form der Sprache, die erhabene Ruhe des Stils. Daher durfte der österreichische Justizminister Glaser mit Recht dieakten- mäßige Darstellung" ein Buch nennen,bas nicht bloß keinem Krimina­listen fremd sein darf, sondern als eine seltene Zierde ber beutschen Nationalliteratur allen Gebildeten bekannt sein sollte". Dieser Leistung schließt sich, wenn auch nicht ganz ebenbürtig, die heute verbreitetste Schrift Feuerbachs an,Kaspar Hauser, Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen", entstanden aus seinem letzten krimina­listischen Erlebnis. Als oberster Richter des Bezirks, in dem der berühmte Findling austauchte, hat er seine Kenntnisse aus erster Hand zu einer lebendigen Schilderung benutzt, die trotz manches Falschen stets die Grundlage für die Beurteilung dieses ungelösten Rätsels bleiben wirb unb zugleich ein Denkmal für bie eble Menschlichkeit, bas tiefe Verständ­nis und die Gestaltungskraft des Verfasiers ist. Als er mitten im Kamps um Kaspar Hauser am 29. Mai 1833 starb, ging das Gerücht um, er sei wegen feiner warmen Teilnahme am Schicksal des Findlings vergiftet worden. Tatsächlich hatte übermenschliche Arbeit und heißestes Mit- erleben seiner Zeit den Krater dieses Vesuvs vorzeitig ausgebrannt