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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang M3 Montag,-en 28.August Nummer'bö
Abend.
Von Stefan Georg«.
Der Hügel, wo wir wandeln liegt im schatten, indes der drüben noch im lichte webt, der mond auf seinen zarten grünen matten nur erst als klein« weiße wolke schwebt.
Die straßen weithin-deutend werden blasser, den Wandrern bietet ein gelispel halt: ist es vom berg ein unsichtbares wasser, ist es ein vogel, der sein schlaflied lallt?
Der dunkelsalter zwei, die sich verfrühten, verfolgen sich von Halm zu Halm im scherz... der rain bereitet aus gesträuch und blüten den duft des abends für gedämpften schmerz.
3n der Königsgrust von Gt. Denis.
Von Maria Josepha Krück von Poturzyn.
Wir entnehmen den folgenden Abschnitt dem bei der Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart und Berlin, erschienenen Buche „K a i s e r I o s e p h d e r Deutsche" von M. I. Krückvon Poturzyn, in dem das Leben dieses Kaisers, der stolz war, ein Deutscher zu sein, vor dem farbigen Hintergründe seiner Zeit geschildert wird. Die nachstehende Textprobe beschreibt einen Besuch Josephs bei Ludwig XVI. und Marie Antoinette in Paris.
Endlich, als Joseph ganz Paris gesehen hatte, alles, was die Könige von Frankreich nur mehr dem Namen nach kannten, fragte er Ludwig XVI. nach der Gruft von St. Denis.
— Ich habe diese Abtei nie betreten, sagte der Schwager. Joseph, aus dem Geschlecht jener Habsburger, die ihre Grüfte besser kannten als ihre Paläste, erstaunte.
— Wirklich, fragte Ludwig erheitert, verschaffst du dir oft dieses Vergnügen?
— Ich dachte, Antoinette hätte dir erzählt, daß unsere Mutter zweimal im Monat nach der Kapuzinergruft geht, ich selbst, wir alle, tun es zuweilen.
— Du machst mir Lust, Bruder, in deiner Gesellschaft ein Kotelette in St. Denis zu verspeisen ... Aber wie? Was würden dazu die Register der Großzeremonienmeister von Frankreich sagen? Wir Könige haben uns in Versailles zu langweilen, lieber solchem Abenteuer käme es zu Streitigkeiten zwischen dem Oberhofprediger und den Herren von St. Denis, zwischen dem Oberstallmeister und dem Eroßzeremonienmeister. Dann würden die Kammerherren kommen und die Palastwächter, man »vurde Denkschriften verfassen, sich beklagen, protestieren... Und inzwischen wärest du abgereist.
— Parbleu, rief der Kaiser, du kannst dich wirklich der Unabhängigkeit rühmen!
— Da siehst du es, schmollte Marie Antoinette, was ich in Versailles vorgefunden habe, und du wirfst mir vor, mich dagegen aufzulehnen! Aber — sie schmeichelte und sprach deutsch — ich möchte so gern nach St. Denis mit dir!
— Gut, gehen wir zu dritt, inkognito, zu Mitternacht. Ein versiegelter Brief soll dem Prior der Gruft eine ausländische Familie melden.
_ Das Königspaar klatschte in die Hände, sie freuten sich kindlich, ihren »chranzen diesen Streich zu spielen. Endlich ein Spaß, der neu war '■nmitten jener Vergnügungen von ewigem Einerlei.
Im letzten Augenblick entschloß sich Marie Antoinette, die Prinzessin D°n Lamballe mitzunehmen. Die konnte mit dem König gehen: sie selbst wollte heut nacht den Bruder zum Führer.
Der König mimte geduldig sein großes Taucher, sein kleines Coucher, k°g sich dann wieder an mit Hilfe eines einzigen Kammerdieners, auch 3ei der Königin gelang der Streich, und der Kaiser stellte sich rechtzeitig ein.
An eine Säule gelehnt stand Marie Antoinette und lachte Tränen, *as Spitzentuch dämpfte nur schlecht den Laut. Ludwig schmunzelte, der Kaiser horchte ... War das nicht ihr Kinderlachen aus der Wiener Burg ~ immer noch — trotz aller Schminke von Versailles?
In den Gängen wurde es rege, Schritte kamen heran.
Da warf der Kaiser seinen Soldatenmantel über ihren Kopf, trug ne Königin von Frankreich als zappelndes Bündel zum Wagen. Beinahe nntte der König darüber die Fassung verloren.
lieber St. Eloud, Bois de Boulogne, Chemin de la Revolte ging es.
St. Denis war in großer Aufregung: man vermutete hinter dem Angekündigten den Kaiser. Rur er konnte von allen Ausländern solchen Einfall haben. Niemand dachte an das Königspaar.
Ein Page, als Jockei verkleidet, meldet die Ankunft der Herrschaften. — Ihr Name?
— Ich erinnere mich nicht gut... Wenn Ihr neugierig seid, könnt Ihr selber fragen.
Der Großprior und zwei Akolythen erschienen zur Begrüßung an der Pforte. In einem Saal waren Erfrischungen bereit, der König aß mit gutem Appetit.
Jetzt erkannte der Prior die Gäste. In stummer Ehrfurcht wahrte er das Inkognito, führte selbst durch die Kirche. Der Kaiser mit Marie Antoinette, Ludwig und die Prinzessin folgten. Auf riesigen Armleuchtern brannten Kerzen, eintönig schallte die Stimme der Mönche, sie sprachen von Ludwig dem Heiligen, der den Bau vollendet. An den Mausoleen der Merovinger und Karolinger kamen sie vorbei, unaufhörlich traten ihre Füße illustre Namen, vor Hugo Eapet, dem Ahnherrn, blieb Ludwig stehen — ein Erster und ein Letzter sahen sich an.
Unruhe erfaßte das Königspaar, sie rückten eng aneinander.
Vor einem offenen Gewölbe faßte der Kaiser den Prior am Arm:
— Wohin führt das?
— In die Gruft der erlauchten Fürsten des Hauses Bourbon!
— Hier also liegen Heinrich IV. und Ludwig XIV., rief der Kaiser lebhaft, gehen wir hinunter!
Er trat zurück:
— Die Erben voran! sagte er zu Ludwig und Marie Antoinette, die über dem Scherz erblaßten. Zögernd gingen sie vor ...
Eine Stiege mußte man niedersteigen, an ihrem Ende versperrte ein schwarzverhangener Sarg den Weg, der Samt trug die Wappen von Frankreich und Navarra, die Königskrone mit den Lilien. Die Mönche rückten den Sarg beiseite, ganz nebenbei fragte Ludwig:
— Wer ist das?
Der Prior erschrak, mit (eifer Stimme, sich tief neigend, flüsterte er:
— Der Sarg des Vorgängers Seiner Erlauchten Majestät Ludwigs XVI. ...
— Was, rief Ludwig, fein Inkognito vergessend, ist das ein würdiger Platz für unsere Vorfahren?
Da zogen die drei Mönche ihre Kapuzen über das Gesicht und warfen sich vor ihrem König auf die Knie.
Es wurde totenstill für einen Augenblick, auch unter diesen Lebenden. Dann hob der König sie auf, und der Prior sagte zur Königin:
— Madame, den Vorschriften der Könige von Frankreich gemäß muß jeder an dieser Stelle auf feinen Nachfolger warten, bis er beigefetzt wird. Hier dieser Kandelaber brennt Tag und Nacht, er trägt so viel Kerzen, als des Königs Regierung Jahre gezählt hat:
Der König und die Königin sanken in die Knie, dumpf tönte ihr De Profundis durch die Gruft...
Plötzlich erhob sich ein Wind, dreimal flatterte das Leichentuch Ludwigs XV., an den Kandelabern erloschen die Kerzen... Nur siebzehn Lichter noch zitterten im Dunkeln.
Mit einem Schrei warf sich Marie Antoinette in Ludwigs Arme, die Prinzessin von Lamballe schlug ohnmächtig zu Boden.
— Gehen wir, sagte der Kaiser.
Da faßte sich Ludwig.
— Mon Pere, ich will aus dem Grabe meiner Vorfahren beten, führen Sie mich zu der Stelle, wo Heinrich IV. und Ludwig XIV. mich erwarten.
— Sire, ich komme mit! rief Marie Antoinette.
Sie gingen hin, allein. Eine halbe Stunde wartete der Kaiser: als sie wiederkamen, waren ihre Züge verstört.
Kein Mensch sprach mehr ein Wort.
Im Wagen, der nach Versailles zurückfuhr, saß Marie Antoinette zwischen den beiden Männern. Ludwig lehnte zusammengefunken in der Ecke, in jener kranken Apathie, vor der sie Mitleid ergriff. Des Kaisers Augen starrten in den dämmernden Morgen, fern war auch er. Nw unter der weißen Seide feines Waffenrocks sah sie das Herz, wie es fick hob und senkte.
An diesem Morgen hoffte er auf Marie Antoinettes Einsicht, zun Heil für Frankreich, zum Heil für Europa. —
Als Oesterreichs Gesandter der Vicomtesse d'Adhemar jenen Besuch iu St. Denis erzählte, wiederholte sie düster:
— Siebzehn Kerzen — siebzehn Jahre ...
— Der Kaiser sprach von einer Verdünnung der Luft durch den Zugwind, erwiderte er rasch.
— Möge der Kaiser recht behalten, sagte sie, und nicht Gras St. Germain, der ein großer Physiker ist und doch lehrt, daß es Dinge gibt, di« über dem physikalischen Zufall stehen ...
Im Jahre 1791, als man den sechzehnten Ludwig gefangennahm, war er siebzehn Jahre lang König gewesen.


