Unsere Hausfrauenausstellung schließt im Juni ihre Pforten, Im Sinne des Fortschritts war sie ein unzweifelhafter Erfolg, »edoch was die Sanierung der Stadtsinanzen anbetrifft, so reden wir besser nicht darüber Bei den verschiedenen Gelegenheiten steigen Erörterungen mit peinlichem Unterton. Im Stadtrat findet man, die Werbung für d,e Ausstellung sei mit übertriebenen Mitteln geschehen, wahrend die Hausfrauen genau umgekehrt erklären, die Leitung habe sich ja förmlich den SUiunb verbunden, da fei natürlich nur ein Mißerfolg bentbor. „Die Leitung" sagt man, und Herrn Peter Schönlein meint man. Zur Erledigung solcher Angelegenheiten hätte man besser einen Fachmann wie den jungen Doktor Wagenschanz von der Kosmetischen Fabrik heran- gezoqen, der neuerdings das ganze Thüringerland in Atem zu halten versteht, meint die Frau Kommerzienrat Wehrhahn. Man vermeidet daran zu erinnern, daß der Anwalt Schönlein das Thema seinerzeit in einem vielbeachteten Vortrag überhaupt anregte, und führt alles zurück auf die Tüchtigkeit der Stadtverwaltung einerseits und des Hausfrauenvereins anderseits. Wenn sich bis jetzt bei uns eine gewisse Unterströmung gegen den jungen Anwalt wenden sollte, so wundert er sich besser nicht darüber, man sieht ihn als verheirateten Mann sehr oft in Begleitung einer jungen Dame, deren Lebensschicksal allmählich jeder kennt, dazu ist seine Frau angeblich verreist, das fällt natürlich auf, das wird ihm übel genommen, bei uns herrscht Ordnung.
Es wird nicht nur ihm übelgenommen. Schwer zu sagen, ob die Entlassung der jungen Reubold aus ihrer Stellung als Klavierstimmerin in irgendeinem Zusammenhang mit diesen Ereignissen steht, ihre Kündigung erfolgte ordnungsgemäß und mit einem ganzen Schub, die Pianosortefabrik Wehrhahn & Söhne hat wichtigere Sorgen als einen Klatsch um Rosemarie.
Rosemarie nimmt die Kündigung, die der Abteilungsleiter bedauernd überbringt, mit ihrem Prinzessinnengesicht hin, tut die Arbeit bis zum Schluß, empfängt ihren Restlohn und bleibt zu Hause. Die enge Welt schrumpft von neuem ein Stück zusammen, zuerst wollen die Füße oft durchaus den gewohnten Weg zur Fabrik gehen. Rosemarie hat über diese Arbeit früher gemurrt, jetzt steht sie eines Nachts vor den geschlossenen Gittern und Mauern der Fabrik wie vor dem Tor eines dunklen Paradieses.
Die ersten Tage ohne Arbeit sind schlimmer als eine Zuchthausstrafe.
Das Schicksal trifft, wohin es will, und wen es sich aussucht, jawohl, und „Perlanalabteilung" klingt so schön unpersönlich, nahezu sachlich. Aber Peter Schönleins Tätigkeit auf den Arbeitsgerichten beraubte ihn der Illusionen. Die jungen hübschen Mädchen sind manchmal von Entlassungen sicherer als jene, die einen Buckel haben, dicke Beine oder auch nur die Falten im Gesicht, die auf die Dauer keinem von uns erspart bleiben. Auch Peters Rechtshilfe für die Pianofortefabrik schrumpft ein, vielmehr sie verändert sich merkbar, vielleicht möchte Herbert Wehrhahn ihn ärgern, jedenfalls wird Schönlein seit kurzem gern mit solchen Arbeiten betraut, die für ihn besonders mühsam sind und wenig einträglich. Diese Männerfreundschaft bestand jahrzehntelang, obwohl sie von keiner Gesinnungsgemeinschaft gefördert wurde. Als Halbwüchsige unterm Stahlhelm ahnten sie nichts von den Verschiedenheiten der Seele und auch der Stände. Es ist niemals gut, wenn die kleine Kasse mit der großen geht. Es ist immer falsch. Nun verläuft auch diese Kriegskameradschaft aus nichtigem Anlaß im Sande, sie verliert sich spurlos in der Vergangenheit.
Da Peter kein Gefühl empfinden kann, ohne es zu zerknicken und uinzubiegen, so sagt er sich achselzuckend: Aus diesem Stern verläuft alles im Sande, sogar eine Wut um ein Mädchen.
Es ergibt sich ganz von selbst, daß Rosemarie sich nach ihrer Entlassung noch enger an ihn anschließt, er muß sich doch um sie kümmern und fühlt sich mitverantwortlich an der.ungünstigen Entwicklung. Seit langem an Arbeit und Ueberarbeit gewöhnt, erträgt sie nun den Leerlauf der ersten Tage nicht. Da steht ein gutes Klavier in ihrer Mansarde, * sie hat es jetzt nicht zurückgegeben, fällt ihr gar nicht ein, und die Mansarde besitzt sie jetzt den ganzen Tag für sich, da Elli nun regelmäßig in den Kosmetischen Werken arbeitet, seit kurzem gibt es dort ein richtiges Büro, wirkliche Löhne und Gehälter, wenn auch winzige. Aber wie soll man in solcher Stimmung am Klavier sitzen, wenn alles mißglückt ist und alle Wege sich noch mehr versperren als je? Sie betätigt sich also in Schönleins Haushalt, der einer fürsorglichen Hand ohnehin bedarf, und daraus wird in ganz kurzer Zeit eine Regel.
Sie tut etwas sehr Gewagtes. In diesem immer häufigeren Zusammensein liegt die Gefahr, daß sie Peters Geliebte wird, ein anderer Mann hätte das jetzt schon durchgesetzt, wahrscheinlich sogar wird sich so etwas daraus entwickeln, die menschlichen Beziehungen bleiben nicht auf der Stelle stehen. Und dann kommt möglicherweise Lisa eines Tages zurück, oder die Nasenspitze seiner Freundin behagt ihm plötzlich nicht mehr, derartiges soll anderswo schon vorgekommen fein.
Sie steht wohl als Erwerbsuchende in den Listen des Arbeitsamtes, aber das bedeutet kaum mehr als eine Formalität. Um ihr Gewissen zu beruhigen, erkundigt Rosemarie sich mehrmals nach den Angeboten, sie muh endlos warten, man schickt sie mit einem ziemlich groben Achselzucken weg und verweist sie darauf, daß sie ja in einigen Wochen ihre Unterstützung erhalten werde. Die Ungezählten treten jeder einzeln an den Schalter, jede Seele zuckt und leidet, und sie müssen als Masse abgefertigt werden, es geht nicht anders.
Ohne die Beschäftigung in Peters Haushalt wüßte Rosemarie nicht, woher sie jetzt ihr Brot nehmen sollte. Und nun — Peter will ihr unbedingt ein Taschengeld geben. Es sieht so aus, als seien alle großen Hoffnungen eingefargt, die Sehnsucht nach der Musik und nach einer Leistung, die niemand nachmachen kann.
Solche Gedanken bewegen sie den ganzen Tag, Peter kennt sie gut genug, ihre Stase sieht spitzer aus und der Mund ein bißchen zimperlich, ui.j etwas zieht an den Augenlidern, die sich nicht heben wollen. Dies,
obwohl er zufrieden ihr gegenübersitzt, er rühmt ihre Fähigkeiten, einige Zimmer erstrahlen schon in einem nie gesehenen Glanz, ein Geruch nach Bohnerwachs zieht durch die ganze Wohnung. Peter ist wirklich sehr zu- frieden. Alles übrige steht in der Zeit, bitte nichts überstürzen, die Zeil arbeitet sowieso für ihn und läßt die menschlichen Beziehungen nicht auf der Stelle treten. Er ist auch noch mit Lisa verheiratet, und bisher hat keines den andern um die Scheidung gebeten. „Was haben Sie, Rosemarie?"
„Nichts", lautete die übliche Antwort.
„Aber ich habe Augen im Kopf."
„Aber was soll ich denn haben, Peterl" Schon stürzen die Tränen hervor, Rosemarie läuft ins andere Zimmer.
Die Welt geht sichtlich aus den Fugen, und man soll sich um Frauentränen kümmern. Nach einer Weile folgt er ihr gehorsam, wie es der Mann tut und wie die Frau es verlangen kann, sie hockt in einem Stuhl, stemmt die Hacken in die Querleiste und preßt ihren Kops zwilchen die Knie. „9ft es denn etwas Schlimmes, Kindchen?" Heftiges Kopfschutteln und heftigeres Schluchzen. Nun legt Peter die Hände um ihre Oberarme und redet ihr begütigend zu, allmählich gerät er in eine ehrliche Besorg- nis, was vorgefallen fei. ,Lat Doktor Wehrhahn Ihnen etwas getan, ober Doktor Wagenschanz, es wimmelt von Doktoren in diesem Lande, ein natürlicher Reichtum gleichsam —" Die schwimmenden Augen heben sich zu ihm auf. „Sag’s mir doch", bittet er und küßt sie.
Um feinen Nacken legen sich zaghafte Arme. „Sie sind lieb zu mir, Peter."
Natürlich sagt sie ihm schließlich, was sie so niederdrückt. Peter nimmt sie lachend bei der Hand, zieht sie ins Musikzimmer und klappt den Flügel auf. „Hier, wenn ich bitten darf, Sonate hundertelf, Adagio semplice e cantabile. Kindchen, Sie sind dumml Hier steht der Flügel, nie- mand spielt ihn. Das bißchen Hauskram, jedenfalls gehört Ihnen der halbe Tag. Der Notenschrank steht voll bis an den Rand, und Sie haben selber davon einen ganzen Koffer. Endlich ist wieder Leben in der Bude!" Jungenhaft strahlt sein Gesicht, es erscheint darauf dieser unbesinnliche Ausdruck, den Lisa so liebte, dann kann er sich und anderen die Eroberung der Welt versprechen. „Was brauchen Sie, Rosemarie? Wünschen Sie, daß ich ein Konzert veranstalte? Das sollten wir schaffen. Machen Sie ein Programm! Ich werde Sie menätschen." Das geliebte Instrument singt auf unter Rosemaries Griff, aber gleich hält jeder die Finger um den Nacken des andern verschränkt. „Wir mieten einen Saal, erst hier, dann in Braunschweig, dann in Weimar, bann in Stettin, und nach biesem ehrerbietigen Halbkreis schließlich in Berlin, das Ganze kostet ein paar tausend Mark, die werben gepumpt oder verdient."
„Meinen Sie denn das überhaupt im Ernst, Peter?"
„Wirklich. Ich dachte schon manchmal darüber nach, wie es wäre, wenn man Ihnen ein bißchen auf die Sprünge hülse."
„Aber Sie haben doch auch kein Geld."
„Das stimmt. Aber komischerweise: für alle Sachen, die ich mir fest vornehme, habe ich immer Geld wie Heu. Nehme ich mir vielleicht nur nicht genug vor?"
Ein großes Schild hängt über dem Eingang zum Hof, der sich zur Seite niedriger Werkgebäude befindet. Dort erscheinen Handwerker, die alte Inschrift des Blechschildes wird heruntergewaschen, sodann kommt säuberlich erst ein roter und nun ein schwarzer Grund. Endlich steht dort nicht mehr zu lesen „Farbenfabrik Joh. Leer", sondern „Chemische Werke Dr. Wagenschanz", neuerdings heißen sie so, mit einem hoffnungsvollen Seitenblick in die Zukunft, man kann ja nicht wissen, ob man bei der Kosmetik stehen bleibt.
Das Grundstück gehört dem Unternehmer nicht, er hat es mit Vorkaufsrecht von Herrn Leer gepachtet, es besteht nur aus vier Räumen, in deren größtem mehrere Arbeiter damit beschäftigt sind, die Rohstoffe für die Salbe Erotikon zu mögen und zu mischen, eine schmierige Arbeit. Ein junger chemischer Assistent führt die Aufsicht und greift selber zu. Aber selbst ihm traut Anton Wagenschanz nicht, täglich eine Stunde vor Arbeitsbeginn öffnet er das Vorhängeschloß einer bemalten Bauernkiste und fertigt mehrere Kilo eines schwefelgelben Pulvers an, das stark riecht und dessen Zusammensetzung nur er kennt, es wird neuerdings der Creme hinzugefügt. Mit der Uhr in der Hand paßt Anton dann auf, ob niemand zu spät kommt.
Aber sie erscheinen alle pünktlich, Fabisch und die andern Arbeiter und die beiden Packmädchen, der Chemieassistent und die Anfangskontoristin, ein fünfzehnjähriges Mädchen mit Pickeln im Gesicht, so eifrig, ungeschickt und immer schuldbewußt wie Elli selbst, als sie vor langen Jahren anfing. Aber diese erscheint zuweilen eine volle Viertelstunde zu spät, spöttisch und wach verbreitet sie um sich den Geruch von Kernseife und von einem billigen Parfüm. Sie kennt Antons seelischen Knacks, daß er nicht mehr weiterschimpfen kann, wenn man ihn anlacht, richtig herzlich anlacht, aus- probierte Sache, die fast immer klappt, er muß nach einer Weile mitlachen, obwohl er es wütend tut. Sie nimmt sich überhaupt gegen ihren Brotgeber eine Menge heraus, und einmal, als er wieder brummt, fährt sie ihn an: „Sie bezahlen mir ja auch meine Ueberftunben nicht, haben Sie sich doch nicht so mit den paar Minuten! Jetzt im Sommer, wo man doch erst mal gern ein Weilchen am Fenster steht und sieht, wie draußen alles immer lebendiger wird, man hat noch den Schlaf in allen Gliedern, aber das Wasser ist so schön kalt, und Stück für Stück wird maa langsam wieder ein Mensch. Das freut einen, dazu braucht man Zeit." Anton hört ihr zu und denkt darüber nach, diese Behauptung kommt ihm merkwürdig richtig vor. Künftig setzt er Elli gegenüber seine Autorität nicht länger aufs Spiel und läßt sie ihr Viertelstündchen später kommen, mehr riskiert sie nie, und es ist eben Elli, ein Mensch ohne Feinde. Es ist Elli, schlechthin, man sollte sie lieben.
(Fortsetzung folgt.)
Versuiwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fcheUniversitäts-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


