Ausgabe 
28.7.1933
 
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nach alten, überlieferten Rezepten hergestellte und nach modernen Grund- s'ätzen vervollkommnete Schönheitskreme Erotikon .

Wo hast du das Inserat her?" faucht der Kandidat.

,,KIar, Mensch! Das habe ich aus einer alten Zeitung so ungefähr ab- geschrieben."

Das Hütt' ich dir zehnmal besser gemacht!"

Wahrscheinlich nicht." Anton kneift seine Augen zusammen.Denn wenn ich dich darum gebeten hätte, Kieselbach, du hättest mir den ganzen Gedanken ausgeredet und zerquatscht, du kannst überhaupt nichts anderes als flaumachen und den andern jeden Mut nehmen.

Plötzlich stehen sie alle auf Antons Seite.Jawohl", schreien sie, so ist es, man nimmt sich etwas vor, man fragt diestn studierten Assen um Rat, man will 'n,al Schluß machen mit dieser Schweinereiaber der Kandidat Kieselbach redet dir ein Loch in den Kopf und beweist, daß d,e Sache bestimmt schief geht."

Tja", bestätigt der dicke Fabisch,meinem vorigen Meister hat nam- lich auch so ein Idiot haarklein bewiesen, daß in drei Monaten kein Mensch mehr Kuchen kaufen kann. Und da hat mein Meister gesagt, Fa- bisch, jetzt geht'- ja eigentlich noch, aber wenn die Sache so steht, dann will ich meinen Betrieb lieber rechtzeitig kleiner einrichten, Sie müssen eben stempeln gehen."

Dor zehn Minuten war Kieselbach noch der unbestrittene Herrscher über diese Leute, er hatte sie In der Hand, sie horten auf ihn. Jetzt steht sich der Kandidat plötzlich in einer Mitte wilder Burschen, denen Wut und Hunger in den Augen brennen, er ist kein Held der Faust, und diese Leute scheinen gesonnen, ihn persönlich für die ganze Misere ver­antwortlich zu machen. Er stellt sich also um.Dein Plan ist übrigens nam nett, Doktor, wenn man das raffiniert anjangt, kann man den rei­chen Weibern das Geld aus der Rase ziehen und dreht ihnen dafür irgendeinen Schwindel an."

besitzt ein Sparkassenbuch! .

Doktor Wagenschanz erscheint wie'ein Triumphator in der Kneipe seiner arbeitslosen Freunde: die sitzen hinter Zeitungen und >m Geschwätz und machen ein Spielchen wie feit Wochen und Monaten und Jahren. Der Kandidat Kieselbach als geistiger Beherrscher dieses Kreises thront nut klugem Doqelgesicht am Tisch und erörtert die aussichtslose Lage des Reiches und der Welt im allgemeinen und des einzelnen im besonderen, fein Lieblingsbegriff heißtdas herrschende Wirtschaftssystem", welches er dem Untergänge widmet. ., , , , ,,

Alle Mann an die Pumpen", verkündet Anton,ich habe Arbeit zu vergeben."

Oho! Das Neuste! Was für welche?

Chemische Panscherei. ,

,Zch bin ja eigentlich Elekirotechniker", stellt Gambel fest.

Famos. Du haust drein, bis es zündet. Und du, Fabisch, du bist Kon­ditor, du walkst mir meinen Brei."

Was für einen Brei, Doktor?"

Einen chemischen. Ich habe, wenn es die Herren gestatten, eine Schön­heitskreme konstruiert, sozusagen erfunden." ,

Das ist entschieden eine originelle Idee, die du da ausgebruiet hast , erwidert Kieselbach höhnisch, klappt eine Zeitung auf und zählt einige Anzeigen,hier werden schon fünfe angeboten. Wie heißt denn deine sechste?"

Anton Wagenschanz runzelt ein wenig die Stirn. Wochen und Monate trug er dies Geheimnis mit sich.Für die hab' ich einen feinen Namen ausgehechelt: die berühmte Schönheitskreme Erotikon." Auf diesen Na­men muhte doch jede Frau fliegen! Nun sagt er ihn seinen Kumpanen, er sagt ihn in Kieselbachs im voraus skeptisches und überlegenes Gesicht prompt klingt der Name dünn, unglaubwürdig, schwunglos und ent­mutigend.

Die Arbeitslosen drängen sich um die beiden Duellanten. Der Kandidat schürzt seine dünnen Lippen.Und mit so einem ausgelaugten Einfall willst du Geld verdienen?"

Habe schon. Hundert Mark." Es kommt nicht so genau »rauf an, Doktor Wagenschanz nennt eine runde Summe. Hier in diesem Kreis kann man den Mond vom Himmel herunterdisputieren, aber wer hundert Mark verdient hat, der wird auf die Schultern gehoben und unter allge­meinem Jubel zum Räuberhauptmann ausgerufen.Raus mit Öen Mo­neten, Doktor! Wirt, Bier!"

Du haft schon?" staunt Kieselbach.Zeig' mal das Geld her, wenn ich dir glauben soll, und auch die Salbe."

Anton erklärt etwas kleinlaut, die Salbe gäbe es noch gar nicht, das habe er nämlich nur so in der Annonce behauptet, und die Kreme Ero­tikon müsse heute abend erst in Hast hergestellt werden und morgen auf Tuben gefüllt und dann sofort zur Poft. Er zieht ein Zeitungsblatt her­vor, Eisenacher Stadtanzeiger, es ist weit genug vom Schuß, von dort her kann man die Sache nicht so genau kontrollieren.Wie kommst du denn gerade auf Eisenach, Mensch?"

Ach Gott, nur so, ich habe da 'mal zufällig einen Karneval mitge­macht, da sind so kusseiige Mädchen, und da dacht' ich mir"

Bor Kieselbachs Augen schwankt eine wahrhaftige Anzeige, recht nett und ausfällig, die Kosmetischen Werke Dr. Wagenschanz rühmen ihre

du willst ich versteh' nichts von sowas, aber das ist unser Hauptbuch, und"hinken trägft bu aUe biefe Wabfftnitt.e ein: ba, rft ung^unbem hurh <Zetit aeht es los, letzt fangen wir an. Es bleibt keine anoere -asagi. Wenn ek jetzt nämlich nicht losgeht, Mäbchen, bann kommt tatsächlich b.e Polizei. Hast bu verstanden?"

Stein Wort. Aber Sie müsseneie jagen.

"Unfinn Dann läuft bu zum Deüjänbler Karczinsky, er wohnt m d Jobannisgasse und bestellst bei ihm alles, was auf diesem Zettel steht.

Sie liest ohne Verständnis die Auszeichnung vieler Chemikalien, Fette Pflanzenöle einen mit Bleistift beschriebenen Zettel, es ist em winziges Duittunasfo'rmular aus der Grünkramhandlung, oben steht die bunte Ncklanw für eine Margarine, und diese Bestellung macht einen äußerst vertrauenswürdigen Eindruck, eine Bestellung in ganz ^°^°fMch Mengen, jeder Posten in zehn oder gar in dreißig Kilo.Was soll da bloß, was stellt das vor?"

Das erfährt! du alles haargenau. Lauf hin, in einer Stunde kommen wir"und holen die Sachen ab." Er sammelt die Geldscheine und fchwbt sie wie sein Freund Kieselbach es tut, lose tn die Tasche seiner Joppe.

'.Jch^gehe^jetzt in die Kneipe zu meinen Freunden und hole Arbeits- fr°^So?" sagt sie, greift in feine Joppe und holt das Geld heraus.Das kennt man Ich weiß noch nicht, was los ist. Aber das weiß ich: da wird erst mal eine Lage gefchmiffen und eine Runde spendiert, unddarm setzt man sich mal erst ordentlich hin und feiert das unklare Ereignis. Hier ist eine Mark, das genügt dafür." Die Scheine verschwinden tn Ellis Bluse, die Münzen in ihrer geballten Faust.

Du bist doch ein ganz verdammtes Kerlchen!" Anton nickt anerken­nend, tätschelt ihr die Wange, schließt die Tür aus und stampst davon an [einer Mutter vorbei, ein zuversichtlicher Unternehmer, ein Mann des

ist zuviel auf einmal, findet die Witwe Wagenschanz, sie wankt herein.Seit wann duzen Sie sich mit Anton?"

Seit niemals, Frau Wagenschanz. Und nun haben Sie keine Angst, Ihr Sohn wird schon wissen, was er vorhat. Das Geld bewahre ich chm auf, aber ich muß jetzt die Bestellung bei dem Fetthändler erledigen.

Was. kostet denn das, Elli, und wer soll denn das bezahlen?

"Ich fürchte", murmelt sie schon in der Tür,das wird nicht billig fein." Aber sogleich weiß sie: wenn Anton wirklich anfängt, wenn es >etzt tatsächlich losgeht, dann wird sie ihm mit allen Kräften helfen, sogar mit Geld, sie besitztSagen Sie es aber niemand weiter! fte

So ist es ja eigentlich nicht gemeint", sagt Anton,die Salbe ist näm­lich sehr gut, was ganz Besonderes."

Mit fünf Gesellen, die er gegen ein geringes Handgeld für diesen Abend geworben hat, aber zahlbar erst bei Arbeitsschluß, vorsichtshalber, zieht er ab. Kieselbach hat erklärt, er fei eigentlich mehr sur geistige Tä­tigkeit, und wenn [ein Freund Wagenfchanz in dieser Hmsicht «twas für ihn zu tun hätte, gegen festes Honorar im voraus, er druckte sich also.

Dies ist ein verwegen aussehender Trupp, der durch die schneidend kalte Abendluft marschiert, sie reden laut und mit herausfordernden Ge­bärden, die Hälse vorgestreckt. Sie wissen plötzlich, niemand wird ihnen helfen, kein Präsident, kein Amtmann, kein Fürst, kein Priester, kein Wirtschaftsführer, die meisten werden sich ihnen hindernd in Den Weg stellen Eltern und Freunde werden ihnen nicht den Nacken steifen oie jeqreifen: sie selber müssen es tun, jetzt, sofort oder nie. Es ist vielleicht die Zeit der kleinen Trupps gekommen, die sich von der verzweifelten, irregeführten Hauptarmee ablösen unb guten Mutes auf eigene Faust davönmarschieren. .

Wer werden uns jetzt 'mal am eigenen Zopf aus dem Dreck ziehen , erklärt Anton, halb außer Atem von seinem Sturmschritt,wenn uns sonst keiner herausholt."

Der Händler Karczinsky wohnt in einer kleinen Gasse. Ein altes Fach- werkqebäude. Drunten in der ungewissen Dunkelheit wartet Elli Hampel fröstelnd im eiskalten Märzwind.Die Bestellung ist ausgerichtet ,,lu- ftert sie,genau wie Sie es mir ausgeschrieben haben. Aber der Mann will seine Fettigkeiten nur gegen bares Geld Herausgebern Ich habe ihm hin und her zugeredet, und als er nicht wollte, hab ich ihm gesagt, na schön, dann bezahlen wir eben."

,Wir werden sehen", erklärt Anton unbehaglich, und die ganze Gesellschaft erklettert unter gewaltigem Getrampel die schiefe Treppe zum ersten Stockwerk der Karczinskyschen Behausung. Der Händler kommt vom Abendessen herein, die Serviette in der Hand, es riecht nach einer ge­segneten Mahlzeit, Antons Kerle schnüsseln. Karczinsky fahrt zuruck.Was wollen Sie denn? Was soll denn das?"

Wir wollen die Bestellung für die Kosmetischen Werke abholen."

Wer ist diese Kosmetische Fabrik?"

Die bin ich."

Haha. Sie sind mir ein Witzkopf, Herr Doktor. Hier ist die Rechnung.

Das ist natürlich viel zu teuer", erklärt Anton Wagenschanz nach einer kurzen Prüfung.Aber wenn Sie sich drei Monate gedulden, bann will ich es bezahlen."

Der Händler steht auf kleinen, stämmigen Elefantenbeinen. Der Kon­ditor Fabisch mustert ihn von oben bis unten, nickt seinen Freunden zu und krempelt geschästsmäßig ein wenig die Herme! auf, die andern folgen biesern Beispiel. Elli erinnert sich dunkel, daß dieser Brauch tm Handel eigentlich nicht üblich ist. Immerhin, niemand meint es böse, auch Herr Karczinsky nicht, der seine Ware sehr gern herausgeben wird, sie steht unten im Laden schon transportbereit, aber nurgegen bar sofort".

Die Kosmetischen Werke befinden sich anscheinend dicht vor dem Zu- fammeubrud), obwohl Anton Sicherheiten jeder Art anbietet, Schuld­schein, Wechsel, Verpfändung der Erstgeburt, was Sie haben wollen! Jemand schlägt vor: könnten wir Ihnen die Rechnung nicht in Holz ab­hacken? Bedaure, es wird Frühling. Gambel meint, er sei Elektromonteur und werde dem Herrn Karczinsky so lange die Leitungen in Ordnung halten, bis die Schuld getilgt sei.

Haben Sie sich doch nicht so", erklärt Elli,Sie könnten das Wirt­schaftsleben auch 'mal ein bißchen ankurbeln."

(Fortsetzung folgt.)