Nummer 41
Montag, -en 29. Mai
Jahrgang 1933
Geheim Zamilienblälter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Oer Kobold.
Von Werner Bergengruen.
Das Haus hab ich erbaut vom Kelter bis zum Dach. Wer hat den Kobold eingesetzt, der unter der Treppe wcchnt?'
Er trinkt von meinem Wein, Er nagt am Schinkenbein.
Er steckt sich Zucker in den Sack, er schmaust von meinem Rauchtabak, macht allen Vorrat klein.
Wo nur die Tinte bleibt?
Des Nachts, wenn keiner wach, da geht er an mein Markenfach. Weih niemand, wem er schreibt.
Was tut er zum Vergelt?
Er geigt um Mitternacht. Er gibt auf meine Kinder acht, daß feine die Treppe fällt.
Was tut er noch zum Dank?
Er putzt das Mondhorn blank.
Damit es silberrein in meine Fenster schein.
Oie Geschichte des Knechtes Mathias Anfelder.
Von Eberhard Meckel.
Als der Knecht Mathias Anfelder beim Schlägern im Wald von einer niedergehenden Tanne mitgerissen wurde und ihn die Fällerburschen tot und zerschlagen unter dem dichten Geäst hervorbargen, da meinten gleich ein paar, das vermöchte nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, und säst habe es den Anschein, als habe der Anfelder freiwillig gezögert, bis es chn erwischte. Aber die anderen Füller sagten dagegen, was das für ein Unfinn fei; was habe für den Anfelder, der ein froher Mensch gewesen und dem keiner das geringste angemerkt hätte, denn ein Grund Vorgelegen? So könne es doch jeden einmal treffen, zudem der Stamm unversehens im Fall um eine Armlänge aus der Richtung geschrägt sei. Und überhaupt, wenn sie ein wenig tiefer von der linken Seite den Baum angeschlagen und nicht so zeitig damit aufgehört hätten, wäre das ganze Unglück wahrscheinlich gar nicht passiert ... Und schier wäre es noch bei dem, was die einen und die anderen wußten, zu einem Streit gekommen, wenn nicht einer dazwischen gerufen hätte, eine Schande sei's, über einer Leiche zu streiten. Da hielten alle inne und trugen den Anfelder, der wenn ihm auch sonst alles zerschlagen war, auf dem fast unversehrten Gesicht einen rätselhaft friedlichen Ausdruck hatte, auf Aesten schweigend aus dem Wald ins Dorf.
In der Scheuer des Bauernhofes, wo er Knecht war, ließen sie ihn nieder ins Heu. Der Anfelder hatte im Dorf keinen Anhang mehr, und auch sonst wußte man eigentlich nichts über ihn, als daß er, ein Mensch von ungefähr Dreißig, ein guter Schaffer war und zuverlüsfig. Er kam vor ungefähr einem Dreioierieljahr von außerhalb zugewandert, wie es schien, aus dem Schwäbischen, aber vielleicht auch nicht, denn er hatte noch einen anderen Ton in seiner Sprache, wie aus dem Offen irgendwoher. Er zeigte sich bald sehr vertraut mit allem, was im Dorf und in der Gegend war. Er gab sich freundlich, wußte die Ziehharmonika mit feltsamen, ja traurigen Melodien zu spielen, und er war sonst recht für sich; das fiel jetzt erst allen auf, nachdem er tot war. Doch die junge Magd Barbara vom Talhos mochte er wohl gleich recht gern, und die patte sich auch sehr aufgeregt gezeigt, als sie, am Weg stehend, wo die Burschen den Toten aus dem Wald entlang trugen, von dem Unglück erfuhr; so war demnach feine Zuneigung nicht ganz einseitig gewesen.
Das war es ungefähr, was man über den Anfelder wußte, aber die Frage, was nun zu tun wäre, hatte sich damit noch nicht gelöst. Und als der Gendarm von der nächsten größeren Ortschaft zur Untersuchung des Unglücks kam, gingen er und der Bauer und die Bäuerin zunächst einmal hinauf in die Kncchtskammer, um nachzufchauen, was sich da noch von
dem Knecht fände, ob sie aus der Hinterlassenschaft Angehörige ausfindig machen könnten oder ähnliches. Oben in der Lade, die aufgebrochen werden mußte, lag nicht viel, nur, was eben so ein Knecht hat. Doch in einer Ecke entdeckte man Papiere und beschriebenes Zeug, und bei der Einsicht darin zeigte es sich gleich, daß irgend etwas mit dem Toten nicht stimmen mußte. Da war ein Paß auf den Namen des Knechtes, aber daneben tag ein Schein, auf dem zur Seite einer Photographie, die einen bärtigen jungen Mann in russischer Uniform darstellte, in unverständlicher Schrift etwas Langes geschrieben war. Dann tarnen Briefschaften zum Vorschein, die über die Bürgermeisterei des Dorfes an einen Kriegsgefangenen Sergei Petermann adressiert waren. Versehen waren die Briefe, die über das Roke Kreuz in der Schweiz gegangen waren, mit vielen Stempeln, die neben dem jeweiligen Monats- und Tagesdatum die Zahl 1915 trugen; sie mußten wohl aus Rußland stammen. Dann fanden die drei noch einen Umschlag mit Photographien, Bildern eines Mädchens und wieder des Soldaten und dann des Knechtes Anfelder selbst. Eine größere Summe deutschen Geldes und ein paar russische Rubel enthielt eine Vlechschachtel, bann lag da noch die Ziehharmonika, eine Uhr und ein wenig Wäsche, Schuhe, ein besserer Anzug vervollständigten die geringe Habe des Knechtes.
Das genügte zunächst, daß alles, was mit dem Knecht zusammenhing, ziemlich merkwürdig erschien. Der Tote lag still und stumm, bis der Sarg für ihn fertig wurde, wie ein friedlich Schlafender in der Scheuer auf dem Heu, das er noch vor kurzem mitgemäht hatte; nachher brachte man ihn in das Totenhaus auf dem Gottesacker, wo er nach der Vorschrift achtundvierzig Stunden zur Schau liegen muhte. Doch in den achtundvierzig Stunden vermochte das Geheimnis des scheu von der ganzen Gemeinde Betrachteten bereits ziemlich gelüftet zu werden. Es waren im Krieg, als die männlichen Einwohner des Dorfes alle im Feld draußen standen, russische Kriegsgefangene als Knechte auf die Bauernhöfe hier verteilt worden, und unter ihnen gab es auch, wie man herausbrachte, einen Sergei Petermann, der unten beim Talhofbauem dienstete. Die Bäuerin, die ihn nach den Bildern des russischen Soldaten als diesen wiedererkannte, konnte sich noch recht an ihn erinnern; sie mochten ihn alle gern, sagte sie, und es sei noch ein blutjunger Mensch gewesen. Er habe recht gut deutsch gekonnt und habe erzählt, er stamme aus einer deutsch-russischen Familie aus dem Südrussischen; Lieder habe er daher gewußt wie keiner. Doch eines Tages sei er abkommandiert worden, und das eine, das wüßte nicht nur sie, das wüßten noch alle im Dors, daß die inzwischen verstorbene Magd Anna des Talhofes recht bald danach ein Kind, das fttzt die junge Magd Barbara fei, bekommen hätte. Aber man wisse bis heute noch nicht, wer der Vater fei, aber alle hätten den russi- schen Kriegsgefangenen im Verdacht gehabt. Und das Mädchen auf den Bildern aus der Hinterlassenschaft des Anfelder, das fei die Magd Anna gewesen, so habe sie früher ausgesehen. Und solche Briefe feien manchmal an den Sergei Petermann gekommen. Aber vielleicht könnte die Magd Barbara noch einen Bescheid geben zu der Sache?
Die Magd Barbara, ein junges Ding von sechzehn Jahren, vermochte auch nicht viel Genaues zu sagen. Ihre Mutter, die Magd Anna, hätte ihr nie viel erzählt; und den Knecht Anfelder, der hab' ihr wohl nicht schlecht gefallen, doch gewesen sei zwischen ihnen nichts, rein gar nichts. Was er zu ihr geredet habe? Ach, verstanden hatte sie nicht alles; er käme aus einer Gegend, wo jetzt alles ganz schrecklich zuginge, sagte er einmal. Er habe niemanden mehr, keinen Anhang und nichts, denn alle seine Leut' seien in der Zeit nach dem Krieg umgekommen und alles sei ihnen und ihm fortgenommen worden. Nach langen Jahren endlich wäre er durchgegangen. Und wenn er das erzählt habe, sei er immer anders geworden und habe gemeint, er habe keine Heimat und nichts Rechtes mehr. Aber hier fei es schön, und vielleicht könne er sich spater einmal etwas kaufen, darauf spare er. Doch das sei schon länger her, daß er so mit ihr geredet hätte, fügte die Magd Barbara hinzu. In der letzten Zeit wäre er kaum mehr gekommen, und wenn, habe er sie so merkwürdig angefchaut, daß es ihr einmal ganz Angst wurde. Und neulich, ein paar Tage erst fei es her, wäre er erschienen und habe sie aufgeregt gefragt, ob sie die Tochter der Magd Anna und ob diese wirklich gestorben sei. Da habe sie sich noch gewundert, wie denn der Anfelder darauf käme; und als sie es ihm bestätigte, sei er still geworden und sei gegangen; nachher habe er di« halbe Nacht Ziehharmonika gespielt und wieder seine traurigen Lieder gesungen; das wußten alle, daß der Anfelder das neulich noch getan hatte.
Dieses kam heraus, und allen im Dorf war nun gewiß, daß es sich bei dem Erschlagenen um den damaligen Kriegsgefangenen Sergei Petermann handeln muhte und daß die junge Magd Barbara fein Kind war. Nun wollten auch einige eine überraschende Aehnlichkeit feststellen zwischen beiden. Die Bäuerin vom Talhof behauptete jetzt auch, daß sie doch gleich gemerkt habe, mit dem Anfelder stimme etwas nicht. Jemand sagte, daß neulich einer lange Zeit an der Stelle auf dem Gottesacker sich aufgehalten habe, wo der Magd Anna Grab liege, und sicher sei


